ZEUGNISSE.
Chronik der Verfolgung und des christlichen Lebens
Begegnung mit Emmanuel III. Delly, Patriarch der Chaldäer: „Im Irak sagen wir: ‚Unsere Heimat für uns, alles andere für den Herrn.‘ Was macht es schon, ob mein Nachbar Muslim oder Christ ist, Schiit oder Sunnit; das betrifft ihn, geht nur ihn und den Herrn etwas an. Was ich tun muss und woran ich arbeiten muss, ist die Treue zum Vaterland.“
Interview mit Emmanuel III. Delly, Patriarch der Chaldäer von Giovanni Cubeddu
Bevor er sich auf den Advent vorbereiten kann, musste
Emmanuel III. Delly noch viel reisen. Und dafür gab es etliche
Gründe: Die Bischofssynode, einige lang aufgeschobene Arzttermine,
Pastoralbesuche bei zahlreichen chaldäischen Gemeinschaften in Europa
und in den USA. Seit Dezember 2003, seit nunmehr fünf Jahren,
ist er Patriarch von Babylon der Chaldäer. Fünf Jahre, in
denen in seiner Heimat Krieg herrscht. Von Bagdad aus hat er das Leid des
irakischen Volkes miterlebt und Zeugnis dafür abgelegt. Darunter auch
die Christenverfolgung, die immer wieder dann einsetzt, wenn einschneidende
Dinge passieren (wie im Oktober, zur Zeit der Bischofssynode), die aber
auch dann weitergeht, wenn längst keine Schlagzeilen mehr zu machen
sind.
Und Schlagzeilen machen ist das Letzte, was der Patriarch mit seinen Stellungnahmen hier im Irak, wo der Krieg auch die Verfolgung gebracht hat, im Sinn hat. Emmanuel III. Delly, der von Papst Benedikt XVI. im November 2007 zum Kardinal kreiert wurde und selbst Iraker ist, legt als Hirte der größten christlichen Gemeinschaft des Landes jeden Tag sein Zeugnis ab. Und lässt uns hinter seinen vorsichtigen Formulierungen die ganze Realität (des Martyriums) dieses Landes erahnen.
![Patriarch Emmanuel III. Delly feiert die Liturgie in der Kirche der Jungfrau Maria (Bagdad). [© Associated Press/LaPresse]](/upload/articoli_immagini_interne/1230906859795.jpg)
Seligkeit, was hat die letzte Bischofssynode über
das Wort Gottes Gutes gebracht?
EMMANUEL III. DELLY: Im Irak gibt es keine Familie, die nicht ein Exemplar der Heiligen Schrift, das Wort des Herrn, zu Hause hat. Was können wir noch tun? Versuchen, dieses Wort zu leben, es in unserem Leben „Fleisch werden“ zu lassen, wie es die Muttergottes getan hat, als sie sich zu Elisabeth begab, um ihr zu dienen und ihr ihre schwesterliche Liebe zu zeigen. Wir können das Wort Gottes lesen. Es zu kennen, ist zwar nicht ausreichend, kann aber eine Hilfe sein. So könnten die Eltern wenigstens am Abend vor dem Zubettgehen das Evangelium aufschlagen und ihren Kindern das Wort des Herrn vorlesen, statt zwei, drei Stunden vor dem Fernseher zu verbringen. Dabei können auch die Kleinsten zuhören und das Wort Gottes so nach und nach im Alltag umsetzen. So geschieht es dann, dass uns der Herr segnet, seine Gnade schenkt, uns hilft und uns die Wege zeigt, die zum Guten führen.
In den Tagen, die Sie in Rom verbracht haben, kam es – vor allem in Mosul – wieder zu von Sekten ausgehenden Gewaltakten gegen Christen.
DELLY: Nicht nur gegen Christen... Die Nachrichten, die aus dem Irak kommen, sind für keinen Iraker positiv. Wenn man nicht genau weiß, woher das Böse kommt, die Ursachen sucht, aber nicht finden kann, ist man unweigerlich besorgt und niedergeschlagen. Das ist die Situation meiner Landsleute. Im Irak vergeht kein Tag, an dem nicht irgendetwas passiert. Und auch für mich geht die Sonne nie unter, ohne dass ich eine schlechte Nachricht gehört hätte oder mit einem Problem konfrontiert worden wäre, das mit dem Wohl des Irak zu tun hat, und nicht nur dem der Christen.
Es gibt nicht nur Mosul.
DELLY: Was den Christen von Mosul passiert ist, geschieht schon seit geraumer Zeit überall. Es hat hier nur einfach für mehr Aufsehen gesorgt. Viele Menschen haben – von Angst oder anderen, konkreteren Gründen getrieben – ihre Häuser verlassen... Sie haben gesehen, dass ihre Nachbarn in den Norden geflohen sind und sind ihnen gefolgt, haben die Stadt verlassen. Irgendetwas kann da nicht stimmen… Aber was? Schuld sind einige Personen, die nicht an Gott glauben, die keine Muslime und auch keine Christen sind und keinen anderen Glauben haben als ihre eigenen Interessen. Und die jeden bedrohen, der es zu etwas Wohlstand gebracht hat, die Leute zwingen, ihre Häuser zu verlassen und wegzugehen. Sie fahren mit ihren Autos durch die Straßen und schüchtern die Nachbarn dieser Vertriebenen ein: „Kauft diese Häuser nicht!“ rufen sie. „Die gehören uns – und zwar gratis!“ .
Und das hat die Christen eingeschüchtert, in die Flucht geschlagen?
DELLY: Die meisten irakischen Christen sind Menschen, die es im Schweiß ihres Angesichts zu etwas Wohlstand gebracht haben (und danken wir Gott, dass sie Arbeit haben…). Jetzt aber, vor allem nach den ersten Morden, haben es viele vorgezogen, der Heimat den Rücken zu kehren. Von wem wurden diese Morde begangen? Wir wissen es nicht. Ich klage niemanden an. Viele sagen, dass die ausländischen Mächte dafür verantwortlich sind, aber ich frage mich: „Wie können die Ausländer wissen, ob jemand wohlhabend ist, wo er wohnt, wenn sie nicht einen irakischen ‚Informanten‘ haben?“. Ich kann also auch meine irakischen Brüder und Schwestern nur dringend gemahnen, einander zu lieben!
Glauben Sie, dass Ihr Land in nächster Zukunft in der Lage sein wird, diese Probleme innenpolitisch zu lösen? Oder wird man immer eine Autorität brauchen, die von außen kommt?
DELLY: Die Situation ist alles andere als stabil, und deshalb kann man meiner Meinung nach auch nicht von „Innenpolitik“ sprechen. Da ist aber auch noch die Nächstenliebe, die Bruderliebe. Der Herr hat uns geboten, einander zu lieben: das ist unsere Politik, die Politik der Christen. Und ich kann sie nur daran gemahnen, einander zu lieben und einander zu vergeben, auch zum Wohl des Landes. Zunächst einmal dem Herrn treu zu sein, und dann den Brüdern und Schwestern anderer Herkunft, mit denen wir friedlich zusammenleben müssen. Das ist unsere Politik, eine andere Innen- oder Außenpolitik haben wir nicht. Jene, die hier versuchen, Unfrieden zu stiften, sind keine wahren Iraker – es sind Menschen, denen weder die Heimat noch der Wille des Herrn am Herzen liegen.
Was könnte eine organisierte christliche Minderheitspartei tun?
DELLY: Leider verfolgt jede Partei ihre Eigeninteressen und nicht das, was für die anderen das Beste ist. Und das gefällt mir nicht. Was wir dagegen brauchen ist eine Art „Partei der Heimattreuen“: Wir müssen uns von der Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern leiten lassen, an einem Strang ziehen, uns mit vereinten Kräften für all unsere irakischen Brüder und Schwestern einsetzen. Und wir müssen auch unsere Landsleute im Ausland dazu anregen, diese Politik zu praktizieren. Kurzum: Wir müssen alles in unserer Kraft Stehende tun für das Wohl unserer Nation.
![Gläubige in einer Kirche im Viertel Karrada, in Bagdad. [© Afp/Grazia Neri]](/upload/articoli_immagini_interne/1230907087889.jpg)
Sie haben gute Kontakte zu hochrangigen Politikern und
Religionsführern.
DELLY: Ich habe zuerst einmal an die politischen Verantwortlichen appelliert, die eine wirkliche Veränderung in unserem Land bewirken können. Angefangen beim Staats- und Sie haben den Schiiten Ali al-Sistani erwähnt. Der Iran kann für eine friedliche Stabilisierung des Irak sehr wichtig sein...
DELLY: Ich spreche mit allen Leaders, unabhängig davon, ob sie nun Schiiten oder Sunniten sind. Mein Beweggrund ist die Liebe zu meiner irakischen Heimat und unseren irakischen Brüdern und Schwestern. Und das ist meiner Meinung nach auch der Grund dafür, dass mich alle respektieren und mir vorurteilslos begegnen; dass sie zu mir kommen, um mir Ratschläge zu geben oder sich solche von mir zu holen. Sie wissen, dass ich für nichts und niemanden Partei ergreife. Im Irak pflegt man zu sagen: „Unsere Heimat für uns, den Rest für den Herrn.“ Es ist nicht wichtig, ob mein Nachbar Muslim oder Christ ist, Schiit oder Sunnit; das betrifft ihn, ist eine Sache zwischen ihm und dem Herrn. Was ich hingegen tun muss und wofür ich mich einsetzen muss, ist der Schutz meiner Heimat.
Welche Beziehungen haben Sie zur irakischen Diaspora und zu den Christen, die fortgegangen sind?
DELLY: Natürlich würde ich es gerne sehen, wenn die Christen in der Diaspora in ihre Heimat zurückkämen. Wenn sie das aber nicht können, wenn die Diaspora für sie zur zweiten Heimat geworden ist, mögen sie bleiben, wo sie sind. Zum Wohl des Landes, in dem sie sich jetzt befinden, und auch zum Wohl ihrer Heimat. …Aber eigentlich hätte ich es schon gerne, dass sie zurückkommen… Wir wollen nicht, dass der Orient seine Christen verliert, dieser Orient, den der Herr so sehr geliebt hat. Der Herr hat hier gelebt, und wir wollen nicht, dass gerade dieses Land seine Christen verliert, nur weil da irgendjemand ist, der sie vertreiben will.
Hat man noch immer vor, die Christen aus Sicherheitsgründen in „Freizonen“ des Landes umzusiedeln?
DELLY: Soweit ich weiß, wollen alle – angefangen beim Staats- und beim Ministerpräsidenten –, dass die Christen im Land bleiben, weil sie eine Stütze des Irak sind. Die Statistiken besagen, dass die Christen nur drei oder vier Prozent der Bevölkerung ausmachen, aber das stimmt nicht... Sie haben ein sehr viel größeres Gewicht, weil auch die Qualität zählt. Und unsere irakischen Christen sind gebildet, haben den Wunsch, Gutes zu tun, kennen die Welt weit über die Landesgrenzen hinaus. Diese „drei oder vier Prozent“ repräsentieren also in Wahrheit keine Minderheit – und das auch schon allein deshalb, weil sie bereits vor dem Islam im Irak waren. Sie sind also echte Kinder dieses Landes, keine Einwanderer.
Was bedeuten fünf Jahre Krieg und Verfolgung für einen Patriarchen?
DELLY: Darüber dürfen wir uns nicht wundern. Es ist etwas Natürliches. Unser Herr hat drei Jahre damit zugebracht, seinen Landsleuten Gutes zu tun, ihnen Brot zu geben, ihre Kranken zu heilen. Und obwohl sie ihm am Palmsonntag noch „Hosanna! Hosanna!“ zugerufen haben, waren sie sich am Karfreitag schon einig, dass er gekreuzigt werden müsse. So ist das Leben! Die Menschen vergessen schnell: Wir dagegen müssen immer Gutes tun, es unserem Herrn gleichtun, in die Fussstapfen treten, die er auf seinem Weg hinterlassen hat. So wie er zum Kalvarienberg hinaufgestiegen ist, alles über sich ergehen ließ, dann aber auferstanden ist, müssen auch wir diesen Weg des Leidens, der Kritik, der Misshandlungen gehen. Doch dann haben wir auch die Gewissheit, dass uns am Ende die Auferstehung und der Sieg sicher sind!
Amerika hat eine neue Regierung. Wollen Sie dazu einen Kommentar abgeben?
DELLY: Nein, das geht mich nichts an… Was mich dagegen freut ist, dass unsere Christen wirklich standhaft sind im Glauben, trotz der Schwierigkeiten, mit denen sie heute konfrontiert werden.
![Bagdad, 31. Oktober 2008: Eine Kundgebung der Solidarität mit der christlichen Gemeinschaft von Mosul, die in den letzten Wochen wieder einmal zur Zielscheibe tragischer Gewaltakte wurde. [© Associated Press/LaPresse]](/upload/articoli_immagini_interne/1230907183108.jpg)
Können Sie uns mehr dazu erzählen?
DELLY: Ich kann Ihnen nur sagen, dass unsere Christen wirklich fromm, überaus gläubig sind, ihre religiösen Pflichten kennen, trotz der Schwierigkeiten, trotz der Angst. Jeden Sonntag bringen sie ihre Kinder zur Messe, und das ist etwas Gutes. Es stimmt: Die Situation ist nicht einfach, manchmal werden sogar die Schulen bedroht. Viele schicken ihre Kinder nicht mehr dorthin, weil sie Angst haben, sie könnten entführt oder umgebracht werden.
Die Gruppen, die Gewaltakte auf Christen verüben, sind also weiter aktiv?
DELLY: Wir haben es hier mit Fanatikern zu tun, die nur in ihrem eigenen Interesse handeln… Wenn die Regierung Wind davon bekommt, hören sie auf. Unsere Regierung ist unabhängig. Obwohl sie schiitisch ist, versucht sie, auch für die Christen etwas zu tun, will deren Respekt und Lob, nicht ihr Misstrauen. Wie bereits gesagt, hat es noch nie ein Dekret gegeben, das gegen die Christen als solche gerichtet gewesen wäre. Die Schiiten verteidigen die Christen. Sie sagen, dass man ihnen helfen, ihnen Arbeit geben muss, weil sie Teil des Irak sind und der Irak nicht ohne Christen leben kann.
Aber leider gibt es auch solche, die nur ihre eigenen Interessen sehen, gewisse muslimische Kreise…
Die irakische Verfassung gründet auf der sharia, auf dem islamischen Recht.
DELLY: Aber nicht alle sind mit dem Verfassungstext einverstanden. Und das gilt auch für die Muslime.
Könnte es eine Verfassungsreform geben?
DELLY: In Sachen Verfassung gibt es noch viele offene Fragen: die fehlende Religionsfreiheit beispielsweise. Die Verfassung basiert auf dem Koran, dem kein Gesetz widersprechen kann, die Gesetzesquellen dagegen könnten viele sein, weil es noch andere Religionen gibt. Wenn das unser einziges Problem wäre…
Wer weiß, wie viele „gute Ratschläge“ Sie zur Lösung dieser Probleme wohl schon erhalten haben – und wohl nicht immer ganz uneigennützig...
DELLY: In meiner Seminaristenzeit in Rom hatte ich einen Professor, der mir erklärt hat, was Philosophie ist: „Es ist die Wissenschaft, mit der oder ohne die der Mensch genau das bleibt, was er ist.“
Und Schlagzeilen machen ist das Letzte, was der Patriarch mit seinen Stellungnahmen hier im Irak, wo der Krieg auch die Verfolgung gebracht hat, im Sinn hat. Emmanuel III. Delly, der von Papst Benedikt XVI. im November 2007 zum Kardinal kreiert wurde und selbst Iraker ist, legt als Hirte der größten christlichen Gemeinschaft des Landes jeden Tag sein Zeugnis ab. Und lässt uns hinter seinen vorsichtigen Formulierungen die ganze Realität (des Martyriums) dieses Landes erahnen.
![Patriarch Emmanuel III. Delly feiert die Liturgie in der Kirche der Jungfrau Maria (Bagdad). [© Associated Press/LaPresse]](/upload/articoli_immagini_interne/1230906859795.jpg)
Patriarch Emmanuel III. Delly feiert die Liturgie in der Kirche der Jungfrau Maria (Bagdad). [© Associated Press/LaPresse]
EMMANUEL III. DELLY: Im Irak gibt es keine Familie, die nicht ein Exemplar der Heiligen Schrift, das Wort des Herrn, zu Hause hat. Was können wir noch tun? Versuchen, dieses Wort zu leben, es in unserem Leben „Fleisch werden“ zu lassen, wie es die Muttergottes getan hat, als sie sich zu Elisabeth begab, um ihr zu dienen und ihr ihre schwesterliche Liebe zu zeigen. Wir können das Wort Gottes lesen. Es zu kennen, ist zwar nicht ausreichend, kann aber eine Hilfe sein. So könnten die Eltern wenigstens am Abend vor dem Zubettgehen das Evangelium aufschlagen und ihren Kindern das Wort des Herrn vorlesen, statt zwei, drei Stunden vor dem Fernseher zu verbringen. Dabei können auch die Kleinsten zuhören und das Wort Gottes so nach und nach im Alltag umsetzen. So geschieht es dann, dass uns der Herr segnet, seine Gnade schenkt, uns hilft und uns die Wege zeigt, die zum Guten führen.
In den Tagen, die Sie in Rom verbracht haben, kam es – vor allem in Mosul – wieder zu von Sekten ausgehenden Gewaltakten gegen Christen.
DELLY: Nicht nur gegen Christen... Die Nachrichten, die aus dem Irak kommen, sind für keinen Iraker positiv. Wenn man nicht genau weiß, woher das Böse kommt, die Ursachen sucht, aber nicht finden kann, ist man unweigerlich besorgt und niedergeschlagen. Das ist die Situation meiner Landsleute. Im Irak vergeht kein Tag, an dem nicht irgendetwas passiert. Und auch für mich geht die Sonne nie unter, ohne dass ich eine schlechte Nachricht gehört hätte oder mit einem Problem konfrontiert worden wäre, das mit dem Wohl des Irak zu tun hat, und nicht nur dem der Christen.
Es gibt nicht nur Mosul.
DELLY: Was den Christen von Mosul passiert ist, geschieht schon seit geraumer Zeit überall. Es hat hier nur einfach für mehr Aufsehen gesorgt. Viele Menschen haben – von Angst oder anderen, konkreteren Gründen getrieben – ihre Häuser verlassen... Sie haben gesehen, dass ihre Nachbarn in den Norden geflohen sind und sind ihnen gefolgt, haben die Stadt verlassen. Irgendetwas kann da nicht stimmen… Aber was? Schuld sind einige Personen, die nicht an Gott glauben, die keine Muslime und auch keine Christen sind und keinen anderen Glauben haben als ihre eigenen Interessen. Und die jeden bedrohen, der es zu etwas Wohlstand gebracht hat, die Leute zwingen, ihre Häuser zu verlassen und wegzugehen. Sie fahren mit ihren Autos durch die Straßen und schüchtern die Nachbarn dieser Vertriebenen ein: „Kauft diese Häuser nicht!“ rufen sie. „Die gehören uns – und zwar gratis!“ .
Und das hat die Christen eingeschüchtert, in die Flucht geschlagen?
DELLY: Die meisten irakischen Christen sind Menschen, die es im Schweiß ihres Angesichts zu etwas Wohlstand gebracht haben (und danken wir Gott, dass sie Arbeit haben…). Jetzt aber, vor allem nach den ersten Morden, haben es viele vorgezogen, der Heimat den Rücken zu kehren. Von wem wurden diese Morde begangen? Wir wissen es nicht. Ich klage niemanden an. Viele sagen, dass die ausländischen Mächte dafür verantwortlich sind, aber ich frage mich: „Wie können die Ausländer wissen, ob jemand wohlhabend ist, wo er wohnt, wenn sie nicht einen irakischen ‚Informanten‘ haben?“. Ich kann also auch meine irakischen Brüder und Schwestern nur dringend gemahnen, einander zu lieben!
Glauben Sie, dass Ihr Land in nächster Zukunft in der Lage sein wird, diese Probleme innenpolitisch zu lösen? Oder wird man immer eine Autorität brauchen, die von außen kommt?
DELLY: Die Situation ist alles andere als stabil, und deshalb kann man meiner Meinung nach auch nicht von „Innenpolitik“ sprechen. Da ist aber auch noch die Nächstenliebe, die Bruderliebe. Der Herr hat uns geboten, einander zu lieben: das ist unsere Politik, die Politik der Christen. Und ich kann sie nur daran gemahnen, einander zu lieben und einander zu vergeben, auch zum Wohl des Landes. Zunächst einmal dem Herrn treu zu sein, und dann den Brüdern und Schwestern anderer Herkunft, mit denen wir friedlich zusammenleben müssen. Das ist unsere Politik, eine andere Innen- oder Außenpolitik haben wir nicht. Jene, die hier versuchen, Unfrieden zu stiften, sind keine wahren Iraker – es sind Menschen, denen weder die Heimat noch der Wille des Herrn am Herzen liegen.
Was könnte eine organisierte christliche Minderheitspartei tun?
DELLY: Leider verfolgt jede Partei ihre Eigeninteressen und nicht das, was für die anderen das Beste ist. Und das gefällt mir nicht. Was wir dagegen brauchen ist eine Art „Partei der Heimattreuen“: Wir müssen uns von der Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern leiten lassen, an einem Strang ziehen, uns mit vereinten Kräften für all unsere irakischen Brüder und Schwestern einsetzen. Und wir müssen auch unsere Landsleute im Ausland dazu anregen, diese Politik zu praktizieren. Kurzum: Wir müssen alles in unserer Kraft Stehende tun für das Wohl unserer Nation.
![Gläubige in einer Kirche im Viertel Karrada, in Bagdad. [© Afp/Grazia Neri]](/upload/articoli_immagini_interne/1230907087889.jpg)
Gläubige in einer Kirche im Viertel Karrada, in Bagdad. [© Afp/Grazia Neri]
DELLY: Ich habe zuerst einmal an die politischen Verantwortlichen appelliert, die eine wirkliche Veränderung in unserem Land bewirken können. Angefangen beim Staats- und Sie haben den Schiiten Ali al-Sistani erwähnt. Der Iran kann für eine friedliche Stabilisierung des Irak sehr wichtig sein...
DELLY: Ich spreche mit allen Leaders, unabhängig davon, ob sie nun Schiiten oder Sunniten sind. Mein Beweggrund ist die Liebe zu meiner irakischen Heimat und unseren irakischen Brüdern und Schwestern. Und das ist meiner Meinung nach auch der Grund dafür, dass mich alle respektieren und mir vorurteilslos begegnen; dass sie zu mir kommen, um mir Ratschläge zu geben oder sich solche von mir zu holen. Sie wissen, dass ich für nichts und niemanden Partei ergreife. Im Irak pflegt man zu sagen: „Unsere Heimat für uns, den Rest für den Herrn.“ Es ist nicht wichtig, ob mein Nachbar Muslim oder Christ ist, Schiit oder Sunnit; das betrifft ihn, ist eine Sache zwischen ihm und dem Herrn. Was ich hingegen tun muss und wofür ich mich einsetzen muss, ist der Schutz meiner Heimat.
Welche Beziehungen haben Sie zur irakischen Diaspora und zu den Christen, die fortgegangen sind?
DELLY: Natürlich würde ich es gerne sehen, wenn die Christen in der Diaspora in ihre Heimat zurückkämen. Wenn sie das aber nicht können, wenn die Diaspora für sie zur zweiten Heimat geworden ist, mögen sie bleiben, wo sie sind. Zum Wohl des Landes, in dem sie sich jetzt befinden, und auch zum Wohl ihrer Heimat. …Aber eigentlich hätte ich es schon gerne, dass sie zurückkommen… Wir wollen nicht, dass der Orient seine Christen verliert, dieser Orient, den der Herr so sehr geliebt hat. Der Herr hat hier gelebt, und wir wollen nicht, dass gerade dieses Land seine Christen verliert, nur weil da irgendjemand ist, der sie vertreiben will.
Hat man noch immer vor, die Christen aus Sicherheitsgründen in „Freizonen“ des Landes umzusiedeln?
DELLY: Soweit ich weiß, wollen alle – angefangen beim Staats- und beim Ministerpräsidenten –, dass die Christen im Land bleiben, weil sie eine Stütze des Irak sind. Die Statistiken besagen, dass die Christen nur drei oder vier Prozent der Bevölkerung ausmachen, aber das stimmt nicht... Sie haben ein sehr viel größeres Gewicht, weil auch die Qualität zählt. Und unsere irakischen Christen sind gebildet, haben den Wunsch, Gutes zu tun, kennen die Welt weit über die Landesgrenzen hinaus. Diese „drei oder vier Prozent“ repräsentieren also in Wahrheit keine Minderheit – und das auch schon allein deshalb, weil sie bereits vor dem Islam im Irak waren. Sie sind also echte Kinder dieses Landes, keine Einwanderer.
Was bedeuten fünf Jahre Krieg und Verfolgung für einen Patriarchen?
DELLY: Darüber dürfen wir uns nicht wundern. Es ist etwas Natürliches. Unser Herr hat drei Jahre damit zugebracht, seinen Landsleuten Gutes zu tun, ihnen Brot zu geben, ihre Kranken zu heilen. Und obwohl sie ihm am Palmsonntag noch „Hosanna! Hosanna!“ zugerufen haben, waren sie sich am Karfreitag schon einig, dass er gekreuzigt werden müsse. So ist das Leben! Die Menschen vergessen schnell: Wir dagegen müssen immer Gutes tun, es unserem Herrn gleichtun, in die Fussstapfen treten, die er auf seinem Weg hinterlassen hat. So wie er zum Kalvarienberg hinaufgestiegen ist, alles über sich ergehen ließ, dann aber auferstanden ist, müssen auch wir diesen Weg des Leidens, der Kritik, der Misshandlungen gehen. Doch dann haben wir auch die Gewissheit, dass uns am Ende die Auferstehung und der Sieg sicher sind!
Amerika hat eine neue Regierung. Wollen Sie dazu einen Kommentar abgeben?
DELLY: Nein, das geht mich nichts an… Was mich dagegen freut ist, dass unsere Christen wirklich standhaft sind im Glauben, trotz der Schwierigkeiten, mit denen sie heute konfrontiert werden.
![Bagdad, 31. Oktober 2008: Eine Kundgebung der Solidarität mit der christlichen Gemeinschaft von Mosul, die in den letzten Wochen wieder einmal zur Zielscheibe tragischer Gewaltakte wurde. [© Associated Press/LaPresse]](/upload/articoli_immagini_interne/1230907183108.jpg)
Bagdad, 31. Oktober 2008: Eine Kundgebung der Solidarität mit der christlichen Gemeinschaft von Mosul, die in den letzten Wochen wieder einmal zur Zielscheibe tragischer Gewaltakte wurde. [© Associated Press/LaPresse]
DELLY: Ich kann Ihnen nur sagen, dass unsere Christen wirklich fromm, überaus gläubig sind, ihre religiösen Pflichten kennen, trotz der Schwierigkeiten, trotz der Angst. Jeden Sonntag bringen sie ihre Kinder zur Messe, und das ist etwas Gutes. Es stimmt: Die Situation ist nicht einfach, manchmal werden sogar die Schulen bedroht. Viele schicken ihre Kinder nicht mehr dorthin, weil sie Angst haben, sie könnten entführt oder umgebracht werden.
Die Gruppen, die Gewaltakte auf Christen verüben, sind also weiter aktiv?
DELLY: Wir haben es hier mit Fanatikern zu tun, die nur in ihrem eigenen Interesse handeln… Wenn die Regierung Wind davon bekommt, hören sie auf. Unsere Regierung ist unabhängig. Obwohl sie schiitisch ist, versucht sie, auch für die Christen etwas zu tun, will deren Respekt und Lob, nicht ihr Misstrauen. Wie bereits gesagt, hat es noch nie ein Dekret gegeben, das gegen die Christen als solche gerichtet gewesen wäre. Die Schiiten verteidigen die Christen. Sie sagen, dass man ihnen helfen, ihnen Arbeit geben muss, weil sie Teil des Irak sind und der Irak nicht ohne Christen leben kann.
Aber leider gibt es auch solche, die nur ihre eigenen Interessen sehen, gewisse muslimische Kreise…
Die irakische Verfassung gründet auf der sharia, auf dem islamischen Recht.
DELLY: Aber nicht alle sind mit dem Verfassungstext einverstanden. Und das gilt auch für die Muslime.
Könnte es eine Verfassungsreform geben?
DELLY: In Sachen Verfassung gibt es noch viele offene Fragen: die fehlende Religionsfreiheit beispielsweise. Die Verfassung basiert auf dem Koran, dem kein Gesetz widersprechen kann, die Gesetzesquellen dagegen könnten viele sein, weil es noch andere Religionen gibt. Wenn das unser einziges Problem wäre…
Wer weiß, wie viele „gute Ratschläge“ Sie zur Lösung dieser Probleme wohl schon erhalten haben – und wohl nicht immer ganz uneigennützig...
DELLY: In meiner Seminaristenzeit in Rom hatte ich einen Professor, der mir erklärt hat, was Philosophie ist: „Es ist die Wissenschaft, mit der oder ohne die der Mensch genau das bleibt, was er ist.“