Archiv 30Tage
Die Jungfräulichkeit Mariens: ein Theologumenon?
von Ignace de la Potterie

Die Verkündigung, Beato Angelico, Prado-Museum, Madrid (links, die Vertreibung von Adam und Eva aus dem irdischen Paradies).
Im Grunde ist diese häretische Auffassung jedoch schon vor 150 Jahren zu neuem Leben erwacht – und zwar als Folge der bekannten Gegenüberstellung des historischen Jesus mit dem Christus des Glaubens. Bis dahin hatte sich ein solches Verständnis auf protestantische Kreise beschränkt. In der Tat waren die Theologen der berühmten Tübinger Schule, die die Aussage zum ersten Mal formulierten, Protestanten. Und im Archiv von Tübingen findet sich ein Dokument, das aufzeigt, was ihr eigentliches Ziel war, das sie im übrigen auch in ihrer offiziellen Arbeit äußerten. Darin ist zu lesen: Wenn es gelänge, jede Verbindung zwischen dem, was die ersten Jünger in Jerusalem erlebt haben, und den späteren Berichten, die uns überkommen sind, aufzulösen, sei der Weg frei, um das Evangelium auf ein „Mythologumenon“ zu reduzieren.
Das Verständnis des Evangeliums als Mythos hat man dann in diesem Jahrhundert im protestantischen Bereich mit der sogenannten formgeschichtlichen Methode wieder aufgenommen. Ihre Begründer waren Bultmann und Dibelius. Und gerade Dibelius gebrauchte in einem Text von 1932 zum ersten Mal den Terminus Theologumenon. Es handelte sich um einen Artikel über die jungfräuliche Empfängnis Mariens. Dann erklärte Dibelius, dass das Theologumenon eine theologische Theorie sei, die nichts mit den geschichtlichen Ereignissen zu tun habe. Die Evangelien seien nach dem Verständnis der Formgeschichte keine geschichtlichen Bücher, sondern sie erzählten Ereignisse, die dann unter dem Einfluss der Religionsgeschichte mythologisiert worden seien.
Diese These ist leider immer noch außerordentlich aktuell. Nur eine Sache hat sich seit den Zeiten der Tübinger Schule und der Formgeschichte gewandelt: überraschenderweise sind jene, die heute über die jungfräuliche Empfängnis Mariens und die Auferstehung als Theologumenon sprechen, oftmals katholische Autoren.
Das Phänomen hob gleich nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils mit dem bekannten Holländischen Katechismus von 1966 an. Gewiss verwandte man hier nicht den Begriff Theologumenon, dennoch kann man lesen, dass die Erzählung der Evangelien über die jungfräuliche Empfängnis Mariens nur bedeute, Christus sei die Gabe Gottes an die Menschheit: er sei „umfassend ‚vom Heiligen Geist empfangen worden‘.“ Aber ist er dann nicht mehr „aus der Jungfrau Maria geboren worden?“ Dieser These folgten dann Schillebeeckx, Brown und viele andere Autoren bis auf den heutigen Tag. Viele sind der Überzeugung, die Geburt Jesu habe sich innerhalb einer normalen Ehe vollzogen und sei dann mythologisiert worden. Damit ist Jesus theologisch Sohn Gottes, aber physisch der Sohn Josefs. Auf katholischer Seite meint nicht nur der Modetheologe Eugen Drewermann, dass die Erzählungen von Lukas und Matthäus über die Empfängnis Mariens auf orientalische, insbesondere ägyptische Mythen zurückzuführen seien. Der spanische Theologe Pikaza erklärt: „Das Theologumenon ist grundsätzlich eine ausschließlich theologische Gegebenheit. Die Naturgesetze folgten ihrem Lauf, Josef unterhielt eine eheliche Beziehung zu Maria, aber durch diesen zwischenmenschlichen Kontakt (!) verwirklichte sich das machtvolle Eingreifen Gottes in der Weise, dass die Erscheinung des Kindes im Grunde die endgültige Vergegenwärtigung des Heiligen Geistes, die ursprüngliche Zeugung des Gottessohnes war.“ Was bedeutet eine so zweideutige Aussage?

Die Geburt Jesu, Beato Angelico, Museum San Marco, Florenz.
Aber jene Theologen, die das Evangelium auf ein Theologumenon verkürzen wollen, verdunkeln heute nicht nur die jungfräuliche Empfängnis Mariens. Man verkürzt auch die leibliche Auferstehung Jesu auf einen einfachen Mythos. Und es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass man gerade den Beginn und das Ende des Lebens Christi in Frage stellt, also die beiden Pole, auf denen die Fleischwerdung gründet. Es handelt sich hierbei um fundamentale Dogmen der katholischen Kirche. Aber jene modernen Exegeten wollen die Tradition nicht berücksichtigen. Was für Folgen ergeben sich daraus? Der deutsche Theologe K. H. Schelkle führt sie auf: „Sollte die katholische Theologie die jungfräuliche Geburt Mariens als Theologumenon interpretieren, dann hätten wir viele Dinge in der Kirche zu verändern. Man müsste das Thema der Irrtumsfreiheit der Bibel und die Unfehlbarkeit der Kirche neu formulieren, und man müsste die Gewissen der Gläubigen und die Mariologie selbst umwandeln.“1
Man kann über diese Theorie des Theologumenon nur ein negatives Urteil fällen. Und es ist sicherlich nicht zu bestreiten, dass die Evangelisten selbst an die jungfräuliche Empfängnis Mariens als einer geschichtlichen Tatsache geglaubt haben. Und sie wären erschüttert, wenn sie die Versuche sehen würden, die heute einige „katholische“ Theologen unternehmen, die Fleischwerdung zu naturalisieren.
1 K. H. Schelkle, Theologie des Neuen Testaments, II, Patmos Verlag, Düsseldorf 1973, S. 182.
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