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EDITORIAL
Aus Nr. 10 - 2008

Gedanken zum Fernsehen


Die Frage, ob man zum Verstand oder zu den Herzen der Zuhörer sprechen soll, ist schlecht gestellt. Wichtig ist, nicht zu langweilen und dem Publikum mit einem oder zwei Grundgedanken zu denken zu geben.


Giulio Andreotti


Giulio Andreotti bei einer Politdebatte in den 1970er Jahren.

Giulio Andreotti bei einer Politdebatte in den 1970er Jahren.

Oft stellt man mir die Frage, ob die Dinge – im Vergleich zur Vergangenheit – besser oder schlechter geworden wären. Die Antwort fällt nicht leicht. Dass es unter vielen Aspekten einen Fortschritt gegeben hat, ist unleugbar. Man muss nur an die prompte und weitreichende Informationsverbreitung denken, die das Fernsehen ermöglicht hat. Nachrichten, die früher auf dem Postweg und dann später per Telefon und Telegraph übermittelt wurden, können heute sozusagen in Sekundenschnelle unters Volk gebracht werden.
Ein Zuviel an Licht birgt aber immer eine Gefahr: statt zu erleuchten, kann es auch blenden.
Einer eingehenden Untersuchung bedarf auch die Koordinierung zwischen dem Schulunterricht und dieser Art Bildung, die sozusagen „ins Haus geliefert“ wird. Die in der Schule erhaltene Lehre beruht auf Reflexion; auf dem Bildschirm dagegen erfolgt eine rasche Sequenz von Impulsen, was einer Vertiefung sicher nicht sehr dienlich ist.
Dazu kommt noch der Umstand, dass dieses Sehen und Hören von Nachrichten oft nicht in der beschaulichen Ruhe der eigenen vier Wände erfolgt, sondern in öffentlichen Lokalen oder (und das gilt fürs Radiohören) beim Autofahren.
Dass es sich um einen Fortschritt handelt, ist dennoch unleugbar, und man sollte ohne hier unnötige Vorurteile zu haben auch den bestmöglichen Nutzen daraus ziehen. Die in Italien am Samstag Nachmittag übertragene Katechismus-Stunde – die mir nicht bekannten Einschaltquoten einmal dahingestellt – kann sicher eine große Wirkung haben. Natürlich kommt es dabei nicht nur auf den Inhalt an, sondern auch auf die Übertragungstechnik.
Ich kann mich noch an den diesbezüglichen Kommentar von Kardinal Spellman erinnern, der betonte, welch enorme – sozusagen katechistische – Möglichkeit dieser …. „Heim“-Katechismus barg. In den ersten Jahren der Nachkriegszeit erlangte Pater Mariano durch seine lebhaften und interessanten Gespräche im Fernsehen große Popularität.
Was zählt, ist nicht nur die natürlich unbestrittene Bedeutung dessen, was gesagt wird, sondern auch wie es gesagt wird.
Ich habe schon mehrfach darauf verwiesen, mit welchem Perfektionismus Giancarlo Pajetta die Viertelstunde nutzte, die jeder Partei für eine Radioübertragung zustand. Er hatte Diktionskurse besucht, was uns – und da waren wir im Irrtum – fast schon unehrerbietig schien.
Natürlich ändern sich die Zeiten. Von den Techniken, mit denen die Redner an die Gefühle des Publikums appellieren, ist man abgekommen. Man zielt nun – zu Recht – auf die Verbreitung grundlegender, leicht verständlicher Gedanken ab. Ich persönlich habe so meine Probleme mit dieser merkantilen Auffassung von politischen Botschaften. Dass dem aber so ist, ist unleugbar.
Eines der ersten Dinge, die ich in meiner politischen Laufbahn gelernt habe war, dass man bei Versammlungen einige gute Anfangs- und Schlusssätze parat haben muss. Und gelernt hatten wir das bei einem so illustren und beliebten Redner wie Kardinal Carlo Salotti. Wer nicht die Demut hatte, diese Lehrzeit zu absolvieren, konnte oft keinen rechten Draht zum Publikum herstellen. Man sagt – aber ich weiß nicht, ob das stimmt –, dass manche Redner einen „Spion“ in der Menge platziert hatten, der bei den ersten Anzeichen von Langeweile unter den Zuhörern für eine – natürlich abgesprochene – Unterbrechung sorgte, um das Publikum „aufzuwecken“.
Und schließlich gab es ja auch in den Kirchen eine bemerkenswerte Vielzahl an Predigern. Wichtig war nicht so sehr der Inhalt ihrer Reden, sondern der Ton der Stimme und die Kunst, die Zuhörer in den Bann zu ziehen. Der bekannteste Prediger der 1930er Jahre war der Jesuitenpater Galileo Venturini. Er wusste, wie man das Publikum in den Bann zog, und in seinen Predigten sagte er immer ein oder zwei Dinge, die einem auch danach lange nicht aus dem Kopf gehen wollten.
Die Musikalität der fast schon theatralischen Darbietung mancher Prediger ist nicht mehr in. Ein begnadeter Prediger sagte mir einmal, dass man nicht nur zum Verstand, sondern zum Herzen der Menschen sprechen müsse.
Auch ich hatte im politischen Leben der Nachkriegszeit mit Problemen dieser Art zu kämpfen. Der Kontakt, den ich – als Vorsitzender der Vereinigung katholischer Studenten Italiens (FUCI) – zu den Studenten gehabt hatte, war etwas ganz anderes gewesen. Das fiel mir sofort auf, und ich war froh über diesen grundlegenden Hinweis auf die Verschiedenheit.
Die Frage, ob man nun zum Verstand oder zu den Herzen der Zuhörer sprechen soll, ist schlecht gestellt. Wichtig ist, nicht zu langweilen und dem Publikum mit einem oder zwei Grundgedanken zu denken zu geben.


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