Ein Heer von Freunden... im Paradies
Interview mit Kardinal José Saraiva Martins, von 1998 bis Juli 2008 Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse. Zehn Jahre mit 1.108 Selig- und 217 Heiligsprechungen.
Interview mit Kardinal José Saraiva Martins von Gianni Cardinale
Am 9. Juli trat der
portugiesische Kardinal José Saraiva Martins von seinem Amt als
Präfekt der Kongregation für die Selig- und
Heiligsprechungsprozesse zurück. Sein Nachfolger ist der Salesianer
Angelo Amato, bisheriger Sekretär der Kongregation für die
Glaubenslehre. Kardinal Saraiva, der im Januar seinen 76. Geburtstag feiern
konnte und besagtes Amt mehr als 10 Jahre lang inne hatte, war gern bereit,
für 30Tage über
seineZeit als Präfekt in einem der wichtigsten Dikasterien der
Römischen Kurie Bilanz zu ziehen.

Am 30. Mai 1998 wurden Sie als erster Nicht-Kardinal
zum Präfekten, und nicht erst Pro-Präfekten, einer römischen
Kongregation ernannt.
JOSÉ SARAIVA MARTINS: Ja, das stimmt. Ich kann mich noch erinnern, dass man mich damals anrief, um mir mitzuteilen, dass der L’Osservatore Romano mit der Bekanntgabe meiner Ernennung ganz schön ins Fettnäpfchen getreten sei… Es war nämlich in der Tat vorher so, dass ein Nicht-Kardinal, der an die Leitung eines römischen Dikasteriums berufen wurde, zuerst das Amt des Pro-Präfekten übernahm – und das „Pro“ verschwand erst dann, wenn der Betreffende zum Kardinal kreiert wurde. In meinem Fall war es aber keine Falschmeldung, sondern der Hl. Stuhl hatte offensichtlich befunden, dass es an der Zeit sei, die Prozedur dieser Ernennungen zu vereinfachen. Die Machtbefugnisse eines Pro-Präfekten waren nämlich de facto dieselben wie die eines Präfekten.
Wie vielen Seligen und Heiligen haben Sie in Ihren 10 Jahren als Dikasterienleiter dazu „verholfen“, zur Ehre der Altäre erhoben zu werden?
SARAIVA MARTINS: Das kann ich Ihnen sogar ganz genau sagen: Meine ehemaligen Mitarbeiter haben sich nämlich tatsächlich die Mühe gemacht, das nachzurechnen. Ich muss allerdings vorausschicken, dass meine Ernennung unter Johannes Paul II. erfolgte, der im Laufe seines Pontifikats mehr Heilig- und Seligsprechungen vorgenommen hat als alle seine Vorgänger zusammen. Zumindest seit der Apostolische Stuhl mit dieser Angelegenheit befasst ist. In der Tat wurden von 1588, dem Jahr der Entstehung der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, bis 1978 – also vor Papst Wojtyla – insgesamt 808 Selige und 296 Heilige zur Ehre der Altäre erhoben. Unter Johannes Paul II., also von 1978 bis 2005, wurden dagegen 1.353 Selige und 482 Heilige „gemacht“; davon unter meiner „Präfektenzeit“ 553 Selige in 39 Zeremonien, und 203 Heilige in 17 Zeremonien. Dazu kommen noch die Heiligen (14) und Seligen (555), die (bis Juli 2008 gerechnet) von Benedikt XVI. anerkannt wurden. Ich hatte also das Privileg, in 10 Jahren insgesamt 1.108 Seligen und 217 Heiligen dazu zu „verhelfen“, zur Ehre der Altäre erhoben zu werden. Ein Heer, das sich sehen lassen kann, oder? Hoffen wir, dass mich zumindest einer davon dereinst im Himmel nicht vergisst…
Kraft der mit Beginn des neuen Pontifikats übernommenen Regelung hatten Sie auch den Vorsitz bei Seligsprechungszeremonien…
SARAIVA MARTINS: Ja, diese Zeremonien, bei denen zuvor der Papst den Vorsitz hatte, werden nun von einem Kardinal geleitet – der Regel nach dem Präfekten der Kongregation. Und in dieser Eigenschaft durfte ich auch bei 41 der 49 Seligsprechungszeremonien den Vorsitz führen, die in die – wenn ich es einmal so nennen darf – „Ratzingerianische Phase“ meiner Zeit als Präfekt fielen.
Welche dieser 41 Zeremonien hat Sie am meisten beeindruckt?
SARAIVA MARTINS: Sie waren alle schön, besonders ergreifend aber fand ich die Seligsprechung der Märtyrer der Verfolgungen im letzten Jahrhundert in Mexiko, zu der sich im Guadalajara-Stadion 80.000 Gläubige eingefunden hatten. Dort wurde mir auch klar, wie klug die Entscheidung war, die Seligsprechungen nicht länger in Rom, sondern in den jeweiligen Ortskirchen abzuhalten. Wie viele dieser Menschen dort hätten sich schon eine Reise nach Rom leisten können? … Und im Guadalajara-Stadion steht nun sogar ein Gedenkstein, mit dem diese Zeremonie verewigt wurde – was hier bei uns in Europa unvorstellbar wäre.
Gibt es in diesem Heer von Heiligen und Seligen, dem Sie hier auf Erden „unter die Arme gegriffen haben“ einen, der Ihnen besonders ans Herz gewachsen ist?
SARAIVA MARTINS: Einmal vorausgesetzt, dass alle Heiligen und Seligen gleich sind vor dem Herrn, muss ich doch zugeben, dass ich mich einigen besonders nahe fühle. Angefangen bei der Seligsprechung von Papst Johannes XXIII., die man – ein gelungener Einfall – mit der von Papst Pius IX. zusammengelegt hat, die etwas problematisch war. Dann die der Hirtenkinder von Fatima: schon als ich noch ein Kind war, hat mir meine Mutter von ihnen erzählt und mir gesagt, sie anzurufen, zu ihnen zu beten. Sie können sich also vorstellen, welche Freude es für mich war, sie auf ihrem Weg zur Ehre der Altäre begleiten zu dürfen. Und was soll man zur sel. Mutter Teresa und dem hl. Pio von Pietrelcina sagen: zwei ganz wunderbare, populäre Gestalten, die von vielen einfachen Gläubigen angerufen werden. Ja, das sind meine „Lieblinge.“ Ich hoffe, dass mir das die anderen Heiligen und Seligen nachsehen werden...
Könnte eine so große Zahl von Selig- und Heiligsprechungen wie in den letzten 30 Jahren nicht eine Art „Inflation“ auslösen?
SARAIVA MARTINS: Johannes Paul II., dem dieser Einwand nur allzu bewusst war, war nicht dieser Meinung. Und er hatte gute Gegenargumente: Die Heiligen werden von Gott gemacht, und wenn es sie gibt, kommt die Kirche nicht umhin, sie anzuerkennen und vorzuschlagen; das II. Vatikanische Konzil hat von der universalen Berufung zur Heiligkeit gesprochen; die Zunahme der Ortskirchen bedeutet auch die Verbreitung neuer Heiligkeitsmodelle; die Heiligkeit ist der einfachste Weg zur Einheit der Kirche und hat folglich starke Auswirkungen auf die Ökumene. Wir glauben – und daran erinnert uns das Apostolische Glaubensbekenntnis, das wir bei jeder Messe sprechen – „Ecclesiam unam, sanctam…“. All das sind Gründe, denen wir nur zustimmen können und von denen sich die Kongregation bei ihrer Arbeit inspirieren ließ.
Der ein oder andere hat prophezeit, dass es mit Benedikt XVI. eine Rückkehr zum früheren Brauchtum geben würde…
SARAIVA MARTINS: Die Statistiken zeigen eindeutig, dass dem nicht so ist. Der neue Papst hat keinen anderen Kurs als sein Vorgänger eingeschlagen. Das Tempo wurde nicht gedrosselt. Im Gegenteil: die Entscheidung, die Seligsprechungszeremonien zu miterleben, wie das neue Reglement der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse approbiert wurde, oder, zuletzt, die Instruktion Sanctorum Mater, die mir besonders wichtig war. Sie ist nämlich ein wichtiges Werkzeug, das den Bischöfen bei der Einleitung der Prozesse auf diözesaner Ebene hilft. Ein Werkzeug, das ehrlich gesagt schon lange dringend notwendig war. Und dann gab es da ja auch noch Initiativen wie das Symposium von 1999 zum Thema „Eucharistie, Heiligkeit und Heiligung.“ Ein freudiges Ereignis war auch die schöne Audienz, die Benedikt XVI. den Postulatoren gewährt hat. Es war das erste Mal, dass das passiert ist.
Und doch wurde eine Seligsprechung, die von Pater Leon Dehon, deren Datum bereits festgelegt war, sine die verschoben…
SARAIVA MARTINS: Ja, nach den Polemiken um den vermeintlichen Antisemitismus von Pater Leon wollte man der Sache doch noch mehr auf den Grund gehen. Ich persönlich glaube, dass es sich um ungerechtfertigte, anachronistische Anschuldigungen handelt, und hoffe, dass Pater Dehon schon bald zur Ehre der Altäre erhoben werden kann.
Sie haben vorhin die Probleme erwähnt, die es bei der Seligsprechung von Pius IX. gegeben hat…
SARAIVA MARTINS: In diesem Fall handelte es sich um eine Frage der politischen Opportunität. Es gab historiographische Strömungen, die Papst Mastai alles andere als wohlgesonnen waren, weshalb das Dekret zur Anerkennung des Wunders ja auch Jahre lang blockiert wurde. Dann aber, nachdem man die Meinung der Italienischen Bischofskonferenz eingeholt hatte, die positiv war, wurden diese Vorbehalte für ungerechtfertigt befunden. Und das auch, weil man – und das gilt für Pius IX. genau wie für alle anderen – bei jeder Seligsprechung den betreffenden Diener Gottes seligspricht, und nicht seine politischen Ideen, wie richtig oder falsch diese auch sein mögen.
Unser Chefredakteur hat sich in der Vergangenheit gefragt, ob man vor der Einleitung eines Seligsprechungsprozesses für einen Papst statt der üblichen fünf, nicht besser fünfzig Jahre nach dessen Ableben ins Land gehen lassen sollte…
SARAIVA MARTINS: Die kirchliche Disziplin hat ihre Meinung zu diesem Punkt in den letzten Jahren schon öfter geändert. Nichts spricht also dagegen, dass sie das noch einmal tut. Es stimmt, dass Päpste betreffende Causen besonders heikel sind, auch weil man zu den sie betreffenden Archiven ja bekanntlich erst nach Jahrzehnten Zugang hat. Was mir jedoch wichtig erscheint ist, dass es hierbei keine Einmischung von außen geben darf, weder positiver noch negativer Art; durch Personen oder Institutionen also, die mit dem Prozess nichts zu tun haben. Das muss unterbunden werden. Und die Gefahr solcher Einflüsse ist bei einem Prozess, der 10 oder 20 Jahre nach dem Tod eines Dieners Gottes eingeleitet wird, natürlich wesentlich geringer, wenn nicht gar vollkommen ausgeschaltet. Das gilt für die Päpste ebenso wie für alle anderen.
Sie hätten also prinzipiell nichts dagegen, die derzeitigen fünf Jahre Wartezeit „aufzustocken“?
SARAIVA MARTINS: Ich glaube, dass eine derartige Entscheidung, sofern sie ergriffen werden sollte, helfen könnte, ungebührliche Formen der Druckausübung zu vermeiden.
Johannes XXIII. wurde selig gesprochen, obwohl die ihn betreffenden Archive noch nicht zugänglich waren. Ist das nicht merkwürdig?
SARAIVA MARTINS: Ich darf doch annehmen, dass diejenigen, welche sich mit der Causa befasst haben, alle notwendigen Dokumente studieren konnten, unabhängig davon, ob sie schon zugänglich waren oder nicht.
Unter den Päpsten des zwanzigsten Jahrhunderts haben wir einen Heiligen (Pius X.), einen Seligen (Johannes XXIII.) und vier Diener Gottes (Pius XII., Paul VI., Johannes Paul I. und Johannes Paul II.). Nur für zwei Päpste aus dieser Zeit ist kein Selig- oder Heiligsprechungsprozess anhängig…
SARAIVA MARTINS: Wenn jemand im Ruf der Heiligkeit steht, kann die Kongregation nicht verhindern, dass ein Prozess eingeleitet wird. Das heißt aber nicht, dass nicht auch die Päpste, die nicht im Ruf der Heiligkeit stehen, große Päpste waren. Benedikt XV. und Pius XI. waren ganz ohne Zweifel würdige Nachfolger Petri.
Bei einer Pressekonferenz hat Pater Lombardi erklärt, dass die Kongregation im Falle des Seligsprechungsprozesses von Pius XII. ihre Arbeit getan hätte und die Entscheidung über die Veröffentlichung des Dekrets über den heroischen Tugendgrad nun beim Papst liege…
SARAIVA MARTINS: Die Kongregation hat in der Tat ausgezeichnete Arbeit geleistet. Und der Papst hat Anordnung gegeben, einige Aspekte zu vertiefen. Wir erwarten vertrauensvoll die weiteren Entwicklungen. Die Worte, die der Papst an die Teilnehmer einer Studientagung gerichtet hat; das, was er zum 50. Todestag von Papst Pacelli sagte; wie auch die Einleitung, die der Kardinal-Staatssekretär unlängst zu dem einem Buch von Sr. Marchione [über Pius XII.] geschrieben hat, geben Grund zur Hoffnung.
Eminenz, die allgemeine theologische Meinung ist, dass der Papst mit einer Heiligsprechung einen unfehlbaren Lehramtsakt vollzieht. Eine Meinung, die so mancher namhafte Theologe allerdings nicht teilt. Was sagen Sie dazu?
SARAIVA MARTINS: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Heiligsprechung ein dogmatisches Faktum ist, das das unfehlbare Lehramt des Papstes auf den Plan ruft. Eine Heiligsprechung betrifft schließlich die universale Verehrung, und folglich den Glauben der Kirche. Wenn der Papst einen neuen Heiligen anerkennt, lässt er nämlich nicht die Verehrung auf lokaler Ebene zu, wie das bei Seligen der Fall ist, sondern sieht sie für die ganze universale Kirche vor.
![Benedikt XVI. mit Kardinal Saraiva Martins bei der Audienz für das Kollegium der Postulatoren, Oberen und Beamten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse
(17. Dezember 2007). [© Osservatore Romano]](/upload/articoli_immagini_interne/1227543337192.jpg)
Erlauben Sie mir eine etwas ungebührliche Frage:
Könnte es angesichts der großen Zahl von Heiligsprechungen, die
in den letzten Jahrzehnten vorgenommen wurden, in der Zukunft nicht
unliebsame Überraschungen geben?
SARAIVA MARTINS: Das schließe ich aus. Die Kongregation nimmt ihre Arbeit sehr ernst, und daher glaube ich auch nicht, dass es in der Zukunft Überraschungen geben wird. Vor allem aber glaube ich fest daran, dass der Herr seine Kirche und seinen Stellvertreter auf Erden hierbei niemals in die Irre führt.
Eminenz, erlauben Sie mir eine etwas respektlose Frage. Vor einigen Jahren hat ein Postulator die Kosten für die Seligsprechung eines Ihrer „Kandidaten“ bei ca. 750.000 Euro angesetzt. Besteht bei derartig „gesalzenen“ Summen nicht die Gefahr, dass der ein oder andere in Versuchung geführt wird?
SARAIVA MARTINS: Ich weiß schon, worauf Sie anspielen, und muss hier gleich festhalten, dass es sich bei den Kosten einer jeden Seligsprechung sozusagen um laufende Kosten handelt. Kosten also, die für das Drucken der Positio anfallen, für die gerechten – noch dazu recht bescheidenen – Gehälter für die Theologen und Ärzte, die Kosten für die Zeremonien. Nicht ein einziger Cent fließt also in die Kassen der Kongregation. Die Kongregation beschränkt sich darauf, die Postulatoren, die „den Daumen auf den Beutel halten“, darüber zu informieren, wer und was zu bezahlen ist. Das ist alles.
Eminenz, eine letzte Frage. Fühlen Sie sich jetzt nicht ein bißchen „arbeitslos“?
SARAIVA MARTINS: Arbeitslos? Nein, eigentlich nicht. So Gott will, werde ich bis zum Alter von 80 Jahren Mitglied in Römischen Dikasterien und Büros der Römischen Kurie sein: der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, der für die Bischöfe, des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst, der Päpstlichen Kommission für den Staat der Vatikanstadt. Und dann hat mich der Heilige Vater noch gebeten, in meiner Eigenschaft als emeritierter Präfekt den Vorsitz bei einigen Seligsprechungszeremonien zu führen.
Bei welchen?
SARAIVA MARTINS: Am 4. Oktober in Vigevano für Pater Francesco Pianzola, Gründer der Missionarinnen von der Unbefleckten Empfängnis Königin des Friedens und der diözesanen Oblaten von der Unbefleckten Jungfrau Maria. Am 19. Oktober in Lisieux für die Eheleute Louis und Zélie Martin, die Eltern der hl. Therese. Am 24. November in Nagasaki, in Japan, für die 188 Märtyrer des siebzehnten Jahrhunderts. Am 29. November in Camagüey, in Kuba, für Bruder Olallo Valdés von den Barmherzigen Brüdern. Wie Sie sehen, fehlt es mir an Arbeit wirklich nicht.

Kardinal José Saraiva Martins.
JOSÉ SARAIVA MARTINS: Ja, das stimmt. Ich kann mich noch erinnern, dass man mich damals anrief, um mir mitzuteilen, dass der L’Osservatore Romano mit der Bekanntgabe meiner Ernennung ganz schön ins Fettnäpfchen getreten sei… Es war nämlich in der Tat vorher so, dass ein Nicht-Kardinal, der an die Leitung eines römischen Dikasteriums berufen wurde, zuerst das Amt des Pro-Präfekten übernahm – und das „Pro“ verschwand erst dann, wenn der Betreffende zum Kardinal kreiert wurde. In meinem Fall war es aber keine Falschmeldung, sondern der Hl. Stuhl hatte offensichtlich befunden, dass es an der Zeit sei, die Prozedur dieser Ernennungen zu vereinfachen. Die Machtbefugnisse eines Pro-Präfekten waren nämlich de facto dieselben wie die eines Präfekten.
Wie vielen Seligen und Heiligen haben Sie in Ihren 10 Jahren als Dikasterienleiter dazu „verholfen“, zur Ehre der Altäre erhoben zu werden?
SARAIVA MARTINS: Das kann ich Ihnen sogar ganz genau sagen: Meine ehemaligen Mitarbeiter haben sich nämlich tatsächlich die Mühe gemacht, das nachzurechnen. Ich muss allerdings vorausschicken, dass meine Ernennung unter Johannes Paul II. erfolgte, der im Laufe seines Pontifikats mehr Heilig- und Seligsprechungen vorgenommen hat als alle seine Vorgänger zusammen. Zumindest seit der Apostolische Stuhl mit dieser Angelegenheit befasst ist. In der Tat wurden von 1588, dem Jahr der Entstehung der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, bis 1978 – also vor Papst Wojtyla – insgesamt 808 Selige und 296 Heilige zur Ehre der Altäre erhoben. Unter Johannes Paul II., also von 1978 bis 2005, wurden dagegen 1.353 Selige und 482 Heilige „gemacht“; davon unter meiner „Präfektenzeit“ 553 Selige in 39 Zeremonien, und 203 Heilige in 17 Zeremonien. Dazu kommen noch die Heiligen (14) und Seligen (555), die (bis Juli 2008 gerechnet) von Benedikt XVI. anerkannt wurden. Ich hatte also das Privileg, in 10 Jahren insgesamt 1.108 Seligen und 217 Heiligen dazu zu „verhelfen“, zur Ehre der Altäre erhoben zu werden. Ein Heer, das sich sehen lassen kann, oder? Hoffen wir, dass mich zumindest einer davon dereinst im Himmel nicht vergisst…
Kraft der mit Beginn des neuen Pontifikats übernommenen Regelung hatten Sie auch den Vorsitz bei Seligsprechungszeremonien…
SARAIVA MARTINS: Ja, diese Zeremonien, bei denen zuvor der Papst den Vorsitz hatte, werden nun von einem Kardinal geleitet – der Regel nach dem Präfekten der Kongregation. Und in dieser Eigenschaft durfte ich auch bei 41 der 49 Seligsprechungszeremonien den Vorsitz führen, die in die – wenn ich es einmal so nennen darf – „Ratzingerianische Phase“ meiner Zeit als Präfekt fielen.
Welche dieser 41 Zeremonien hat Sie am meisten beeindruckt?
SARAIVA MARTINS: Sie waren alle schön, besonders ergreifend aber fand ich die Seligsprechung der Märtyrer der Verfolgungen im letzten Jahrhundert in Mexiko, zu der sich im Guadalajara-Stadion 80.000 Gläubige eingefunden hatten. Dort wurde mir auch klar, wie klug die Entscheidung war, die Seligsprechungen nicht länger in Rom, sondern in den jeweiligen Ortskirchen abzuhalten. Wie viele dieser Menschen dort hätten sich schon eine Reise nach Rom leisten können? … Und im Guadalajara-Stadion steht nun sogar ein Gedenkstein, mit dem diese Zeremonie verewigt wurde – was hier bei uns in Europa unvorstellbar wäre.
Gibt es in diesem Heer von Heiligen und Seligen, dem Sie hier auf Erden „unter die Arme gegriffen haben“ einen, der Ihnen besonders ans Herz gewachsen ist?
SARAIVA MARTINS: Einmal vorausgesetzt, dass alle Heiligen und Seligen gleich sind vor dem Herrn, muss ich doch zugeben, dass ich mich einigen besonders nahe fühle. Angefangen bei der Seligsprechung von Papst Johannes XXIII., die man – ein gelungener Einfall – mit der von Papst Pius IX. zusammengelegt hat, die etwas problematisch war. Dann die der Hirtenkinder von Fatima: schon als ich noch ein Kind war, hat mir meine Mutter von ihnen erzählt und mir gesagt, sie anzurufen, zu ihnen zu beten. Sie können sich also vorstellen, welche Freude es für mich war, sie auf ihrem Weg zur Ehre der Altäre begleiten zu dürfen. Und was soll man zur sel. Mutter Teresa und dem hl. Pio von Pietrelcina sagen: zwei ganz wunderbare, populäre Gestalten, die von vielen einfachen Gläubigen angerufen werden. Ja, das sind meine „Lieblinge.“ Ich hoffe, dass mir das die anderen Heiligen und Seligen nachsehen werden...
Könnte eine so große Zahl von Selig- und Heiligsprechungen wie in den letzten 30 Jahren nicht eine Art „Inflation“ auslösen?
SARAIVA MARTINS: Johannes Paul II., dem dieser Einwand nur allzu bewusst war, war nicht dieser Meinung. Und er hatte gute Gegenargumente: Die Heiligen werden von Gott gemacht, und wenn es sie gibt, kommt die Kirche nicht umhin, sie anzuerkennen und vorzuschlagen; das II. Vatikanische Konzil hat von der universalen Berufung zur Heiligkeit gesprochen; die Zunahme der Ortskirchen bedeutet auch die Verbreitung neuer Heiligkeitsmodelle; die Heiligkeit ist der einfachste Weg zur Einheit der Kirche und hat folglich starke Auswirkungen auf die Ökumene. Wir glauben – und daran erinnert uns das Apostolische Glaubensbekenntnis, das wir bei jeder Messe sprechen – „Ecclesiam unam, sanctam…“. All das sind Gründe, denen wir nur zustimmen können und von denen sich die Kongregation bei ihrer Arbeit inspirieren ließ.
Der ein oder andere hat prophezeit, dass es mit Benedikt XVI. eine Rückkehr zum früheren Brauchtum geben würde…
SARAIVA MARTINS: Die Statistiken zeigen eindeutig, dass dem nicht so ist. Der neue Papst hat keinen anderen Kurs als sein Vorgänger eingeschlagen. Das Tempo wurde nicht gedrosselt. Im Gegenteil: die Entscheidung, die Seligsprechungszeremonien zu miterleben, wie das neue Reglement der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse approbiert wurde, oder, zuletzt, die Instruktion Sanctorum Mater, die mir besonders wichtig war. Sie ist nämlich ein wichtiges Werkzeug, das den Bischöfen bei der Einleitung der Prozesse auf diözesaner Ebene hilft. Ein Werkzeug, das ehrlich gesagt schon lange dringend notwendig war. Und dann gab es da ja auch noch Initiativen wie das Symposium von 1999 zum Thema „Eucharistie, Heiligkeit und Heiligung.“ Ein freudiges Ereignis war auch die schöne Audienz, die Benedikt XVI. den Postulatoren gewährt hat. Es war das erste Mal, dass das passiert ist.
Und doch wurde eine Seligsprechung, die von Pater Leon Dehon, deren Datum bereits festgelegt war, sine die verschoben…
SARAIVA MARTINS: Ja, nach den Polemiken um den vermeintlichen Antisemitismus von Pater Leon wollte man der Sache doch noch mehr auf den Grund gehen. Ich persönlich glaube, dass es sich um ungerechtfertigte, anachronistische Anschuldigungen handelt, und hoffe, dass Pater Dehon schon bald zur Ehre der Altäre erhoben werden kann.
Sie haben vorhin die Probleme erwähnt, die es bei der Seligsprechung von Pius IX. gegeben hat…
SARAIVA MARTINS: In diesem Fall handelte es sich um eine Frage der politischen Opportunität. Es gab historiographische Strömungen, die Papst Mastai alles andere als wohlgesonnen waren, weshalb das Dekret zur Anerkennung des Wunders ja auch Jahre lang blockiert wurde. Dann aber, nachdem man die Meinung der Italienischen Bischofskonferenz eingeholt hatte, die positiv war, wurden diese Vorbehalte für ungerechtfertigt befunden. Und das auch, weil man – und das gilt für Pius IX. genau wie für alle anderen – bei jeder Seligsprechung den betreffenden Diener Gottes seligspricht, und nicht seine politischen Ideen, wie richtig oder falsch diese auch sein mögen.
Unser Chefredakteur hat sich in der Vergangenheit gefragt, ob man vor der Einleitung eines Seligsprechungsprozesses für einen Papst statt der üblichen fünf, nicht besser fünfzig Jahre nach dessen Ableben ins Land gehen lassen sollte…
SARAIVA MARTINS: Die kirchliche Disziplin hat ihre Meinung zu diesem Punkt in den letzten Jahren schon öfter geändert. Nichts spricht also dagegen, dass sie das noch einmal tut. Es stimmt, dass Päpste betreffende Causen besonders heikel sind, auch weil man zu den sie betreffenden Archiven ja bekanntlich erst nach Jahrzehnten Zugang hat. Was mir jedoch wichtig erscheint ist, dass es hierbei keine Einmischung von außen geben darf, weder positiver noch negativer Art; durch Personen oder Institutionen also, die mit dem Prozess nichts zu tun haben. Das muss unterbunden werden. Und die Gefahr solcher Einflüsse ist bei einem Prozess, der 10 oder 20 Jahre nach dem Tod eines Dieners Gottes eingeleitet wird, natürlich wesentlich geringer, wenn nicht gar vollkommen ausgeschaltet. Das gilt für die Päpste ebenso wie für alle anderen.
Sie hätten also prinzipiell nichts dagegen, die derzeitigen fünf Jahre Wartezeit „aufzustocken“?
SARAIVA MARTINS: Ich glaube, dass eine derartige Entscheidung, sofern sie ergriffen werden sollte, helfen könnte, ungebührliche Formen der Druckausübung zu vermeiden.
Johannes XXIII. wurde selig gesprochen, obwohl die ihn betreffenden Archive noch nicht zugänglich waren. Ist das nicht merkwürdig?
SARAIVA MARTINS: Ich darf doch annehmen, dass diejenigen, welche sich mit der Causa befasst haben, alle notwendigen Dokumente studieren konnten, unabhängig davon, ob sie schon zugänglich waren oder nicht.
Unter den Päpsten des zwanzigsten Jahrhunderts haben wir einen Heiligen (Pius X.), einen Seligen (Johannes XXIII.) und vier Diener Gottes (Pius XII., Paul VI., Johannes Paul I. und Johannes Paul II.). Nur für zwei Päpste aus dieser Zeit ist kein Selig- oder Heiligsprechungsprozess anhängig…
SARAIVA MARTINS: Wenn jemand im Ruf der Heiligkeit steht, kann die Kongregation nicht verhindern, dass ein Prozess eingeleitet wird. Das heißt aber nicht, dass nicht auch die Päpste, die nicht im Ruf der Heiligkeit stehen, große Päpste waren. Benedikt XV. und Pius XI. waren ganz ohne Zweifel würdige Nachfolger Petri.
Bei einer Pressekonferenz hat Pater Lombardi erklärt, dass die Kongregation im Falle des Seligsprechungsprozesses von Pius XII. ihre Arbeit getan hätte und die Entscheidung über die Veröffentlichung des Dekrets über den heroischen Tugendgrad nun beim Papst liege…
SARAIVA MARTINS: Die Kongregation hat in der Tat ausgezeichnete Arbeit geleistet. Und der Papst hat Anordnung gegeben, einige Aspekte zu vertiefen. Wir erwarten vertrauensvoll die weiteren Entwicklungen. Die Worte, die der Papst an die Teilnehmer einer Studientagung gerichtet hat; das, was er zum 50. Todestag von Papst Pacelli sagte; wie auch die Einleitung, die der Kardinal-Staatssekretär unlängst zu dem einem Buch von Sr. Marchione [über Pius XII.] geschrieben hat, geben Grund zur Hoffnung.
Eminenz, die allgemeine theologische Meinung ist, dass der Papst mit einer Heiligsprechung einen unfehlbaren Lehramtsakt vollzieht. Eine Meinung, die so mancher namhafte Theologe allerdings nicht teilt. Was sagen Sie dazu?
SARAIVA MARTINS: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Heiligsprechung ein dogmatisches Faktum ist, das das unfehlbare Lehramt des Papstes auf den Plan ruft. Eine Heiligsprechung betrifft schließlich die universale Verehrung, und folglich den Glauben der Kirche. Wenn der Papst einen neuen Heiligen anerkennt, lässt er nämlich nicht die Verehrung auf lokaler Ebene zu, wie das bei Seligen der Fall ist, sondern sieht sie für die ganze universale Kirche vor.
![Benedikt XVI. mit Kardinal Saraiva Martins bei der Audienz für das Kollegium der Postulatoren, Oberen und Beamten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse
(17. Dezember 2007). [© Osservatore Romano]](/upload/articoli_immagini_interne/1227543337192.jpg)
Benedikt XVI. mit Kardinal Saraiva Martins bei der Audienz für das Kollegium der Postulatoren, Oberen und Beamten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse (17. Dezember 2007). [© Osservatore Romano]
SARAIVA MARTINS: Das schließe ich aus. Die Kongregation nimmt ihre Arbeit sehr ernst, und daher glaube ich auch nicht, dass es in der Zukunft Überraschungen geben wird. Vor allem aber glaube ich fest daran, dass der Herr seine Kirche und seinen Stellvertreter auf Erden hierbei niemals in die Irre führt.
Eminenz, erlauben Sie mir eine etwas respektlose Frage. Vor einigen Jahren hat ein Postulator die Kosten für die Seligsprechung eines Ihrer „Kandidaten“ bei ca. 750.000 Euro angesetzt. Besteht bei derartig „gesalzenen“ Summen nicht die Gefahr, dass der ein oder andere in Versuchung geführt wird?
SARAIVA MARTINS: Ich weiß schon, worauf Sie anspielen, und muss hier gleich festhalten, dass es sich bei den Kosten einer jeden Seligsprechung sozusagen um laufende Kosten handelt. Kosten also, die für das Drucken der Positio anfallen, für die gerechten – noch dazu recht bescheidenen – Gehälter für die Theologen und Ärzte, die Kosten für die Zeremonien. Nicht ein einziger Cent fließt also in die Kassen der Kongregation. Die Kongregation beschränkt sich darauf, die Postulatoren, die „den Daumen auf den Beutel halten“, darüber zu informieren, wer und was zu bezahlen ist. Das ist alles.
Eminenz, eine letzte Frage. Fühlen Sie sich jetzt nicht ein bißchen „arbeitslos“?
SARAIVA MARTINS: Arbeitslos? Nein, eigentlich nicht. So Gott will, werde ich bis zum Alter von 80 Jahren Mitglied in Römischen Dikasterien und Büros der Römischen Kurie sein: der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, der für die Bischöfe, des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst, der Päpstlichen Kommission für den Staat der Vatikanstadt. Und dann hat mich der Heilige Vater noch gebeten, in meiner Eigenschaft als emeritierter Präfekt den Vorsitz bei einigen Seligsprechungszeremonien zu führen.
Bei welchen?
SARAIVA MARTINS: Am 4. Oktober in Vigevano für Pater Francesco Pianzola, Gründer der Missionarinnen von der Unbefleckten Empfängnis Königin des Friedens und der diözesanen Oblaten von der Unbefleckten Jungfrau Maria. Am 19. Oktober in Lisieux für die Eheleute Louis und Zélie Martin, die Eltern der hl. Therese. Am 24. November in Nagasaki, in Japan, für die 188 Märtyrer des siebzehnten Jahrhunderts. Am 29. November in Camagüey, in Kuba, für Bruder Olallo Valdés von den Barmherzigen Brüdern. Wie Sie sehen, fehlt es mir an Arbeit wirklich nicht.