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REISE IN DEN KATHOLIZISMUS...
Aus Nr. 01/02 - 2009

Wenn alles einfach wird wie ein Gebet


Paris, Lyon, Rennes, Ars. Eine Reise in den Katholizismus Frankreichs.


von Gianni Valente


Kinder bei der Christmette in Notre-Dame-Saint-Vincent (Lyon, 24. Dezember 2008). [© Ciric]

Kinder bei der Christmette in Notre-Dame-Saint-Vincent (Lyon, 24. Dezember 2008). [© Ciric]

Der eisige Wind nimmt selbst den abgehärtetsten Teenagern den Atem, die trotz der Kälte auf dem Platz vor Saint-Denis Skateboard fahren. Die letzten Touristen, die aus der Museums-Kathedrale mit den sterblichen Überresten des Königs von Frankreich kommen, packen sich in warme Schals, knöpfen ihre Mäntel zu bis unters Kinn und hasten eilig davon: Meine Damen und Herren, gleich wird geschlossen, die Besichtigungstour durch die Kirchenschiffe, die tausend Jahre Geschichte des christlichen Frankreich erzählen, ist zu Ende. Die Geschichte jener Zeit, als Dynastien göttlichen Rechts, eine nach der anderen, unter dem Schutz des hl. Denis das Königreich regierten. Er war es gewesen, der die Seele Dagoberts vor der Hölle gerettet hat. Und die Könige waren davon überzeugt, dass sie es Denis zu verdanken hatten, wenn sie selbst und ihre Familien bei guter Gesundheit blieben. Jahrhunderte lang haben sie die Abtei zu einem pulsierenden Zentrum des christlichen Abendlandes gemacht. Hier wurden sie geweiht, und hier wollten sie dereinst auch begraben sein. Pippin der Kurze hatte die Klosterschule Saint-Denis besucht. In Saint-Denis empfing der hl. Ludwig die Oriflamme, bevor er zu den Kreuzzügen auszog; dorthin brachte Jeanne d’Arc als ex voto die Waffen, mit denen es ihr gelungen war, Orléans zu befreien. Die Klosteranlage, die von Karl dem Großen und seinen Nachfolgern mit Privilegien überschüttet wurde, unterstand nicht dem Erzbischof von Paris. Die Ländereien des Klosters erstreckten sich so weit das Auge reicht, lockten Kaufleute, Bauern und Handwerker an. Heute stehen genau hier die hektischen Arbeiterviertel der Pariser banlieue. Jene, die im turbulenten 2005 nachts von brennenden Autowracks erhellt wurden. Damals, als man hier eine der schlimmsten sozialen Revolten austrug, die es in der letzten Zeit in einem westeuropäischen Land gegeben hat. In diesem Teil Frankreichs nördlich von Paris sind die Christen auch im eng statistischen Sinn eine Minderheit, wurden von den Immigranten und den Franzosen der Umma Mohammeds zahlenmäßig längt überrundet.
„Der Glaube,“ so läßt Charles Péguy Gott in seinem Mystère des Saints Innocents sagen „ist eine Kirche, eine im Boden Frankreichs verwurzelte Kathedrale... Aber ohne Hoffnung wäre all das nichts weiter als ein Friedhof.“ Die verlassene Kathedrale mutet an wie eine riesige Reliquie; bereit, mit der Last ihrer Geschichte in der Kälte der nun einbrechenden Nacht zu versinken. Doch auf einmal kommt Pierre, ein dunkelhäutiger junger Mann, geht zum Altar, murmelt, den Rosenkranz in der Hand, das Ave Maria. Auf Knien, genau wie die Statue eines Königs, die man im hinteren Teil des Kirchenschiffs erkennen kann. („Alle Kniefälle der Welt,“ läßt Péguy Gott sagen, „sind nichts verglichen mit dem schönen, rechten Niederknien eines freien Mannes… Als der hl. Ludwig auf den Steinfußboden der Sainte-Chapelle von Notre-Dame niedersank, war er ein Mann, der in die Knie geht, nicht ein zerlumpter Bettler, ein zitternder Sklave aus dem Orient“). Nach Pierre kommen noch andere: zehn, zwanzig, hundert. Stumme, hastig geschlagene Kreuzzeichen, vielleicht ein Gebet vor der Abendmesse, die von Pater Jean Baptiste, einem Vietnamesen, zelebriert wird. Viele sind illegale Einwanderer aus der Vorstadt. Und sie wurden von niemandem „angeheuert“. Sie kommen von allein. Individualität, die kein Mandat braucht.

Jesus mit drei Aposteln, Glasfenster 
der Kathedrale von Chartres. [© Ciric]

Jesus mit drei Aposteln, Glasfenster der Kathedrale von Chartres. [© Ciric]

Paris nach Lustiger
Man sagt, dass in Frankreich alles vorbei sein soll. Die Kirche befinde sich im Zersetzungszustand, das Christentum sei im Aussterben begriffen. Skeptische katholische Intellektuelle haben das schon geschrieben, bevor der Papst vergangenen September hierher kam. Und doch: Wenn man am Sonntag die Lazzaristen-Kirche betritt, wo die sterblichen Überreste des hl. Vinzenz von Paul ruhen, stehen dort Hunderte von Menschen Schlange, um die Kommunion zu empfangen. Viele steigen auch die Stufen empor, um vor dem Heiligen zu beten, der „viel Gutes getan hat“, wie die lateinische Inschrift auf dem Altarbogen besagt. Die nahegelegene Kapelle „Unserer Liebe Frau von der wunderbaren Medaille“, die von den Schwestern des hl. Vinzenz geleitet wird, ist wegen Restaurierungsarbeiten bis April geschlossen. Nach der Wiedereröffnung wird der stille Strom von Pilgern und Büßern wieder einsetzen, die die Bürgersteige der Rue du Bac bevölkern. Selbst in Saint-Ignace, in der Rue de Sèvres – Altar im Zentrum und darum herum gestellte Stühle, ganz im Einklang mit den nachkonziliaren stilistischen Klischees – stellen sich zu den Eucharistiefeiern der Jesuiten Hunderte von Gläubigen ein. „In Paris werden nach wie vor neue Pfarreien errichtet: mindestens zehn, intra moenia, in den letzten Jahren,“ erklärt uns William Jean, Pfarrer der Basilika Saint-Séverin im Quartier Latin, inmitten von Gäßchen und Touristen-Restaurants. Voller Genugtuung beschreibt er seine Kirche, von der man wirklich nicht sagen kann, dass sie nicht gut besucht ist: zur Sonntagsmesse mit barocker Kirchenmusik, mittlerem bis hohem intellektuellen Besucherniveau, stellen sich 1.500 Gläubige ein. Mindestens 50 seiner Pfarrmitglieder besuchen täglich die Messe. Und jeden Tag, von 5 Uhr morgens bis 19 Uhr, steht ein Priester zur Verfügung, der Beichte hört. „Es kommen immer Leute, alle Arten von Leuten, auch die sans-papiers, die in den nahe gelegenen Restaurants arbeiten.“ In Saint-Séverin machten sich die ersten Auswirkungen der vom Konzil gewollten Liturgie-Reform bemerkbar; die ersten Messen in französischer Sprache wurden hier ad experimentum schon 1954 zelebriert. In Saint-Séverin fanden auch die Pfarrmitglieder Aufnahme, die aus Saint-Nicolas „geflüchtet“ waren, als diese „Schwesterkirche“ 1977 (die beiden bildeten zusammen eine Pfarrei) manu militari von den Lefebvrianern übernommen wurde. Es kam zu Handgreiflichkeiten, der ein oder andere landete sogar im Krankenhaus. „Ich fürchtete, dass die Aufhebung des Exkommunikationsdekrets hier alte Wunden wieder aufreißen und die Kontraste wieder aufleben lassen könnte,“ berichtet uns Pfarrer William, „dabei haben viele Pfarrmitglieder die Beschlüsse des Papstes gut aufgenommen. Sie sagen mir, dass Dialog und Aussöhnung nun möglich sind.“ Die interessantesten Entwicklungen aber kann der Dominikaner Jean-Miguel Garrigues – ein weitblickender und alles andere als konformistischer Beobachter der kirchlichen Belange Frankreichs – in den großen Pfarreien der Arbeiterviertel und Peripheriegebieten voller Immigranten beobachten: „Da ist ein Volk, das einen sehr einfachen Glauben hat und sich nicht unbedingt am Pfarreileben beteiligen muss: diese Gläubigen besuchen die Wallfahrtsorte, verlieben sich in die französischen Heiligen, gehen in die Kirche, um zu beten, auch wenn sie dann vielleicht nicht an der Messe teilnehmen und nicht der Predigt lauschen, weil ihnen das zu kompliziert ist. Vielleicht hat die französische Kirche in den letzten Jahrzehnten, als die Tendenz in Richtung „erwachsenes Christentum“ ging, dieses „Christentum des Volkes“ geopfert. Aber heute haben die meisten dieser Leute die Erfahrung der Globalisierung gemacht. Sie sind sehr viele, werden immer mehr, und auch wenn sie die französische Staatsbürgerschaft haben, bewahren sie sich ihre Sensibilität. Und das wird mit der Zeit Folgen haben.“
Wie jeden Abend stehen die Armen von Paris vor der Pfarrei der Oratorianer, nahe Beaubourg, Schlange, um sich ihre Soupe Saint-Eustache abzuholen. Hunderte von Clochards und Gewohnheitstrinkern, aber nicht nur die. Auch junge Emigranten, alte Frauen, ganze Familien kommen hierher. Und mit der Krise – so sagen die freiwilligen Helfer – ist die Zahl der ausgegebenen Mahlzeiten deutlich mehr geworden. Schnee liegt in der Luft. Die Spitze des Eiffelturms ist in eine tief hängende Wolkendecke gehüllt. Auf der Seine fahren die Motorboote vorbei, die Salz 1238763058043">In der immensen, außergewöhnlichen Geschichte des christlichen Frankreich hat es viele Neuanfänge gegeben. Genau wie bei den Pardons, den Folklore-Festen der bretonischen Pfarreien, die bis vor ein paar Jahrzehnten, von Mai bis September, in den ländlichen Gebieten im Nordwesten Frankreichs gefeiert wurden. Ein Ereignis, das einmal im Jahr viele Menschen anzog: Leute vom Land und feine Herren, Matrosen und Hausfrauen, gebildetes und einfaches Volk. Man konnte in der nächstgelegenen Kapelle beim Priester die Beichte ablegen und einander die Unstimmigkeiten vergeben, die es gegeben haben mag, ja vielleicht auch den ein oder anderen Affront. Auch die bretonischen Diözesen hatten durch die Unterdrückung der christlichenTradition im Kielwasser der Französischen Revolution Schlagseite erlitten. Dann aber konnte die „Pfarrkultur“ in der Bretagne wieder stärker erblühen als zuvor. Hochkonjunktur hatte vor allem die Herz-Jesu- und die Herz-Mariä-Verehrung, mit ihrer den Sündern vorbehaltenen Güte und Barmherzigkeit, wie der heilige Bretone Ludwig Grignon de Montfort zu betonen pflegte. Bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts hatte sich viel getan: Worte und Werke; Initiativen in der Fastenzeit, um lau gewordene Herzen aufzurütteln; soziale Wochen, um den Kontakt zur breiten Masse der Bauern nicht zu verlieren. Es gab Marianische Tagungen und Segnungen des Meeres. Seminare, Kirchen und katholische Schulen wurden mit einem Elan ins Leben gerufen, der von dem Wunsch beseelt war, es diesem „stiefmütterlichen“ Staat heimzuzahlen, der mit dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat 1905 die Gelder für kirchliche Aktivitäten gestrichen und die Kirchengüter eingezogen hatte. Bis sich dann – es dauerte nur wenige Jahrzehnte – auf einmal alles in Luft aufzulösen schien. Dabei hatte man gerade in Frankreich früher als anderswo – schon in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen – erkennen müssen, dass die alten christlichen Länder Europas wieder Missionsland geworden waren. Bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren alle kirchlichen Initiativen, von Action catholique, Jeunesse ouvrière Chrétienne (JOC), bis hin zu den Arbeiterpriestern, von dem – zumindest in seiner anfänglichen Absicht großzügigen – Versuch geprägt, in einer Welt in Aufruhr Zeugnis abzulegen für Christus.
Heute zeigt sich der Kurs der großen Veränderung auch in der Bretagne in schwindelerregenden Zahlen. Die Regionen Léon und Quimper waren als Terre des prêtres bekannt, Land der Priester. Noch in den 1960er Jahren hatten die Diözesen der Bretagne mehr als tausend Priester, weitere tausend waren in ganz Frankreich und auf der ganzen Welt in den Missionsgebieten eingesetzt. Heute gibt es in der Bretagne insgesamt 307 Priester, die meisten davon sind über 60; auf eine Diözese kommen im Durchschnitt fünf Seminaristen. Wie in ganz Frankreich haben wir auch hier Pfarrei-Zusammenlegungen mit „Wanderpfarrern“, die ihre Zeit und Energie auf verschiedene Pfarrgemeinden aufteilen müssen.
Das Seminar Saint-Yves von Rennes ist für Rektor Gérard Le Stang ein Beobachtungsposten, von dem aus er sich über die alten und neuen Entwicklungen ein klares Bild machen kann. Was schiefgelaufen ist, wird von ihm weder banalisiert noch zensiert: die guten Absichten, die Schiffbruch erlitten haben; die Auswirkungen jener „kollektiven Amnesie“ („in einem gewissen Sinne bleibt sie ein Mysterium“), die nur wenige Jahre brauchte, um die alten bretonischen Slogans, die Feiz ha Breiz – Glaube und Bretagne – in einem Atemzug nannten, aufs Abstellgleis zu schieben. Aber er registriert auch nüchtern und ohne jeglichen Anflug von Siegessicherheit das, was unter den gegebenen Umständen fast unmerklich ins Rollen gekommen ist. Unvorhersehbare Geschehnisse, die gerade weil sie auf dürrem Boden erwachsen, deutlich ein unentgeltliches Aufkeimen zeigen. Er erzählt von den alten Priestern, „die mit dem etwas zu rationalen Motto ‚Sehen-Urteilen-Handeln‘ aufgewachsen waren, das typisch war für die Bewegungen der Katholischen Aktion, die sich in den 1970er Jahren als Vorreiter des Neuen verstanden. Und heute werden diese Priester vom einfachen Glauben der Immigranten verändert, die nun zu ihren Pfarreien gehören.“ Er erzählt von leeren Kapellen in Vierteln mit vorwiegend älteren Menschen, die plötzlich Katechismus-Kurse für Dutzende junger Erwachsener auf die Beine stellen müssen, die getauft werden wollen.“ Von „Tagen der Vergebung“, die sich in den Pfarreien immer mehr durchsetzen können, ganz nach dem Vorbild der alten Pardons, „nachdem man das Sakrament der Beichte lange Zeit fast vollkommen aus den Augen verloren hatte.“ Vor allem aber versucht er sich die Zukunft vorzustellen, wenn er sich die jungen Männer seines Seminars ansieht. Während die Legionen bretonischer Priester im vergangenen Jahrhundert zum Großteil aus Bauernfamilien kamen, sind die 34 Seminaristen von Saint-Yves ein Abbild der neuen, facettenreichen französischen Gesellschaft: da sind ehemalige Kommunisten; Mitglieder der neuen charismatischen Gemeinschaften; junge Menschen, die die traditionellen Wallfahrten zu den sieben Domen der Bretagne neu entdeckt und dadurch wieder zum Glauben gefunden haben; Haitianer und Vietnamesen, die in jenen Dörfern als Pfarrer tätig sein werden, die die französischen Missionare einst verließen, um nach Übersee zu gehen; junge Männer aus Familien, in denen die katholische Tradition hochgehalten wird und auch solche, deren Eltern geschieden sind oder die der Kirche schon lange den Rücken gekehrt haben und einen Sohn, der Priester ist, als Schande empfinden. „Viele von ihnen,“ merkt Rektor Le Stang an, „haben ein fast schon physisches Bedürfnis nach Einfachheit. Christ zu sein und sich als solcher zu bezeichnen ist schon ein Wunder, weiter muss man nichts tun. Sie fühlen sich instinktiv zu allem hingezogen, was mit der Kirche, mit der Befindlichkeit zu tun hat, die in der Apostelgeschichte beschrieben wird. Wenn sie an ihre Zukunft denken, sehen sie sich nicht als „umschwärmte“ Vorsteher von Superpfarreien. Sie wollen einfache Dinge tun: Gebet, Messe, Sakramente, den Glauben der Apostel lehren. Selbst als „Wanderpriester“ wollen sie nicht, dass sich ihr Engagement in einem vagen und fernen Humanismus erschöpft.“ Auch der Beschluss des Papstes, die Exkommunikation der Lefebvrianer-Bischöfe aufzuheben, der andernorts Überraschung und Polemiken auslöste, hat die jungen Männer, die sich in Rennes darauf vorbereiten, Priester zu werden, nicht sehr berührt. „Für sie ist der Wunsch des Papstes nach Einheit eine gute Sache,“ erzählt der Rektor. „In jedem Fall sehen sie es als Beendigung einer Angelegenheit, die der Vergangenheit angehört und sie nicht näher betrifft. Sie betrachten das II. Vatikanische Konzil nicht als zentrales Ereignis ihres christlichen Lebens. Sie sind in der Kirche nach dem Konzil großgeworden und betrachten die ganze Geschichte der Zeit davor nicht als etwas, wofür man sich schämen müsste....“ In der Küche des Refektoriums waschen Tanguy, Jean und die anderen jungen Männer, von denen Pater Gérard spricht, nach dem Mittagessen das Geschirr ab. Und dann geht es auch schon in die Pfarreien von Rennes, wie jeden Samstag.

Die Kirche Saint-Eustache beim Pariser Viertel Les Halles. [© Ciric]

Die Kirche Saint-Eustache beim Pariser Viertel Les Halles. [© Ciric]

Blendwerke, die sich verflüchtigen
1948 belief sich die Zahl der französischen Priester auf mehr als 42.000. 2007 waren es nicht einmal mehr 20.000, mit einem durchschnittlichen Alter von 60 Jahren. Während 1996 in ganz Frankreich die Seminaristen noch 1.050 waren, sind es heute nur noch 741. Die Zahl der Neuzugänge in den Seminaren hat im Jahr 2000, in einem Moment, in dem die Weltkirche gerade von der Welle der Euphorie des Heiligen Jahres erfasst wurde, einen Tiefststand erreicht (116); 2008 waren es 139. Im Jahr 2007 gab es in 50 französischen Diözesen keine einzige Priesterweihe, in 24 Diözesen gab es nur eine einzige.
Einige haben diese numerische décalage als Chance gesehen, der Kirche „ein neues Gesicht zu geben“. So lautet zumindest der Titel des Buches, in dem Erzbischof Albert Rouet und seine Mitarbeiter das „Modell Poitiers“ anpreisen. Bei diesem seit 12 Jahren in der Diözese des hl. Hilarius „erprobten“ Modell geht es um die „Organisation lokaler Gemeinschaften“, ist „eine starke Miteinbeziehung der Laien“ vorgesehen und wird „der Priester nicht länger als Organisator, sondern als Vertrauensperson betrachtet.“ Ein Arbeitsplan, der von der inzwischen allgemein geteilten Auffassung ausgeht, dass sich gerade im heutigen Frankreich die Maxime des Tertullian bewahrheitet, laut der „man nicht als Christ geboren wird, sondern ein solcher werden muss“, und der Glaube – wie Bischofsvikar Jean-Paul Russeil anmerkt – „kein selbstverständlicher Besitz, und kein Vorteil ist, den wir erworben haben.“ Aber diese Zurkenntnisnahme der Gegebenheiten sieht keinesfalls eine befreiende Simplifizierung, elastische und provisorische Lösungen in Zeiten der Not vor, sondern scheint angesichts der vielen neuen Zuständigkeiten, die das professionelle Team von Laiengläubigen zu bewältigen hat, die Dinge erst recht kompliziert zu machen: Pastoralteams und -räte, Wahl von Repräsentanten, bei denen das Leben der Christen als letzter Punkt auf der Liste erscheint, als etwas, für das Insider zuständig sind. Fragen der Methode, einer auf pastorale Methoden angewandten „Gentechnik“, bei der die hierarchisch-klerikale Nomenklatur von einer neuen weltlichen und demokratischen ersetzt werden soll. Ein Ansatz, der auch Kritik hervorruft: „Sie folgen bei ihrer Reaktion auf die Abnahme der Priesterberufungen rein rationalen und funktionalen Kriterien und laufen Gefahr, sich gegen die Hoffnung zu versündigen: Der Herr ist es, der die Kirche baut, nicht wir mit unseren Programmen,“ stellt Marc Aillet fest, der junge Bischof von Bayonne. In der Zwischenzeit scheint in Frankreich auch ein anderes Klischee zum Verschwinden verurteilt: jenes, Mitte der 1980er Jahre wieder aufgetauchte, das die einzig wirklich effiziente Antwort auf die Wüste der Entchristlichung in den neuen Bewegungen und neuen Gemeinschaften sah. „Kleine Inseln perfekter Kirche, um die herum das Christentum im Begriff ist, sich aufzulösen, von der Bildfläche zu verschwinden,“ bemerkt Gérard Le Stang knapp. Der Dominikaner Garrigues merkt an, dass die neuen Gemeinschaften „ein kleiner Teil der Kirche sind“. Er gibt auch zu, nicht viel übrig zu haben für die auch in den letzten Jahrzehnten „immer wieder laut werdenden Ankündigungen der militanten Avantgarde, dass bald ein neuer Frühling der Kirche anbrechen wird“. Ebenso wenig gefällt ihm eine gewisse Rhetorik der Neuevangelisierung, die auf „Sensationslust“ aus ist oder sich für die „Ausnutzung weltlicher Techniken der Druckausübung auf die Gläubigen“ hergegeben hat. Was soweit geht, zu erklären „dass gerade die vor dem Konzil übliche wenig elastische und traditionalistische Ausbildung die Protestler-Priester des 68er Jahres hervorgebracht hat und die Waage nun in die gegensätzliche Richtung ausschlägt, was zu neuen Konformismen anregt, in einer Atmosphäre, die mich an die groteske kirchliche Modenschau von Priestern und Kardinälen in Fellinis Film Roma erinnert.“ Selbst die Bischöfe, die für die neuen Gemeinschaften offen sind, dosieren ihre Sympathiebezeugungen mit Vorsicht: „In der Kirche ist Raum für jede Art von Charisma,“ sagt Msgr. Aillet. „Die Bewegungen und die neuen Gemeinschaften sind eine Übergangslösung, die den Pfarreien, wo das Volk Gottes üblicherweise zusammenkommt, helfen können. Guy-Marie Bagnard, Bischof von Belley-Ars, stimmt ihm zu: „Nicht, dass die Bewegungen nicht nützlich wären. Aber wenn heute in Frankreich all das verschwinden würde, was in den Pfarreien geschieht, würde auch das Christentum verschwinden.“

Das Pfarrhaus des Pfarrers von Ars. [© Danièlle Bouteaud/Sanctuaire d’Ars]

Das Pfarrhaus des Pfarrers von Ars. [© Danièlle Bouteaud/Sanctuaire d’Ars]

Hier muss man nichts erfinden
Ars ist eigentlich kein Ort für Massenveranstaltungen. Wenige Häuser eingebettet in eine beschauliche Dorflandschaft; die Karmelitinnen; das Kloster der Klarissen; die Straße, die um die Kirche des Pfarrers Jean-Marie Vianney verläuft, heiliger Schutzpatron der Pfarrer. Und das Kloster ist fast immer gut besucht. Man kommt allein hierher, in kleinen oder großen Gruppen. Ein kontinuierlicher und diskreter Besucherfluss. Fast eine halbe Million Pilger pro Jahr. „Jedes Jahr sind es ein bisschen mehr, darunter mehr als 8.000 Priester,“ weiß Pater Jean-Philippe Nault zu berichten, der junge Rektor des Heiligtums. Ein Zustrom, der besonders in der letzten Zeit größer geworden ist, nachdem Jean Maria Vianney Jahrzehnte lang in Vergessenheit geraten schien. In den 1980er Jahren konnte die „Société Jean-Marie Vianney“ ins Leben gerufen werden: Priester, die keine besondere Spiritualität haben wollen, außer der von ihrer Priesterweihe herrührenden, für das Seelenheil. Auch im Jubiläumsjahr zum 150. Todestag des Heiligen ist das „Programm“ immer noch dasselbe. Es kann zu jeder Zeit gebeichtet, die Messe gefeiert werden, jeder kann „sein Gewissen erleichtern, ein wenig Barmherzigkeit erfahren: von halb sieben Uhr morgens bis zum späten Abend.“ Bald wird eine Kapelle für die ständige Anbetung des Allerheiligsten eröffnet. Die Dorfbewohner haben darum gebeten. Vor zehn Jahren – gesteht Pater Nault – wäre das nicht vorstellbar gewesen.
Als Jean-Marie im Februar 1818 gekommen war, ließ die Kirche Frankreichs gerade die Trümmer der Französischen Revolution hinter sich. Die Pfarrei von Ars war eine Art Ödland. „Und er tat nichts anderes als das, was jeder Priester tut: Beten, Katechismus, Beichtehören, die Eucharistie feiern, den Kleinen und Armen helfen,“ sagt Bischof Bagnard. „In diesem kleinen Dorf in der Provinz, in das man ihn abgeschoben hatte, weil er zu wenig gebildet war,“ schreibt René Laurentin, „zog er Menschen aus dem ganzen Land an. Ohne es zu wollen, hat er ein Wallfahrtszentrum gegründet.“ Auch heute muss man nichts organisieren. Die Menschen kommen von allein. „Er ist ein armer Heiliger,“ betont Pater Nault, „und einem Armen zu begegnen, macht keine Angst. Wie der kleinen Therese. Wie Bernadette. Sie sagen uns: du bist arm, aber ich bin es noch mehr als du. Wir sind beide arm vor dem Herrn. Bete für mich, ich bete für dich.“
„Wenn der liebe Gott einen erbärmlicheren Priester als mich gefunden hätte,“ sagte der Pfarrer von Ars, „dann wären ihm all diese wunderbaren Dinge passiert“. Vielleicht hat die Welt, in Frankreich und anderswo, Sehnsucht nach einer solchen Kirche, die nicht Gesetze diktieren will, sich nicht über die schlechten Zeiten beklagt. Sondern einfach nur zulässt, dass sich am Horizont die Erwartung des Wunders abzeichnet. „Sie haben uns die Ohren vollgeredet, oh Königin der Apostel. Wir haben die Lust am Reden verloren. Wir haben keine anderen Altäre mehr als die Eurigen. Wir kennen nichts anderes als ein einfaches Gebet“ (Charles Péguy).


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