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KIRCHLICHE KOLLEGIEN IN ROM
Aus Nr. 06/07 - 2009

DAS PÄPSTLICHE BRASILIANISCHE KOLLEG „PIUS“

Wo die brasilianischen Bischöfe gemacht werden


In den 75 Jahren seiner Geschichte haben fast 2000 Studenten das Päpstliche Brasilianische Kolleg „Pius“ besucht. Mehr als hundert davon sind inzwischen Bischöfe geworden. Dom Luciano Mendes de Almeida hat in seiner Zeit in Rom hier gewohnt. Und Agostino Bea, seit 1959, dem Jahr seiner Ernennung zum Kardinal. Eine Begegnung mit den Bewohnern des brasilianischen Kollegs.


von Pina Baglioni


Lehrer und Studenten des brasilianischen Kollegs „Pius“ am Tag der Einweihung (3. April 1934). [© Das Päpstliche Brasilianische Kolleg „Pius“]

Lehrer und Studenten des brasilianischen Kollegs „Pius“ am Tag der Einweihung (3. April 1934). [© Das Päpstliche Brasilianische Kolleg „Pius“]

Die erste, die hierher gekommen ist, war die Muttergottes aus Gips. Damals, als das Kolleg noch leer war, der Schutt weggebracht werden musste und überall Kartons herumstanden. Hierher gebracht haben die Statue, die heute etwas abseits auf dem Treppenabsatz steht, der zum ersten Stock hinaufführt, Pater Angelo Contessoto, designierter Rektor des zukünftigen Kollegs, Pater José Pianella, Frater Nicolau Conrath und Frater Riccardo Marchi. Nach zwei Wochen Schiffsreise, die sie über Santos und Genua geführt hatte, waren sie am 22. September 1933 nach Rom gekommen. „Ich erinnere mich vor allem an Frater Marchi. Der damals 22jährige Jesuit war das Kind italienischer Einwanderer. Er hat 60 Jahre hier gelebt, war Krankenpfleger, Koch, Schreiner und Gärtner: fast schon eine Art historisches Gedächtnis dieses Ortes.“ Nach seinem Tod im Jahr 1992 kam die Aufgabe, darüber zu wachen, dass die kleinen und großen Geschichten des Päpstlichen Brasilianischen Kollegs „Pius“ nicht in Vergessenheit gerieten, dem spanischen Pater Félix Pastor zu. Der in La Coruña, in Galizien, geborene emeritierte Dogmatik-Professor der Universität Gregoriana und Studienpräfekt des Kollegs ist – wie alle Mitglieder der Direktion – ein Sohn des hl. Ignatius von Loyola. „Ich bin seit 1966 hier. Seit der Zeit meiner Magisterarbeit. Zuvor war ich lange in Brasilien und in Deutschland. Pater Pedro Arrupe [General der Gesellschaft Jesu von 1965 bis 1983, Anm.d.Red.] hatte mich gebeten, lediglich vier bis fünf Jahre als Spiritual hier zu bleiben. Aber im Kolleg brauchte man dringend jemanden, der den Lehrplan der Päpstlichen Universitäten mit dem praktischen System der brasilianischen Seminare in Einklang brachte. Und so bin ich geblieben.“
Unzähligen Studenten ist der betagte Jesuitenpater in all diesen Jahren mit Rat und Tat zur Seite gestanden – viele davon bekleiden inzwischen hohe kirchliche Ämter: Kardinal Geraldo Majella Agnelo, Erzbischof von São Salvador da Bahia und Primas von Brasilien beispielsweise. Oder Kardinal Odilo Pedro Scherer, Metropolitan-Erzbischof der Erzdiözese São Paulo, der am 17. März in Rom eine der vielen Messen zur 75-Jahr-Feier des Kollegs zelebriert hat. Aber auch der Präsident, Vizepräsident und Sekretär der nationalen brasilianischen Bischofskonferenz (CNBB) sind seine ehemaligen Schüler. „Ein klein bisschen habe ich vielleicht auch mitgeholfen“, räumt Pater Pastor bescheiden ein und zählt einige Namen von illustren Persönlichkeiten auf, die hier gewohnt haben: Agnelo Rossi z.B., der von Paul VI. zum Kardinal kreiert und später zum Präfekten der Kongregation für die Evangelisierung der Völker ernannt worden ist. Oder Kardinal Serafim Fernandes de Araújo, emeritierter Erzbischof von Belo Horizonte, und Kardinal Lucas Moreira Neves, der Präfekt der Kongregation für die Bischöfe war. Zu seinen liebsten Erinnerungen gehört aber die an den vor zwei Jahren verstorbenen Jesuiten Luciano Pedro Mendes de Almeida, Metropolitan-Erzbischof von Mariana und Präsident des CNBB. „Er hat ein paar Jahre mit uns zusammen gearbeitet: ein großartiger Mensch! Senator Andreotti kam oft zur Messe hierher. Die beiden führten dann immer lange Gespräche.“ In einem der Dutzenden, über dieses riesige Gebäude verstreuten Zimmern hängt ein Ölgemälde mit dem Letzten Abendmahl. Gemalt haben es Insassen des römischen Gefängnisses Regina Coeli: ein kleines Dankeschön an Dom Luciano, der sich in seinen in Rom verbrachten Jahren so rührend um sie gekümmert hat. Aber damit ist die Aufzählung der illustren Namen, die mit dem Kolleg verbunden sind, bei weitem noch nicht zu Ende: Auch der deutschstämmige Jesuit Agostino Bea hat hier gewohnt. Seit dem Tag seiner Ernennung zum Kardinal im Jahr 1959 hat er hier leben wollen, weil er sich Brasilien seit seiner Zeit in der deutschen Mission im Süden des Landes sehr verbunden fühlte. „Aber dieses Kolleg hat der Kirche auch mehr als 100 Bischöfe geschenkt, viele Pfarrer und Lehrer, die an den Seminaren und theologischen Fakultäten Brasiliens unterrichteten.“
Vom 3. April 1934 – Tag der Gründung des Kollegs – bis heute haben 1.900 Studenten die Schwelle des brasilianischen Kollegs überschritten.
Von den anfänglichen 34 Studenten blieben während des Zweiten Weltkriegs nur noch 12 übrig. Im akademischen Jahr 1954-1955 konnte dann allerdings mit 130 „Bewohnern“ wieder eine Höchstzahl erreicht werden: 102 Seminaristen und 28 Priester. In den ersten 25 Jahren wurden am Kolleg fast ausschließlich Seminaristen aufgenommen. Zwischen 1959 und 1968, den Jahren des Konzils und unmittelbar danach, „wurde der Enthusiasmus allerdings schnell zur Konfusion, weshalb wir 1978 auch nur noch 6 Seminaristen und 47 Priester hatten,“ weiß der betagte Professor zu berichten. „Der Grund für diesen drastischen Rückgang war nicht nur die Berufungskrise, sondern auch der Beschluss der brasilianischen Bischöfe, keine Seminaristen mehr nach Rom zu schicken, weil man in Brasilien ein recht gut funktionierendes Netz von Diözesanseminaren eingerichtet hatte, an denen das sogenannte „brasilianische System“ durchgezogen wurde. Und man war der Ansicht, dass es auf Kriterien beruhte, die demokratischer waren. Nach Rom kamen also nur noch junge, bereits geweihte Priester, die hier ihre Studien perfektionieren wollten.“
Während des Konzils kamen so hochkarätige Theologen wie Hans Küng, Karl Rahner, Joseph Ratzinger, Yves Congar, Marie-Dominique Chenu und Edward Schillebeeckx ans brasilianische Kolleg, um hier vor einem zahlreich erschienenen Publikum Vorträge zu halten. In Rom gab es damals mehr als dreihundert brasilianische Bischöfe; viele davon wohnten im Kolleg „Pius“. Eine überaus schaffensreiche Zeit. „Dann kam das lange Pontifikat von Johannes Paul II., das man als Moment der Restauration betrachtete,“ erzählt Pater Pastor, „in dem sich die dichten Nebel zu lichten schienen. Obwohl sich viele Berufungen damals als wenig konsistent erwiesen. Viele sind ja dann auch wirklich gegangen.“

Die Fassade des Kollegs.

Die Fassade des Kollegs.

„Wachablösung“
Das große, „H“-förmige Gebäude ist von Jahrhunderte alten Pinien aus dem römischen Umland umgeben, die dann irgendwann den etwas kleineren brasilianischen Pinien und Avocado-Bäumen Platz machen mussten. Im Schrebergarten gleich hinter dem Kolleg wächst eine subtropische Zucchini-Sorte, die für Salate verwendet wird. „Hier wachsen sogar Kiwis, und wir haben herrliche Mimosen, die wir am 8. März den Schwestern von der Kongregation der Töchter der Göttlichen Liebe schenken, die seit Jahren mit uns zusammenarbeiten.“ Pater Geraldo Antônio Coelho de Almeida zeigt uns nicht ohne Stolz den Park des Kollegs, der immer am 7. September, Tag der Erlangung der Unabhängigkeit, und am 12. Oktober, dem Fest der Schutzpatronin Brasiliens, Nossa Senhora Aparecida, der Öffentlichkeit zugänglich ist.
Hier haben wir auch die kleine Kirche, die schon zur Zeit Napoleons errichtet wurde. Die Fassade blickt auf die Via Aurelia. Sie ist schon seit einiger Zeit geschlossen, weil die Restaurierungsarbeiten aus Ermangelung an Geldern eingestellt werden mussten. Dass es ihm nicht gelungen ist, sie wieder öffnen zu lassen, grämt Pater Geraldo sehr. Nach neun Jahren an der Leitung des brasilianischen Kollegs hat er das Ruder am 25. März dem neuen Rektor übergeben, Pater João Roque Rohr. Den Vorsitz bei der feierlichen Konzelebration Ivan Rupnik.“ Von diesen „Versäumnissen“ künstlerischer Natur einmal abgesehen, hinterlässt der „emeritierte“ Rektor in Erwartung der Rückkehr in seine Heimat allerdings ein in jeder Hinsicht florierendes Kolleg: Anfang des kommenden akademischen Jahres wird es insgesamt 115 Personen aufnehmen, 12 mehr als im letzten Jahr. „Wenn sie nach Rom kommen, bringen sie eine langjährige Erfahrung mit: einige von ihnen waren Pfarrer, andere Seminarregenten, andere wieder Richter an Kirchengerichten, Pastoralkoordinatoren, Diözesanadministratoren.“
Sie kommen aus 80 der 170 Diözesen Brasiliens. Aber auch aus Angola, Madagaskar, Panama, Chile, Ecuador und Kolumbien. Man findet sie an allen Päpstlichen Universitäten, vor allem an der Gregoriana und an der Lateran-Universität, wo sie die Theologie- und Philosophievorlesungen besuchen. 57 von ihnen studieren für das Lizenziat, 39 für das Doktorat. Einige von ihnen streben auch das Bakkalaureat an. Die brasilianischen Staaten, die am Kolleg am meisten vertreten sind, sind die im Südosten des Landes, mit São Paulo an der Spitze, gefolgt von denen im Nordosten.
Vor einer riesigen Landkarte Brasiliens erklärt Pater Geraldo: „Die bestbesuchten Seminare befinden sich zur Zeit im Norden und Nordosten des Landes.“ Die Zahl der Diözesanpriester konnte in der letzten Zeit einen leichten Anstieg verzeichnen – derzeit sind es 11.778 –; bei den Ordenspriestern dagegen kann man, wie Pater Geraldo meint, von einer Berufungskrise sprechen: ihre Zahl beläuft sich heute in Brasilien auf 7.313. Und dieser Unterschied macht sich auch bei den Seminaristen spürbar: 3.555 studieren an den Ordensseminaren, 5.731 an den diözesanen Seminaren.

Das große Mosaik im Eingang des Kollegs, auf dem die Schutzpatronin Brasiliens abgebildet ist, Nossa Senhora Aparecida.

Das große Mosaik im Eingang des Kollegs, auf dem die Schutzpatronin Brasiliens abgebildet ist, Nossa Senhora Aparecida.

Das Leben der Studenten
„Es ist ein wahres Privileg, hier, in unmittelbarer Nähe des Papstes, studieren zu dürfen, wo man die besten Theologieprofessoren der Welt treffen kann. Für uns ist Rom die Stätte des christlichen Gedächtnisses, die Universitätsstadt schlechthin. Wir können den theologischen Ansatz, den wir aus Brasilien mitbringen mit dem hier im Zentrum des Christentums vergleichen.“ Der 31jährige Pater Leandro de Carvalho Raimundo ist seit fünf Jahren Priester. Er kommt aus Pouso Alegre, im Staat Minas Gerais, im Südosten Brasiliens. Sein Ziel ist es, an einer theologischen Fakultät zu unterrichten. Er ist im zweiten Jahr des Doktoratsstudiums an der Päpstlichen Hochschule Sant’Anselmo mit Spezialisierung in Sakramententheologie, Schwerpunkt Weihesakrament. „Das Studium ist nicht meine einzige Beschäftigung: jeden Tag zelebriere ich außerhalb des Kollegs die Messe, bei den Kreuzschwestern von der eucharistischen Anbetung. Im Laufe des Jahres gehen viele Ansuchen italienischer Pfarrer ein, die um Hilfe bitten, und in den Sommerferien gehe ich als Aushilfskraft in ein kleines 400-Seelen-Dorf bei Bergamo. Ein Dorf, wo man sich der Kirche und den Sakramenten noch sehr verbunden fühlt. Und für mich ist es sehr nützlich, eure Situation zu kennen und sie mit der unsrigen zu vergleichen. Gewiss, für unsere 180 Millionen Einwohner gibt es nicht genug Priester. Aber unsere Kirchen sind voller junger Menschen, die eine große Begeisterung mitbringen. Etwas, das man von Italien leider immer weniger sagen kann, wo die Pfarreien größtenteils von älteren Leuten frequentiert werden.“
Außer ihrem Studium und der Pastoralaktivität sind die Studenten aber auch direkt in die Leitung des Kollegs mit eingebunden. Parallel zur Direktion – bestehend aus: Regens, Vizeregens, Studienpräfekt, Spiritual, Ökonom und Verantwortlichem für die Instandhaltung – gibt es noch den Studentenrat, mit eigenem Präsidenten, Vizepräsidenten und fünf Bereichsleitern: den liturgischen, pastoralen, sozialen, kulturellen sowie den, der Freizeit und Sport betrifft. Für die Feiern zum 75. Jahrestag der Gründung des Kollegs, die am 19. Juni ausklingen, wurde eigens ein Studentenkomitee eingerichtet. Die feierliche Konzelebration wird unter Vorsitz des Generals der Gesellschaft Jesu, Pater Adolfo Nicolás, stattfinden.
„Unsere Satzungen sehen vor, dass dieses Kolleg nicht einfach nur als eine Art Hotel betrachtet wird. Wir sprechen uns bei wichtigen Entscheidungen für das Kolleg immer mit der Direktion ab“, berichtet Pater Jânison de Sá Santos, der vor 40 Jahren in Propriá, einem kleinen Ort in Sergipe geboren wurde. Er befindet sich im zweiten Jahr des Doktoratsstudiums und spezialisiert sich in Pastoral und Katechese an der Salesianer-Universität. „Die hier verbrachten Jahre sind nicht umsonst, vor allem, was unser geistliches Wachstum angeht. Und ausschlaggebend dafür war vor allem die Stadt Rom: die Kirchen, die Katakomben, die Märtyrergräber helfen uns dabei, unseren Glauben zu bewahren. Trotz unserer vielen Verpflichtungen besuchen wir jeden Tag alle gemeinsam hier im Kolleg die Messe. Oder konsultieren uns mit dem Rektor über den Stand unserer Ausbildung. Schließlich ist hier ja auch der Ort, an dem zukünftige Ausbilder ausgebildet werden. Der Großteil von uns wird später an Seminaren und theologischen Fakultäten unterrichten.“ Einige von ihnen, erklärt uns Pater Jânison noch, werden wieder als Pfarrer tätig sein. Sie wissen nur noch nicht, wo, weil die Entscheidung darüber bei den Bischöfen der jeweiligen Diözesen liegt.
Wir fragen Pater Geraldo, der Ende Juni wieder in seine Heimat zurückkehren wird, was er uns zum Thema protestantische Sekten sagen kann, die dem brasilianischen Katholizismus so sehr zusetzen. „Die protestantischen Sekten setzen auch Europa, Afrika und den Vereinigten Staaten zu. Brasilien ist ein riesiges Land, und das scheinen die Leute, die Statistiken und Analysen aufstellen, immer wieder zu vergessen. Ein Großteil der Millionen und Abermillionen Katholiken Brasiliens haben seit der Kolonialzeit keine wirkliche Seelsorge mehr. Ein Problem, das sich von Generation zu Generation weitervererbt hat. Und wo es an Kirchen und Priestern fehlt, vertrauen sich die Leute eben dem erstbesten an, der ihren Weg kreuzt, also auch den protestantischen Sekten, die vor allem in den Großstädten (São Paulo hat inzwischen mehr als 20 Millionen Einwohner), in die Tausende von Immigranten strömen, wie Pilze aus dem Boden schießen. Im Nordosten beispielsweise sind 90% der Bevölkerung auch wegen des Phänomens der Einwanderung katholisch geblieben. Die evangelischen Pastoren versprechen den Leuten das Blaue vom Himmel: Gesundheit, Karriere, Geld. Und all das dank der nahezu unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten, die durch die Vereinigten Staaten und die kontinuierliche Propaganda mächtiger Medienapparate in greifbare Nähe gerückt sind mit ihrem beeindruckenden Aufgebot an Schauspielern, Sängern und Fußballstars. Sie sagen den Leuten, was sie hören wollen. Ins Netz gehen ihnen vor allem Menschen ohne soziale Sicherheit, ohne Bildung. Verstehen wir uns recht: die Leute sind der Kirche nicht überdrüssig. Es ist nur einfach so, dass die brasilianischen Priester nicht das gesamte Gebiet abdecken können. Und die Menschen, die sich den Sekten anvertrauen, wären ohnehin Fernstehende.“


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