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Aus Nr. 03 - 2009

Don Primo Mazzolari. Der Priester der Pfarrkirche am Flussufer


Das Geschenk des Glaubens, „die schlichten Messen“, die um seine Artikel und Bücher entstandene Polemik, die Sympathie seines Bischofs, die Begegnungen mit Montini und Papst Johannes XXIII.


von Paolo Mattei


Don Primo Mazzolari mit den Jungen und Mädchen von Bozzolo. [© Fondazione Mazzolari]

Don Primo Mazzolari mit den Jungen und Mädchen von Bozzolo. [© Fondazione Mazzolari]

Am 28. Januar 1959 war Don Primo guten Mutes. Trotz allem. Trotz des Aufhebens, das man um seine Person gemacht hatte: Vielleicht hatte er sich daran gewöhnt. Vielleicht auch nicht. Und dann waren es inzwischen ja auch schon mehr als 40 Jahre, die der „Prediger aus der Region Mantua“ Tag für Tag die schwere Bürde der Polemiken auf den Schultern trug, die seine Worte in der Kirche und in der Welt auslösten.
„Die Klassiker der christlichen Verkündigung,“ pflegte er zu sagen, „sind für mich die Heilige Schrift, die Kirchenväter und die Schriften der Heiligen und Mystiker, deren Kenntnis der Lehre Substanz und Tiefe verleiht. Die Theologie sorgt für das Wissen, die Seele muss anderswo gefunden werden.“ Seit vielen Jahren kam der Prediger Don Primo Mazzolari den Rufen nach, die ihn aus ganz Italien erreichten. Er hatte immer gehofft, „wohltätige Politiker“ als Ansprechpartner zu haben; solche „die mit einem väterlichen Geist gesegnet sind.“ Er war überzeugt davon, dass man sich, „den Leuten, von denen man redet, nahe fühlen muss“, damit man „ihnen ins Herz sehen kann“. Er hatte immer das Gespräch mit allen gesucht, ohne Ansprüche, ohne voreilige ideologische und religiöse Schlüsse – wusste er doch, dass „man nicht sich oder anderen den Glauben geben kann. Ich kann dafür sorgen, dass man ihn kennenlernt, kann Zeugnis für ihn ablegen, das ‚Öl der Lampe‘ aber kommt vom ‚Vater des Lichts‘. Es ist in der Tat überraschend, dass, wo man doch alles geben kann, weil alles in die Hände des Menschen gelegt ist, damit er es brüderlich teilt, niemand – außer Gott – den Glauben geben kann.“ „Man glaubt, weil man liebt (glauben ohne zu lieben wäre die Hölle),“ fuhr Don Primo fort, „und unsere Liebe, die der Glaubensbejahung zur Hilfe kommt, ist nichts anderes als eine Antwort: die Antwort auf einen Appell, auf eine Initiative Gottes, die unter dem lieblichen, barmherzigen Namen der Gnade den Menschen für die ‚Neuheit‘ aufgeschlossen macht.“ Seine Worte hatten nicht nur Polemiken ausgelöst, sondern auch Enthusiasmus und Hoffnung in vielen Menschen erwachen lassen, Christen oder nicht.
An jenem Mittwoch Ende Januar 1959 war Don Primo Mazzolari, ein 67jähriger Priester aus Boschetto, einem kleinen Dorf in der norditalienischen Provinz Cremona, auch deshalb unbesorgt, weil er wusste, dass er bald einen Mann treffen würde, von dessen Intelligenz und väterlicher Zuneigung ihm gegenüber er überzeugt war: Giovanni Battista Montini. Der Erzbischof von Mailand hatte ihn ein Jahr zuvor gebeten, bei der Stadtmission vom November 1957 in der Erzdiözese Mailand zu predigen. Es war einer der vielen turbulenten Momente in Don Primos Leben: er war wieder einmal vom Heiligen Offizium gerügt worden – dieses Mal wegen einer Äußerung über die Wahlfreiheit der französischen Katholiken und einiger Artikel in der 14tägig erscheinenden Mailänder Zeitschrift Adesso, für die er nun schon 10 Jahre tätig war.
Als Don Primo erfahren hatte, dass die lombardische Bischofskonferenz Adesso öffentlich exkommunizieren wollte, hatte er um ein Gespräch mit Montini gebeten. Die Bischöfe waren mit der Linie der Zeitschrift und dem von ihr angeschlagenen Ton nicht einverstanden. Stein des Anstosses war der kurz zuvor veröffentlichte Brief an die Bischöfe der Val Padana, in dem diese aufgefordert wurden, die Bauern und Arbeiter bei ihrem sozialen Kampf zu unterstützen, aber auch die Tatsache, dass Don Primo die Ansprache an die Bischöfe – „Verteidiger der Stadt“, „der Armen“ und „der Freiheit“ – drucken hatte lassen (die Rede wurde im Advent 1948 von Kardinal Suhard gehalten). Vielleicht hatte aber auch die – zwar positive, aber nicht vorbehaltslose – Rezension, die Adesso an Don Milanis Esperienze pastorali vorgenommen hatte, den lombardischen Episkopat verärgert.
Don Primo hatte sich vorgenommen, an das gute Herz und den scharfen Verstand Montinis zu appellieren. Wenige Tage vor ihrer Begegnung hatte er ihm geschrieben: „Wenn Eure Eminenz nicht mit einer Güte eingeschritten wäre, die ich Ihnen nie vergessen werde, und mich für die Mission in Mailand gerufen hätte, hätte sich niemand [...] Gedanken darüber gemacht, dass man über einen Priester, der immer mehr um das Wohl der Kirche besorgt war als um sein eigenes, doch nicht das Urteil ‚lebenslänglich‘ verhängen kann!“
Montini kannte Don Primo gut. Und auch seine vorbildliche Prediger-Aktivität, sein schlichtes Landpfarrerleben unter dem einfachen Volk der Po-Ebene waren ihm bekannt. Dort, wo er – wie Don Primo selbst einmal gesagt hat – seinen Pfarrkindern ein Zeugnis geben wollte, „das aus Schweigen gemacht ist und nicht aus Protest, aus Gebeten, nicht aus Gewalt, aus geduldigem Warten, nicht Angriff.“

Don Primo als Kaplan der „Alpini“. <BR>[© Fondazione Mazzolari]

Don Primo als Kaplan der „Alpini“.
[© Fondazione Mazzolari]

„Wiederholer“ der Worte Jesu
Man schrieb den 1. Januar 1922. Msgr. Giovanni Cazzani, Bischof von Cremona, ernannte ihn zum Pfarrer von Cicognara. In diesem kleinen Dorf am linken Ufer des Po sollte er 10 Jahre bleiben. Mehr als 1000 Seelen lebten dort. Den vorherigen Pfarrer hatten die bettelarmen Menschen fortgejagt. Dass er sich so unbeliebt gemacht hatte, war allerdings nicht auf den weit verbreiteten Antiklerikalismus zurückzuführen, sondern auf die wenig freigiebige Handhabung der üppigen Erträge aus dem Landbesitz der Pfarrei. Msgr. Cazzani war sich sicher, dass Don Primo gewusst hätte, wie er sich in solchem „Feindesland“ zu bewegen hatte, das gegen alles, was auch nur im Entferntesten an einen Priester erinnerte, eine Abneigung hatte. Schließlich hatte er ihn ja bereits zwei Jahre vorher als bischöflichen Delegaten nach Bozzolo geschickt, ein sozialistisch und antiklerikal gefärbtes Dorf, in dem die Bevölkerung noch dazu zwischen zwei traditionell rivalisierenden Kirchen gespalten war. Hier hatte Don Primo seinen „Pastoralstil“ praktizieren können: kein katholisches Vereinswesen alter Prägung (um weitere Spaltungen zu vermeiden); stattdessen eine möglichst große Öffnung allen gegenüber, ganz gleich welcher politischen oder religiösen Zugehörigkeit. Er machte bei allen Familien Hausbesuche, bei den sozialistischen genauso wie bei den katholischen; war aufgeschlossen für die Gewerkschaftskämpfe der Arbeiter; wetterte von der Kanzel gegen die ersten faschistischen Gewaltakte; schaffte die Tarife für den liturgischen Dienst ab; förderte die Seelsorge in den Krankenhäusern. An den Regionalversammlungen der Pfarrer nahm er nur selten teil. Und in dieser „Stadt ohne Mauern“ – wie Don Primo seine Pfarrei zu definieren liebte –, feierte er die Messe, „die wichtigste aller Gaben“: „Kein päpstliches Hochamt, keine Messe in einer Basilika oder in einer Benediktinerabtei, sondern eine einfache, schlichte Messe, zelebriert von einem einfachen Priester, meine Sonntagsmesse.“ Und dort musste man wirklich nichts erfinden: „In der Messe bin ich keiner, der erfindet, sondern einer, der wiederholt... Und deshalb muss ich die Messe und das Evangelium auch so vortragen, wie es ist... Wenn ich vor meinen Pfarrkindern predige, wiederhole ich die Worte eines anderen: wiederhole ich das, was Jesus gesagt hat: Es ist nicht mein Evangelium, sondern das Evangelium Jesu... Ich beuge mich über das Brot und wiederhole die Worte Gottes. Wegen dieser von einem einfachen Priester in einer einfachen Kirche empfangen hatte; der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs ausgezogen war, um als Missionar unter den italienischen Gastarbeitern in der Schweiz zu wirken, die sich in Anbetracht des drohenden Krieges anschickten, in die Heimat zurückzukehren. Don Primo war in den Jahren der Modernisten-Krise groß geworden, hatte Hugo, Tolstoj, Duchesne und Péguy gelesen, war fasziniert von der Öffnung den „Fernstehenden“ und den Armen gegenüber, die Bischof Bonomelli der Kirche so sehr ans Herz legte. Und nun hatte er ein noch viel größeres Elend kennen gelernt als das der Bauern des Cremoner Umlands. Aber das war nichts gegen den Kummer, den der Erste Weltkrieg Soldaten wie Zivilisten an Leib und Seele zufügte. Ein Kummer, den er schon bald am eigenen Leib erfahren sollte: 1915 fiel sein Bruder Peppino an der Front. 1916 schrieb Don Primo in sein Tagebuch: „Manchmal, wenn ich allein bin und über die Nutzlosigkeit meines Lebens nachdenke, über die Vereinsamung, zu der ich verurteilt bin, muss ich ganz einfach weinen. Und ich weine nicht, weil ich so traurig bin, sondern weil mir die Tränen ganz von allein kommen. Ich fühle mich Jesus nämlich nun ein wenig ähnlicher als in der Vergangenheit; und das aus Rührung darüber, direkt mit Jesus wegen meiner Sünden und der meiner Brüder und Schwestern zu leiden. Im Plan der Vorsehung ist nichts ohne Wert und ohne Sinn: und wenn weder das eine noch das andere sichtbar wird, fügen wir uns in unser Schicksal, in der Erwartung, das alles eines Tages verstehen zu dürfen.“

Don  Mazzolari [© Fondazione Mazzolari]

Don Mazzolari [© Fondazione Mazzolari]

Ludit Deus in orbe terrarum
„Das Heidentum kehrt zurück, klopft uns auf die Schulter, und nur wenige sind beschämt darüber.“ Diesen Satz schrieb Don Primo bereits 1922 nieder, besorgt darüber, dass viele Katholiken das sich auf dem Vormarsch befindliche Regime unterstützten. Von Cicognara aus betrachtete er die Entwicklungen mit Besorgnis. 1929, nach Unterzeichnung der Lateranverträge („wir heiraten auch wenn es keine ‚Liebesheirat‘ ist“), vertraute er einem Freund an: „Was ich denke? Gar nichts mehr, außer Ludit Deus in orbe terrarum. Die wahre Politik wird zu unserem Glück dort oben gemacht, nicht von uns einfachen Sterblichen, die wir uns umso lächerlicher machen je mehr wir glauben, wir würden die Geschichte schreiben.“
In dem alles andere als einfachen Ambiente von Cicognara konnte er sich viele Sympathien sichern – vor allem die der Sozialisten und Antiklerikalen. Auch hier, wie schon in Bozzolo, war dieser bei der Bevölkerung so beliebte Priester Regime-Treuen und faschistenfreundlichen Klerikalen schon bald ein Dorn im Auge. Solidarisierte er sich doch mit der politischen und wirtschaftlichen Rebellion seines Volkes, bejahte die Feier des 1. Mai und richtete für die Kinder ein überkonfessionelles, nicht von der Partei patroziniertes Ferienheim ein. Auch in Cicognara tat er nichts, um das katholische Vereinswesen zu fördern. Er wollte einfachen Pfarrinitiativen wie dem am 15. August am Po-Ufer gefeierten Sommerendfest keine Etikette verpassen.
„Ich habe fünf Minuten gesprochen. Der Herr weiß, was ich gesagt habe, weil er mich dazu inspiriert hat und ich selbst mich nicht mehr daran erinnere. Ich weiß, dass in dem Moment, als alle zum gemeinsamen Vaterunser-Gebet aufstanden, viele zu Tränen gerührt waren,“ erzählte Don Primo seinem Bischof im Zusammenhang mit den Ereignissen vom November 1925, als er sich geweigert hatte, als Dank für das gescheiterte Attentat auf Mussolini in der Kirche das Te Deum zu singen. Die Faschisten hatten der Bevölkerung damals befohlen, sich zur Dankesmesse in der Kirche einzufinden. Don Primo kam als letzter und schaffte es, die Hierarchen des Dorfes zu überrumpeln. Er betete mit den versammelten Gläubigen einfach nur das Vaterunser, überging den erhaltenen Befehl stillschweigend und konnte die Messe letztendlich doch friedlich ausklingen lassen. „Und was kann man daraus schließen?“, schrieb er in einem Brief an Msgr. Cazzani: „Eigentlich nur eines: Der Herr muss mir wirklich sehr gewogen sein.“ Etwas, das auch der – ihm ebenfalls sehr gewogene – Bischof schon lange wusste. Deshalb tat er ja auch alles in seiner Macht Stehende, um ihn der Justiz gegenüber zu verteidigen. Viele hätten ihn – den unbequemen Aufwiegler und Faschisten-Gegner – nur allzu gern aus dem Weg geräumt. Aber das Schlimmste sollte noch kommen: im August 1931 feuerten Heckenschützen drei Kugeln auf ihn ab. Er kam nur knapp mit dem Leben davon.

Johannes XXIII.: Papst Roncalli empfing Don Mazzolari am 5. Februar 1959 in Audienz.

Johannes XXIII.: Papst Roncalli empfing Don Mazzolari am 5. Februar 1959 in Audienz.

Jeder Mensch ist Bettler
Anfang der 1940er Jahre veröffentlichte Don Primo ca. ein Dutzend Bücher. Der Predigerpriester, der in der Zwischenzeit als Erzpriester und Pfarrer nach Bozzolo zurückgekehrt war, war bald bis über die Grenzen der Diözese hinaus bekannt. Don Primo predigte auch bei den Studientagungen der katholischen Studenten in Camaldoli, Florenz, Padua, San Remo und Mailand. Bei diesen einmal im Jahr abgehaltenen Treffen wurden Themen behandelt, die er in der Nachkriegszeit vertiefen sollte. So forderte er die Katholiken beispielsweise auf, ihre feindliche Haltung dem sichtlich aufstrebenden Kommunismus gegenüber aufzugeben, zwischen Irrtum und Irrendem zu unterscheiden („ich bekämpfe den Kommunismus, aber ich liebe die Kommunisten“) und vielmehr darüber nachzudenken, warum diese Ideologie „bei Völkern Fuß fassen konnte, die nicht die Entschuldigung haben, Primitive oder Wilde zu sein“. Er verstand auch nicht, warum „die Demütigen und die Einfachen“ „von den ihnen aufgezwungenen unmenschliche Lebensbedingungen zum Aufstand verleitet werden.“
In den damals entstandenen Texten sprach Don Primo auch von seiner Hoffnung auf eine Reform des Evangelisierungswerkes der Kirche. Er vertiefte das Thema der Öffnung den „Fernstehenden“, Armen und Ausgegrenzten gegenüber. Eine Aufmerksamkeit, die allen Menschen galt: „Und wenn ich sage: ‚ich will den Menschen sehen‘,“ schrieb er, „dann meine ich damit nicht den Menschen der Philosophen, der mich ebenso wenig interessiert wie der Gott der Philosophen. Ich meine den wirklichen Menschen, den wahren Menschen in Fleisch und Blut: also jemanden, den man anfassen kann. Und dieser Mensch, den ich anfassen kann und der um Erbarmen bittet, bin ich selber. Der Mensch ist arm, jeder Mensch. Nicht aufgrund dessen, was er nicht hat, sondern aufgrund dessen, was er ist, aufgrund dessen, was ihm nicht genügt und was ihn überall zum Bettler macht, egal, ob er die Hand aufhält oder zumacht.“
Eines dieser Bücher – La più bella avventura. Sulla traccia del „prodigo“ – Frucht der Predigten für die Arbeitermission der Jahre 1929 bis 1932 und veröffentlicht 1934 mit imprimatur der Kurie von Brescia – bescherte Don Mazzolari die erste Zensur der Kongregation des Heiligen Offiziums. Das Buch, das Ernesto Buonaiuti als „überaus tiefgehend“ definierte, hatte vor allem wegen seiner weiten Verbreitung unter den Protestanten der Zone für Alarmstimmung gesorgt und wurde vom Heiligen Offizium lakonisch als „irrig“ abgetan. Ein schwerer Schlag für Don Primo, der seinem Bischof schrieb: „Exzellenz, ich bedauere es zutiefst, dass mein Buch zu Missbrauch veranlassen könnte. Aber hier auf Erden hat man schon mit allem Missbrauch getrieben: selbst mit Paulus und Augustinus – ja sogar mit dem Evangelium. Ich respektiere jede persönliche Meinung, beuge mich aber allein dem Urteil der Kirche.“ Msgr. Cazzani antwortete: „Lieber Herr Erzpriester, grämen Sie sich nicht, wenn ich Ihnen den Rat erteile, auf der Hut zu sein. Bieten Sie diese Prüfung demütig dem Herrn dar [...]. Ich wünschte, Sie könnten in meinem Herzen lesen, wie sehr ich Ihnen in väterlicher Liebe zugetan bin und wüssten, wie sehr ich in dieser schmerzlichen Stunde der Prüfung um Sie bange.“ Bischof Cazzani konnte bei den Priestern und Bischöfen der Diözesen, in denen Mazzolari in jenen Jahren gepredigt hatte, positive Beurteilungen über ihn einholen, die er – zusammen mit seinem eigenen Urteil über das Betragen des Priesters – ans Heilige Offizium schickte („seine Nächstenliebe ist so groß, dass er am liebsten alle der Kirche zuführen würde, auch die Fernstehenden; und genau das ist der Grund, warum er diesen vielleicht ein wenig zu großes Wohlwollen entgegenbringt...“). In den kommenden Jahren sollte der Bischof von Cremona noch oft Partei für ihn ergreifen müssen.

Die Tagebuchseite zum 13. November 1956, auf der Don Mazzolari von einem Gespräch mit Giulio Andreotti erzählt, bei dem er mit dem damaligen Minister auch über das Buch <I>Anch’io voglio bene al Papa</I> sprach; darunter, ein Brief Giulio Andreottis an Don Mazzolari (11. November 1954): Andreotti bat den Priester um einen Artikel für die erste Nummer der Zeitschrift <I>Concretezza</I>.

Die Tagebuchseite zum 13. November 1956, auf der Don Mazzolari von einem Gespräch mit Giulio Andreotti erzählt, bei dem er mit dem damaligen Minister auch über das Buch Anch’io voglio bene al Papa sprach; darunter, ein Brief Giulio Andreottis an Don Mazzolari (11. November 1954): Andreotti bat den Priester um einen Artikel für die erste Nummer der Zeitschrift Concretezza.

Heil und wiederwillige Mobilisierung
Der Pfarrer von Bozzolo arbeitete unermüdlich, und das Heilige Offizium schien das Interesse an seinen Schriften verloren zu haben.
In den Monaten des Waffenstillstands musste Don Primo seine Pfarrei sogar eine Zeitlang verlassen, weil er von den Faschisten gesucht wurde. Er nahm Kontakte zu den Leitern der zukünftigen Mailänder DC [christdemokratische Partei Italiens] auf und unterhielt Beziehungen zur Widerstandsbewegung.
Nach der Befreiung wurde er nie müde, jedem an ihn ergehenden Ruf nachzukommen. Es waren die Jahre des Wiederaufbaus und des Neuanfangs.
„Ich hoffe, dass mir der Kummer, den ich mir mit meinen Schriften und Aussagen selbst zugefügt habe, bei meinen Pfarrkindern Verzeihung eintragen möge für eine Nachlässigkeit, die nie in der Absicht und Gesinnung ihres Pfarrers lag. Nach Bozzolo zurückzukehren war für mich immer ein Nach-Hause-Kommen; und dort zu bleiben eine so immense Freude, dass mir der Abschied unglaublich schwerfällt.“ Als er 1954 diese Passage des Geistlichen Testaments schrieb, standen ihm all die arbeitsreichen Jahre unermüdlichen Schaffens vor Augen: die ersten politischen Wahlen des Jahres 1948, als er Italien bei der Wahlkampagne für die DC durchquerte, beseelt von dem Wunsch, sie möge wieder so werden „wie die, die wir in den glücklichen Jahren unserer Jugend kennen gelernt haben“; die Jahre der Anklagen und Verleumdungen, die oft vor allem aus dem eigenen Lager, von seinen engsten Mitarbeitern, kamen; die Jahre der Arbeit für Adesso, geprägt von den Zensuren des Heiligen Offiziums wegen des „Tons“, in dem er in den mit seinem Namen oder wenig verschleiernden Pseudonymen gezeichneten Artikeln die Themen behandelt hatte, die schon immer im Mittelpunkt seiner Predigten standen: die Kritik an sozialer Ungerechtigkeit; die Verteidigung der Armen, wie auch Kritik an der DC, die die Armen vergessen zu haben schien; die Förderung des Dialogs der Kirche mit den „Fernstehenden“ und den Kommunisten; die Appelle für die Bewahrung des Friedens und den Atomwaffenbann in der Zeit des Kalten Krieges; die Möglichkeit der Wehrdienstverweigerung.
„Oft hat mich gerade die Liebe verbockt und unerbittlich werden lassen,“ schreibt Don Primo im Testamento spirituale [Geistliches Testament]. „Manch einer mag geglaubt haben, dass die Vorliebe für die Armen und Fernstehenden für mich ein Herzensanliegen war: dass gewisse Stellungnahmen in nicht rein pastoralen Bereichen mir die Tür zu denen verschlossen haben, die solches Einschreiten aus irgendwelchen Gründen nicht wünschen. Keines meiner Pfarrkinder aber hat seinem Pfarrer sein Herz verschlossen. Einem Pfarrer, der zur Zielscheibe widersprüchlicher Anklagen wurde, nur weil es ihm wichtig war, zwischen dem Heil des Menschen und den Anliegen und Ideologien zu unterscheiden, die uns von Mal zu Mal von jenen Bewegungen eingetrichtert werden, die uns oft gegen unseren Willen mobil machen.“

Don Primo mit einem Großneffen. <BR>[© Fondazione Mazzolari]

Don Primo mit einem Großneffen.
[© Fondazione Mazzolari]

„Der Herr hält Wort“
So kam es, dass Don Primo an jenem 28. Januar 1959 Montini sein Herz ausschüttete und dieser die Beschlüsse der lombardischen Bischofskonferenz gegen Adesso prompt suspendierte. Der Erzbischof wusste, dass der Priester bald Papst Johannes XXIII. treffen würde und hoffte, dass diese Audienz gute Nachrichten bringen würde. Eine Vorahnung, die sich einige Tage später bewahrheiten sollte und das bestätigt, was Montini einige Jahre später als Papst zum Gedenken an Don Mazzolari sagte: „Sie haben gesagt, dass Wir Don Primo nicht gewogen waren. Das stimmt nicht: auch Wir haben ihn geliebt! Aber ihr wisst ja, wie es mit diesen Dingen ist. Er machte so große Schritte, dass Wir kaum mit ihm mithalten konnten...“
Am 5. Februar empfing Papst Roncalli Don Primo und bezog ihn in die – etwa 10 Tage zuvor angekündigten – Arbeiten des II. Vatikanischen Konzils mit ein, das sich viele der Intuitionen des Pfarrers aus der Po-Ebene zueigen machte. Don Primo verließ Rom, von der Begegnung mit dem Papst „über alle Maßen getröstet.“
„Und so werden die letzten Schritte leicht in der Gewissheit, dass der Herr auch seinem nutzlosesten und wenig großzügigen Diener gegenüber Wort hält,“ hatte er ein Jahr zuvor geschrieben.
Don Mazzolari starb am 12. April vor 50 Jahren. An einem Sonntag, seinem Lieblingstag; dem Tag, an dem er in der Pfarrei seine Messe feierte: „Wenn ich in der Sakristei bin, kann ich fühlen, dass meine spirituelle Vaterschaft in der Pfarrmesse ihren Höhepunkt und ihre Freude hat. Ergeben füge ich mich der Mühsal der kommenden Woche und warte auf den nächsten Sonntag: die Rückkehr.“


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