Erst kommt die Realität, dann der Blick
Interview mit Regisseur Mario Monicelli, Vater der Komödie all’italiana: seine Filme und seine Freundschaft mit Roberto Rossellini und Alberto Sordi. Der neue Dokumentarfilm über einen Tag im römischen Stadtteil Monti, gleich neben dem Kolosseum.
Interview mit Mario Monicelli von Giovanni Ricciardi

Mario Monicelli in seiner römischen Wohnung in der Via dei Serpenti, im Stadtteil Monti.
„Das ist einer der Gründe, warum ich nun schon seit 25 Jahren in Monti lebe und wohl auch nicht mehr wegziehen werde. Dieser Stadtteil erinnert mich an das frühere Viareggio, meinen Geburtsort, der damals übrigens alles andere als unbedeutend war: es war ein Luftkurort, der vielleicht noch mehr Touristen anzog als die Hauptstadt.“
Monicelli hat sieben Stunden gedreht, aus dem Material dann einen Kurzfilm von 20 Minuten zusammengeschnitten, den „Rai Trade“ und die „L’Espresso“-Gruppe erworben haben. Vor ein paar Monaten war er unter einem einfachen und doch einprägsamen Titel als Beilage zur la Repubblica erhältlich: Gleich neben dem Kolosseum liegt Monti. Ein Titel, der erahnen lässt, dass nicht unweit der „Majestät des Kolosseums“ noch das Leben der einfachen Leute pulsiert, in all seiner Konkretheit: mit den Kartenpartien im Altenheim; der Comic-Hefte-Sammlung des Metzgers in der Via dei Serpenti; dem obligatorischen Klatsch und Tratsch beim Friseur; dem Osterfest der Ukrainer; dem schweren Schritt eines gebrechlichen Alten; den Werkstätten der Handwerker; den Landstreichern und jungen Müßiggängern; dem Kind, das sich erschreckt die Ohren zuhält, als die eigens zum Stadtfest angetretene Blaskapelle lautstark loslegt. Und da ist auch sie, die „Madonna deiMonti“ und ihr schönes Bild aus dem 13. Jahrhundert, das nun – gefolgt von einer stattlichen Menschenmenge – von der Bruderschaft Monti durch die Straßen getragen wird.
Auf unsere Frage, warum er Monti diesen Ehrerweis erbringen wollte, gibt sich der Meister bedeckt: „Dafür gibt es keinen Grund. Ich fühle mich hier einfach wohl. Die Leute kennen mich und grüßen mich. Am Vormittag kaufe ich in den Krämerläden ein, wo sich jeder kennt; wechsle ein paar Worte mit den Leuten hier, die schon seit vielen Jahren meine Wegbegleiter sind. Und irgendwann ist mir der Gedanke gekommen, von diesem Teil Roms zu erzählen, der eine Art Mittelding ist zwischen Vorstadt und Dorf. Ohne dabei allerdings auf die „große“ Geschichte einzugehen; die Suburra oder die geschichtsträchtigen Bögen aus ruhmreichen vergangenen Tagen. Ich wollte einfach nur einen ganz gewöhnlichen Tag zeigen, der in einem gewissen Sinn auch der meine ist.“
Und das ist Ihnen auch gelungen, fast schon mit dem Blick eines Kindes…
MARIO MONICELLI: Danke – auch wenn ich nicht sagen könnte, ob es wirklich der Blick eines Kindes ist... oder nicht vielmehr der eines Alten. Was gezeigt wird, sind – wie bereits gesagt – die Wege, die ich jeden Tag zurücklege. Ohne irgendeine besondere Absicht. Mehr als ein gezielter Blick sind es eigentlich die Dinge, die mir zufällig unter die Augen kommen.

Monicelli gedrehten Dokumentarfilm, Gleich neben dem Kolosseum liegt Monti.
MONICELLI: Auch beim Neorealismus haben sich die Dinge einfach so ergeben, ohne einen gezielten Plan.
Wie meinen Sie das?
MONICELLI: Als der Krieg zu Ende war, dachten meine Kollegen, die bereits mit den alten Regisseuren gearbeitet hatten und ich, dass die Tage des italienischen Kinos gezählt wären; dass uns der amerikanische Film den Gnadenstoß versetzt hätte. Wir glaubten, dass die alte Art und Weise des Filmemachens – die Filme, die in den Filmstudios entstanden waren – keine Überlebenschance hätte. Und dann kam Rossellini auf die glorreiche Idee, in Rom zu drehen, seine Schauspieler von der Straße zu holen und mit Berufsschauspielern spielen zu lassen. Das Ergebnis war Roma, città aperta [Rom, offene Stadt, 1945]: ein wahres Meisterwerk. Diesem Beispiel folgten wir dann alle – auch schon deshalb, weil wir gar nicht anders vorgehen konnten. Wir hatten keinerlei finanzielle Mittel. Ich muss auch sagen, dass wir Italiener die einzigen auf der Welt waren, die gelernt hatten, im Freien zu drehen, bei natürlichem Tageslicht.
Hatten Sie damals Kontakt zu Rossellini?
MONICELLI: Ja, natürlich. Ich war zwar noch sehr jung, aber ich kannte so gut wie alle. Und das war auch nicht schwer. Die „Filmwelt“ in Rom war damals eine Gruppe von nicht mehr als 100 Personen: Schauspieler, Regisseure, Assistenten, Drehbuchautoren, Kostümbildner, Schnittmeister. Wir trafen uns nachmittags immer in denselben Cafés, weil es in den Wohnungen keine Heizung gab und man sich zuhause zu Tode fror. Es war ein Ambiente, das ich schon seit meiner Ankunft in Rom im Jahr 1934 frequentierte. Damals begann ich meine Arbeit als Regieassistent. Germi, Rosi, Rossellini, De Sica und die anderen Schauspieler waren miteinander befreundet. Einige von ihnen kannte ich schon vor dem Krieg. Rivalitäten gab es nicht – zunächst einmal aus dem einfachen Grund, weil kein Geld da war; und dann später, weil uns diese „neue“ italienische Art des Filmemachens schon bald internationalen Ruhm einbrachte und man uns mit Arbeit nur so überhäufte. Das ließ keinen Raum für Konkurrenz.
Der Neorealismus war also entstanden, weil man aus der Not eine Tugend gemacht hatte...
MONICELLI: Es war, wie bereits gesagt, eine Art Wunder; und möglich geworden war es, weil uns wirklich keinerlei Mittel zur Verfügung standen. Es war ein Phänomen, das sich sofort durchsetzte – und das sicher auch, weil man zum ersten Mal nichts erfinden musste. Die Handlung waren alltägliche, aus dem Leben gegriffene Geschichten, die fast schon „live“ gedreht wurden. Und diese Handlungen hätten einfacher gar nicht sein können, hatten nichts zu tun mit dem üblichen, großangelegten Epos um Liebe und Seitensprung, wie wir es aus den amerikanischen Romanen und Filmen kannten. Unsere Geschichten waren schon da, waren Teil des Lebens und unserer jüngsten Vergangenheit, die uns allen noch deutlich vor Augen stand. Auch meine Filme, die in die Richtung der Komödie gingen und die breite Volksmasse ansprachen, entstanden im Klima des Neorealismus. Einer meiner ersten Filme, Totò cerca casa (1949) – Totò auf Wohnungssuche –, behandelte ein sehr aktuelles, dramatisches Thema, wie es die Themen des neorealistischen Kinos waren. Wenn dabei auch viel mit Ironie gearbeitet wurde. orm erscheinen, ein paar „Weisheiten“ von sich geben – und schon hatte man seinen Studienabschluss in der Tasche. Und das habe ich ausgenutzt.
Die Leidenschaft für die Geschichte ist Ihnen aber geblieben, man denke nur an Meisterwerke wie Die unglaublichen Abenteuer des hochwohllöblichen Ritters Branca Leone mit Vittorio Gassman in der Hauptrolle…
MONICELLI: Bei diesem Film haben wir uns sehr auf unsere Phantasie verlassen. Wir wollten einen Film über den Alltag der einfachen Leute vor dem Jahr 1000 drehen – und darüber gab es fast gar keine historischen Zeugnisse. Wir dachten uns also eine plausible Geschichte aus – und so entstand, mit dem gehörigen Schuss Ironie, dieser Film über eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Abenteurern und ihre Erlebnisse. Und da niemand mit Sicherheit sagen konnte, welche Sprache das einfache Volk damals gesprochen hat, erfanden wir diese Art „Phantasie“-Sprache, die einen Großteil des Erfolgs des Filmes ausmachte.

Die tolldreisten Streiche des Marchese del Grillo (1981) mit Alberto Sordi und Paolo Stoppa.
MONICELLI: Für den Marquis habe ich mich sehr gut dokumentiert. Und das allein schon deshalb, weil mir sofort klar wurde, dass man hier nicht viel erfinden musste: die Handlung und die einzelnen Themen waren schon durch die historischen Zeugnisse über seine Person gegeben, die stellvertretend war für eine ganze Epoche. Dieses von den Päpsten regierte Rom hatte meine Neugier geweckt. Ein Rom, das von einer „kurialen“ Aristokratie repräsentiert wurde – diesen etwas dekadenten Familien, die aber alle wenigstens einen römischen Papst gestellt hatten – und von der breiten Volksmasse. Eine Bourgeoisie im eigentlichen Sinne gab es nicht. Aber sie alle – von den feinen Herren bis zu den Ärmsten der Armen – waren auf den Papst konzentriert. Und nur wenige waren sich dessen bewusst, dass es in Frankreich eine Revolution gegeben hatte, der Same eines neuen Gedankengutes aufgegangen war. Eigentlich war dieses Rom gar nicht so viel anders als das, das wir 1934 kennen gelernt hatten. Ein Rom, das auch mit dem damaligen Mailand nichts zu tun hatte.
Welche Erinnerung haben Sie an diese Zeit?
MONICELLI: Die Erinnerung an eine Stadt mit 500.000 Einwohnern, in der man sich fast ausschließlich zu Fuß fortbewegte. Transportmittel waren Mangelware: es gab nur ein paar Straßenbahnen, und die wenigen Autos fuhren sozusagen „auf gut Glück“ durch die Stadt: es gab weder Ampeln noch Bodenmarkierungen oder Fahrspuren. Es war eine Stadt, auf die sich nach dem Sonnenuntergang die Dunkelheit senkte, und in der junge Burschen wie ich lautstark von einem Platz zum anderen zogen, sich einen Fußball zuspielend, der uns manchmal von den Polizisten weggenommen wurde, weil Fußballspielen auf der Straße verboten war. Und es war eine Stadt, in der die Parolen des Faschisten-Regimes nicht wirklich bis zum Volk durchdrangen: zwischen Mussolinis Traum vom Ruhm und der traurigen Realität eines Landes mit einer Analphabeten-Rate von 70% lagen Welten.
Dann kam der Krieg…
MONICELLI: Kurz nachdem ich Anfang 1943 eingezogen worden war, kamen wir nach Neapel. Von dort sollten wir nach Libyen verschifft werden. Die Schiffe wurden aber alle versenkt. Der Krieg befand sich bereits in der Endphase, und wir konnten nichts anderes tun als darauf zu warten, doch noch ausgeschickt zu werden. Dazu kam es aber zum Glück nicht mehr – und dann holte uns der 8. September ein.
Was taten Sie nach dem Waffenstillstand?
MONICELLI: Ich zog mir die Soldatenuniform aus, beschaffte mir Zivilkleidung und ging zu Fuß zurück nach Rom, wo sich ein Teil meiner Familie befand. Einige meiner Brüder waren in Kriegsgefangenschaft geraten, andere Familienmitglieder vermisst.
Welche Erinnerung haben Sie an die Monate der Nazi-Besatzung?
MONICELLI: Man brachte mich mit der sozialistischen Untergrund-Partei in Kontakt. Dann und wann erhielt ich einen Telefonanruf, in dem man mir mitteilte, dass ich irgendwo Flugblätter abholen und an eine bestimmten Adresse zustellen sollte. In Wahrheit wusste ich aber gar nicht so recht, was auf diesen Flugblättern stand. Aber so war das damals in Rom: der Widerstand war vor allem eine politische Sache.

Die Kirche Santa Maria ai Monti, am Ende der Via dei Serpenti.
MONICELLI: Das stimmt. Sordi war mehr als ein Christ: er war ein überzeugter, ja, ich würde sagen, „Vatikan-treuer“ Katholik. Er sprach nicht oft davon. Dass wir in politischen oder religiösen Fragen andere Auffassungen hatten, stand unserer jahrelangen, dauerhaften Freundschaft nie im Weg. Er galt als geizig... Dabei hat er wohltätigen Vereinen und Organisationen, die sich um Kinder oder Kranke kümmern, viel Geld gespendet. Ob er das vielleicht auch getan hat, um sich irgendjemandes Wohlwollen zu sichern, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass er in seinem Leben ein Vermögen verschenkt hat.
Gibt es einen Film, der Ihnen besonders am Herzen liegt?
MONICELLI: Ja, aber das ist keiner meiner Filme. Der Film, der einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hat und den ich auch meinen Mitarbeitern immer wieder gezeigt habe, wenn wir gerade einen Film drehten, ist Franziskus, der Gaukler Gottes von Rossellini. Ein einfacher, grundlegender Film, ja auch ein bisschen improvisiert, wie es die Dinge Rossellinis manchmal waren. Aber mehr als gelungen. Obwohl er sich seine Darsteller von der Straße holte und mit hochkarätigen Schauspielern wie Fabrizi spielen ließ. In diesem Film erzählt er die Geschichte dieser armen, einfachen Männer, die Franz von Assisi folgten, der Lehre Gottes, dem Gebet, und die dabei anderen Armen begegneten. Nicht mehr und nicht weniger. Und doch liegt in diesem Film eine zu Herzen gehende Demut, die mich schon immer beeindruckt hat.
Wie vielleicht auch in Ihrem letzten Kurzfilm – dort, wo Sie die Marienprozession darstellen?
MONICELLI: Das weiß ich nicht, und ich weiß auch nicht, ob dieses Rom – noch so voller Freundlichkeit und Menschlichkeit – wirklich das Rom von heute ist. Aber sehen Sie: Sie haben vorhin von einem Blick gesprochen. Das stimmt nicht ganz. Es ist keine Frage des Blickes: eine Prozession ist eine Prozession. Man muss nur wissen, wo sie vorbeikommt, sich an der richtigen Stelle – am Besten etwas erhöht, auf einem Balkon beispielsweise – platzieren, und einfach solange warten, bis sie da ist.