Die Apostelgräber
Paulus
„Ich bin überzeugt, daß er die Macht hat, das mir anvertraute Gut zu bewahren“
von Lorenzo Bianchi

Paulus.
Verschiedene Überlieferungen legen das Martyrium des Petrus mit dem des Paulus zusammen: von der gemeinsamen Haft im Marmertinischen Kerker bis zu ihrer letzten Begegnung auf der Via Ostiense, vor den Stadttoren Roms. Jüngste und allgemein anerkannte Studien tendieren jedoch dazu, das Martyrium des Petrus und des Paulus auf unterschiedliche Jahre zu datieren. Laut einer sehr alten und konstanten Überlieferung, die auf das 2. Jahrhundert zurückgeht, soll das Martyrium des Paulus an einem Ort stattgefunden haben, der Ad Aquas Salvias genannt wurde und sich gleich außerhalb des umbauten Stadtgebietes befindet. Bei Ende des 19. Jahrhunderts durchgeführten archäologischen Ausgrabungen wurden hier Strukturen aus dem 1. Jahrhundert entdeckt; und hier wurde im 5. Jahrhundert auch die Kirche des Paulus „Ad Tres fontes“ errichtet, die in die heutige Abtei „Tre Fontane“ eingegliedert ist. Bestattet wurde Paulus auf einem Friedhof an der Via Ostiense – der Überlieferung nach auf einem Grundstück, das einer gewissen Lucina gehörte (praedium Lucinae). Zum ersten Mal erwähnt wird das in dem bereits im Zusammenhang mit Petrus zitierten Text des Gaius, der Ende des 2. Jahrhunderts, zur Zeit des Pontifikats von Papst Zefirinus (198-217) schrieb: „Ich kann Dir die Trophäen der Apostel zeigen. Wenn Du in den Vatikan oder an die Straße nach Ostia kommen willst, wirst Du die Trophäen jener finden, die diese Kirche gegründet haben“ (siehe: Eusebios von Cesarea, Storia ecclesiastica, II, 25, 6-7). Hier muss auch erwähnt werden, dass Gaius mit dem griechischen Wort trópaion nicht in erster Linie die architektonische Struktur meint, die es dort zweifelsohne gegeben hat, sondern es im eigentlichen Sinn gebraucht, also den Leib des Märtyrers meinend, in dem sich der Sieg Christi gezeigt hat: das ist die „Trophäe des Sieges“. Noch heute sind an der Via Ostiense, unweit der heutigen Basilika Sankt Paul, Teile der bei Ausgrabungen freigelegten Nekropole zu sehen, wo Paulus bestattet wurde. Eine Nekropole, die vom 1. Jahrhundert v.Chr. bis Ende des 4. Jahrhunderts in Gebrauch war. Der Liber pontificalis – der die Biographien der Bischöfe von Rom bis zum Spätmittelalter enthält – berichtet uns, dass Konstantin über dem Grab des Paulus eine Basilika errichten ließ. Sie muss folglich vor 337, dem Todesjahr Konstantins, entstanden sein. Von diesem ersten Bauwerk konnten bisher keine sicheren Spuren entdeckt werden, trotz einiger auch jüngst wieder laut gewordener Hypothesen von einer kleinen Apsis (die, logisch betrachtet, zu jedem Mausoleum der Nekropole gehören könnte, in der Paulus beigesetzt wurde), die bei Ausgrabungen des Jahres 1850 vor dem Altar der Basilika zum Vorschein gekommen sein soll und die auf ein sehr viel kleineres und im Vergleich zu dem jetzigen entgegengesetzt ausgerichtetes Bauwerk schließen ließe. Um 384-386 ordneten die drei Kaiser Valentinianus II., Teodosius und Arcadius in einem Reskript an den praefectus Urbi Sallustius an, die über dem Grab der Apostel errichtete Kirche auszuschmücken (ornare), geräumiger (amplificare) und höher zu gestalten, bzw. größer und herrlicher (attollere) – und das auch schon allein wegen der vielen hierher strömenden Pilger. Das Ergebnis war eine fünf-schiffige Basilika von ansehnlicher Größe und mit einem außergewöhnlich breiten Querschiff. Diese Basilika blieb bis zum 19. Jahrhundert mehr oder weniger intakt – bis zu dem verheerenden Brand vom 26. Juli 1823, bei dem sie fast vollkommen zerstört wurde. Die Stelle, an der sich das Grab des Paulus befindet, blieb allerdings unversehrt. Was wir also heute sehen, ist das Ergebnis von drei Jahrhunderten Restaurierungsarbeiten, also lediglich eine Kopie der Basilika des 4. Jahrhunderts. Der bereits zitierte Liber pontificalis (dessen Abfassung auf das 6. Jahrhundert zurückgeht, der sich allerdings sicher auf sehr viel ältere Quellen stützt) berichtet uns auch, dass Konstantin die sterblichen Überreste des Paulus in einen Bronzesarg betten ließ und dass die Grabstätte – ähnlich dem Petrusgrab – von einer Mauer umgeben war. Der Sarg, auf dem ein großes, 150 Pfund schweres goldenes Kreuz angebracht wurde, müsste sich (aus Mangel an Beweisen muss hier das Konditional benutzt werden) unterhalb des Niveaus des Bodens der konstantinischen Basilika befinden, noch unter dem Niveau der späteren Basilika der drei Kaiser Valentinianus II., Theodosius und Arcadius. An der Begräbnisstätte befindet sich heute, etwas höher gelegen, der Hauptaltar. Die Anlage der paulinischen Confessio wurde im Laufe der Jahrhunderte nie grundlegend verändert, sehr wohl aber das Innere. Eine erste Veränderung wurde unter Papst Leo dem Großen (440-461) vorgenommen, der den Boden des Querschiffs erhöhte, eine zweite unter Papst Gregor dem Großen (590-604), der – nach einer weiteren Anhebung des Bodenniveaus – eine Krypta graben ließ, die ringförmig um das Apostelgrab angelegt war, um den Besuch desselben durch die Gläubigen zu ermöglichen. Ein Teil dieser Krypta, der vor dem Altar befindliche, ist noch heute erhalten; alles andere wurde bei den im 16. Jahrhundert vorgenommenen Restaurierungsarbeiten zerstört, die den Ort, an dem sich die sterblichen Überreste des Paulus befinden, unzugänglich machten. Auf der heutigen Höhe des Presbyteriums, unterhalb des Altars, befindet sich eine aus zwei verschiedenen, in der Mitte zusammengefügten Stücken bestehende Marmorplatte mit folgender durfte das Apostelgrab jedoch nicht angetastet werden. Virginio Vespignani (der Architekt, der die Restaurierungsarbeiten an der Basilika, wie wir sie heute kennen, leitete) konnte dabei allerdings doch aus nächster Nähe einen Blick auf das werfen, was Jahrhunderte lang kein Auge geschaut hatte. Er fertigte Skizzen an, die diese zufällige Rekogniszierung dokumentieren sollten, die jedoch nicht bis zum Öffnen des Sarges ging. Die Analyse dieser Dokumentation, zusammen mit einigen Testgrabungen im Altarbereich, hat jedoch erlaubt, die Tiefe der jüngeren Bodenniveaus zu bestimmen – bis hin zu dem der Basilika der drei Kaiser. Zwischen diesem und dem Altar wurde ein Teil der Längsseite einer ArtMarmorsarg freigelegt, auf dessen Deckel sich eine (nun geschlossene) runde Öffnung befindet, die sich mit der runden Öffnung auf der darüber befindlichen Platte deckt. Die Platte trägt folgende Inschrift: „PAULO APOSTOLO MART(YRI).“ Das Sarginnere wurde bisher noch nicht untersucht. Das Niveau lässt jedoch darauf schließen, dass es sich nicht um das ursprüngliche Paulus-Grab handelt, das sicher noch weiter unten liegt (darunter müsste sich das Niveau der konstantinischen Basilika befinden, und noch weiter darunter das dem trópaion entsprechende, das von Gaius erwähnt wurde). Nicht auszuchließen ist jedoch eine „vertikale“ Umbestattung der sterblichen Überreste des Paulus an einen höher gelegenen Ort gegen Ende des 4. Jahrhunderts, wie das schon (wenn auch in einer anderen Epoche) bei Petrus der Fall war. 2006 wurde aus der Confessio der ostiensischen Basilika der moderne Altar entfernt, der einem gewissen Timotheus gewidmet ist, einem heiligen Märtyrer des 4. Jahrhunderts, weshalb nun auch ein Teil des unter dem Altar und der Tafel mit der Inschrift befindlichen Bereiches sichtbar ist.

Papst Benedikt XVI. betrachtet das Paulus-Grab unter dem Hauptaltar der Basilika Sankt Paul vor den Mauern durch das vor Kurzem geöffnete Fenster in der Krypta.
Einer mittelalterlichen Überlieferung zufolge sollen sich die Häupter des Paulus und des Petrus ab dem 8. Jahrhundert im Sancta Sanctorum befunden haben und dann von Papst Urban V. am 16. April 1369 in die silbernen Reliquiarbüsten im Ciborium der Lateran-Basilika übertragen worden sein. Kardinal Antonelli nahm am 23. Juli 1823 eine Rekogniszierung vor. Vor ein paar Jahrzehnten wurden auch wissenschaftliche Studien über Petrus durchgeführt, die jedoch keine sicheren Ergebnisse erbracht haben.