ZWANZIG JAHRE SPÄTER. Vom Mauerfall zur globalen Krise.
Nachfolger des Nachfolgers Petri
von Gianni Valente
![Marx bei einer Priesterweihe im Freisinger Dom (Juni 2009). <BR>[© Katharina Ebel/KNA-Bild]](/upload/articoli_immagini_interne/1260370213598.jpg)
Marx bei einer Priesterweihe im Freisinger Dom (Juni 2009).
[© Katharina Ebel/KNA-Bild]
„Ich bin der Nachfolger des Nachfolgers Petri!“, scherzt Reinhard Marx heute. Aber sein „Plädoyer für den Menschen“ (wie der Untertitel von Das Kapital lautet) ist recht unerbittlich.
Wie er meint, haben die hemmungslose Globalisierung des Marktes und die Profitgier der Spekulanten in den letzten zwanzig Jahren gerade jener sozialen Marktwirtschaft den Todesstoß versetzt, die mit ihren Schutzstandards – einem starken Sozialstaat, Sozialhilfen für Arbeitslose und Bedürftige – das dementiert zu haben schien, was Karl Marx über den unvermeidlichen Schiffbruch des kapitalistischen Wirtschaftsmodells vorausgesagt hatte. Und nun bietet sich für den Philosophen aus Trier gerade nach dem historischen Untergang des Kommunismus die Chance einer paradoxen, posthumen Revanche. Zu verdanken hat er das Phänomenen wie der maßlosen Zentralisation des Reichtums, der weit verbreiteten Unsicherheit aufgrund der prekären Arbeitslage, dem Auftauchen neuer Finanz-Oligarchien und der allmählichen Verarmung der Mittelschicht. Vor einem Jahr gab Reinhard Marx in einem Interview mit dem Spiegel zu, dass die von Karl Marx angestellte Analyse des 19. Jahrhunderts in einigen Punkten nicht widerlegt werden könnte.
In seinem Buch beschreibt er mit pastoraler Leidenschaft und ohne moralisieren zu wollen, welche Wirkungen der „entfesselte Kapitalismus“ auf das Leben eines Großteils der Weltbevölkerung hat: zunehmende Machtlosigkeit der Gewerkschaften, Reallohnverluste, allmähliches Verschwinden des Einzelhandels. Und dabei wird der Abgrund zwischen einer Elite von Spitzenverdienern („Verdiente ein amerikanischer Manager Anfang der siebziger Jahre im Durchschnitt ungefähr das Fünfundzwanzigfache von einem Industriearbeiter, so war es knapp 30 Jahre später bereits das Fünfhundertfache“; Das Kapital, S. 24) und ganzen Massen ehemaliger Angehöriger der Mittelschicht immer größer. Menschen, die inzwischen zu den working poor gehören, weil sie „trotz Vollzeitbeschäftigung unterhalb der Armutsgrenze leben“ (ebd., S. 24). Die Wurzeln all dieses Übels lassen sich gut mit marxistischen Begriffen beschreiben. „Die beschleunigten Möglichkeiten des weltweiten Austauschs von Informationen, Gütern und auch vielen Dienstleistungen“, schreibt der Erzbischof von München und Freising, den zeitgenössischen Soziologen Manuel Castells zitierend, „haben in dem alten Konflikt zwischen Arbeit und Kapital die Gewichte eindeutig zu Gunsten des Kapitals verschoben […]. ‚Kapital ist im Kern global. Arbeit ist in der Regel lokal.‘ Damit vergrößern sich die Möglichkeiten der Investoren, Spekulanten und Finanzjongleure, während diejenigen, die zum Erwerb auf ihrer Hände Arbeit angewiesen sind, ins Hintertreffen geraten“ (ebd., S. 17).
Angesichts eines solchen Stands der Dinge sehen manche die Kirche schon als sparring partner, Garant der „barmherzigen“ Natur des Neokapitalismus: „Bei aller Kritik an der Kirche“, schreibt Reinhard Marx „erwartet man dann gelegentlich von ihr die ‚moralische Aufrüstung‘ in Ermangelung anderer Institutionen. So als könne man Moral backen, wie man Brötchen backt, oder als sei der wesentliche Punkt des Christentums Moral, als habe Jesus vor allen Dingen daran gedacht, unsere offene Gesellschaft mit einem moralischen Kitt zu versehen. Ich kann im Evangelium nicht entdecken, dass das seine Hauptsorge war“ (ebd. S. 62).