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LEKTÜRE
Aus Nr. 01/02 - 2009

Johannes, der Augenzeuge


Ein demütiger Fischer, der als junger Mann von Jesus von Nazaret angezogen wurde


Das Angelusgebet von Papst Benedikt XVI. von Sonntag, 4. Januar 2009


<I>Jesus begegnet den Aposteln am See von Tiberias</I>, Detail, Predella der <I>Maestà</I>, Duccio di Buoninsegna (1255 –ca.1318), 
Dommuseum, Siena.

Jesus begegnet den Aposteln am See von Tiberias, Detail, Predella der Maestà, Duccio di Buoninsegna (1255 –ca.1318), Dommuseum, Siena.

Liebe Brüder und Schwestern!
Die Liturgie legt uns heute dasselbe Evangelium zur Betrachtung vor, das am Weihnachtstag verkündet worden ist, nämlich den Prolog des hl. Johannes. Nach dem Rummel der vergangenen Tage mit dem für sie bezeichnenden Einkaufsstreß lädt uns die Kirche erneut ein, das Geheimnis der Geburt Christi zu betrachten, um noch besser dessen tiefe Bedeutung und Wichtigkeit für unser Leben zu erfassen. Es handelt sich um einen wundervollen Text, der eine schwindelerregende Synthese des gesamten christlichen Glaubens bietet. Er nimmt seinen Anfang in der Höhe: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh 1, 1). Und dann die unerhörte und vom Menschlichen her unfaßbare Neuheit: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1, 14a). Das ist kein rhetorisches Stilmittel, sondern eine erlebte Erfahrung! Johannes ist es, der davon berichtet, ein Augenzeuge: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1, 14b). Es ist dies nicht das gelehrte Wort eines Rabbiners oder Gesetzeslehrers, sondern das leidenschaftliche Zeugnis eines einfachen Fischers, der als junger Mann von Jesus von Nazaret angezogen worden war und in den drei Jahren gemeinsamen Lebens mit ihm und den anderen Aposteln dessen Liebe erfuhr – so sehr, daß er sich selbst als „den Jünger, den Jesus liebte,“ bezeichnete. Er sah ihn am Kreuz sterben und als Auferstandenen erscheinen und empfing schließlich gemeinsam mit den anderen seinen Geist. Aus dieser in seinem Herzen betrachteten Erfahrung ergab sich für Johannes eine innige Gewißheit: Jesus ist die fleischgewordene Weisheit Gottes, er ist sein ewiges Wort, das ein sterblicher Mensch geworden ist.
Für einen wahren Israeliten, der die Heilige Schrift kennt, stellt dies keinen Widersinn dar, im Gegenteil: es ist die Erfüllung des ganzen Alten Bundes: in Jesus Christus erfüllt sich das Geheimnis eines Gottes, der zu den Menschen als seinen Freunden spricht, der sich Mose im Gesetz, der sich den Weisen und den Propheten offenbart. Da die Jünger Jesus kannten, mit ihm waren, seine Verkündigung hörten und die Zeichen sahen, die er vollbrachte, haben sie erkannt, daß sich in ihm die ganze Schrift erfüllte. Wie später dann ein christlicher Schriftsteller sagen wird: „Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges Buch, und dieses eine Buch ist Christus, denn die ganze göttliche Schrift spricht von Christus, und die ganze göttliche Schrift geht in Christus in Erfüllung“ (Hugo von St. Viktor, De arca Noe, 2, 8). Jeder Mann und jede Frau verlangen danach, einen tiefen Sinn für ihr Dasein zu finden. Und dazu reichen die Bücher nicht aus, nicht einmal die Heilige Schrift. Das Kind von Betlehem offenbart und vermittelt uns das wahre „Antlitz“ des guten und treuen Gottes, der uns liebt und nicht einmal im Tode verläßt. „Niemand hat Gott je gesehen“, so endet der Prolog des Johannes. „Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1, 18).
Die Erste, die das Herz geöffnet und „das Wort, das Fleisch geworden ist“, betrachtet hat, war Maria, die Mutter Jesu. Ein einfaches Mädchen aus Galiläa ist so zum „Sitz der Weisheit“ geworden! Wie der Apostel Johannes ist ein jeder von uns dazu eingeladen, „sie zu sich zu nehmen“ (Joh 19, 27), um Jesus zutiefst zu kennen und dessen treue und unerschöpfliche Liebe zu erfahren. Das ist mein Wunsch für einen jeden von euch, liebe Brüder und Schwestern, zu Beginn dieses neuen Jahres.


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