Zu Wort kommt Aloysius Jin Luxian, Bischof von Shanghai.
„Betet für die Kirche Chinas“
Interview mit Aloysius Jin Luxian von Gianni Valente
Aloysius Jin Luxian spricht mit leiser Stimme. Der
„Patriarch“ der Kirche von Shanghai – der inzwischen
stolze 92 Jahre alt ist – sagt, dass daran seine
Stimmbänder schuld sind, die ihre Elastizität verloren haben.
Aber der Blick des betagten Jesuiten ist noch immer lebhaft und schlau.
Auch sein Geist ist wach wie immer. Weshalb es auch immer wieder
tröstlich ist, diesen Kirchenmann zu besuchen, der den Run der Chinesen auf die
Zukunft schon seit geraumer Zeit miterlebt und sieht, wie sich das auch auf
das Leben der Christen im ehemaligen Reich der Mitte ausgewirkt hat.

Was hat sich nach dem Brief des Papstes an die
chinesischen Katholiken geändert? Welche Hinweise haben sich als
nützlich erwiesen?
ALOYSIUS JIN LUXIAN: Der Brief war uns ein großer Trost, eine große Ermutigung – und das ist er auch weiterhin. Der Papst hat seine Liebe zu uns gezeigt, und wir sind sehr gerührt. Die offenen Kirchen haben den Brief mit Begeisterung aufgenommen, besonders weil der Papst gesagt hat, dass es in China nur eine Kirche gibt, und nicht zwei. Von Seiten der so genannten Untergrund-Gemeinschaften hat es keine Reaktionen gegeben. Einige von ihnen haben das Nachsehen, wenn sie akzeptieren, sich auszusöhnen und die offenen Kirchen zu frequentieren. Der Papst hat in seinem Brief beispielsweise gesagt, dass jeder Priester in seiner Diözese bleiben muss. Die Priester der nicht registrierten Gemeinschaften sind aber in ganz China aktiv, ohne Einschränkungen. Aber es gibt auch Fortschritte: hier in Shanghai hat der nicht von der Regierung anerkannte Bischof zu seinen Gläubigen gesagt, dass sie in die offenen Kirchen zur Messe gehen dürfen. Etwas zuvor Undenkbares. Das ist eine positive Veränderung.
Hat sich im Verhalten der Regierung etwas geändert?
JIN: Zu Anfang war die Reaktion der Regierung recht gemäßigt. Es gab keine negative Reaktion. Die Regierung sucht nun auf diskretem Weg einen Dialog mit dem Vatikan, aber es gibt keine großen Fortschritte. Mamberti und Parolin sind sehr fähige Männer. Ich hoffe, dass man die Verhandlungen mit der chinesischen Regierung auch weiter ihnen überlässt.
Hu Jintao hat gesagt, dass die Religion der Gesellschaft nützlich sein kann. Eine positive Anerkennung oder eine gefährliche Schmeichelei?
JIN: Die Worte Hu Jintaos sind sicher keine Gefahr. Die Kirche will zur Harmonie innerhalb der Gesellschaft beitragen. Und das entspricht dem Denken Hu Jintaos.
Viele junge Menschen wollen getauft werden. Oft wissen sie aber nichts von der Vergangenheit der Kirche Chinas. Muss sich die Regierung Sorgen machen, wenn die Zahl der Christen in China zunimmt?
JIN: Bei uns müssen alle Katechumenen vor der Taufe mindestens drei Monate am Katechismus teilnehmen. Bei den Protestanten nicht. Sie können gar nicht genug Proselytenmacherei betreiben. Wenn es also ein Problem gibt, dann betrifft das die Protestanten, und nicht die Katholiken.
Was bewegt junge Menschen dazu, sich an die Kirche anzunähern?
JIN: Es sind ehrliche, spontane junge Menschen, keine Opportunisten. Sie suchen die Wahrheit, die sie im Konfuzianismus und im Marxismus nicht finden. Sie wollen glücklich sein.
Die anhaltenden Konflikte laufen Gefahr, eine Last für die Sendung zu sein, die die Kirche zu erfüllen gerufen ist.
JIN: Das ist wirklich ein Skandal und sehr schade! Wenn sich ein junger Mensch der Kirche nähert, die Liebe Jesu in seinem Herzen verspüren kann, und dann sieht, wie die Christen um Nichtigkeiten streiten, ist das eine wahre Sünde.
China ist groß. Und verglichen mit dieser Größe ist die Kirche klein. Ist es nicht erschreckend zu sehen, wie klein und wehrlos sie ist?
JIN: Der Herr sagt uns, dass wir keine Angst haben sollen. Auch Johannes Paul II. sagte immer wieder: „Habt keine Angst.“ Und wir haben keine Angst.
Was kann die Kirche angesichts dieser großen, vor ihr liegenden Aufgabe tun? Braucht sie irgendeine besondere Strategie?
JIN: Wir müssen die Gelegenheiten ergreifen, wenn sie sich uns bieten. Dieses Jahr feiern wir hier den 400. Jahrestag der Ankunft des Christentums in Shanghai. Ich habe einen Hirtenbrief zu diesem Thema geschrieben.
Wie man hört will die Regierung auch weiterhin die Rechte der Kirche nicht respektieren.
JIN: Diesen Eindruck haben wir in unserer Diözese nicht. Im Gegenteil, die Regierung hilft uns. Die Diözese Shanghai z.B. ist inzwischen finanziell unabhängig, weil ihr die Regierung ihre Kirchengüter zurückgegeben hat. Wenn man da an Indien, an den Irak denkt, wo Christen umgebracht werden… Man sieht, dass in China mehr Freiheit herrscht als anderswo auf der Welt. Wir können Zeitschriften veröffentlichen und haben einen Katalog mit mehr als 400 katholischen Büchern – und das hat keinerlei Probleme geschaffen.
Im Westen tragen sich manche mit dem Gedanken, ganz China durch Prozesse kultureller „Invasion“ zu christianisieren. Wie denken Sie darüber?
JIN: Es ist eine alte Methode: Die der Kolonisierung. Ich war vor 80 Jahren auf einem Jesuitenkolleg. Auf der Mittelschule wurde auf Französisch unterrichtet. Chinesische Erdkunde habe ich von einem französischen Lehrer mit einem französischen Schulbuch gelernt. Das ist das System der Kolonisierung. Und es funktioniert nicht. China darf keine kulturelle Invasion erleiden. Ich hoffe, dass Matteo Ricci jetzt heilig gesprochen wird. Seine Inkulturationsmethode ist ein Vorbild für die Missionare, für uns alle. Nicht nur in China, auch in Indien, Vietnam, Pakistan. Und 2010 jährt sich sein 400. Todestag. Ein prophetischen Sicht.
Sie sind 92. Was erhoffen Sie sich für die Kirche Chinas?
JIN: Zunächst einmal hoffe ich, dass es schon bald zu jener vollen Gemeinschaft kommt, die uns hier in China mit dem Hl. Stuhl vereint. Diesen Tag werde ich hoffentlich noch erleben. Zweitens hoffe ich, dass es zwischen der chinesischen Kirche im Untergrund und der von der Regierung anerkannten schon bald zur vollkommenen Aussöhnung kommen wird. Und drittens hoffe ich, dass in China ein immer größeres christliches Zeugnis abgelegt wird. All das vertraue ich dem Gebet der Menschen an. Und ich möchte auch die Leser von 30Tage bitten, für die Kirche Chinas zu beten.

Aloysius Jin Luxian.
ALOYSIUS JIN LUXIAN: Der Brief war uns ein großer Trost, eine große Ermutigung – und das ist er auch weiterhin. Der Papst hat seine Liebe zu uns gezeigt, und wir sind sehr gerührt. Die offenen Kirchen haben den Brief mit Begeisterung aufgenommen, besonders weil der Papst gesagt hat, dass es in China nur eine Kirche gibt, und nicht zwei. Von Seiten der so genannten Untergrund-Gemeinschaften hat es keine Reaktionen gegeben. Einige von ihnen haben das Nachsehen, wenn sie akzeptieren, sich auszusöhnen und die offenen Kirchen zu frequentieren. Der Papst hat in seinem Brief beispielsweise gesagt, dass jeder Priester in seiner Diözese bleiben muss. Die Priester der nicht registrierten Gemeinschaften sind aber in ganz China aktiv, ohne Einschränkungen. Aber es gibt auch Fortschritte: hier in Shanghai hat der nicht von der Regierung anerkannte Bischof zu seinen Gläubigen gesagt, dass sie in die offenen Kirchen zur Messe gehen dürfen. Etwas zuvor Undenkbares. Das ist eine positive Veränderung.
Hat sich im Verhalten der Regierung etwas geändert?
JIN: Zu Anfang war die Reaktion der Regierung recht gemäßigt. Es gab keine negative Reaktion. Die Regierung sucht nun auf diskretem Weg einen Dialog mit dem Vatikan, aber es gibt keine großen Fortschritte. Mamberti und Parolin sind sehr fähige Männer. Ich hoffe, dass man die Verhandlungen mit der chinesischen Regierung auch weiter ihnen überlässt.
Hu Jintao hat gesagt, dass die Religion der Gesellschaft nützlich sein kann. Eine positive Anerkennung oder eine gefährliche Schmeichelei?
JIN: Die Worte Hu Jintaos sind sicher keine Gefahr. Die Kirche will zur Harmonie innerhalb der Gesellschaft beitragen. Und das entspricht dem Denken Hu Jintaos.
Viele junge Menschen wollen getauft werden. Oft wissen sie aber nichts von der Vergangenheit der Kirche Chinas. Muss sich die Regierung Sorgen machen, wenn die Zahl der Christen in China zunimmt?
JIN: Bei uns müssen alle Katechumenen vor der Taufe mindestens drei Monate am Katechismus teilnehmen. Bei den Protestanten nicht. Sie können gar nicht genug Proselytenmacherei betreiben. Wenn es also ein Problem gibt, dann betrifft das die Protestanten, und nicht die Katholiken.
Was bewegt junge Menschen dazu, sich an die Kirche anzunähern?
JIN: Es sind ehrliche, spontane junge Menschen, keine Opportunisten. Sie suchen die Wahrheit, die sie im Konfuzianismus und im Marxismus nicht finden. Sie wollen glücklich sein.
Die anhaltenden Konflikte laufen Gefahr, eine Last für die Sendung zu sein, die die Kirche zu erfüllen gerufen ist.
JIN: Das ist wirklich ein Skandal und sehr schade! Wenn sich ein junger Mensch der Kirche nähert, die Liebe Jesu in seinem Herzen verspüren kann, und dann sieht, wie die Christen um Nichtigkeiten streiten, ist das eine wahre Sünde.
China ist groß. Und verglichen mit dieser Größe ist die Kirche klein. Ist es nicht erschreckend zu sehen, wie klein und wehrlos sie ist?
JIN: Der Herr sagt uns, dass wir keine Angst haben sollen. Auch Johannes Paul II. sagte immer wieder: „Habt keine Angst.“ Und wir haben keine Angst.
Was kann die Kirche angesichts dieser großen, vor ihr liegenden Aufgabe tun? Braucht sie irgendeine besondere Strategie?
JIN: Wir müssen die Gelegenheiten ergreifen, wenn sie sich uns bieten. Dieses Jahr feiern wir hier den 400. Jahrestag der Ankunft des Christentums in Shanghai. Ich habe einen Hirtenbrief zu diesem Thema geschrieben.
Wie man hört will die Regierung auch weiterhin die Rechte der Kirche nicht respektieren.
JIN: Diesen Eindruck haben wir in unserer Diözese nicht. Im Gegenteil, die Regierung hilft uns. Die Diözese Shanghai z.B. ist inzwischen finanziell unabhängig, weil ihr die Regierung ihre Kirchengüter zurückgegeben hat. Wenn man da an Indien, an den Irak denkt, wo Christen umgebracht werden… Man sieht, dass in China mehr Freiheit herrscht als anderswo auf der Welt. Wir können Zeitschriften veröffentlichen und haben einen Katalog mit mehr als 400 katholischen Büchern – und das hat keinerlei Probleme geschaffen.
Im Westen tragen sich manche mit dem Gedanken, ganz China durch Prozesse kultureller „Invasion“ zu christianisieren. Wie denken Sie darüber?
JIN: Es ist eine alte Methode: Die der Kolonisierung. Ich war vor 80 Jahren auf einem Jesuitenkolleg. Auf der Mittelschule wurde auf Französisch unterrichtet. Chinesische Erdkunde habe ich von einem französischen Lehrer mit einem französischen Schulbuch gelernt. Das ist das System der Kolonisierung. Und es funktioniert nicht. China darf keine kulturelle Invasion erleiden. Ich hoffe, dass Matteo Ricci jetzt heilig gesprochen wird. Seine Inkulturationsmethode ist ein Vorbild für die Missionare, für uns alle. Nicht nur in China, auch in Indien, Vietnam, Pakistan. Und 2010 jährt sich sein 400. Todestag. Ein prophetischen Sicht.
Sie sind 92. Was erhoffen Sie sich für die Kirche Chinas?
JIN: Zunächst einmal hoffe ich, dass es schon bald zu jener vollen Gemeinschaft kommt, die uns hier in China mit dem Hl. Stuhl vereint. Diesen Tag werde ich hoffentlich noch erleben. Zweitens hoffe ich, dass es zwischen der chinesischen Kirche im Untergrund und der von der Regierung anerkannten schon bald zur vollkommenen Aussöhnung kommen wird. Und drittens hoffe ich, dass in China ein immer größeres christliches Zeugnis abgelegt wird. All das vertraue ich dem Gebet der Menschen an. Und ich möchte auch die Leser von 30Tage bitten, für die Kirche Chinas zu beten.