Gedanken zur Stille
Wenn in den ersten Lektionen christlicher Lehre von Kontemplation die Rede ist, wird herausgestellt, welche Faszination in dieser liegt. Aber auch denen, die dagegen auf Aktivität setzen – Wohltätigkeit, Krankenhäuser, usw. – wird ihr Wert nicht abgesprochen.
Giulio Andreotti

Freigiebigkeit, Schwesternkonvent der kontemplativen Augustiner-Chorfrauen, Basilika der Heiligen vier Gekrönten, 12. Jh., Rom.
Ich persönlich mache mir über dieses Thema keine großen Gedanken. Es gibt Leute, die es schaffen, sich von der Großstadthektik nicht anstecken zu lassen, und andere, für die Stille nur Langeweile bedeutet.
Wenn in den ersten Lektionen christlicher Lehre von Kontemplation die Rede ist, wird herausgestellt, welche Faszination in dieser liegt. Aber auch denen, die dagegen auf Aktivität setzen – Wohltätigkeit, Krankenhäuser, usw. – wird ihr Wert nicht abgesprochen.
Die Besuche, die ich dann und wann Sr. Paula, einer Karmelitin und Tochter eines ehemaligen Abgeordnetenkollegen, abstatte, hinterlassen immer einen tiefen Eindruck bei mir. Abgesehen von der Tatsache, dass diese Ordensschwester mindestens genauso gut wie ich – wenn nicht sogar besser – über das informiert ist, was in der Welt passiert, bauen mich diese Besuche immer sehr auf.
In Sachen Kontemplation ist zu sagen, dass Personen, die keine spirituelle Sicht haben, oft nur allzu leicht Urteile fällen, die ihr nicht gerecht werden. Und daran gibt es nicht viel zu rütteln.
Während also niemand Vorbehalte dagegen hat, einen jungen Mann in einem Salesianer-Institut zu sehen, werden rein kontemplative Berufungen nicht so leicht positiv beurteilt. Das Thema wird zwar oft besprochen, aber nur selten vertieft, ja nicht einmal in Kreisen, die in Religionsfragen kompetent sind.
Im Rom der Päpste (dessen Endphasen ich miterlebt habe) hatte man dagegen traditionsgemäß großen Respekt vor Personen, die zwar keine Glaubensgenossen waren, aber doch ein vorbildliches Leben führten. In der Geschichte Pius’ IX. gibt es viele Episoden, aus denen das mehr als ersichtlich ist. In Rom stieß man bei Analysen der gebräuchlichsten Sprichwörter häufig auf Ausdrücke wie „va’ a morire ammazzato“ [was soviel heißt wie ‚Du sollst durch Mörderhand sterben‘, und unserem ‚Geh zum Teufel‘ entspricht]. Das ist zwar nur ein Sprichwort, aber es stimmt, dass die Mordziffer in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts erschreckend hoch war. Zu den schlimmsten Handgreiflichkeiten kam es fast immer in den Wirtshäusern, der damals so gut wie einzigen „Freizeitbeschäftigung“ der Männer, bevor sie von der Arbeit zu ihren Familien nach Hause gingen.
Überdies ist auch die rechtliche Diskussion darüber noch offen, welche Rolle der „Alkoholfaktor“ bei gewissen Verbrechen gegen die Person spielt; ob er also ein erschwerender oder (und das ist die weniger vertretene These) mildernder Umstand ist bei der Bereitschaft, ein Verbrechen zu verüben. Hierher gehört auch das Thema Drogen, das immer größere Dimensionen anzunehmen scheint. Dass Betäubungsmittel sehr teuer sind, scheint ihrer Verbreitung nicht hinderlich zu sein, sondern proportional dazu sogar noch die Zunahme anderer krimineller Verhaltensweisen zu fördern. Und was soll man zu einem Problem sagen, das viele Studenten betrifft: dem Gebrauch von Sympamin (oder ähnlichem), besonders bei Prüfungsstress.
Pharmaka hatte man übrigens auch in der Politik immer schon schnell bei der Hand... Pillen, die dabei halfen, während der anstrengenden Wahlkampagnen wach und aktiv zu bleiben. Bei einem unserer Kollegen, der wegen seines Medikamentenmissbrauchs sehr jung gestorben ist, hat die Autopsie ergeben, dass er wahren Raubbau mit seiner Gesundheit getrieben hat. Eine der schwierigsten (und überdies sinnlosen) Fragen, die man sich stellen kann ist die, was diese Aufputschmittel dem Organismus antun. Bei einer an einem Kollegen, der Kettenraucher war, vorgenommenen Autopsie zeigte sich, dass seine Lungen vollkommen zersetzt waren.

Die Klause von Lecceto, Siena.
Aus Gründen nicht nur persönlicher Inkompetenz will ich es hier unterlassen, Vergleiche zwischen der neuen und der alten Zeit anzustellen. Statistiken sind hier wenig hilfreich; und das auch schon wegen ihrer (quantitativ und qualitativ) unweigerlichen Limits. Und wenn sich das allgemeine Empfinden und die Bräuche auch geändert haben – die Tendenz, alles erlaubt sein zu lassen, hat unweigerlich schwerwiegende Folgen. Ich zitiere oft das, was ich über die mit der Abnahme des …. Gebrauchs von Stoff in der Frauenmode einhergehenden Steigerung des sexuellen Reizes gelesen habe.
Ich will ja niemanden langweilen, aber hier muss ich doch wieder auf meine Tante Mariannina (Baujahr 1854) zurückkommen, bei der ich aufgewachsen bin. Sie trug nicht nur Hut und Schleier, sondern mindestens zwei oder drei Unterröcke, die ihr bis an die Knöchel reichten.
Im Urteil Vorsicht walten zu lassen entspringt oft mehr einer persönlichen Zurückhaltung als einer einfachen Beachtung der Regeln.
Globale Urteile sind nicht nur schwierig, sondern unmöglich.