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TURINER GRABTUCH
Aus Nr. 06/07 - 2008

INTERVIEW. Historische und ikonographische Daten.

Das Bild des Antlitzes Jesu


Geschichte und Ikonographie zeigen, dass – vor allem im Osten – schon vor dem 13. Jahrhundert ein Grabtuch-Modell bekannt war. Zu Wort kommt Anna Benvenuti, ordentlicher Professor für Geschichte des Mittelalters an der Universität Florenz.


Interview mit Anna Benvenuti von Pina Baglioni


<I>Mandylion mit imago pietatis</I>, 
Ikone aus dem 16. Jh., 
Kolomenskoe-Museum, Moskau.

Mandylion mit imago pietatis, Ikone aus dem 16. Jh., Kolomenskoe-Museum, Moskau.

„Als Geschichtswissenschaftlerin möchte ich mich zur Frage der Authentizität des Turiner Grabtuchs nicht äußern, weder dafür noch dagegen. Ich verfolge mit großem Interesse, was Chemiker, Physiker und Anatompathologen dazu zu sagen haben, lese regelmäßig die Berichte in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Perplex macht mich jedoch, dass jedes Mal, wenn die so genannten ‚Fideisten‘ unter den Wissenschaftlern irgendein Resultat hervorbringen, dieses von den ‚Agnostikern‘ automatisch angefochten wird. Und ich muss auch sagen, dass ein beachtlicher Teil der katholischen Welt fast schon aufatmete, als das Grabtuch vor 20 Jahren mittels Radiokarbonmethode als Fälschung ausgewiesen wurde, die man in der Zeit zwischen 1260 und 1390 ‚bewerkstelligt‘ hatte.“
Anna Benvenuti, ordentliche Professorin für Geschichte des Mittelalters an der Universität Florenz, nimmt kein Blatt vor den Mund. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit den Verhaltensweisen der christlichen Welt, mit Heiligenkult und Reliquienverehrung. Sie ist Mitglied von mehr als 30 Wissenschaftskomitees und Vorsitzende des Italienischen Wissenschaftlerverbandes für Geschichte des Mittelalters. Vor zehn Jahren erschien ihr 64 Seiten umfassendes Buch über das Geheimnis des Grabtuchs, Il mistero della Sindone. Darin wurden ernsthafte Zweifel an der Zuverlässigkeit der Analysen laut, die man in den Labors Oxford, Tucson und Zürich durchgeführt hatte. Zweifel, die bis heute nicht ausgeräumt werden konnten. Aber auch einige ihrer Kollegen werden von ihr kritisiert: „Merkwürdigerweise sind viele Intellektuelle und ‚erleuchtete‘ Geschichtswissenschaftler grundsätzlich voreingenommen gegen das Grabtuch. Obwohl sie keine Ahnung davon haben, sich nie mit diesem Thema befasst haben, steht für sie fest, dass es eine Fälschung ist. Und daran gibt es für sie nichts zu rütteln. Obwohl man sich doch angesichts eines so geheimnisumwitterten Objekts unweigerlich Fragen stellen sollte. Immerhin dürfen wir nicht vergessen, dass es sich bei dem, was wir in Turin sehen, um ein Fotonegativ handelt, von dem niemand weiß, wie es entstanden ist.“
Aussagen wie diese brachten Anna Benvenuti den Ruf ein, aus dem katholischen Lager zu kommen. „Ob ich Katholikin bin oder nicht, ist meine Privatangelegenheit. Etikette klebt man auf Marmeladengläser, nicht auf die Augen. Wo bliebe sonst die Erkenntnis? In diesem Sinne beeindruckend war meiner Meinung nach der Dokumentarfilm über das Grabtuch, den die BBC am Samstag vor Ostern in England ausgestrahlt hat. Obwohl ich ihn langweilig fand und aus den Kommentaren nicht wirklich schlau wurde, weil eigentlich nicht erklärt wurde, was an den bisherigen Analysen nun eigentlich zweifelhaft war, ist es doch bedeutungsvoll, dass einer der wichtigsten Fernsehsender eines so antipapistischen Landes wie England die Frage der Datierung wieder aufgeworfen hat. Und nicht nur das. Gerade jene Wissenschaftler, die das Grabtuch damals als Fälschung auswiesen, sind heute bereit, ihre Aussagen zurückzunehmen. Und das ist an sich ja wohl keine schlechte Sache.“

In Ihrem 10 Jahre alten Werk kritisieren Sie das 1988 gefällte Urteil scharf, werfen den Wissenschaftlern vor, die Erkenntnisse der Historiker, Ikonologen und Kunsthistoriker vollkommen außer Acht gelassen zu haben. Was war passiert?
ANNA BENVENUTI: Wenn man die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Fachgebiete miteinbezogen hätte, wären wenigstens Zweifel laut geworden, wären die von den Wissenschaftlern als gewiss postulierten Erkenntnisse relativiert worden. Und das ist dem Dokumentarfilm der BBC ja nun endlich gelungen. Am meisten überrascht an dem 1988 gefällten Urteil der Umstand, dass besagte Wissenschaftler gerade in ihren jeweiligen Kompetenzbereichen schlampig gearbeitet haben: immerhin war es weithin bekannt, dass die Ansammlung von radiokarbonhaltigen Substanzen auf einem Stoff weitaus größer ist als auf einem Körper oder auf einem Stein. Man hätte nur Fallstudien betreiben müssen: es gab beispielsweise den einer ägyptischen Mumie im Museum von Manchester, bei der die Datierung mittels Radiokarbonmethode große Diskrepanzen zwischen den sterblichen Überresten der Mumie und den sie umhüllenden Stoffbinden ergeben hatte. Erst als man letztere durch Enzymbehandlungen gereinigt hatte, stimmten die Ergebnisse überein. All das war in die Analysen von 1988 nicht mit einbezogen worden. Und das ist umso erstaunlicher, weil Wissenschaft doch gerade das ist: der Vergleich der verschiedenen, bereits vorliegenden Testergebnisse.
Damals wurde die Frage aufgeworfen, ob das untersuchte Stoffteil des Grabtuches auch tatsächlich alle Voraussetzungen erfüllte, die für eine sichere Datierung notwendig sind. Immerhin hat das Grabtuch eine turbulente Geschichte hinter sich, ist ein weit gereistes Objekt; es hat Brände überlebt, wurde von Gläubigen geküsst, die so ihre eigenen Spuren darauf hinterlassen haben. Ständig neue Ansammlungen also, die die Datierung durchaus verfälscht haben können. Dennoch wurde 1988 erbarmungslos und unwiderruflich das Urteil gefällt: das Grabtuch ist eine Fälschung und geht auf das Mittelalter zurück. Für mich stand fest, dass dahinter kirchenfeindliche Kreise steckten. Und das machte mich wütend: hier konnte ganz einfach nicht besten Wissens und Gewissens vorgegangen worden sein. Das Problem war vor allem, dass man sich der Beziehung bewusst werden musste zwischen dem, was ich damals, der Einfachheit halber, als „Grabtuch-Modell“ bezeichnet habe – etwas, das es tatsächlich gegeben hat, das die Kunst beeinflusste und schon seit dem 6. Jahrhundert das rituelle Verhalten der Gläubigen prägte – und dem Grabtuch als solchem. Kurzum: man musste bedenken, dass es eine antike Tradition gegeben hat und dass diese Tradition Folgen hatte, die ikonographisch zurückverfolgt werden können.
Können Sie uns konkrete Beispiele für die Beziehung zwischen Grabtuch-Modell und Grabtuchobjekt geben?
BENVENUTI: Einfach gesagt verhält es sich so: die oft wiederholte Betrachtung eines Grabtuches hat ein Modell entstehen lassen, das dann Verbreitung fand.
Nehmen wir z.B. ein Detail, das auf den ersten Blick ikonographisch unbedeutend scheint: das schräge soppedaneo (Fußstütze) des Kreuzes. Der Umstand, dass es schräg war, ließ in der byzantinischen Tradition an einen Mann denken, der hinkte. Eine Überzeugung, zu der man offensichtlich nach der Betrachtung eines Grabtuches gekommen war. Ob dieses Grabtuch ein dem von Turin ähnliches oder sogar das von Turin war, können die Historiker nicht sagen. Sicher ist nur, dass sich auf dem Turiner Grabtuch der Abdruck eines Mannes findet, bei dem ein Bein länger ist als das andere. Ein Bein, das über das andere gezogen wurde, um die aufeinander liegenden Füße für die Kreuzigung mit Nägeln zu durchbohren. Und das häufige Betrachten dieses Bildes hat den fälschlichen Eindruck und dann die Überzeugung entstehen lassen, dass Jesus gehinkt hat.
Man kann aber noch ein anderes Beispiel nennen: in den ersten Jahrhunderten des Christentums wurde Jesus als Guter Hirt mit Jünglingsgesicht dargestellt. Irgendwann haben sich die Dinge aber ge (oder die Form einer umgedrehten 3 aufweisende) Rinnsal auf der Stirn des Mannes, das anatomisch genauso gerechtfertigt ist wie die Spuren arteriellen Blutes an anderen Stellen des Leintuches. Aspekte und Erkenntnisse, die im Mittelalter nicht bekannt waren. Aber das ist noch nicht alles: im Mittelalter wusste man auch nichts von der im alten Rom üblichen Kreuzigungstechnik. Und ist es nicht merkwürdig, dass auf der Grabtuch-Fälschung etwas dargestellt ist, wovon man absolut keine Kenntnis hatte? Beispielsweise dem Brauch, die Nägel nicht durch die Handflächen zu bohren, wie uns die gesamte mittelalterliche Ikonographie zeigt, sondern durch das Handgelenk. Das Anbringen des Nagels zwischen den Handwurzel-Knochen gab dem Körper nicht nur mehr Halt als in der sehr viel schwächeren Mittelhand, sondern verletzte auch den Mittelhandnerv und bewirkte so, dass sich die Daumen zurückbogen. Und tatsächlich zeigt uns ein Blick auf die Hände des Mannes auf dem Grabtuch vier Finger statt fünf: die Daumen kann man nicht sehen, weil sie nach hinten gebogen sind.
Der Weg, den das Grabtuch aller Wahrscheinlichkeit nach zurückgelegt hat.

Der Weg, den das Grabtuch aller Wahrscheinlichkeit nach zurückgelegt hat.

Ihrer Meinung nach widerspricht also gerade die Betrachtung des Grabtuchs der Theorie, dass es sich um eine mittelalterliche Fälschung handelt?
BENVENUTI: Genau. Sie müssen wissen, dass einige Verfechter der Fälschungs-Theorie sogar die Hypothese aufgestellt haben, dass in dem Grabtuch tatsächlich ein Leichnam gelegen, dass man dafür einen Menschen gekreuzigt hat. Aber auch in diesem Fall hätte der vermeintliche Fälscher Kenntnisse haben müssen, die er nicht haben konnte: der medizinischen Forschung des Mittelalters fehlten ganz einfach noch die grundlegenden Erkenntnisse in Sachen Anatomie, die man erst zur Zeit der Renaissance gewonnen hat. Ein mittelalterlicher Fälscher hätte auch die von einer römischen Geißel zugefügten Wunden nie bis ins kleinste Detail darstellen können, ganz zu schweigen von den Abschürfungen durch die Knochen- oder Metallfragmente an deren Enden. Noch schwerer hätte man sich die Wunden vorstellen können, die der Querbalken des Kreuzes auf dem geschundenen Leib des Opfers hinterlassen hat, wo man sich das Kreuz doch damals noch als im Ganzen getragen (also vertikaler und horizontaler Teil, die zusammengefügt waren und somit ein einziges Objekt ergaben) vorstellte. Es wäre auch nur schwer möglich gewesen, sich zwei in unterschiedliche Richtungen verlaufende Blutrinnsale an den Unterarmen vorzustellen, die auf dem Grabtuch-Abdruck dagegen deutlich zu erkennen sind, was wiederum beweist, dass der Verurteilte im Zuge der Kreuzigung bewegt wurde. Und wie hätte man sich das Gerinnen von Blut und die farblose wäßrige Flüssigkeit (Serum) im Hüftbereich vorstellen sollen, was sich durch die „Wiegen“-Lage erklärt, in der sich der Körper beim Transport zum Grab befand? Oder die Schwellungen auf Wangen und Nase, und schließlich jene realistische Nacktheit, die die Symbolik des Mittelalters selbst in ihrer naturalistischsten Form niemals akzeptiert hätte? Wie man also sieht, hätte man nicht nur mit Hilfe der Geschichte, der Kunstgeschichte und der Ikonographie zu einer realistischeren Datierung des Grabtuches gelangen können, sondern auch angesichts des Entwicklungsstandes der Medizin.
Man darf nicht vergessen, dass die gesamte diesbezügliche Forschungsarbeit von dem ausgelöst wurde, was zum ersten Mal auf den Fotos von Secondo Pia 1898 zu sehen war. Bei diesem mysteriösen Negativbild nimmt alles seinen Ausgang. Und damit meine ich vor allem jene philologischen Merkmale der Kreuzigung, von denen wir bisher gesprochen haben und von denen man im Mittelalter noch nichts wusste.
Können Sie uns ein Dokument zu dem empfehlen, was Sie eben gesagt haben?
BENVENUTI: Ja, die Pray-Handschrift ist zweifellos das wichtigste Dokument zu diesem Thema. Sie ist in ungarischer Sprache geschrieben und befindet sich in der Nationalbibliothek Budapest. Sie enthält die Zeichnung einer Grablegung: die Position Christi entspricht der des Mannes auf dem Grabtuch. An den Händen kann man – wie bei dem Mann auf dem Grabtuch – vier Finger zählen, was, wie bereits erklärt, darauf zurückzuführen ist, dass die Daumen nach hinten gebogen, also nicht erkennbar sind. Der Zeichner muss das Grabtuch oder eine Kopie davon gesehen haben, denn natürlich wurden von dem Grabtuch viele Kopien angefertigt. Sehr wichtig ist zunächst einmal der Umstand, dass das Dokument aus dem Jahr 1192 stammt, also 70 Jahre älter ist als die Datierung, die sich laut Radiokarbonmethode ergibt. Und das ist nicht alles: auf der Zeichnung sind vier L-förmige Abdrücke erkennbar, die interessanterweise auch auf dem Turiner Grabtuch zu sehen sind. Zurückzuführen sind sie entweder auf einen Brand (noch vor dem berühmten vom 4. Dezember 1532 in Chambéry) oder darauf, dass das Grabtuch viele, viele Male vierfach gefaltet wurde.
Kann der Dokumentarfilm der BBC mit irgendwelchen neuen Erkenntnissen in Sachen Grabtuch-Datierung aufwarten?
BENVENUTI: Der geschichtswissenschaftlichen und ikonograpischen Forschung wird endlich mehr Raum gegeben. Dank einiger bedeutender Historiker konzentriert man sich nun wieder auf Robert de Clari, dem wir eine der detailliertesten Beschreibungen der Plünderung Konstantinopels im Jahr 1204 zu verdanken haben. Er berichtet beispielsweise, dass die Religionsführer jeden Freitag in der Kirche St. Maria von Blacherne in Konstantinopel für die Gläubigen das „Grabtuch“ ausstellten, „das Unseren Herrn umhüllte.“ De Clari schreibt auch, dass das Grabtuch oft „aufgestellt ausgestellt wurde, damit man den Leib Unseres Herrn sehen könne.“
Der BBC-Dokumentarfilm hat auch gezeigt, wie einige amerikanische Gelehrte rekonstruieren konnten, welcher Gerätschaften man sich in Konstantinopel für die Ausstellung bediente. Erklärt wird auch, wie es dank hochempfindlicher Instrumente gelungen ist, sogar die Abdrücke des wiederholten Faltens des Tuches am Ende der Zeremonie zu erkennen. Faltenabdrücke, die sich gerade durch die Prozedur erklären, die bei der Ausstellung des heiligen Grabtuches für die Gläubigen üblich war. Geschichtlich betrachtet, kann man also von der oft wiederholten Ausstellung einer Art „Grabtuch-Modell“ sprechen. Und zwar noch vor seiner Ankunft in Europa. Es kann auch sein, dass ein Grabtuch und seine Kopien zu einem gewissen Zeitpunkt gleichzeitig nach Europa kamen. So erklärt sich vielleicht der Umstand, dass es ein Grabtuch in Paris, ein anderes in Besançon gegeben hat. Eines davon kam jedenfalls nach Turin. Gewiss ist, dass das in Turin nichts von einer Kopie hat. Es ist nämlich wissenschaftlich erwiesen, dass es sich dabei nicht um ein Gemälde handelt: ein schönes Mysterium, oder?
<I>Pray-Handschrift</I>, Miniatur aus den Jahren 1192-1195,  Nationalbibliothek Budapest, Ungarn.

Pray-Handschrift, Miniatur aus den Jahren 1192-1195, Nationalbibliothek Budapest, Ungarn.

Was wissen wir – abgesehen von der Ausstellung in Konstantinopel – noch über das Schicksal des Grabtuchs vor seiner Ankunft in Savoyen?
BENVENUTI: Der gute Robert de Clari schreibt unter anderem, dass es „keinen Griechen oder Franken gab, der gewusst hätte, was nach der Eroberung der Stadt mit dem Grabtuch geschah.“ Zu Robert de Clari muss aber auch gesagt werden, dass seine Aussagen nicht als sicherer Beweis genommen werden können. Was er nämlich in der Kirche von Konstantinopel gesehen hat, kann auch eine Kopie gewesen sein. Damals wurden viele Kopien hergestellt; in der byzantinischen Spiritualität kam ihnen ein ähnlicher Wert zu wie dem Original.
Es gibt übrigens noch ein anderes Zeugnis: einen viel diskutierten Brief, der nur in einer späten Abschrift erhalten ist. Darin wird berichtet, dass der Despot von Epirus, Theodorus Angelus, Papst Innozenz III. berichtete, wie sich die Kreuzfahrer die reiche Kriegsbeute des geplünderten Konstantinopel teilten: die Venezianer rissen sich die Gold-, Silber- und Elfenbeinschätze unter den Nagel, die Franken dagegen die Heiligen-Reliquien – vor allem „das Tuch, das, nach seinem Tod und vor seiner Auferstehung, Unseren Herrn Jesus Christus umhüllte.“ Besagtem Brief zufolge kam das Tuch irgendwann auch nach Athen. Wenige Jahre später spendete Otto de la Roche, Herzog von Athen, dem Stephansdom zu Besançon in Frankreich ein Schweißtuch Christi, das von nun an als „Grabtuch“ bezeichnet werden sollte. 1349 brach in dem Dom ein verheerender Brand aus, und genau hier beginnen die Meinungen der Historiker auseinander zu driften: die einen meinen, dass die Reliquie dabei verloren gegangen sei, andere wieder, dass man sie durch eine Kopie ersetzt hätte, die dann von Jeanne de Vergy ins nahe gelegene Lirey, ebenfalls in Frankreich, gebracht wurde. Jeanne de Vergy war die Witwe jenes Geoffroy de Charny, der sich rühmte, das Patronat über die Kirche der kleinen Stadt zu haben. Mehr als ein Jahrhundert lang teilte die Reliquie – zwischen der einen oder anderen unter den kirchlichen Autoritäten entbrannten Polemik – das Schicksal der Herren von Charny. 1453 gelangte sie in den Besitz des Hauses Savoyen und wurde 1502 von Philibert II. nach Chambéry gebracht, in eine eigens dafür gebaute Kapelle, die schon bald zum beliebten Pilgerziel wurde. Auch in Chambéry brach am 4. Dezember 1532 ein Brand aus, doch während die Sakristei der Kirche der Feuersbrunst zum Opfer fiel, konnten zwei Franzikaner den Silberbehälter mit dem Grabtuch retten. Die Hitze ließ einen Teil des Metalls schmelzen und die herunterfallenden Tropfen brannten Löcher in das Leintuch, die zwei Jahre später von den Nonnen der hl. Klara gestopft wurden. 1578 wurde das Grabtuch auf Wunsch von Emanuel Philibert von Savoyen von Chambéry nach Turin gebracht, dem frommen Wunsch von Kardinal Karl Borromäus entsprechend, der zum Dank für das Ende einer schrecklichen Pestepidemie zu Fuß zu der Reliquie pilgern wollte. Gerade diese Legitimierung des Grabtuch-Kultes durch den Mailänder Bischof bezeichnete den Anbruch einer außergewöhnlichen Jahreszeit der Frömmigkeit. Weder die scharfe Kritik eines Calvin noch, später, die eines Voltaire konnten das Ansehen des Grabtuchs schmälern. Sie bewirkten gerade das Gegenteil: dass nämlich in der katholischen Welt jeglicher Zweifel daran ausgeräumt wurde. Die wissenschaftliche Phase begann 1898, als Secondo Pia [ein Turiner Ratsherr und Rechtsanwalt und außerdem ein geschätzter Amateurfotograf] anlässlich der großen öffentlichen Ausstellung sakraler Kunst jene berühmten Fotos schoss, bei denen die große Debatte um das Mysterium des Turiner Grabtuches ihren Ausgang nahm.
Tragen Sie sich heute, 10 Jahre nach Ihrem Buch und angesichts der neuesten Erkenntnisse in Sachen Grabtuch, mit dem Gedanken, sich wieder mit diesem Thema zu befassen?
BENVENUTI: Das ist gut möglich. Obwohl es in dieser Sache zu viele Vorurteile und zu wenig echten wissenschaftlichen Geist gibt. Einen Geist also, der auf einem Vergleich der Erkenntnisse der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen basiert. Wer immer sich in den letzten Jahren geweigert hat, eine von vornherein negative Theorie zu vertreten, wurde automatisch dem katholischen Lager zugeordnet; das Grabtuch dagegen hat man mit jenen Formen irrationalen Aberglaubens auf einen Haufen geworfen, die – so die Meinung der „Fälschungstheoriebefürworter“ – von der Diktatur des Glaubens über den Verstand geschaffen wurden. Die offiziöse Fehlinformation, mit der der „Fall Grabtuch“ in den letzten Jahren präsentiert wurde, hat die Fälschung – man höre und staune – auf jene Zeit datiert, die als Wiege der religiösen Mystifizierung gilt. Dank des Dokumentarfilms der BBC haben wir nun die Hoffnung auf neue Forschungen in einer Sache, die im Wesentlichen doch ein Mysterium bleibt. Man wird sehen.


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