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KIRCHE
Aus Nr. 10/11 - 2009

Eine Kirche ohne Kinder ist nicht die Kirche Jesu


Weihnachten und die Taufe der Kinder. Paul VI. und Benedikt XVI. Augustinus und Damian von Molokai. Interview mit Kardinal Godfried Danneels, Primas von Belgien, zum Ausklang seiner Zeit an der Leitung der Erzdiözese Mechelen-Brüssel.


Interview mit Kardinal Godfried Danneels von Gianni Valente


In Mechelen empfängt uns ein leichter Nieselregen. Die festlich geschmückten Schaufenster sagen uns, dass bald Weihnachten ist. Ein kalter Wind bläst uns ins Gesicht. Doch kaum haben wir die Schwelle zum Erzbischofssitz übertreten, empfängt uns sofort die übliche monastische Stille. Auch in der Hektik der Vorweihnachtszeit lässt sich Kardinal Godfried Danneels nicht aus der Ruhe bringen, geht unbeirrt seiner Arbeit nach. In Erwartung jenes Festes, das ihm schon seit seiner Kindheit das liebste Fest ist. Auch sein Bischofsmotto – ein Vers des Paulusbriefes an Titus – lässt uns das Staunen vor der Krippe nachempfinden: Apparuit humanitas Dei nostri [Die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, ist erschienen]. Dieses Jahr ist sein letztes Weihnachten als Erzbischof von Mechelen-Brüssel und Primas der belgischen Kirche. Eine Bilanz will Kardinal Danneels nicht ziehen. Er war aber bereit, uns ein paar Fragen zu seinem Werdegang zu beantworten.

Kardinal Godfried Danneels, Erzbischof von Malines-Bruxelles, oder Mechelen-Brüssel, wie es auf Flämisch heisst. [© Gil Fornet/Ciric]

Kardinal Godfried Danneels, Erzbischof von Malines-Bruxelles, oder Mechelen-Brüssel, wie es auf Flämisch heisst. [© Gil Fornet/Ciric]

Eminenz, wir befinden uns in der Adventszeit, einer bedeutungsvollen Zeit im Kirchenjahr. Was ist daran so Besonderes?
GODFRIED DANNEELS: Der Advent ist für uns eine besondere Zeit. Wir wollen den anderen immer zeigen, wie kompetent wir sind, was wir nicht alles aus eigenen Kräften vollbringen können. Und dann kommt der Advent – die Zeit der Gnade. Die Zeit, in der wir uns bewusst werden, dass die Dinge von Gott kommen, dass das Heil zu uns kommt, aber nicht aus uns selbst, weil es nicht von vornherein unseren Bemühungen und dem menschlichen Wirken zur Verfügung steht. Wir sind nicht mehr daran gewöhnt, das so zu sehen. Und dann ist der Advent ja auch die Zeit der Hoffnung. Ich habe es immer merkwürdig gefunden, dass wir in der Adventszeit Tannenbäume in unsere Wohnungen stellen – Bäume, die immer grün sind und auch im Winter nicht ihre Nadeln verlieren, während die Natur draußen schläft. Wie die Hoffnung Israels, die Jahrhundert um Jahrhundert das Kommen Gottes erwartet hat. Diese lange Zeit der Geduld, Hüterin der Verheißung des Herrn. Bald kommt er. Wir sehen ihn zwar jetzt nicht, aber zu Weihnachten werden wir ihn sehen.
Für Sie ist es ein ganz besonderer Advent. Ihre Zeit als Erzbischof von Mechelen-Brüssel ist bald abgelaufen. Was können Sie uns rückblickend sagen?
DANNEELS: Ich weiß nicht. Die wichtigsten Dinge in meinem Leben sind bereits passiert. Nicht ich habe sie heraufbeschwört. Auch meine Berufung habe nicht ich beschlossen, sie war ganz einfach da, in mir, ohne mein Zutun. Nach der Mittelstufe hätte ich ins Seminar von Brügge eintreten sollen, stattdessen bin ich nach Löwen gegangen, weil der dortige Bischof damals beschlossen hatte, alle, die die Oberstufe abgeschlossen hatten, sofort auf die Universität zu schicken. Nach der Universität hätte ich nach Brügge ans Priesterseminar zurückkehren sollen, aber ich habe stattdessen in Rom studiert. Auch das war nicht vorgesehen. Nach meiner Rückkehr nach Brügge war ich dann geistlicher Leiter der Studenten. Ich war 26 Jahre alt. Einige der Studenten waren älter als ich. Komischerweise sind mir viele wichtige Dinge gerade im Monat Dezember passiert. Am 18. Dezember 1977 wurde ich zum Bischof von Antwerpen geweiht. Zwei Jahre später, ebenfalls im Dezember, wurde ich von Antwerpen auf den Primas-Sitz Mechelen-Brüssel versetzt. Und jetzt – wahrscheinlich wieder im Dezember – steht mir erneut ein „Stellenwechsel“ ins Haus.
Sie waren 30 Jahre lang am selben Sitz Erzbischof – heutzutage ein Rekord. Wären Sie bereit gewesen, auf eine andere Stelle zu wechseln – vielleicht in Rom –, wie es viele Erzbischöfe wichtiger Diözesen auch in jüngster Zeit getan haben?
DANNEELS: Wenn der Papst ruft, muss man gehorchen. Das ist nicht das Problem. Ich glaube aber, dass Stabilität in einer Diözese ein sehr wichtiger Faktor ist. In Frankreich ist es üblich, alle fünf oder 10 Jahre zu wechseln: man wird Bischof einer kleinen Diözese, dann einer größeren, und dann einer noch größeren… So ist das eben, und das ist auch mir passiert. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, lange an einem Ort zu bleiben. Dass ich nur zwei Jahre in Antwerpen war, war ein wenig frustrierend. Für mich, aber auch für die Gläubigen dieser Diözese.
Sie konnten dieses Jahr den 450. Jahrestag der Gründung Ihrer Diözese feiern. In Ihren Ansprachen haben Sie auch den Beschluss des Konzils von Trient gewürdigt, kleinere Diözesen zu schaffen.
DANNEELS: Nach dem Konzil von Trient tendierte man dazu, die Diözesen kleiner zu halten, damit sie überschaubarer waren. Meine Erzdiözese ist immer noch groß genug, aber die erste war noch größer: auch Antwerpen gehörte zu Mechelen-Brüssel. Das scheint mir gerade heute, wo die Tradition immer mehr verloren geht, sehr wichtig. Der Hirte muss seine Herde kennen.
Welche Erfahrung haben Sie mit dieser Überschaubarkeit gemacht?
DANNEELS: Die wichtigsten Momente waren immer die der Messe in der Pfarrei, wo die Menschen am Samstagabend und am Sonntagmorgen zur Messe kamen. Dort feierte ich mit ihnen gemeinsam die Eucharistie, spendete Firmungen und plauderte noch eine Stunde mit ihnen. Das habe ich 30 Jahre lang getan. Und das war sehr tröstlich. So habe ich die Gemeinschaft des Bischofs mit seiner Kirche erlebt. Man betet gemeinsam, da ist die Liturgie, die Homilie, man spendet die Sakramente. In diesem gewöhnlichen Pfarreileben, wo die Kirche leicht erreichbar ist, zur Nachbarschaft gehört. Man muss keine komplizierten Umwege gehen, wenn man am Leben des Glaubens teilnehmen will, wo man vielleicht keine „Elitetruppen“ vorfindet, sondern nur alte Menschen, Frauen und Kinder. Wie es schon Paulus passiert war, der an die Christen in Korinth schrieb: da sind nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Adelige. Gott selbst ist es, der die Kleinen und Armen auswählt, „auf dass sich vor Gott kein Fleisch rühme“. Daher ist es das Volk und nicht der Klerus, das mit seinem sensus fidelium die Kirche trägt.
<I>Die Anbetung der Hirten</I>, Peter Paul Rubens (1577-1640), Bürgerliche Pinakothek, Fermo (Ascoli Piceno). [© Foto Scala, Firenze]

Die Anbetung der Hirten, Peter Paul Rubens (1577-1640), Bürgerliche Pinakothek, Fermo (Ascoli Piceno). [© Foto Scala, Firenze]

Diese gewöhnliche Nähe, diese Erreichbarkeit der Kirche, erleben viele, wenn sie darum bitten, ihre Kinder taufen zu lassen. Sie haben unlängst erklärt, dass dabei nicht nur der Respekt vor dem Brauchtum auf dem Spiel steht.
DANNEELS: Als Tertullian in einem bestimmten Moment seines Lebens gesagt hat, dass es keine Kindertaufen mehr geben würde, meinte er damit, dass man, um getauft zu werden, warten müsste, bis man erwachsen war. Rom war nicht damit einverstanden, weil Jesus zu den Aposteln gesagt hatte: „Lasset die Kinder zu mir kommen.“ Das Hauptargument für die Kindstaufe ist, dass es Jesus selbst gewollt hat. Und das scheint mir sehr wichtig zu sein. Die Präsenz der getauften Kinder in der Kirche ist ein Reichtum, den wir niemals vergessen dürfen. Es ist eine Gnade und ein großes Privileg, schon seit >Manche behaupten jedoch, dass es unnötig sei, ein Kind zu taufen, weil das einem Kind ja gar nicht bewusst wäre. Wie stehen Sie dazu?
DANNEELS: Die Kindstaufe zeigt, bis zu welchem Punkt die Kirche glaubt, dass das Zum-Glauben-Kommen das Werk ist, das Christus in uns vollbringt. Und sie zeigt auch, dass die Kirche der Ort ist, wo die Kleinen und Armen den ersten Platz einnehmen. Die Kirche ist keine Versammlung von Vollkommenen, die alles wissen und selbstständig sind. Sie ist kein Eliten-Reservat. Oft glauben wir, dass sich das Wirken Gottes in uns daran messen lässt, wie ausgeprägt unser Bewusstsein ist: je größer unser Bewusstsein, umso mehr kann sich auch die Gnade in uns einprägen. Aber so funktioniert das nicht. Das Wirken der Gnade zeigt sich nicht dadurch, dass wir ein psychologisches Bewusstsein erlangen. Die Gnade geht dem Bewusstsein voraus, sie wird nicht von diesem konditioniert. Gott liebt sein Geschöpf so wie es ist, mit oder ohne Bewusstsein. Er weiß, wie er in den Seelen wirken kann, auch in denen derer, die sich dessen nicht bewusst sind. Denen des Babys oder des Sterbenden oder des unheilbar Kranken, der das Bewusstsein verloren hat. Nur der böse Wille versucht, sich der Gnade entgegenzusetzen. Nicht das unschuldige fehlende Bewusstsein. Und wer sollte die Hand Gottes auch zurückweisen können, wenn er uns an sich ziehen will? Paulus ist das nicht gelungen, als er auf dem Weg nach Damaskus war. Auch wenn er es noch so sehr versucht hat.
Und doch sind viele der Meinung, dass es angesichts der Glaubenskrise unserer Zeit besser wäre, die Reihen zu schließen. Dass man alle Anfragen um Empfang der Taufe oder eines anderen Sakraments gründlich abwägen müsse und besser jeden ablehne, der nicht geeignet oder ausreichend motiviert zu sein scheint.
DANNEELS: Dabei fällt mir immer die Bibelerzählung um Naaman ein, den an Aussatz erkrankten Feldherrn des Königs von Syrien, der sich zum Propheten Elischa begab und ihn um Heilung bat. Der Prophet ließ ihm ausrichten, dass er sich siebenmal in den Wassern des Jordan waschen sollte, wenn er gesund werden wollte. Der Heerführer war außer sich vor Wut: ihm, dem Mächtigen, der eigens aus Syrien gekommen war, um den Propheten zu sehen, erschien es wie ein Hohn, dass mit einem einfachen Bad im Fluss alles abgetan sein sollte! Am Ende gelang es seinen Dienern aber doch, ihn zu überreden: er nahm siebenmal ein Bad im Jordan und war tatsächlich geheilt. Da begab er sich wieder zu Elischa, um ihm für seine Hilfe Geld zu geben: in einer gewissen Weise wollte er für sein Heil bezahlen. Aber der Prophet lehnte sein Geld ab: die Gnade Gottes wird allen ungeschuldet angeboten. Für mich steht Naaman für all jene, die nicht akzeptieren wollen, dass die Gnade etwas so Einfaches ist.
Kommen wir wieder auf Sie zurück. Sie ziehen wohl nicht gerne Bilanz...
DANNEELS: Wenn ich die jetzige Situation mit der zur Zeit meiner Kindheit vergleiche, muss ich sagen, dass sich viel geändert hat. Damals gab es noch einen soziologischen Katholizismus, wo man aus Tradition Christ war, ja, man kann fast sagen, dass man als Christ geboren wurde. Heute ist das nicht mehr so. Der Glaube wird oft zu einem persönlichen, ja mitunter personalistischen Faktor. Verstehen Sie mich nicht falsch: das als Familientradition verstandene Christentum ist nichts Falsches, und ich bin meinen Eltern, die mich schon als Kind mit dem Glauben vertraut gemacht haben, wie bereits gesagt, sehr dankbar. Das ist ein Vorteil. Durch Zeiten hindurch, in denen sich alles zu verändern schien, ist der Herr stets in meiner Nähe geblieben. Und wenn sich die Dinge ändern, wie das zur Zeit der Fall ist, ist es noch offensichtlicher, dass man nur auf ihn hoffen kann. Meinen letzten Hirtenbrief habe ich gerade diesem Thema gewidmet: dem Unterschied zwischen der damaligen und der gegenwärtigen Zeit. Ich habe ihm den Titel La petite fille Espérance gegeben. Jene Hoffnung, von der Charles Péguy spricht, der sie wie ein kleines Mädchen sieht, das zwei große Schwestern hat: den Glauben und die Liebe. Das Christenvolk glaubt, dass die großen Schwestern die kleine an der Hand nehmen. Und dabei ist sie es doch, die die anderen beiden mit sich zieht!
Was ist Ihrer Meinung nach das größte Hindernis der Verkündigung des Evangeliums? Die Feindseligkeit der entchristlichten Welt? Der Egoismus der Menschen? Der Laizismus?
DANNEELS: Das größte Hindernis ist nicht der Widerstand der Gesellschaft oder die Feindseligkeit der Welt. Die Welt war immer da. Der größte Widerstand geht von der mangelnden Zuversicht jener aus, die evangelisieren wollen und kein Vertrauen in die Kraft des Wortes Gottes haben. Den Jüngern, die verzweifelt waren wegen der Schwierigkeiten, die sich ihnen stellten, erzählte Jesus drei Gleichnisse, die wir im Markusevangelium finden: das Gleichnis vom Sämann; das vom Wachsen der Saat und das vom Senfkorn. Auf diese Weise versuchte er ihnen verstehen zu geben, wie die Dinge laufen. Der Keim erblüht nicht, weil man ausreichend viele Samen in die Erde sät oder weil der, der sät, einen großen Einsatz zeigt. Der Same ist stark und trägt von allein Frucht.
Kardinal Danneels bei der Weihe des neuen Bischofs von Antwerpen, Johan Bonny, in der Kathedrale zu Antwerpen (4. Januar 2009). [© Belga Photo/Ansa]

Kardinal Danneels bei der Weihe des neuen Bischofs von Antwerpen, Johan Bonny, in der Kathedrale zu Antwerpen (4. Januar 2009). [© Belga Photo/Ansa]

In einem der von Ihnen erwähnten Gleichnisse ist von einem Mann die Rede, der sich, nachdem er gesät hat, beruhigt zur Ruhe legt, denn „dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht wie.“ Oft hat man Sie auch dafür kritisiert, im Namen der christlichen Werte nicht auf die Barrikaden gegangen zu sein. Oder Ihre Priester und Gläubigen nicht mit Richtlinien eingedeckt zu haben. Eine reine Charakterfrage?
DANNEELS: Natürlich hat mein Temperament etwas damit zu tun. Aber schon in der Bibel steht, dass man die Stimme des Dieners Gottes nicht auf der Straße hört. Ich bin überzeugt von der stillen, geheimnisvollen Kraft des Wortes Gottes. Es ist nicht so, dass man nichts tun müsse. Ich habe von morgens bis abends gearbeitet. Aber ich bin nie laut geworden. Das ist etwas für Schreihälse. Und ich bin keiner. Und dann ist da ja auch noch die Methode des Paulus, der damit begann, auf den Plätzen zu verkünden. Und das ist gut so. Aber es gibt auch die Methode der Maria – die wie ein Ofen ist, der ohne ein Wort alle wärmt, die sich in seiner Nähe befinden.
Ich möchte Ihnen einen Satz von Paul VI. vorlesen, der aus dem Jahr 1968 stammt. Auch in der Kirche herrschte damals eine gewisse Aufregung. Bei seinem Besuch des lombardischen Seminars sagte Paul VI.: „Viele erwarten vom Papst großartige Gesten, ein energisches und entscheidendes Eingreifen. Der Papst betrachtet es jedoch nicht als seine Pflicht, eine andere Linie einzuschlagen als die des Vertrauens in Jesus Christus, dem seine Kirche mehr als jedem anderem am Herzen liegt. Er selbst wird den Sturm stillen.“ Dabei handelt es sich nicht – wie er anfügte – „um unfruchtbares oder untätiges Warten, sondern um ein wachsames Warten im Gebet. Diese Haltung hat Jesus für uns gewählt, damit er in Fülle wirken kann.“
DANNEELS: Das hätte auch ich schreiben können. Es stimmt, dass ich mich mit Papst Paul VI. am meisten verbunden fühle. Er hat mich zum Bischof ernannt. Paul VI. ist mir vertraut, gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit.
Auch Benedikt XVI. hat das bei seinem Besuch in Brescia erwähnt.
DANNEELS: Auch Benedikt XVI. ist keiner, der laut wird, sondern sagt die Dinge lieber in Ruhe. Er ist kein athletischer Typ wie Johannes Paul II. Der war ein ganz anderer Typ von Papst. Ein wichtiger zwar, aber auch anders als Paul VI.
Gerade das scheint Benedikt XVI. in der letzten Zeit sehr zu beschäftigen. Bei der Eröffnung der Bischofssynode für Afrika hat er daran erinnert, dass auch diese beiden Päpste das Wirken des Heiligen Geistes erwartet haben, weil sie wussten, dass „man die Kirche nicht machen kann, dass sie nicht das Produkt unserer Organisation ist.“ Muss die Kirche heute daran erinnert werden?
DANNEELS: Die Kirche braucht Augustinus. Der sagt, dass die Gnade alles bewirkt. Auch wir müssen mitarbeiten. Aber Gott ist derjenige, der wirkt; wir helfen mit. Wir haben uns viel zu sehr einem gewissen Pelagianismus verschrieben. Wir glauben, dass die Dinge im Grunde von uns abhängen, dass wir nur einer kleinen Hilfe von Seiten Gottes bedürfen. Und so leugnen wir die Allmacht der Gnade. Genauso wie es schon zu Zeiten des Augustinus geschah.
Wo haben Sie diese Versuchung in der Kirche ausmachen können?
DANNEELS: In den 1960er und 1970er Jahren hat diese Tendenz einen politischen Anstrich bekommen. Vielen schwebte ein als soziale Revolution verstandenes Reich Gottes vor. Inzwischen sind einige von der Befreiungstheologie zur Ökologie übergegangen. Es sind dieselben Kämpfer, nur mit einer anderen Ausrüstung… Dann, in den 1980er und 1990er Jahren, konnte sich eine gewisse Interpretation der Evangelisierung durchsetzen, die diese als Unternehmen der Kirche sah, als Frucht ihres Protagonismus in der Gesellschaft. Dieselbe etwas pelagianische Tendenz hat heute „restaurative“ Formen angenommen. Die einen sagen: nach dem Konzil hat es eine gewisse Verwirrung gegeben, sind viele gute Dinge verloren gegangen, aber jetzt sind wir da, und wir werden das Kind schon schaukeln, den Weg wieder gerade biegen. Sie berufen sich immer auf die wesentlichen Dinge: die Liturgie, die Lehre, die eucharistische Anbetung… Manchmal aber erscheinen diese Dinge in ihren Reden nur wie Schlagwörter eines neuen Kurses, eine Art Banner. Die Slogans ändern sich, die Grundlinie aber bleibt dieselbe.
Welche?
DANNEELS: Wir sind immer versucht, Eigeninitiative zu ergreifen. Zuerst in der Katholischen Aktion, dann in den Bewegungen. Zuerst in der konziliaren Erneuerung, jetzt in der Restauration. Die Hauptdarsteller sind immer wir. Wir beziehen uns immer auf uns selbst: schaut her, wie gut ich das wieder gemacht habe. Und dabei ist ein guter Prediger doch vollkommen nutzlos, wenn die Aufmerksamkeit der Welt nur auf ihn gerichtet ist. Den Kirchenmann zu sehen, zählt nicht; ja, er ist sogar wie eine Art Abschirmung, wenn man hinter ihm nicht Jesus erkennen kann. Paulus sagt: Denn wenn ihr zehntausend Zuchtmeister in Christus hättet, so doch nicht viele Väter. Und das ist eine Zeit, in der es viele Pädagogen gibt, die im Namen Christi sprechen, den anderen im Namen Christi Lektionen erteilen, aber nicht ihr Leben geben. Sie sind keine Väter in Christus, weil sie keine Kinder sind.
Ich möchte Ihnen noch einige Fragen zu spezifischen Fällen stellen. Wie hat man in Belgien die Freistellung des Messbuchs von Pius V. aufgenommen?
DANNEELS: Wenn es katholische Riten sind, sind alle Riten gut. Ich habe immer geglaubt, dass der Papst mit den im Motu proprio Summorum pontificum enthaltenen Verfügungen, die eine gewisse liturgische Toleranz betreffen, zeigen wollte, dass er für die Wiederaufnahme der Traditionalisten in den Schoß der katholischen Kirche offen ist. Ich bin nicht sicher, ob das ausreicht, weil das Problem, das wir mit den Lefebvrianern haben, nicht den Ritus betrifft, sondern das Zweite Vatikanische Konzil. Die Frage der Liturgie ist wie eine Lokomotive. Man muss sehen, was in den Wagons ist, die sie nach sich zieht.
Pater Damian de Veuster.

Pater Damian de Veuster.

In den 1920er Jahren kam es hier in Mechelen zu ersten ökumenischen Kontakten zwischen Katholiken und Anglikanern. Gefördert wurden sie von Ihrem Vorgänger, Kardinal Joseph Mercier. Wir beurteilen Sie die Einrichtung von Ordinariaten für die Aufnahme von anglikanischen Gemeinschaften, die in voller Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom stehen wollen?
DANNEELS: Auch das war ein Zeichen der Disponibilität des Papstes all jenen gegenüber, die in die katholische Kirche aufgenommen werden wollen. Auch hier wird man wohl ein paar Jahre abwarten müssen, um zu sehen, was die beste Lösung ist. Allgemein gesprochen glaube ich sagen zu können, dass sich in der Beziehung zwischen Katholizismus und Anglikanern ein gewisses Misstrauen feststellen lässt. Der Besuch, den Rowan Williams dem Papst abgestattet hat, war sehr wichtig, aber ich habe die Ansprache Rowans an der Gregoriana gelesen, aus der meiner Meinung nach eine gewisse Enttäuschung herausklang. Eine große Begeisterung war jedenfalls nicht zu erkennen.
Am 15. November, beim Te Deum zum Königsfest, haben Sie die Gläubigen aufgefordert, für die Regierenden zu beten. Das ist nicht gerade alltäglich in Zeiten, in denen viele Bischöfe die Politiker von der Eucharistie fernhalten wollen.
DANNEELS: Ich wollte daran erinnern, dass es gut ist, von Zeit zu Zeit jenen zu danken, die die politische Verantwortung tragen. Normalerweise wird nämlich nur allzu gern kritisiert, aber man sollte nicht vergessen, dass es durchaus Politiker gibt, die ihre Arbeit tun, ohne dabei Hintergedanken zu haben. Paulus hat gesagt: auch wenn die, die uns regieren, gegen uns sind, müssen wir für sie beten. Damals garantierten die Regierungen den Christen keine Privilegien, im Gegenteil. Aber Paulus sagte trotzdem: „Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen, für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können.“ Die Macht hängt nämlich von Gott ab und übersteigt die Individualität dessen, der die Verantwortung dafür trägt. Die Verantwortung ist sehr viel größer als der Mensch, der sie trägt.
Apropos: Herman Van Rompuy ist ein guter Bekannter von Ihnen; Sie haben ihm persönlich zu seiner Ernennung zum Präsidenten des Europarats gratuliert…
DANNEELS: Er ist ein sehr fähiger Mann. Einer, der nie auf irgendwelche Manöver zurückgegriffen hat, um etwas zu erreichen. Vor ein paar Wochen hat er in Liège (Lüttich) über die Sozialenzyklika Caritas in veritate gesprochen und ausdrücklich gesagt, dass er sich bei seiner politischen Arbeit von dieser Lehre inspirieren lässt. Es ist eine Ehre für uns und für ihn, dass man ihn zum EU-Ratspräsidenten ernannt hat. Aber für Belgien ist es auch ein Problem. Als Ministerpräsident hatte er unter Beweis gestellt, dass er die Beziehungen zwischen Norden und Süden im Griff hatte. Und das nicht nur aufgrund seiner Kompetenz, sondern auch seines geschichtlichen Wissens. Jetzt müssen wir mit jemand anderem wieder von vorn beginnen.
In den letzten Wochen haben Sie sich mit der Heiligsprechungszeremonie von Pater Damian de Veuster beschäftigt, der sein Leben den Leprakranken gewidmet hat. Sie sind sogar auf die Insel Molokai, Hawaii, geflogen, wo Pater Damian lebte und auch gestorben ist. Welchen Eindruck haben Sie dort gewonnen?
DANNEELS: Damian ist ein Heiliger meiner Diözese. Der erste nach vier Jahrhunderten, nach dem heiligen Jesuiten Johannes Berchmans, der Anfang des 17. Jahrhunderts lebte. Am meisten beeindruckt hat mich, dass gerade auf Molokai, mit seiner atemberaubend schönen Landschaft, den vielen Blumen, Bäumen, der Sonne und dem strahlend blauen Meer, die Leprakranken lebten, Menschen, die schrecklich entstellt waren. Ein paradoxer Kontrast zwischen Schönheit und menschlichem Elend. Auf dieser Insel, die eine der schönsten der Welt ist, lebten Menschen, die von der Lepra gezeichnet waren. Wann man dort spazieren geht, stößt man überall auf Gräber, mehr als 8000. An einem Ort, wo das Leben so pulsierend scheint, herrschte der Tod. Umso beeindruckender ist es auch, sich dort Pater Damian vorzustellen und den immensen Glauben, den er gehabt haben muss, wenn er in einer solchen Situation die Hoffnung lebte und Zeugnis ablegte für sie.
Und doch haben Sie gesagt, dass man ihn nicht als Helden betrachten solle.
DANNEELS: Er ist ein Held – immerhin hat man ihm auch eine Statue auf dem Kapitol in Washington gewidmet. Aber er ist viel mehr als das. Er ist ein Heiliger. Und das vergisst man oft. Ich bin oft gefragt worden, wieso Damian ein Jahrhundert gewartet hat, bis er sein erstes Wunder wirkte. Meine Antwort ist stets dieselbe: das ist unsere Schuld, weil wir ihn nicht um seine Fürsprache gebeten haben. Wir haben ihn bewundert, uns aber nicht im Gebet an ihn gewandt. Wir haben ihm nichts zu tun gegeben. Und da wird er wohl gedacht haben: wenn ihr nichts verlangt, dann tue ich auch nichts.
Das Grab Pater  Damians in Kalawao, Hawai. Hier ruhten die sterblichen Überreste des Heiligen bis zur Übertragung  nach Belgien im Jahr 1936.

Das Grab Pater Damians in Kalawao, Hawai. Hier ruhten die sterblichen Überreste des Heiligen bis zur Übertragung nach Belgien im Jahr 1936.

Da wir gerade über Seligsprechungen reden: was halten Sie von dem Tempo, mit dem die Kausa von Johannes Paul II. vorangetrieben wird?
DANNEELS: Ich denke, dass man die normale Prozedur respektieren müsste. Wenn der Prozess schnell vorangeht, dann ist das gut so. Für die Heiligkeit aber darf es keine „Extrawurst“ geben. Man muss sich dafür alle Zeit nehmen, die notwendig ist, ohne Ausnahmen zu machen. Der Papst ist ein Getaufter wie alle andere. Die Seligsprechungsprozedur sollte also dieselbe sein wie für alle anderen Getauften. Es hat mir gar nicht gefallen, dass bei der Begräbnisfeier auf dem Petersplatz alle gerufen haben „Santo subito!“ („Sofort heilig“). So geht das nicht. Vor einiger Zeit wurde sogar gesagt, das Ganze wäre regelrecht organisiert worden, und das kann nicht akzeptiert werden. Eine Seligsprechung durch Akklamation vorzuschlagen, ist ganz und gar inakzeptabel.
Machen Sie sich Sorgen um die zukünftige Leitung der Diözese? Fürchten Sie, dass man eine falsche Wahl treffen könnte?
DANNEELS: Wer immer auch ernannt wird: Er wird der Hirte dieser Diözese sein. Und das genügt. Ich denke nicht darüber nach, wer es sein wird. Wahrscheinlich – und zum Glück – wird er anders sein als ich. Man muss kein Klon seines Vorgängers sein. Das war auch ich nicht. Wenn ich einen Rat geben müsste, dann wäre es folgender: bleib, wie du bist. Man kann keine gute Arbeit leisten, wenn man immer so sein will wie jemand anderer. Wir müssen das sein, was wir sind. Und wir müssen mit den Charismen arbeiten, die wir haben, und nur wir, weil eben jeder seine eigenen hat. Und dann ist es auch gar nicht so schlecht, wenn sich mit dem, der in der Diözese die Verantwortung trägt, von Zeit zu Zeit auch das Temperament ändert. Wenn man immer denselben Stil beibehalten würde, wäre das mit der Zeit langweilig.
Was werden Sie in Zukunft tun?
DANNEELS: Ich hoffe, das tun zu können, wozu ich in den letzten Jahren des Episkopats nicht gekommen bin. So ist es beispielsweise als Bischof gar nicht so einfach, die Zeit zum Beten zu finden. Ich würde mich auch gerne wieder dem Bibelstudium widmen. Mit einer nicht allzu wissenschaftlichen, sondern eher spirituellen Exegese. An der Gregoriana hatten wir einen guten Kurs in Exegese des Neuen Testaments… Und dann möchte ich mich auch ein wenig ausruhen. Die Zeit haben, die Bäume zu betrachten, die Blumen, die Natur. Und ein bisschen Musik zu hören. Mir gefällt alles, was mit einem „B“ beginnt: Bach, Beethoven, die Beatles.
Auf dem Weg hierher habe ich gesehen, dass die Kathedrale renoviert wird. Sie wollen wohl, dass alles in Ordnung ist, wenn Sie Ihren Abschied nehmen?
DANNEELS: Aber nein, die Kathedrale untersteht dem Staat. Und sie ist immer eine Baustelle, seit Jahrhunderten... Hier gibt es immer etwas zu tun, wohl noch 30 Jahre lang. Auch mein Nachfolger wird die Arbeiten wohl kaum zu Ende führen können.


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