Interview mit Jaime Lucas Ortega y Alamino, Erzbischof von San Cristóbal de La Habana.
Eine immer größere Öffnung
Interview mit Kardinal Jaime Lucas Ortega y Alamino von Davide Malacaria
Seit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. in Kuba
sind 10 Jahre vergangen. Ein Jahrestag, der mit einer Übergangszeit
des kubanischen Regimes zusammenfällt. Wir haben Kardinal Jaime Lucas
Ortega y Alamino, Erzbischof von Havanna seit 1981 und von Johannes Paul
II. 1994 zum Kardinal kreiert, gefragt, ob diese Wende auch ein
Hoffnungsschimmer für die katholische Kirche ist.

Kann sich die kubanische Kirche als lebendige,
fruchtbare Kirche bezeichnen?
JAIME LUCAS ORTEGA Y ALAMINO: Die Kirche in Kuba ist vital, aber ich glaube nicht, dass die Vitalität Schwierigkeiten ausschließt. Im Gegenteil: ich glaube, dass Vitalität und Schwierigkeiten in einer gewissen Weise komplementär sind, weil Schwierigkeiten Anstrengungen erfordern und uns aufrütteln. Ich glaube, dass die Schwierigkeiten, die die Kirche in den vielen Jahren hier in Kuba erlebt hat, unserer Pastoral so manche Anregung gegeben haben. Ein großes Problem für die kubanische Kirche war es beispielsweise, dass in den neuen Vierteln der Stadt, den ländlichen Gebieten und den neuen Siedlungen keine Kirchen errichtet werden konnten; daher die Notwendigkeit, Privathäuser zu nutzen und kleine Gemeinschaften von zwanzig, dreißig Personen oder mehr zu schaffen. Diese Gebets- oder Missionshäuser, wie sie normalerweise genannt werden, sind Katechesezentren für die Kinder, dienen den Erwachsenen für den Katechemunat und das Predigen des Wortes Gottes. In vielen davon vollzieht sich auch ein sakramentales Leben. In der Erzdiözese Havanna sind es mehr als 500. In diesen kleinen Gemeinschaften kann sozusagen die Erfahrung der Anfänge der Kirche wieder aufleben, und das größte Problem ist die pastorale Sorge von dem Moment an, in dem das sakramentale Leben beginnt. Der Priester mag die Eucharistie einmal im Monat feiern, die Gemeinschaft aber versammelt sich jede Woche um Diakone, Ordensfrauen und vor allem Laienmitarbeiter, die für diese Sendung ausgebildet wurden. Gerade diese Schwierigkeiten haben uns veranlasst, die Laien in sehr dynamischer Weise in die Pastoral mit einzubinden. Es sind also gerade die Schwierigkeiten, die Vitalität in der Kirche schaffen: das ist zumindest das, was in unserem Land geschehen ist. Die Religion wird in Kuba nicht sehr praktiziert. Nur ca. 3% der Bevölkerung gehen sonntags zur Messe, die Getauften machen aber mehr als 65% aus. Als ich als Erzbischof hier anfing, hatten wir 6.000 Taufen im Jahr, heute sind es 25-26.000, und unter diesen Getauften sind auch Erwachsene. In vielen Städten ist es aufgrund des Kirchen- und Priestermangels schwierig, die Sonntagsmesse zu feiern. Aber die Religiosität unseres Volkes sieht man auch an anderen Dingen. Im Friedhof von Havanna befindet sich beispielsweise eine große Kapelle, in der 75% aller Trauergottesdienste der Stadt gefeiert werden. Die kubanische Religiosität ist sehr „lateinamerikanisch“, volkstümlich, mit großangelegten Wallfahrten zu den Heiligtümern, den Kultstätten, zu denen an hohen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern Zehntausende von Menschen strömen. Der 25. Dezember ist schon seit 10 Jahren ein Feiertag, und dieses Jahr konnten sich die Kinder über lange Weihnachtsferien freuen: vom Heiligen Abend bis zum Dreikönigsfest Das begünstigt die Wiederaufnahme der Weihnachtstradition und das Zusammensein in der Familie. Die Zahl der Berufungen ist – wenn auch langsam – im Wachsen begriffen. In Havanna haben wir ein Seminar mit 60 Seminaristen, ein neuer Sitz vor den Toren der Stadt wird gerade eingerichtet.
Kommen wir wieder auf den Besuch von Johannes Paul II. in Kuba zu sprechen: welche Bedeutung kann man dieser Geste heute, 10 Jahre später, beimessen?
ORTEGA Y ALAMINO: Den Besuch von Papst Johannes Paul II. würde ich mehr als Schritt denn als Geste bezeichnen. Dieser Schritt des Papstes hat tiefe Spuren in der Kirche und im Herzen der Kubaner hinterlassen, aber auch in der Geschichte unseres Landes. Der ganze Besuch war bedeutungsvoll: der Papst hat sich als ein guter Hirte gezeigt, der, von Alter und Krankheit gebeugt, aus einer jeden Situation Kraft zu schöpfen schien. Der Höhepunkt war meiner Meinung nach der Besuch bei den Leprakranken von St. Lazarus; es war ergreifend zu sehen, wie er sie liebevoll berührte, sich fürsorglich über sie beugte... Für andere wieder war es die Messe auf dem Platz der Revolution. Eine Messe, zu der sich eine Million Menschen eingestellt hatten. Diese so imposante, mitreißende Messe hat vielen ein bisher vielleicht unbekanntes Bild des kubanischen Volkes vermittelt und den Kubanern wiederum eine präsente und lebendige Kirche gezeigt.
Johannes Paul II. gab auf seiner Reise der Hoffnung Ausdruck, dass sich Kuba der Welt, und die Welt sich Kuba öffne. Was ist aus diesen Hoffnungen geworden?
ORTEGA Y ALAMINO: Ich glaube, dass der Papst damit weder die diplomatischen Beziehungen Kubas zu anderen Ländern meinte – derartige Beziehungen hatte Kuba damals ja bereits – noch Beziehungen wirtschaftlicher Art. Um die Worte des Papstes zu verstehen, muss man an die Zeit vor seinem Besuch denken. Eine ähnliche Periode hatte auch die Heimat des polnischen Papstes durchgemacht. Aus ideologischen und wirtschaftlichen Gründen war Kuba immer eng mit den Ländern des Ostens und der Sowjetunion verbunden gewesen. Viele Kubaner haben dort studiert, von dort kamen die Techniker und Experten, die in Kuba arbeiteten. Russisch war eine der Sprachen, die in den Schulen unterrichtet wurden. Unsere Insel befand sich jedoch im Herzen Amerikas, und hat, was Kultur, Sprache und Religion betrifft, viel mit Lateinamerika gemeinsam. Unsere Kultur ist europäisch, spanisch genau gesagt, wenn auch mit einem starken afrikanischen Einschlag. Und deshalb sind wir auch Teil der westlichen christlichen Welt. Johannes Paul II. kannte unsere Kultur. In der Hoffnung, dass sich Kuba der Welt, und die Welt sich Kuba öffnen würde, forderte er die Wiedereingliederung unserer kleinen Insel in jene Welt, der sie kulturell angehört. Er hoffte darauf, dass die Welt Kuba dabei helfen würde. Das war das Konzept, das meiner Meinung nach vom Papst zum Ausdruck gebracht wurde. Leider ist die nach 10 Jahren erfolgte Öffnung zur westlichen Welt auch in all ihren negativen Aspekten erfolgt – damit meine ich den Säkularismus, den Hedonismus und den Konsumismus. Die Öffnung dieser zusehends globalisierten Welt gegenüber birgt Vorteile und Risiken, aber das ist unvermeidlich. Kirchlich gesprochen hatte der Besuch vielfältige Auswirkungen. Die Kirche wurde in ihrer Sendung bestätigt, hat ihr Kirchenpersonal „aufgestockt“: die kubanische Kirche war auf der Welt für ihre Vitalität und ihren Enthusiasmus bekannt, und der Papst hat dem kubanischen Volk die Kirche nahe gebracht. Zum ersten Mal hatten die Katholiken die Gelegenheit, sich auf den Plätzen zu versammeln: etwas Neues begann, nichts sollte so bleiben wie zuvor.
In seinem Brief an die chinesischen Katholiken bekräftigte Benedikt XVI., dass die Kirche nicht für eine Änderung der Regime kämpfen müsse, sondern das Evangelium verkünden solle.
ORTEGA Y ALAMINO: Das stimmt. Das ist die Haltung, die die kubanische Kirche den Gläubigen und der Regierung gegenüber eingenommen hat. In Kuba hatte man den Verdacht, dass die Kirche die bestehende Macht ändern oder schwächen wollte. Dieses Misstrauen mag auch dank der engen Beziehungen auf fruchtbaren Boden gefallen sein, die zwischen der kommunistischen Partei und ihren Gegenstücken in Osteuropa und der Sowjetunion bestanden. Auf unserer Insel hat es aber, in Sachen Beschränkungen und Kontrollen, nie eine Politik der Kirche gegenüber gegeben wie beispielsweise in Ungarn, Polen oder der Tschechoslowakei. Die kubanische Regierung hat stets diplomatische Beziehungen zum Hl. Stuhl unterhalten. In Kuba musste sich die Blick auf das, was unsere Vergangenheit war, und angesichts der Tatsache, dass sich die Dinge heute in Kuba geändert haben.
In einem Interview, das Sie 30Giorni vor ein paar Jahren gewährten, berichteten Sie von den Schwierigkeiten, Visa für Ordensleuten zu erhalten, davon, dass die Medien der Kirche nur wenig Raum ließen und es unmöglich war, eine Art katholisches Bildungswesen ins Leben zu rufen. Wie sieht es heute aus?
ORTEGA Y ALAMINO: Heute sind Visa für ausländische Missionare leichter zu bekommen. Das ist inzwischen nichts Besonderes mehr; die Dinge haben sich nach dem Besuch von Papst Johannes Paul II. geändert, wir ziehen jetzt an einem Strang. Wir haben auch keine Schwierigkeiten, uns Bücher zu beschaffen: Bibeln, Katechismen, Zeitschriften, usw. Wir konnten eine Reihe von lokalen und nationalen Zeitschriften veröffentlichen. In Havanna gibt es auch ein Bioethik-Zentrum namens „Juan Pablo II“, das einen nationalen Dienst leistet. Das Zentrum bringt eine Reihe von Texten heraus, die auch an den Universitäten verwendet werden. Was die offiziellen Kommunikationsmittel angeht, so war ich vor jenem denkwürdigen Besuch schon einmal im Fernsehen. Dann, als Papst Wojtyla krank wurde, klopfte das Fernsehen wieder an meine Tür und bat mich um eine Stellungnahme zu seinem Gesundheitszustand. Als er dann starb, konnte man in den Zeitungen in großen Schlagzeilen lesen: „Ein guter Hirte ist gestorben.“ Ich habe diese Artikel gelesen, als ich ins Konklave einzog und war sehr gerührt. Im Fernsehen wurde auch die Seelenmesse übertragen, die ich für den Papst in der Kathedrale zelebrierte, und an der der Präsident und die ganze Regierung teilnahmen. Die Informationsdienste haben über das Sterben und den Tod von Johannes Paul II. berichtet, und auch über die Wahl von Benedikt XVI. Auch derzeit gibt es viele Informationen über den Papst: über fast jede seiner Stellungnahmen wird im Fernsehen berichtet und zwar so ausführlich, dass ich selbst überrascht bin. Es bestehen auch gute Hoffnungen, schon bald noch mehr Raum zu bekommen. Die kubanischen Bischöfe haben die Möglichkeit, in den Provinzradiosendern zu sprechen, die von vielen gehört werden, besonders an hohen religiösen Feiertagen wie Weihnachten oder dem Fest der Schutzpatronin von Kuba, der Virgen de la Caridad del Cobre. Das Bildungswesen liegt allerdings noch sehr im Argen, hier gibt es noch viel zu tun. Ich kann nur immer wieder betonen – und das tue ich in allen Interviews, die ich gebe –, dass die Kirche darauf nicht verzichten kann. Wenn man auch sagen muss, dass, von katholischer Bildung gesprochen, die alten Menschen hier nur noch eine vage Erinnerung an die großen Kollegs und Institutionen haben, die die Kirche früher einmal in Kuba hatte und die – in Ermangelung staatlicher Zuschüsse – von den Studiengebühren der Schüler lebten. Daher wurden die katholischen Schulen auch angeklagt, eine Art „Klassensystem“ zu fördern. Ich bin jedoch der Meinung, dass es verschiedene Möglichkeiten für die Kirche gibt, im Bildungsbereich tätig zu sein, ohne zu den bereits erlebten Situationen zurückkehren zu müssen, die nicht einmal die Kirche will.

Die kubanische Kirche hat das gegen Kuba verhängte
Embargo scharf verurteilt...
ORTEGA Y ALAMINO: Ja, die erste diesbezügliche Stellungnahme der Bischofskonferenz erfolgte im Jahr 1969. Die Kirche hat sich stets gegen dieses, wie auch jedes andere Embargo gestellt. Oder können wir in diesen Tagen vielleicht nicht beobachten, welche Krise das Embargo den Palästinensern im Gazastreifen beschert hat? Wo der Mangel an Grundgütern, und zwar nicht nur Nahrungsmitteln-, sondern auch Medikamenten, inzwischen alle trifft. Dasselbe passiert auch bei uns. Auch die nordamerikanischen Bischöfe haben sich mehrfach gegen das Embargo ausgesprochen, unter dem unsere Insel zu leiden hat. Die klare Absage an das Embargo ist für uns eine Frage des Prinzips. Wir hoffen, dass ein baldiges Ende in Sicht ist. Das hat der Papst unmissverständlich und mehrfach zu verstehen gegeben, als er 1998 hierher kam. Am Ende seines Besuches sprach er von „wirtschaftlichen Beschränkungsmaßnahmen, die dem Land aufgezwungen wurden und die ungerecht und ethisch inakzeptabel sind.“
Kuba erlebt einen Moment des Übergangs. Welche Hoffnungen wurden dadurch geweckt?
ORTEGA Y ALAMINO: Davon haben wir kubanischen Bischöfe in unserer Weihnachtsbotschaft gesprochen: diese Zeit hat im Volk Hoffnungen geweckt. Es bestand auch die Möglichkeit, am Arbeitsplatz, an Studienzentren, in sozialen Organisationen darüber zu diskutieren. Sogar Präsident Raúl Castro hat zu einer offenen und ehrlichen Konfrontation eingeladen. Ich halte das für einen an sich sehr interessanten Prozess, weil es diese Möglichkeit der offenen Diskussion zuvor in Kuba nicht gab. Es ist sehr vielversprechend. Während der Wahlen hat Raúl Castro in einem Interview gesagt, dass es für das neue Parlament viel zu tun gäbe hinsichtlich transzendenter Fragen, die mit Ruhe angegangen werden müssen... Mir scheint, dass all das berechtigte Erwartungen und Hoffnungen nährt. Es wäre eine herbe Enttäuschung für die Menschen hier, wenn sich diese Erwartungen nicht erfüllen sollten, was aber, wie ich glaube, nicht passieren wird. Natürlich wird es seine Zeit dauern, und da kann man schon ungeduldig werden. Aber ich glaube, dass man bereits etwas Neues erkennen kann. In diesen anderthalb Jahren, in denen Fidel Castro aus Gesundheitsgründen die Macht abgegeben hat, hat die Kirche keinerlei negative Veränderung erlebt. Im Gegenteil, da ist noch immer jener Geist der Öffnung, der mit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. entstanden war und der nach und nach wieder verschwunden ist. Und was die Zukunft bringt, wer weiß...

Kardinal Jaime Lucas Ortega y Alamino, Erzbischof von Havanna.
JAIME LUCAS ORTEGA Y ALAMINO: Die Kirche in Kuba ist vital, aber ich glaube nicht, dass die Vitalität Schwierigkeiten ausschließt. Im Gegenteil: ich glaube, dass Vitalität und Schwierigkeiten in einer gewissen Weise komplementär sind, weil Schwierigkeiten Anstrengungen erfordern und uns aufrütteln. Ich glaube, dass die Schwierigkeiten, die die Kirche in den vielen Jahren hier in Kuba erlebt hat, unserer Pastoral so manche Anregung gegeben haben. Ein großes Problem für die kubanische Kirche war es beispielsweise, dass in den neuen Vierteln der Stadt, den ländlichen Gebieten und den neuen Siedlungen keine Kirchen errichtet werden konnten; daher die Notwendigkeit, Privathäuser zu nutzen und kleine Gemeinschaften von zwanzig, dreißig Personen oder mehr zu schaffen. Diese Gebets- oder Missionshäuser, wie sie normalerweise genannt werden, sind Katechesezentren für die Kinder, dienen den Erwachsenen für den Katechemunat und das Predigen des Wortes Gottes. In vielen davon vollzieht sich auch ein sakramentales Leben. In der Erzdiözese Havanna sind es mehr als 500. In diesen kleinen Gemeinschaften kann sozusagen die Erfahrung der Anfänge der Kirche wieder aufleben, und das größte Problem ist die pastorale Sorge von dem Moment an, in dem das sakramentale Leben beginnt. Der Priester mag die Eucharistie einmal im Monat feiern, die Gemeinschaft aber versammelt sich jede Woche um Diakone, Ordensfrauen und vor allem Laienmitarbeiter, die für diese Sendung ausgebildet wurden. Gerade diese Schwierigkeiten haben uns veranlasst, die Laien in sehr dynamischer Weise in die Pastoral mit einzubinden. Es sind also gerade die Schwierigkeiten, die Vitalität in der Kirche schaffen: das ist zumindest das, was in unserem Land geschehen ist. Die Religion wird in Kuba nicht sehr praktiziert. Nur ca. 3% der Bevölkerung gehen sonntags zur Messe, die Getauften machen aber mehr als 65% aus. Als ich als Erzbischof hier anfing, hatten wir 6.000 Taufen im Jahr, heute sind es 25-26.000, und unter diesen Getauften sind auch Erwachsene. In vielen Städten ist es aufgrund des Kirchen- und Priestermangels schwierig, die Sonntagsmesse zu feiern. Aber die Religiosität unseres Volkes sieht man auch an anderen Dingen. Im Friedhof von Havanna befindet sich beispielsweise eine große Kapelle, in der 75% aller Trauergottesdienste der Stadt gefeiert werden. Die kubanische Religiosität ist sehr „lateinamerikanisch“, volkstümlich, mit großangelegten Wallfahrten zu den Heiligtümern, den Kultstätten, zu denen an hohen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern Zehntausende von Menschen strömen. Der 25. Dezember ist schon seit 10 Jahren ein Feiertag, und dieses Jahr konnten sich die Kinder über lange Weihnachtsferien freuen: vom Heiligen Abend bis zum Dreikönigsfest Das begünstigt die Wiederaufnahme der Weihnachtstradition und das Zusammensein in der Familie. Die Zahl der Berufungen ist – wenn auch langsam – im Wachsen begriffen. In Havanna haben wir ein Seminar mit 60 Seminaristen, ein neuer Sitz vor den Toren der Stadt wird gerade eingerichtet.
Kommen wir wieder auf den Besuch von Johannes Paul II. in Kuba zu sprechen: welche Bedeutung kann man dieser Geste heute, 10 Jahre später, beimessen?
ORTEGA Y ALAMINO: Den Besuch von Papst Johannes Paul II. würde ich mehr als Schritt denn als Geste bezeichnen. Dieser Schritt des Papstes hat tiefe Spuren in der Kirche und im Herzen der Kubaner hinterlassen, aber auch in der Geschichte unseres Landes. Der ganze Besuch war bedeutungsvoll: der Papst hat sich als ein guter Hirte gezeigt, der, von Alter und Krankheit gebeugt, aus einer jeden Situation Kraft zu schöpfen schien. Der Höhepunkt war meiner Meinung nach der Besuch bei den Leprakranken von St. Lazarus; es war ergreifend zu sehen, wie er sie liebevoll berührte, sich fürsorglich über sie beugte... Für andere wieder war es die Messe auf dem Platz der Revolution. Eine Messe, zu der sich eine Million Menschen eingestellt hatten. Diese so imposante, mitreißende Messe hat vielen ein bisher vielleicht unbekanntes Bild des kubanischen Volkes vermittelt und den Kubanern wiederum eine präsente und lebendige Kirche gezeigt.
Johannes Paul II. gab auf seiner Reise der Hoffnung Ausdruck, dass sich Kuba der Welt, und die Welt sich Kuba öffne. Was ist aus diesen Hoffnungen geworden?
ORTEGA Y ALAMINO: Ich glaube, dass der Papst damit weder die diplomatischen Beziehungen Kubas zu anderen Ländern meinte – derartige Beziehungen hatte Kuba damals ja bereits – noch Beziehungen wirtschaftlicher Art. Um die Worte des Papstes zu verstehen, muss man an die Zeit vor seinem Besuch denken. Eine ähnliche Periode hatte auch die Heimat des polnischen Papstes durchgemacht. Aus ideologischen und wirtschaftlichen Gründen war Kuba immer eng mit den Ländern des Ostens und der Sowjetunion verbunden gewesen. Viele Kubaner haben dort studiert, von dort kamen die Techniker und Experten, die in Kuba arbeiteten. Russisch war eine der Sprachen, die in den Schulen unterrichtet wurden. Unsere Insel befand sich jedoch im Herzen Amerikas, und hat, was Kultur, Sprache und Religion betrifft, viel mit Lateinamerika gemeinsam. Unsere Kultur ist europäisch, spanisch genau gesagt, wenn auch mit einem starken afrikanischen Einschlag. Und deshalb sind wir auch Teil der westlichen christlichen Welt. Johannes Paul II. kannte unsere Kultur. In der Hoffnung, dass sich Kuba der Welt, und die Welt sich Kuba öffnen würde, forderte er die Wiedereingliederung unserer kleinen Insel in jene Welt, der sie kulturell angehört. Er hoffte darauf, dass die Welt Kuba dabei helfen würde. Das war das Konzept, das meiner Meinung nach vom Papst zum Ausdruck gebracht wurde. Leider ist die nach 10 Jahren erfolgte Öffnung zur westlichen Welt auch in all ihren negativen Aspekten erfolgt – damit meine ich den Säkularismus, den Hedonismus und den Konsumismus. Die Öffnung dieser zusehends globalisierten Welt gegenüber birgt Vorteile und Risiken, aber das ist unvermeidlich. Kirchlich gesprochen hatte der Besuch vielfältige Auswirkungen. Die Kirche wurde in ihrer Sendung bestätigt, hat ihr Kirchenpersonal „aufgestockt“: die kubanische Kirche war auf der Welt für ihre Vitalität und ihren Enthusiasmus bekannt, und der Papst hat dem kubanischen Volk die Kirche nahe gebracht. Zum ersten Mal hatten die Katholiken die Gelegenheit, sich auf den Plätzen zu versammeln: etwas Neues begann, nichts sollte so bleiben wie zuvor.
In seinem Brief an die chinesischen Katholiken bekräftigte Benedikt XVI., dass die Kirche nicht für eine Änderung der Regime kämpfen müsse, sondern das Evangelium verkünden solle.
ORTEGA Y ALAMINO: Das stimmt. Das ist die Haltung, die die kubanische Kirche den Gläubigen und der Regierung gegenüber eingenommen hat. In Kuba hatte man den Verdacht, dass die Kirche die bestehende Macht ändern oder schwächen wollte. Dieses Misstrauen mag auch dank der engen Beziehungen auf fruchtbaren Boden gefallen sein, die zwischen der kommunistischen Partei und ihren Gegenstücken in Osteuropa und der Sowjetunion bestanden. Auf unserer Insel hat es aber, in Sachen Beschränkungen und Kontrollen, nie eine Politik der Kirche gegenüber gegeben wie beispielsweise in Ungarn, Polen oder der Tschechoslowakei. Die kubanische Regierung hat stets diplomatische Beziehungen zum Hl. Stuhl unterhalten. In Kuba musste sich die Blick auf das, was unsere Vergangenheit war, und angesichts der Tatsache, dass sich die Dinge heute in Kuba geändert haben.
In einem Interview, das Sie 30Giorni vor ein paar Jahren gewährten, berichteten Sie von den Schwierigkeiten, Visa für Ordensleuten zu erhalten, davon, dass die Medien der Kirche nur wenig Raum ließen und es unmöglich war, eine Art katholisches Bildungswesen ins Leben zu rufen. Wie sieht es heute aus?
ORTEGA Y ALAMINO: Heute sind Visa für ausländische Missionare leichter zu bekommen. Das ist inzwischen nichts Besonderes mehr; die Dinge haben sich nach dem Besuch von Papst Johannes Paul II. geändert, wir ziehen jetzt an einem Strang. Wir haben auch keine Schwierigkeiten, uns Bücher zu beschaffen: Bibeln, Katechismen, Zeitschriften, usw. Wir konnten eine Reihe von lokalen und nationalen Zeitschriften veröffentlichen. In Havanna gibt es auch ein Bioethik-Zentrum namens „Juan Pablo II“, das einen nationalen Dienst leistet. Das Zentrum bringt eine Reihe von Texten heraus, die auch an den Universitäten verwendet werden. Was die offiziellen Kommunikationsmittel angeht, so war ich vor jenem denkwürdigen Besuch schon einmal im Fernsehen. Dann, als Papst Wojtyla krank wurde, klopfte das Fernsehen wieder an meine Tür und bat mich um eine Stellungnahme zu seinem Gesundheitszustand. Als er dann starb, konnte man in den Zeitungen in großen Schlagzeilen lesen: „Ein guter Hirte ist gestorben.“ Ich habe diese Artikel gelesen, als ich ins Konklave einzog und war sehr gerührt. Im Fernsehen wurde auch die Seelenmesse übertragen, die ich für den Papst in der Kathedrale zelebrierte, und an der der Präsident und die ganze Regierung teilnahmen. Die Informationsdienste haben über das Sterben und den Tod von Johannes Paul II. berichtet, und auch über die Wahl von Benedikt XVI. Auch derzeit gibt es viele Informationen über den Papst: über fast jede seiner Stellungnahmen wird im Fernsehen berichtet und zwar so ausführlich, dass ich selbst überrascht bin. Es bestehen auch gute Hoffnungen, schon bald noch mehr Raum zu bekommen. Die kubanischen Bischöfe haben die Möglichkeit, in den Provinzradiosendern zu sprechen, die von vielen gehört werden, besonders an hohen religiösen Feiertagen wie Weihnachten oder dem Fest der Schutzpatronin von Kuba, der Virgen de la Caridad del Cobre. Das Bildungswesen liegt allerdings noch sehr im Argen, hier gibt es noch viel zu tun. Ich kann nur immer wieder betonen – und das tue ich in allen Interviews, die ich gebe –, dass die Kirche darauf nicht verzichten kann. Wenn man auch sagen muss, dass, von katholischer Bildung gesprochen, die alten Menschen hier nur noch eine vage Erinnerung an die großen Kollegs und Institutionen haben, die die Kirche früher einmal in Kuba hatte und die – in Ermangelung staatlicher Zuschüsse – von den Studiengebühren der Schüler lebten. Daher wurden die katholischen Schulen auch angeklagt, eine Art „Klassensystem“ zu fördern. Ich bin jedoch der Meinung, dass es verschiedene Möglichkeiten für die Kirche gibt, im Bildungsbereich tätig zu sein, ohne zu den bereits erlebten Situationen zurückkehren zu müssen, die nicht einmal die Kirche will.

Der Platz der Revolution in Havanna, während der von Johannes Paul II. zelebrierten Messe (25. Januar 1998).
ORTEGA Y ALAMINO: Ja, die erste diesbezügliche Stellungnahme der Bischofskonferenz erfolgte im Jahr 1969. Die Kirche hat sich stets gegen dieses, wie auch jedes andere Embargo gestellt. Oder können wir in diesen Tagen vielleicht nicht beobachten, welche Krise das Embargo den Palästinensern im Gazastreifen beschert hat? Wo der Mangel an Grundgütern, und zwar nicht nur Nahrungsmitteln-, sondern auch Medikamenten, inzwischen alle trifft. Dasselbe passiert auch bei uns. Auch die nordamerikanischen Bischöfe haben sich mehrfach gegen das Embargo ausgesprochen, unter dem unsere Insel zu leiden hat. Die klare Absage an das Embargo ist für uns eine Frage des Prinzips. Wir hoffen, dass ein baldiges Ende in Sicht ist. Das hat der Papst unmissverständlich und mehrfach zu verstehen gegeben, als er 1998 hierher kam. Am Ende seines Besuches sprach er von „wirtschaftlichen Beschränkungsmaßnahmen, die dem Land aufgezwungen wurden und die ungerecht und ethisch inakzeptabel sind.“
Kuba erlebt einen Moment des Übergangs. Welche Hoffnungen wurden dadurch geweckt?
ORTEGA Y ALAMINO: Davon haben wir kubanischen Bischöfe in unserer Weihnachtsbotschaft gesprochen: diese Zeit hat im Volk Hoffnungen geweckt. Es bestand auch die Möglichkeit, am Arbeitsplatz, an Studienzentren, in sozialen Organisationen darüber zu diskutieren. Sogar Präsident Raúl Castro hat zu einer offenen und ehrlichen Konfrontation eingeladen. Ich halte das für einen an sich sehr interessanten Prozess, weil es diese Möglichkeit der offenen Diskussion zuvor in Kuba nicht gab. Es ist sehr vielversprechend. Während der Wahlen hat Raúl Castro in einem Interview gesagt, dass es für das neue Parlament viel zu tun gäbe hinsichtlich transzendenter Fragen, die mit Ruhe angegangen werden müssen... Mir scheint, dass all das berechtigte Erwartungen und Hoffnungen nährt. Es wäre eine herbe Enttäuschung für die Menschen hier, wenn sich diese Erwartungen nicht erfüllen sollten, was aber, wie ich glaube, nicht passieren wird. Natürlich wird es seine Zeit dauern, und da kann man schon ungeduldig werden. Aber ich glaube, dass man bereits etwas Neues erkennen kann. In diesen anderthalb Jahren, in denen Fidel Castro aus Gesundheitsgründen die Macht abgegeben hat, hat die Kirche keinerlei negative Veränderung erlebt. Im Gegenteil, da ist noch immer jener Geist der Öffnung, der mit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. entstanden war und der nach und nach wieder verschwunden ist. Und was die Zukunft bringt, wer weiß...