„Wie wichtig es ist, einfach nur Jesus in sich zu tragen“
Lesen Sie hier den Text der Predigt, die der Primas der anglikanischen Gemeinschaft am Mittwoch, 24. September, an der Grotte von Lourdes gehalten hat.
von Rowan Williams, Primas der anglikanischen Gemeinschaft
![Der anglikanische Primas Rowan Williams und Kardinal Walter Kasper bei der Grotte von Lourdes (24. September 2008). [© ACHS/Rosenthal]](/upload/articoli_immagini_interne/1227539804817.jpg)
Der anglikanische Primas Rowan Williams und Kardinal Walter Kasper bei der Grotte von Lourdes (24. September 2008). [© ACHS/Rosenthal]
Maria erscheint uns hier als die erste Missionarin, „erste Botin des Evangeliums“, wie sie Bischof Perrier von Lourdes nennt: Das erste menschliche Wesen, das einem anderen die Frohbotschaft Jesu Christi bringt. Und sie tut es einfach nur, indem sie Christus in sich trägt. Sie erinnert uns daran, dass Mission nicht damit beginnt, dass man eine Botschaft mit Worten weitergibt, sondern dass man einem anderen mit Jesus im Herzen entgegengeht. Maria legt Zeugnis dafür ab, wie wichtig es ist, Jesus einfach nur in sich zu tragen, noch lange vor allen Worten und Taten, die ihn zeigen oder erklären. Der Bericht vom Besuch Mariens bei Elisabeth ist in einem gewissen Sinne ein sehr merkwürdiger Bericht. Es geht nicht um die Weitergabe einer rationellen Information von einem Sprecher zum anderen, sondern um einen ersten Strom geistlicher Elektrizität vom noch ungeborenen Christus zum noch ungeborenen Johannes dem Täufer. Mission ist es aber ganz gewiss, denn es ruft Dankbarkeit und Freude hervor. Es geschieht etwas, das allen zukünftig gesagten Worten, allen zukünftig vollbrachten Taten den Weg ebnet. Der Gläubige kommt mit Christus, um durch den Glauben in ihnen Wohnstatt zu nehmen.Und Gott lässt diesen Strom lebendig werden; und eine Antwort zeichnet sich ab, nicht schon in Worten oder Taten, nein, einfach nur darin, dass man erkennt, dass hier Leben ist.
Als Maria Bernadette erschien, tat sie das zunächst in anonymer Form, als schöne Frau, als „mysteriöses“ Ding, das noch nicht als Unbefleckte Mutter des Herrn erkannt worden war. Und Bernadette, die keinerlei Bildung hatte, nichts von Katechese wusste, hüpfte vor Freude, als sie erkannte, dass da Leben, dass da Heilung war. Denken wir nur an die Berichte von den anmutigen Bewegungen, mit denen sie auf Geheiß der Dame auf Knien zu ihr rutschte. So als würde auch sie, Bernadette, ebenso wie Johannes im Schoße Elisabeths, zur Musik des menschgewordenen Wortes zu tanzen beginnen, das von seiner Mutter getragen wird. Erst nach und nach findet Bernadette die Worte, um es der Welt mitzuteilen. Erst nach und nach, könnten wir sagen, entdeckt sie, wie sie der Dame zuhören, das wiederholen kann, was sie uns zu sagen hat.
Da ist also eine Frohbotschaft für alle unter uns, die dem Aufruf Jesu zur Mission in seinem Namen folgen wollen; und es ist auch eine Frohbotschaft für alle, die ihre Bemühungen für unzureichend und nutzlos halten; für alle, die ihren Weg zu den „richtigen“ Worten und zu einer klaren Verpflichtung noch nicht gefunden haben. Unsere erste und wichtigste Aufgabe ist es, Jesus bei allem, was wir tun, in uns zu tragen, dankbar und treu. Wir können es auch wie die hl. Teresa von Avila halten und einfach immer nur ein Bildchen oder ein Kruzifix bei uns tragen, um den Herrn ständig „spüren“ zu können. Wir können es aber auch tun, indem wir der orthodoxen spirituellen Tradition folgen und still folgendes Jesus-Gebet sagen: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, hab Erbarmen mit mir Sünder.“ Und wenn wir konsequent sind und Christus wirklich immer bei uns tragen, wird etwas geschehen: Ein Strom von Elektrizität wird sich bemerkbar machen, und jene, die in unserer Nähe sind, werden – vielleicht weit unter der Bewusstseinsebene – eine Regung des Lebens und der Freude spüren, die sie vielleicht gar nicht verstehen. Und vielleicht werden wir sie nie sehen, vielleicht nie davon erfahren; vielleicht werden sie die Leute gar nicht mit uns in Verbindung bringen, und doch wird sie da sein. Denn Jesus spricht immer zu dem, was tief im Herzen der Männer und Frauen verborgen ist, die Bestimmung, für die sie geschaffen sind. Ob sie es nun wissen oder nicht, in ihnen ist etwas, das auf Christus ausgerichtet ist. Wir tragen Jesus auch weiterhin und verzweifeln nicht: Mission wird geschehen, trotz allem, weil Gott in Christus seine Reise ins Herz begonnen hat.
Und wenn wir jenen begegnen, die sagen, dass sie ja gerne glauben würden, das aber nicht können; jenen, die sich fragen, wie sie jemals ihren Weg zu einer Verpflichtung finden können, die ebenso einschüchternd wie schwer verständlich erscheint, können wir auch ihnen sagen: „Gib dich nicht geschlagen! Versuch es einfach, und halte dich an die Momente tiefer und geheimnisvoller Freude! Warte geduldig darauf, dass etwas in dir zum Leben erwacht.“ Es ist sicher nicht unsere Art als Christen, anderen überheblich Pflichten auferlegen zu wollen, zu denen diese nicht bereit sind. Und doch können und müssen wir versuchen, da zu sein, Jesus stets in uns tragend und zulassend, dass sich seine Freude verbreitet.In der Erwartung, dass es in jemandes Herz plötzlich zu einem Anflug von Erkenntnis kommt.
Sicher, ja sogar sehr oft, sind wir selbst die ersten, die das Bedürfnis haben, die Frohbotschaft zu vernehmen. Wir brauchen Menschen um uns, die Jesus in sich tragen, weil wir alle, die wir uns Gläubige nennen, unsere Momente der Verwirrung und der Orientierungslosigkeit haben. Andere kehren uns vielleicht den Rücken, oder verletzen uns;die Kirche selbst erscheint uns womöglich verwirrt, schwach oder gar lieblos, so dass wir uns nicht ausreichend gespeist und auch nicht so geführt fühlen, wie wir es sein sollten. Und doch sagt uns diese Erzählung von Maria und Elisabeth, dass das menschgewordene Wort Gottes immer schon auf dem Weg zu uns ist, verborgen hinter Stimmen, Gesichtern und Gestalten, die uns vertraut sind oder auch nicht. Jesus ist allzeit still am Werk und zielt auf das ab, was zutiefst in uns liegt, trifft den Kern unserer Freude und unserer Hoffnung.
![Kranke in Lourdes. [© Contrasto]](/upload/articoli_immagini_interne/1227539922426.jpg)
Kranke in Lourdes. [© Contrasto]
Man mag versucht sein, die Mission als etwas zu sehen, was auf dieselbe Weise vollbracht werden muss, in der wir so vieles andere tun – oder zu tun versuchen –, alles von Plänen und Handlungsweisen und erreichten Resultaten abhängig machen. Man mag versucht sein, das ganze Leben der Kirche so zu sehen. Gewiss, wir müssen unseren Verstand gebrauchen, müssen fähig sein, zwischen positiven und negativen Ergebnissen zu unterscheiden.Unter Einsatz all unseres Könnens, allen Enthusiasmus, dessen wir fähig Wahre Mission ist bereit, sich von Gott überraschen zu lassen, sich „von der Freude überraschen zu lassen“, wie es C.S. Lewis so treffend sagte. Elisabeth kannte die ganze Geschichte Israels und wusste, wie sie Gott den Weg bereitete, der sein Volk besuchen kam – und doch wurde sie von einer Neuheit des Lebens und der Erkenntnis übermannt, als das Kind in ihrem Leib vor Freude hüpfte. Die Nachbarn, die Lehrer, der Klerus in der Pfarrei Bernadettes wussten alles, was man ihrer Meinung nach über die Mutter Gottes wissen musste, und doch mussten sie von diesem unbedeutenden jungen Mädchen überrascht werden, das niemand war, sich nicht auszudrücken wusste, und vor Freude hüpfte, als es erkannte, dass es Maria begegnet war, als Mutter und Schwester, Trägerin unseres Herrn und Erlösers.
So beten wir hier – erneuert und überrascht an diesem heiligen Ort – darum, dass uns die überschattende Macht des Geistes gegeben sein möge, Jesus überall in uns zu tragen, wohin wir auch gehen; in der Hoffnung, dass die Freude bei all unseren menschlichen Begegnungen von Herz zu Herz springen möge. Und dass uns auch der Mut gegeben sei, diese Freude tief in unserem Innern zu suchen, auf sie zu hören, wenn die Klarheit der Frohbotschaft weit entfernt, der Himmel wolkenverhangen zu sein scheint.
Heute aber sagen wir hier, mit Elisabeth und Bernadette, voller Staunen und Dankbarkeit: „Was habe ich getan, um es verdient zu haben, dass die Mutter meines Herrn zu mir gekommen ist?“. Und wir erkennen, dass die Sehnsucht unseres Herzens erfüllt wurde, die Tiefe unseres Herzens zu neuem Leben erwacht ist.