VATIKAN. Zu Wort kommt Kardinal Antonio Cañizares LIovera.
„Warum ich immer die Begegnung und den Dialog suche“
Interview mit dem neuen Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung: das Studium der Liturgie, die als Bischof gemachte Erfahrung, die Beziehung zur spanischen Regierung, das II. Vatikanische Konzil und die Aufhebung der Exkommunikation der Lefebvrianer.
Interview mit Kardinal Antonio Cañizares Llovera von Gianni Cardinale
Kardinal Antonio Cañizares Llovera aus dem
spanischen Valencia ist der neue Präfekt der Kongregation für den
Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Mit ihm stellt Spanien wieder
einen Dikasterienleiter in der Römischen Kurie. Kardinal
Cañizares Llovera, der im Oktober seinen 64. Geburtstag feiern kann,
ist ein fröhlicher und umgänglicher Mensch – obwohl er den
Ruf hat, mit ihm sei nicht zu spaßen. Er empfängt uns in
seinem Büro mit Blick auf den Petersplatz. Bevor er nach Rom kam, war
Cañizares Llovera Bischof von Avila, Granada und zuletzt von Toledo.
Er war auch Vizepräsident der spanischen Bischofskonferenz. Der
Umstand, dass er nun in der Ewigen Stadt lebt, hat seiner starken Bindung
an seine Heimat keinen Abbruch getan: nicht umsonst schreibt er auch
Artikel für die Madrider Tageszeitung La
Razón.
![Kardinal Cañizares Llovera beim eucharistischen Segen am Ende der Fronleichnamsprozession in Toledo.<BR> [© Agencia Efe]](/upload/articoli_immagini_interne/1238767579246.jpg)
Eminenz, am 9. Dezember ernannte Sie der Papst zum
Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die
Sakramentenordnung. Es wurde schon lange gemunkelt, dass Ihr Ruf nach Rom
nicht mehr lange auf sich warten lassen würde …
ANTONIO CAÑIZARES LLOVERA: Ja, das stimmt. Ich fühlte mich fast schon „verfolgt“: Bei jedem öffentlichen Auftritt fragten mich die Journalisten, und nicht nur sie, wann ich denn nun nach Rom gehen würde. Aber das waren alles Gerüchte – und das sind sie auch geblieben, bis der Papst mir am Ende der Audienz vom 20. November 2008 seinen Beschluss kundtat.
Die Ernennung wurde an dem Tag bekannt, an dem die Kirche auch der hl. Leocadia von Toledo gedenkt. Ein Zufall…?
CAÑIZARES LLOVERA: Nein, natürlich nicht: Es war ein Ehrerweis an dieses junge Mädchen, das im 4. Jahrhundert bei der schrecklichen Verfolgung unter Kaiser Diokletian das Martyrium erlitt. Sie ist auch die Patronin von Toledo. Es war schön für Toledo, dass die Ernennung genau an diesem Tag bekannt gegeben wurde: Sie war nämlich eine junge Zeugin des Gebets und der Liebe. Aber der 9. Dezember ist auch das Fest des hl. Juan Diego, dem Unsere Liebe Frau von Guadalupe erschien: Ein wichtiger Tag für ganz Lateinamerika und damit auch für Spanien!
Wie werden Sie Ihr neues Amt angehen? Haben Sie Liturgiewissenschaft studiert?
CAÑIZARES LLOVERA: Schon am Anfang meiner Priesterausbildung habe ich mich für die Liturgie begeistert. Vor meiner Doktorarbeit in Pastoraltheologie und katechetischer Theologie befasste ich mich mit den Lesungen des österlichen Triduums in der hispanischen Liturgie. Als Priester habe ich Liturgie und Katechese unterrichtet. Als Bischof, zuerst in Avila, dann in Granada und schließlich in Toledo, war es mir wichtig, dass die Eucharistiefeier überall in den mir vom Herrn anvertrauten Diözesen in aller Schlichtheit und Schönheit zelebriert werde, stets unter Achtung der von der Kirche festgesetzten Normen. Nicht umsonst ist die Messe Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens – wie uns das II. Vatikanische Konzil sagt – und darf daher auch nicht in unwürdiger Weise gefeiert werden. Die Eucharistie ist wirklich das Herz der Kirche, und folglich ist die Eucharistische Anbetung im Rahmen der liturgischen Feier, aber nicht nur dieser, ein entscheidendes Element im Leben unserer Gemeinschaften.
Ihre Priesterausbildung erfolgte in den Jahren des Übergangs von der Vor- zur Nachkonzilszeit...
CAÑIZARES LLOVERA: Ja, ich bin 1961, im Alter von 16 Jahren, ins Diözesanseminar von Valencia eingetreten. Von 1964 bis 1968 studierte ich an der Päpstlichen Universität Salamanca Theologie. 1970 empfing ich die Priesterweihe; im Jahr darauf machte ich meinen Doktor in Theologie mit Spezialisierung in Katechese.
Sie sind also der erste Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, der sofort im nachkonziliaren Novus Ordo zelebriert hat...
CAÑIZARES LLOVERA: Ja, das stimmt. Ich habe erst kürzlich, 2007, nach dem Messbuch von 1962 zelebriert, als ich in Gricigliano, nahe Florenz, zwei Priester vom Institut Cristo Re geweiht habe.
Welche Erinnerung haben Sie an diese Phase der Liturgie-Reform?
CAÑIZARES LLOVERA: Ich glaube, dass eine Vertiefung, eine Erneuerung der Liturgie notwendig war. Soweit ich das sehen konnte, ist das aber nicht ganz gelungen. Der erste Teil der Konstitution Sacrosanctum Concilium ist nicht wirklich bis zum Herzen des Christenvolkes vorgedrungen. Es gab eine Veränderung in den Formen, eine Reform, aber keine wirkliche Erneuerung, wie es dagegen von der Konstitution Sacrosanctum Concilium verlangt wird. Manche Änderungen hat man einfach nur aus dem Wunsch heraus vorgenommen, mit einer Vergangenheit zu brechen, die man als negativ und überholt betrachtete. Manchmal wurde die Reform als ein Bruch und nicht als eine organische Entwicklung der Tradition empfunden. Von dort rühren auch die Probleme, die von den Traditionalisten aufgeworfen wurden, die sich dem Ritus von 1962 verbunden fühlen.
Es handelte sich also um eine Reform, die die Vorgaben des Konzils in den Fakten nicht gänzlich respektiert hat?
CAÑIZARES LLOVERA: Ich würde eigentlich eher sagen, dass es eine Reform war, die vor allem als absolute Änderung empfunden wurde, so als müsste man einen Abgrund schaffen zwischen Vor- und Nachkonzilszeit, in einem Kontext, in dem der Begriff „vorkonziliar“ als etwas Beleidigendes empfunden wurde.
Und das ist ja auch heute oft noch so. Als Ihre Ernennung bekannt wurde, haben manche Ihren theologischen Werdegang als eine Entwicklung beschrieben, die von einer recht progressiven Einstellung ausgehend ins konservative Lager führte. Praktisch derselbe Werdegang, den man auch Papst Benedikt „vorwirft“. Erkennen Sie sich darin wieder?
CAÑIZARES LLOVERA: 1967, als ich gerade meine Priesterausbildung absolvierte, las ich einen Artikel des damaligen Professors Joseph Ratzinger über die Erneuerung der Kirche nach dem Konzil. Es war ein Artikel, der vor Fehlentwicklungen warnte, die bereits im Gange waren. Ich war vollkommen seiner Meinung. Das Konzil war für die Kirche ein Segen. Ich habe es nie als einen Bruch mit der Tradition empfunden, sondern als Bestätigung der Tradition, die man aktualisiert hat, um sie den Menschen unserer Zeit anbieten zu können. Was das betrifft, habe ich mich nicht geändert. Wer mich kennt, der .d.Red.]… das mag daher kommen, weil wir beide weiße Haare haben... Vielleicht ist dieser Spitzname entstanden, als ich – von 1985 bis 1992 – Sekretär der Bischofskommission für die Glaubenslehre war. Für mich war es natürlich immer eine große Ehre, mit Kardinal Ratzinger verglichen zu werden – und das ist es heute natürlich noch mehr. Aber eines muss klar sein: ich halte mich dessen absolut nicht für würdig: Non sum dignus!
![Der Altar <I>El transparente</I> (1730) des Bildhauers Narciso Tomé in der Kathedrale von Toledo, Spanien. [© Lessing Photo/Contrasto]](/upload/articoli_immagini_interne/1238767692277.jpg)
Wann haben Sie Joseph Ratzinger kennen gelernt?
CAÑIZARES LLOVERA: 1987, bei einer Versammlung der Präsidenten der europäischen bischöflichen Kommissionen für die Glaubenslehre. Diese Bekanntschaft konnte durch mein Mitwirken an der Abfassung des 1992 veröffentlichten Katechismus der Katholischen Kirche – und seiner Übersetzung ins Spanische – vertieft werden, und dann noch durch die Ernennung zum Mitglied der Kongregation für die Glaubenslehre.
Ein anderer, von den Medien herausgestellter Aspekt ist Ihre Einstellung zur spanischen Regierung. Man hat Sie als „eisernen Zapatero-Gegner“ definiert...
CAÑIZARES LLOVERA: Aber nein! Ich bin grundsätzlich niemandes „Gegner“. Das wäre gegen meine Natur. Und dann glaube ich auch sagen zu können, dass nur wenige Bischöfe eine engere Beziehung zur spanischen Regierung haben als ich. Das sieht man beispielsweise an den herzlichen Beziehungen zur sozialistischen Vizepräsidentin, María Teresa Fernández de la Vega, und zum Verantwortlichen der sozialistischen Regierung von Kastilien-La Mancha, wo sich Toledo befindet. Auch zu den sozialistischen Regierungen von Andalusien hatte ich, als ich noch Erzbischof von Granada war, immer gute Beziehungen. Ich bin auch mit vielen Vertretern der Volkspartei befreundet, und zwar schon seit der Zeit, als ich Priester in Valencia [Hochburg der Volkspartei, Anm.d.Red.] und dann Bischof von Avila war. Der Bürgermeister von Avila, Ángel Acebes, gehörte der Volkspartei an. Ich bin kein Mann der Opposition, der irgendwelchen Parteien „den Kampf ansagt“. Ich suche immer die Begegnung und den Dialog. Das hindert mich jedoch nicht daran, offen zu sagen, was mir mein Gewissen als Christ und meine Pflicht als Bischof der Kirche zu sagen gebieten.
Sie haben nicht selten Regierungsinitiativen kritisiert …
CAÑIZARES LLOVERA: Als Bischof habe ich eine besondere Verpflichtung den Gläubigen und den Spaniern gegenüber. Ich habe die Pflicht, die Rechte der Schwächsten zu verteidigen, des ungeborenen Lebens beispielsweise. Ich muss die Ehe, so wie sie vom Naturgesetz gewollt ist, verteidigen; die Religionsfreiheit; die Freiheit der Eltern, ihre Kinder auf der Grundlage ihrer Prinzipien zu erziehen; die Freiheit der Kirche. Sie sehen also: es geht darum, das Leben und die Familie mit allem Nachdruck zu bejahen, so wie es das Evangelium Jesu von uns verlangt. Zum Wohl der Menschen und der ganzen Gesellschaft. Wir wollen nichts aufzwingen. Wir wollen die Freiheit haben, vorschlagen zu dürfen. Wir lieben die Freiheit. Ohne Freiheit hat eine Gesellschaft keine Zukunft. Und heute besteht die Gefahr, dass diese Freiheit zunichte gemacht wird.
Inwiefern?
CAÑIZARES LLOVERA: Ohne Wahrheit und Vernunft ist keine Freiheit möglich. Die heutige Gefahr liegt darin, die Freiheit von der Wahrheit trennen zu wollen. In diesem Sinne kann es durchaus sein, dass einige von mir gemachte Äußerungen als Kritik an Regierungsmaßnahmen empfunden wurden. Aber zu diesen Fragen darf die Kirche nicht schweigen. Das wäre ein Verrat an Jesus. Wir sind seine Kirche und dürfen nicht gegen das verstoßen, was er gesagt hat, gegen die Gebote Gottes. Wir achten die eingesetzte staatliche Macht. Und daran, dass wir das müssen, gemahnen uns auch die Petrus- und die Paulusbriefe. Aber das heißt nicht, dass wir zu wichtigen Fragen, die den Glauben und die Moral betreffen, schweigen dürfen. Ich hoffe, mich klar ausgedrückt zu haben.
Es stimmt also nicht – wie ebenfalls geschrieben wurde –, dass man Sie nach Rom versetzt hat, um der spanischen Regierung einen Gefallen zu tun, der Ihre kritische Haltung ein Dorn im Auge war…
CAÑIZARES LLOVERA: Das sind Hirngespinste, die nichts mit der Realität zu tun haben. Nicht umsonst hat man dann ja auch das genaue Gegenteil geschrieben. Meine Versetzung nach Rom hat absolut nichts mit den Beziehungen zwischen Staat und Kirche in Spanien zu tun.
Sie sind auch Mitglied der Päpstlichen Kommission „Ecclesia Dei“. Wie beurteilen Sie das Motu Proprio Summorum Pontificum?
CAÑIZARES LLOVERA: Es wurde zwar nicht von allen wohlwollend aufgenommen, war aber eine Geste, mit der man einen außergewöhnlich „gesunden Menschenverstand“ in der Kirche unter Beweis gestellt hat. Man hat damit einen Ritus für gültig erklärt, der der lateinischen Kirche mehr als vier Jahrhunderte lang geistliche Nahrung war. Ich halte dieses Motu Proprio für eine große Gnade, die den Glauben von in der Kirche bereits organisch vorhandenen traditionalistischen Gruppen stärken wird und der Rückkehr der sogenannten Lefebvrianer hilfreich sein kann… Es wird allen eine Hilfe sein.
Sie hatten Kontakte zu den Lefebvrianern: Was halten Sie von der Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe und der dadurch entstandenen Polemik?
CAÑIZARES LLOVERA: Ich hatte keine Kontakte zu den so genannten „Lefebvrianern“. Meine Meinung zur Aufhebung der Exkommunikation ist einfach. Es war eine unentgeltliche Geste der Barmherzigkeit seitens des Heiligen Vaters. Eine Geste, mit der er ihre vollkommene Wiederaufnahme in die katholische Kirche erleichtern wollte. Natürlich wird das erst dann erfolgen können, wenn sie das gesamte Lehramt der Kirche anerkannt haben, einschließlich dessen, das vom II. Vatikanischen Konzil und den letzten Päpsten zum Ausdruck gebracht wurde. Aber wir müssen anerkennen, dass die Einheit untrennbar ist vom Kreuz .
Und was sagen Sie zu den Äußerungen, mit denen Bischof Williamson die Shoah geleugnet, bzw. in ihren Ausmaßen verharmlost hat?
CAÑIZARES LLOVERA: Das sind Faseleien, die der Papst und der Hl. Stuhl wiederholt und entschieden zurück gewiesen haben. Ich hoffe und bete, dass sie der Betroffene sobald wie möglich offiziell und unmissverständlich dementieren wird. Ich muss aber auch sagen, dass es kein schönes Schauspiel war, mit ansehen zu müssen, wie der Papst in dieser Angelegenheit behandelt wurde – auch von Personen innerhalb der Kirche. Zum Glück hat wenigstens die spanische Kirche ein schönes Kommuniqué der Solidarität mit unserem großen Papst Benedikt XVI. herausgegeben.
![Kardinal Cañizares Llovera und der spanische Ministerpräsident José Luis Zapatero (7. Januar 2009). [© Agencia Efe]](/upload/articoli_immagini_interne/1238767803277.jpg)
Kommen wir wieder auf die Liturgie zurück. In
Ihrer Eigenschaft als Erzbischof von Toledo haben Sie die Messe auch im
altspanischen mozarabischen Ritus gefeiert…
CAÑIZARES LLOVERA: In der Tat feiert man in der Kathedrale von Toledo jeden Tag die Messe und betet die Laudes in diesem alten Meßritus, der die tridentinische Reform „überlebt“ hat. Man darf auch nicht vergessen – was manche immer wieder tun –, dass das sogenannte Römische Messbuch Pius’ V. nicht alle vorherigen Riten abschafft. Es wurden nämlich jene Riten „gerettet“, die wenigstens 200 Jahre alt waren. Und der mozarabische Ritus – wie auch der des Dominikanerordens – war einer davon. Es gab also nach dem Konzil von Trient keine absolute Uniformität in der Liturgie der lateinischen Kirche.
Welche Aufgaben müssen Sie, außer den bereits erwähnten, in Ihrem neuen Amt erfüllen?
CAÑIZARES LLOVERA: Ich muss der ganzen Kirche helfen, den Hinweisen zu folgen, die das II. Vatikanische Konzil mit der Konstitution Sacrosanctum Concilium gegeben hat. Ich muss ihr helfen, das zu verstehen, was der Katechismus der Katholischen Kirche über die Liturgie sagt. Das zu beherzigen, was der Heilige Vater – als er noch Kardinal Joseph Ratzinger war – zu diesem Thema geschrieben hat, besonders in dem wunderschönen Buch Einleitung in den Geist der Liturgie. Zu beherzigen, wie der Heilige Vater – unterstützt vom Büro für die liturgischen Feiern unter Leitung von Msgr. Guido Marini – die Liturgie feiert. Die päpstlichen Hochämter waren schon immer vorbildlich für die gesamte katholische Welt – und sie sind es noch.
In einem Interview in Spanien haben Sie sich lobend über den Beschluss des Papstes geäußert, dass die Gläubigen die Eucharistie bei liturgischen Feiern unter seinem Vorsitz nur kniend und als Mundkommunion empfangen sollen. Sind hinsichtlich der universalen Disziplin der Kirche Änderungen in Sicht?
CAÑIZARES LLOVERA: Die derzeitige universale Disziplin der Kirche sieht bekanntlich für die Gläubigen die Mundkommunion vor. Es gibt jedoch ein Indult, das – auf Ansuchen der Episkopate – auch die Handkommunion erlaubt. Der Papst wollte dann, um die gebotene Ehrfurcht herauszustellen, mit der wir den Leib Christi empfangen sollen, dass die Gläubigen, die die Kommunion aus seinen Händen empfangen, das auf Knien tun. Das erschien mir als eine schöne und erbauliche Initiative des Bischofs von Rom. Die derzeitigen Normen zwingen jedoch niemanden dazu. Aber sie verbieten es auch nicht.
Sie kennen Italien und die Römische Kurie bereits?
CAÑIZARES LLOVERA: Ich kenne beides weniger als ich sollte. Aber ich hoffe, das schon bald nachholen zu können.
Welchen Eindruck hatten Sie in Spanien von der italienischen Kirche?
CAÑIZARES LLOVERA: Einen sehr guten. Die italienische Kirche war uns ein Vorbild. Und sie war es auch für mich persönlich. Es ist eine Kirche des Volkes, die mit Klarheit und Respekt zu sprechen versteht, und die gleichzeitig ein großes Hilfswerk für die bedürftigsten Glieder der italienischen Gesellschaft vorantreibt.
Sie haben Ihr Amt wenige Tage nach Ihrer Ernennung angetreten. Bevor Sie sich hier in Rom niedergelassen haben, sind Sie jedoch noch ein paar Mal nach Spanien gereist: Sie hatten Unterredungen mit dem spanischen König und Ministerpräsident Zapatero. Und Sie haben Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone auf seinem Besuch in Madrid Anfang Februar begleitet. Was fürchten und was hoffen Sie für Ihr Land?
CAÑIZARES LLOVERA: Ich fürchte, dass die laizistische und relativistische Strömung, die die Gesellschaft erfasst hat, weitergeht. Dass sie grundlegende Werte und Prinzipien in Mitleidenschaft zieht, auf die unsere Nation gegründet ist: Den katholischen Glauben, das Leben, die Familie, die Bildung. Ich hoffe und bete, dass die Kirche in der Lage ist, den Spaniern das wahre Antlitz Jesu zu zeigen; dass die Spanier Jesus ihr Herz öffnen oder wieder öffnen, denn Jesus hat für uns alle die Hoffnung eines neuen, schöneren und lebenswerten Lebens. Ich hoffe und bete, dass meine Mitbürger Jesus ihr Herz und ihren Verstand öffnen und nicht die christlichen Wurzeln abreißen, auf die unsere Geschichte und die Einheit unseres Landes gegründet sind.
Als Erzbischof von Granada konnten Sie aus nächster Nähe sehen, welchen Einfluss das arabisch-muslimische Erbe auf die Geschichte Spaniens hatte. Welches Bild haben Sie sich diesbezüglich gemacht?
CAÑIZARES LLOVERA: Die muslimische Herrschaft dauerte Jahrhunderte. Und das scheint lange her zu sein. Ich verheimliche Ihnen nicht, dass da auch eine gewisse Besorgnis mitschwingt; immerhin gibt es in der islamischen Welt heute den ein oder anderen, der unser Land wieder für den Islam gewinnen will. Den Umstand einmal festgehalten, dass wir Katholiken zu allen – Muslime eingeschlossen – gute Beziehungen haben wollen, können uns derartige Ansinnen, die nicht nur theoretisch zu sein scheinen, aber nicht erschüttern.
![Kardinal Cañizares Llovera in Audienz bei Benedikt XVI. am 30. Januar 2009. [© Osservatore Romano]](/upload/articoli_immagini_interne/1238767943886.jpg)
Fürchten Sie um die Einheit Ihres Landes?
CAÑIZARES LLOVERA: Die Einheit Spaniens ist ein moralisches und präpolitisches Gut, und sie ist wesentlicher Bestandteil unserer Identität. Es ist nicht nur eine politische Frage. Diese Einheit hat ihren Ursprung im dritten Konzil von Toledo des Jahres 589, als sich der König der Westgoten, Rekkared, zum wahren Glauben bekehrte, vom Arianismus abwandte und so die vollkommene Verschmelzung der lateinischen und der germanischen Komponente seiner Bevölkerung begünstigte. Kardinal Ratzinger erinnerte in einem Vortrag an ihn, bei dem er sagte, dass das Konzil von Toledo in gewisser Weise auch der Gründungsakt Europas gewesen sei. Daher bin ich auch der Meinung, dass die Einheit Spaniens ein nicht verhandelbares Gut ist.
Die Bischöfe aus den Regionen, die nach Unabhängigkeit streben, scheinen damit nicht ganz einverstanden zu sein…
CAÑIZARES LLOVERA: Die spanische Bischofskonferenz hat ein Dokument approbiert, in dem die Einheit des Landes als ein moralisches Gut betrachtet wird. Und getan hat sie das mit einer mehr als klaren Abstimmung.
Wie stehen Sie zur Seligsprechungscausa von Isabella von Kastilien?
CAÑIZARES LLOVERA: Isabella war eine tiefgläubige Frau, eine vorbildliche Gattin, eine Königin von bemerkenswertem apostolischen Eifer, eine große Christin. Sie gab Kolumbus erst dann die Erlaubnis, nach Übersee zu segeln, als er versprach, der Hauptzweck seiner Reise sei die Evangelisierung der eventuell von ihm entdeckten Gebiete. Ich glaube und hoffe, dass man sie schon bald zur Ehre der Altäre erheben wird. Ich gestehe, dass ich, als ich noch Erzbischof von Granada war, oft am Grab Isabellas in der Kathedrale gebetet habe – besonders dann, wenn ich vor schwierigen Problemen stand: Sie hat mich nie im Stich gelassen.
In einem Razón gewährten Interview haben Sie gesagt, La vita è bella von Roberto Benigni wäre der letzte Film gewesen, den Sie gesehen haben.
CAÑIZARES LLOVERA: Es ist ein wunderschöner Film, voller Leben und Hoffnung. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich ihn schon viermal gesehen habe. Und ich bin jedes Mal mehr gerührt. Das Leben ist wirklich schön, weil es ein Geschenk Gottes ist.
![Kardinal Cañizares Llovera beim eucharistischen Segen am Ende der Fronleichnamsprozession in Toledo.<BR> [© Agencia Efe]](/upload/articoli_immagini_interne/1238767579246.jpg)
Kardinal Cañizares Llovera beim eucharistischen Segen am Ende der Fronleichnamsprozession in Toledo.
[© Agencia Efe]
ANTONIO CAÑIZARES LLOVERA: Ja, das stimmt. Ich fühlte mich fast schon „verfolgt“: Bei jedem öffentlichen Auftritt fragten mich die Journalisten, und nicht nur sie, wann ich denn nun nach Rom gehen würde. Aber das waren alles Gerüchte – und das sind sie auch geblieben, bis der Papst mir am Ende der Audienz vom 20. November 2008 seinen Beschluss kundtat.
Die Ernennung wurde an dem Tag bekannt, an dem die Kirche auch der hl. Leocadia von Toledo gedenkt. Ein Zufall…?
CAÑIZARES LLOVERA: Nein, natürlich nicht: Es war ein Ehrerweis an dieses junge Mädchen, das im 4. Jahrhundert bei der schrecklichen Verfolgung unter Kaiser Diokletian das Martyrium erlitt. Sie ist auch die Patronin von Toledo. Es war schön für Toledo, dass die Ernennung genau an diesem Tag bekannt gegeben wurde: Sie war nämlich eine junge Zeugin des Gebets und der Liebe. Aber der 9. Dezember ist auch das Fest des hl. Juan Diego, dem Unsere Liebe Frau von Guadalupe erschien: Ein wichtiger Tag für ganz Lateinamerika und damit auch für Spanien!
Wie werden Sie Ihr neues Amt angehen? Haben Sie Liturgiewissenschaft studiert?
CAÑIZARES LLOVERA: Schon am Anfang meiner Priesterausbildung habe ich mich für die Liturgie begeistert. Vor meiner Doktorarbeit in Pastoraltheologie und katechetischer Theologie befasste ich mich mit den Lesungen des österlichen Triduums in der hispanischen Liturgie. Als Priester habe ich Liturgie und Katechese unterrichtet. Als Bischof, zuerst in Avila, dann in Granada und schließlich in Toledo, war es mir wichtig, dass die Eucharistiefeier überall in den mir vom Herrn anvertrauten Diözesen in aller Schlichtheit und Schönheit zelebriert werde, stets unter Achtung der von der Kirche festgesetzten Normen. Nicht umsonst ist die Messe Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens – wie uns das II. Vatikanische Konzil sagt – und darf daher auch nicht in unwürdiger Weise gefeiert werden. Die Eucharistie ist wirklich das Herz der Kirche, und folglich ist die Eucharistische Anbetung im Rahmen der liturgischen Feier, aber nicht nur dieser, ein entscheidendes Element im Leben unserer Gemeinschaften.
Ihre Priesterausbildung erfolgte in den Jahren des Übergangs von der Vor- zur Nachkonzilszeit...
CAÑIZARES LLOVERA: Ja, ich bin 1961, im Alter von 16 Jahren, ins Diözesanseminar von Valencia eingetreten. Von 1964 bis 1968 studierte ich an der Päpstlichen Universität Salamanca Theologie. 1970 empfing ich die Priesterweihe; im Jahr darauf machte ich meinen Doktor in Theologie mit Spezialisierung in Katechese.
Sie sind also der erste Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, der sofort im nachkonziliaren Novus Ordo zelebriert hat...
CAÑIZARES LLOVERA: Ja, das stimmt. Ich habe erst kürzlich, 2007, nach dem Messbuch von 1962 zelebriert, als ich in Gricigliano, nahe Florenz, zwei Priester vom Institut Cristo Re geweiht habe.
Welche Erinnerung haben Sie an diese Phase der Liturgie-Reform?
CAÑIZARES LLOVERA: Ich glaube, dass eine Vertiefung, eine Erneuerung der Liturgie notwendig war. Soweit ich das sehen konnte, ist das aber nicht ganz gelungen. Der erste Teil der Konstitution Sacrosanctum Concilium ist nicht wirklich bis zum Herzen des Christenvolkes vorgedrungen. Es gab eine Veränderung in den Formen, eine Reform, aber keine wirkliche Erneuerung, wie es dagegen von der Konstitution Sacrosanctum Concilium verlangt wird. Manche Änderungen hat man einfach nur aus dem Wunsch heraus vorgenommen, mit einer Vergangenheit zu brechen, die man als negativ und überholt betrachtete. Manchmal wurde die Reform als ein Bruch und nicht als eine organische Entwicklung der Tradition empfunden. Von dort rühren auch die Probleme, die von den Traditionalisten aufgeworfen wurden, die sich dem Ritus von 1962 verbunden fühlen.
Es handelte sich also um eine Reform, die die Vorgaben des Konzils in den Fakten nicht gänzlich respektiert hat?
CAÑIZARES LLOVERA: Ich würde eigentlich eher sagen, dass es eine Reform war, die vor allem als absolute Änderung empfunden wurde, so als müsste man einen Abgrund schaffen zwischen Vor- und Nachkonzilszeit, in einem Kontext, in dem der Begriff „vorkonziliar“ als etwas Beleidigendes empfunden wurde.
Und das ist ja auch heute oft noch so. Als Ihre Ernennung bekannt wurde, haben manche Ihren theologischen Werdegang als eine Entwicklung beschrieben, die von einer recht progressiven Einstellung ausgehend ins konservative Lager führte. Praktisch derselbe Werdegang, den man auch Papst Benedikt „vorwirft“. Erkennen Sie sich darin wieder?
CAÑIZARES LLOVERA: 1967, als ich gerade meine Priesterausbildung absolvierte, las ich einen Artikel des damaligen Professors Joseph Ratzinger über die Erneuerung der Kirche nach dem Konzil. Es war ein Artikel, der vor Fehlentwicklungen warnte, die bereits im Gange waren. Ich war vollkommen seiner Meinung. Das Konzil war für die Kirche ein Segen. Ich habe es nie als einen Bruch mit der Tradition empfunden, sondern als Bestätigung der Tradition, die man aktualisiert hat, um sie den Menschen unserer Zeit anbieten zu können. Was das betrifft, habe ich mich nicht geändert. Wer mich kennt, der .d.Red.]… das mag daher kommen, weil wir beide weiße Haare haben... Vielleicht ist dieser Spitzname entstanden, als ich – von 1985 bis 1992 – Sekretär der Bischofskommission für die Glaubenslehre war. Für mich war es natürlich immer eine große Ehre, mit Kardinal Ratzinger verglichen zu werden – und das ist es heute natürlich noch mehr. Aber eines muss klar sein: ich halte mich dessen absolut nicht für würdig: Non sum dignus!
![Der Altar <I>El transparente</I> (1730) des Bildhauers Narciso Tomé in der Kathedrale von Toledo, Spanien. [© Lessing Photo/Contrasto]](/upload/articoli_immagini_interne/1238767692277.jpg)
Der Altar El transparente (1730) des Bildhauers Narciso Tomé in der Kathedrale von Toledo, Spanien. [© Lessing Photo/Contrasto]
CAÑIZARES LLOVERA: 1987, bei einer Versammlung der Präsidenten der europäischen bischöflichen Kommissionen für die Glaubenslehre. Diese Bekanntschaft konnte durch mein Mitwirken an der Abfassung des 1992 veröffentlichten Katechismus der Katholischen Kirche – und seiner Übersetzung ins Spanische – vertieft werden, und dann noch durch die Ernennung zum Mitglied der Kongregation für die Glaubenslehre.
Ein anderer, von den Medien herausgestellter Aspekt ist Ihre Einstellung zur spanischen Regierung. Man hat Sie als „eisernen Zapatero-Gegner“ definiert...
CAÑIZARES LLOVERA: Aber nein! Ich bin grundsätzlich niemandes „Gegner“. Das wäre gegen meine Natur. Und dann glaube ich auch sagen zu können, dass nur wenige Bischöfe eine engere Beziehung zur spanischen Regierung haben als ich. Das sieht man beispielsweise an den herzlichen Beziehungen zur sozialistischen Vizepräsidentin, María Teresa Fernández de la Vega, und zum Verantwortlichen der sozialistischen Regierung von Kastilien-La Mancha, wo sich Toledo befindet. Auch zu den sozialistischen Regierungen von Andalusien hatte ich, als ich noch Erzbischof von Granada war, immer gute Beziehungen. Ich bin auch mit vielen Vertretern der Volkspartei befreundet, und zwar schon seit der Zeit, als ich Priester in Valencia [Hochburg der Volkspartei, Anm.d.Red.] und dann Bischof von Avila war. Der Bürgermeister von Avila, Ángel Acebes, gehörte der Volkspartei an. Ich bin kein Mann der Opposition, der irgendwelchen Parteien „den Kampf ansagt“. Ich suche immer die Begegnung und den Dialog. Das hindert mich jedoch nicht daran, offen zu sagen, was mir mein Gewissen als Christ und meine Pflicht als Bischof der Kirche zu sagen gebieten.
Sie haben nicht selten Regierungsinitiativen kritisiert …
CAÑIZARES LLOVERA: Als Bischof habe ich eine besondere Verpflichtung den Gläubigen und den Spaniern gegenüber. Ich habe die Pflicht, die Rechte der Schwächsten zu verteidigen, des ungeborenen Lebens beispielsweise. Ich muss die Ehe, so wie sie vom Naturgesetz gewollt ist, verteidigen; die Religionsfreiheit; die Freiheit der Eltern, ihre Kinder auf der Grundlage ihrer Prinzipien zu erziehen; die Freiheit der Kirche. Sie sehen also: es geht darum, das Leben und die Familie mit allem Nachdruck zu bejahen, so wie es das Evangelium Jesu von uns verlangt. Zum Wohl der Menschen und der ganzen Gesellschaft. Wir wollen nichts aufzwingen. Wir wollen die Freiheit haben, vorschlagen zu dürfen. Wir lieben die Freiheit. Ohne Freiheit hat eine Gesellschaft keine Zukunft. Und heute besteht die Gefahr, dass diese Freiheit zunichte gemacht wird.
Inwiefern?
CAÑIZARES LLOVERA: Ohne Wahrheit und Vernunft ist keine Freiheit möglich. Die heutige Gefahr liegt darin, die Freiheit von der Wahrheit trennen zu wollen. In diesem Sinne kann es durchaus sein, dass einige von mir gemachte Äußerungen als Kritik an Regierungsmaßnahmen empfunden wurden. Aber zu diesen Fragen darf die Kirche nicht schweigen. Das wäre ein Verrat an Jesus. Wir sind seine Kirche und dürfen nicht gegen das verstoßen, was er gesagt hat, gegen die Gebote Gottes. Wir achten die eingesetzte staatliche Macht. Und daran, dass wir das müssen, gemahnen uns auch die Petrus- und die Paulusbriefe. Aber das heißt nicht, dass wir zu wichtigen Fragen, die den Glauben und die Moral betreffen, schweigen dürfen. Ich hoffe, mich klar ausgedrückt zu haben.
Es stimmt also nicht – wie ebenfalls geschrieben wurde –, dass man Sie nach Rom versetzt hat, um der spanischen Regierung einen Gefallen zu tun, der Ihre kritische Haltung ein Dorn im Auge war…
CAÑIZARES LLOVERA: Das sind Hirngespinste, die nichts mit der Realität zu tun haben. Nicht umsonst hat man dann ja auch das genaue Gegenteil geschrieben. Meine Versetzung nach Rom hat absolut nichts mit den Beziehungen zwischen Staat und Kirche in Spanien zu tun.
Sie sind auch Mitglied der Päpstlichen Kommission „Ecclesia Dei“. Wie beurteilen Sie das Motu Proprio Summorum Pontificum?
CAÑIZARES LLOVERA: Es wurde zwar nicht von allen wohlwollend aufgenommen, war aber eine Geste, mit der man einen außergewöhnlich „gesunden Menschenverstand“ in der Kirche unter Beweis gestellt hat. Man hat damit einen Ritus für gültig erklärt, der der lateinischen Kirche mehr als vier Jahrhunderte lang geistliche Nahrung war. Ich halte dieses Motu Proprio für eine große Gnade, die den Glauben von in der Kirche bereits organisch vorhandenen traditionalistischen Gruppen stärken wird und der Rückkehr der sogenannten Lefebvrianer hilfreich sein kann… Es wird allen eine Hilfe sein.
Sie hatten Kontakte zu den Lefebvrianern: Was halten Sie von der Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe und der dadurch entstandenen Polemik?
CAÑIZARES LLOVERA: Ich hatte keine Kontakte zu den so genannten „Lefebvrianern“. Meine Meinung zur Aufhebung der Exkommunikation ist einfach. Es war eine unentgeltliche Geste der Barmherzigkeit seitens des Heiligen Vaters. Eine Geste, mit der er ihre vollkommene Wiederaufnahme in die katholische Kirche erleichtern wollte. Natürlich wird das erst dann erfolgen können, wenn sie das gesamte Lehramt der Kirche anerkannt haben, einschließlich dessen, das vom II. Vatikanischen Konzil und den letzten Päpsten zum Ausdruck gebracht wurde. Aber wir müssen anerkennen, dass die Einheit untrennbar ist vom Kreuz .
Und was sagen Sie zu den Äußerungen, mit denen Bischof Williamson die Shoah geleugnet, bzw. in ihren Ausmaßen verharmlost hat?
CAÑIZARES LLOVERA: Das sind Faseleien, die der Papst und der Hl. Stuhl wiederholt und entschieden zurück gewiesen haben. Ich hoffe und bete, dass sie der Betroffene sobald wie möglich offiziell und unmissverständlich dementieren wird. Ich muss aber auch sagen, dass es kein schönes Schauspiel war, mit ansehen zu müssen, wie der Papst in dieser Angelegenheit behandelt wurde – auch von Personen innerhalb der Kirche. Zum Glück hat wenigstens die spanische Kirche ein schönes Kommuniqué der Solidarität mit unserem großen Papst Benedikt XVI. herausgegeben.
![Kardinal Cañizares Llovera und der spanische Ministerpräsident José Luis Zapatero (7. Januar 2009). [© Agencia Efe]](/upload/articoli_immagini_interne/1238767803277.jpg)
Kardinal Cañizares Llovera und der spanische Ministerpräsident José Luis Zapatero (7. Januar 2009). [© Agencia Efe]
CAÑIZARES LLOVERA: In der Tat feiert man in der Kathedrale von Toledo jeden Tag die Messe und betet die Laudes in diesem alten Meßritus, der die tridentinische Reform „überlebt“ hat. Man darf auch nicht vergessen – was manche immer wieder tun –, dass das sogenannte Römische Messbuch Pius’ V. nicht alle vorherigen Riten abschafft. Es wurden nämlich jene Riten „gerettet“, die wenigstens 200 Jahre alt waren. Und der mozarabische Ritus – wie auch der des Dominikanerordens – war einer davon. Es gab also nach dem Konzil von Trient keine absolute Uniformität in der Liturgie der lateinischen Kirche.
Welche Aufgaben müssen Sie, außer den bereits erwähnten, in Ihrem neuen Amt erfüllen?
CAÑIZARES LLOVERA: Ich muss der ganzen Kirche helfen, den Hinweisen zu folgen, die das II. Vatikanische Konzil mit der Konstitution Sacrosanctum Concilium gegeben hat. Ich muss ihr helfen, das zu verstehen, was der Katechismus der Katholischen Kirche über die Liturgie sagt. Das zu beherzigen, was der Heilige Vater – als er noch Kardinal Joseph Ratzinger war – zu diesem Thema geschrieben hat, besonders in dem wunderschönen Buch Einleitung in den Geist der Liturgie. Zu beherzigen, wie der Heilige Vater – unterstützt vom Büro für die liturgischen Feiern unter Leitung von Msgr. Guido Marini – die Liturgie feiert. Die päpstlichen Hochämter waren schon immer vorbildlich für die gesamte katholische Welt – und sie sind es noch.
In einem Interview in Spanien haben Sie sich lobend über den Beschluss des Papstes geäußert, dass die Gläubigen die Eucharistie bei liturgischen Feiern unter seinem Vorsitz nur kniend und als Mundkommunion empfangen sollen. Sind hinsichtlich der universalen Disziplin der Kirche Änderungen in Sicht?
CAÑIZARES LLOVERA: Die derzeitige universale Disziplin der Kirche sieht bekanntlich für die Gläubigen die Mundkommunion vor. Es gibt jedoch ein Indult, das – auf Ansuchen der Episkopate – auch die Handkommunion erlaubt. Der Papst wollte dann, um die gebotene Ehrfurcht herauszustellen, mit der wir den Leib Christi empfangen sollen, dass die Gläubigen, die die Kommunion aus seinen Händen empfangen, das auf Knien tun. Das erschien mir als eine schöne und erbauliche Initiative des Bischofs von Rom. Die derzeitigen Normen zwingen jedoch niemanden dazu. Aber sie verbieten es auch nicht.
Sie kennen Italien und die Römische Kurie bereits?
CAÑIZARES LLOVERA: Ich kenne beides weniger als ich sollte. Aber ich hoffe, das schon bald nachholen zu können.
Welchen Eindruck hatten Sie in Spanien von der italienischen Kirche?
CAÑIZARES LLOVERA: Einen sehr guten. Die italienische Kirche war uns ein Vorbild. Und sie war es auch für mich persönlich. Es ist eine Kirche des Volkes, die mit Klarheit und Respekt zu sprechen versteht, und die gleichzeitig ein großes Hilfswerk für die bedürftigsten Glieder der italienischen Gesellschaft vorantreibt.
Sie haben Ihr Amt wenige Tage nach Ihrer Ernennung angetreten. Bevor Sie sich hier in Rom niedergelassen haben, sind Sie jedoch noch ein paar Mal nach Spanien gereist: Sie hatten Unterredungen mit dem spanischen König und Ministerpräsident Zapatero. Und Sie haben Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone auf seinem Besuch in Madrid Anfang Februar begleitet. Was fürchten und was hoffen Sie für Ihr Land?
CAÑIZARES LLOVERA: Ich fürchte, dass die laizistische und relativistische Strömung, die die Gesellschaft erfasst hat, weitergeht. Dass sie grundlegende Werte und Prinzipien in Mitleidenschaft zieht, auf die unsere Nation gegründet ist: Den katholischen Glauben, das Leben, die Familie, die Bildung. Ich hoffe und bete, dass die Kirche in der Lage ist, den Spaniern das wahre Antlitz Jesu zu zeigen; dass die Spanier Jesus ihr Herz öffnen oder wieder öffnen, denn Jesus hat für uns alle die Hoffnung eines neuen, schöneren und lebenswerten Lebens. Ich hoffe und bete, dass meine Mitbürger Jesus ihr Herz und ihren Verstand öffnen und nicht die christlichen Wurzeln abreißen, auf die unsere Geschichte und die Einheit unseres Landes gegründet sind.
Als Erzbischof von Granada konnten Sie aus nächster Nähe sehen, welchen Einfluss das arabisch-muslimische Erbe auf die Geschichte Spaniens hatte. Welches Bild haben Sie sich diesbezüglich gemacht?
CAÑIZARES LLOVERA: Die muslimische Herrschaft dauerte Jahrhunderte. Und das scheint lange her zu sein. Ich verheimliche Ihnen nicht, dass da auch eine gewisse Besorgnis mitschwingt; immerhin gibt es in der islamischen Welt heute den ein oder anderen, der unser Land wieder für den Islam gewinnen will. Den Umstand einmal festgehalten, dass wir Katholiken zu allen – Muslime eingeschlossen – gute Beziehungen haben wollen, können uns derartige Ansinnen, die nicht nur theoretisch zu sein scheinen, aber nicht erschüttern.
![Kardinal Cañizares Llovera in Audienz bei Benedikt XVI. am 30. Januar 2009. [© Osservatore Romano]](/upload/articoli_immagini_interne/1238767943886.jpg)
Kardinal Cañizares Llovera in Audienz bei Benedikt XVI. am 30. Januar 2009. [© Osservatore Romano]
CAÑIZARES LLOVERA: Die Einheit Spaniens ist ein moralisches und präpolitisches Gut, und sie ist wesentlicher Bestandteil unserer Identität. Es ist nicht nur eine politische Frage. Diese Einheit hat ihren Ursprung im dritten Konzil von Toledo des Jahres 589, als sich der König der Westgoten, Rekkared, zum wahren Glauben bekehrte, vom Arianismus abwandte und so die vollkommene Verschmelzung der lateinischen und der germanischen Komponente seiner Bevölkerung begünstigte. Kardinal Ratzinger erinnerte in einem Vortrag an ihn, bei dem er sagte, dass das Konzil von Toledo in gewisser Weise auch der Gründungsakt Europas gewesen sei. Daher bin ich auch der Meinung, dass die Einheit Spaniens ein nicht verhandelbares Gut ist.
Die Bischöfe aus den Regionen, die nach Unabhängigkeit streben, scheinen damit nicht ganz einverstanden zu sein…
CAÑIZARES LLOVERA: Die spanische Bischofskonferenz hat ein Dokument approbiert, in dem die Einheit des Landes als ein moralisches Gut betrachtet wird. Und getan hat sie das mit einer mehr als klaren Abstimmung.
Wie stehen Sie zur Seligsprechungscausa von Isabella von Kastilien?
CAÑIZARES LLOVERA: Isabella war eine tiefgläubige Frau, eine vorbildliche Gattin, eine Königin von bemerkenswertem apostolischen Eifer, eine große Christin. Sie gab Kolumbus erst dann die Erlaubnis, nach Übersee zu segeln, als er versprach, der Hauptzweck seiner Reise sei die Evangelisierung der eventuell von ihm entdeckten Gebiete. Ich glaube und hoffe, dass man sie schon bald zur Ehre der Altäre erheben wird. Ich gestehe, dass ich, als ich noch Erzbischof von Granada war, oft am Grab Isabellas in der Kathedrale gebetet habe – besonders dann, wenn ich vor schwierigen Problemen stand: Sie hat mich nie im Stich gelassen.
In einem Razón gewährten Interview haben Sie gesagt, La vita è bella von Roberto Benigni wäre der letzte Film gewesen, den Sie gesehen haben.
CAÑIZARES LLOVERA: Es ist ein wunderschöner Film, voller Leben und Hoffnung. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich ihn schon viermal gesehen habe. Und ich bin jedes Mal mehr gerührt. Das Leben ist wirklich schön, weil es ein Geschenk Gottes ist.