Tagebuch Roncalli
Eigentlich hatte ich nur einen kurzen Blick auf das Tagebuch 1953-54 von „Patriarch Roncalli“ werfen wollen, das man mir geschenkt hatte. Dann aber zog mich sein Inhalt doch unweigerlich in den Bann. Immerhin betrafen einige Episoden auch mich selber und waren daher für mich entsprechend ergreifend.
Giulio Andreotti

Der neue Patriarch von Venedig, Angelo Roncalli, beim Einzug in die Stadt am 15. März 1953.
Mit beeindruckender Konsequenz schrieb er jeden Abend (bzw. jede Nacht: schließlich pflegte er, wie er selbst sagt, gegen halb vier Uhr morgens aufzustehen) seine Eindrücke und Gedanken nieder, beschrieb, wie seine Begegnungen verlaufen waren.
Seiner Objektivität ist es zuzuschreiben, wenn er sich dabei nicht bei wichtigen Persönlichkeiten aufhielt, sondern sein Interesse hauptsächlich Kirchenmännern galt, die in der Seelsorge und im Bildungswesen tätig waren.
Trotz der beachtlichen Bandbreite seines Engagements ist unübersehbar, welch nachhaltigen Eindruck die Ausbildungsjahre bei ihm hinterlassen haben, wie oft er sich bei damit zusammenhängenden Umständen und Personen aufhält, auch mit Hinweisen, die auf den ersten Blick wenig bedeutsam erscheinen mögen.
Auffallend ist auch die Tendenz, Eindrücke und Begegnungen mit damit zusammenhängenden Orten und Personen zu verbinden. Wie bei dem Bericht über den Aufenthalt in Santiago de Compostela, wo es zu einem glücklicherweise glimpflich verlaufenen Autounfall gekommen war. Roncalli kritisiert zwar das „Zuviel an Barockem“, berichtet dann aber, sich doch – wie alle anderen Pilger – unverzüglich zur Statue des Heiligen begeben zu haben, um sie zu küssen.
So entsteht beim Durchblättern des Tagebuchs immer stärker der Eindruck eines Seelenhirten, der sich ganz für seine Diözese engagiert, sich erst, wenn er sich ganz der Seelsorge verschreibt, als Pilger, als einfacher Gläubiger fühlt.
Am 15. August 1954 zelebrierte er – so die Tagebucheintragung – die Messe „in Purpur“, wenige Seiten später berichtet er von der heiligen Messe als Papst „unter dem Blick und dem Schutz Mariens.“ Bei Tisch dagegen war man „im engen Familienkreis“ mit den Brüdern Xaverio, Alfredo, Giovanni und Giuseppe, den Nichten und Neffen – und natürlich Don Loris, „der das Familientreffen durch seine unterhaltsame Art bereichert.“
Die Themen seiner Predigten werden alle genau und detailliert aufgelistet. Bei einer Priesterweihe (22. Juni 1954) kommt er nicht umhin, die „Freude, mit der unsere Familien ihre schönsten Blumen für den Altar anbieten“ zu beschreiben.
Ich zitiere hier die Eintragung vom Sonntag, 25. Dezember, 1. Weihnachtsfeiertag:
„Meine zweite Messe in der Kapelle. Schönes Pontifikalamt um 10 mit Musikbegleitung unter der gekonnten Leitung von Mons. Bravi Alfredo, aber mit wenig harmonischen Stimmen. Am Ende meine Predigt, die der Rede des hl. Lorenzo Giustiniano in Nativitate Dñi folgte: wir müssen unseren Teil tun, Gott tut den seinen.
Die vielen Leute nehmen starken Anteil: ich war gut bei Stimme.
Zum Essen hatte ich die Priester-Brüder Baragiolo, die dieses Jahr Vater und Mutter verloren haben. Um 16.30 Uhr Weihnachtsvesper in S. Marco: sehr viele Menschen, große Beteiligung an den Litaneien zur ‚Madonna Nicopeja‘ . Meiner Meinung nach müsste es in der Kapelle mehr Gesänge und dafür weniger lange Orgeleinlagen zwischen den Psalmen geben, wie bei der Messe beim Gloria und beim Credo. Das habe ich auch Mons. Alfredo Bravi gesagt, der mit Msgr. Olivotti vom diözesanen Hilfswerk und mir zu Abend gegessen hat. Nachts arbeite ich immer bis 23 Uhr.“