Die Kirche zu Zeiten Raúls
Seit dem 24. Februar ist Raúl Castro der neue Präsident Kubas. Für die Insel beginnt eine neue Jahreszeit. Auch für die Kirche.
von Davide Malacaria

Fidel Castro mit seinem Bruder Raúl.
„Wir wissen nicht, wie sich die Dinge entwickeln,“ sagt Msgr. Carlos Manuel de Céspedes, Generalvikar von Havanna und Kuba-Experte. „Schon 1960, zur Zeit der Revolution, machte die Insel eine tief greifende Veränderung durch... Ich hoffe, dass diese jüngste Veränderung keinen Raum für Gewalt schaffen wird. Raúl ist ein sehr pragmatischer Mann, ein Mensch guten Willens. Mir persönlich ist er sehr sympathisch. Sein Entourage war zwar schon im alten Regime vertreten, hat aber eine andere Einstellung, eine andere Sicht der Dinge. Ich glaube, dass sich die Situation in Kuba unter ihrer Führung sowohl von einem wirtschaftlichen als auch politischen Standpunkt verbessern kann. Aber diese Erneuerung wird sich langsam vollziehen, ohne Trauma. Und ich glaube, dass eine der Neuheiten auch eine positivere Präsenz der Kirche sein kann, die endlich den nötigen Raum hat, um als Sauerteig in der Gesellschaft und im kubanischen Volk wirken zu können.“ Msgr. de Céspedes warnt aber davor, allzu sehr zu drängeln oder gar den Anspruch zu stellen, dass sich alles von heute auf morgen ändert. Denn das könnte nur eine Katastrophe heraufbeschwören.
„Präsident Raúl Castro hat mehrmals betont, dass Kritik willkommen ist: eine Aussage, die wir sehr positiv sehen,“ meint Msgr. Juan García Rodríguez, Erzbischof von Camagüey und Präsident der kubanischen Bischofskonferenz: „Man kann Situationen nur dann verbessern, wenn man weiß, was falsch läuft. Als Kirche bitten wir die Regierung um mehr Raum in den Medien. Im Fernsehen wird die Via Crucis mit dem Papst ausgestrahlt, und auch andere Ereignisse, die den Papst betreffen. Der Raum für die Ortskirche ist jedoch nach wie vor sehr eingeschränkt. Jeder Bischof hat die Möglichkeit, an hohen Festtagen durch die Medien zu den Gläubigen zu sprechen, aber es wäre wünschenswert, wenn man einen einfacheren Zugang zu den Medien hätte. In den Randzonen der Stadt stehen der Kirche auch keine neuen Kultstätten zur Verfügung, weil die Baugenehmigungen noch auf sich warten lassen. Ein weiterer Punkt, der noch im Argen liegt, ist die Gefängnispastoral. Seit den neunziger Jahren haben die Priester die staatliche Erlaubnis, die Häftlinge zu besuchen – wenn letztere das wollen. Aber wir hoffen, dass man bald auch gemeinsame Feiern abhalten kann, zumindest an wichtigen Festtagen. Im Moment ist das in einigen Diözesen und Gefängnissen erlaubt, aber nicht überall...“. Was uns der Erzbischof damit sagen will ist – so Pater Noël, ein Priester, der sich um die Gefängnispastoral kümmert –, dass alles über die persönlichen Beziehungen geht, die oft viel wichtiger sind als die Bürokratie. Unleugbar ist jedenfalls, dass die seit Anfang der neunziger Jahre bestehende Möglichkeit, die Häftlinge zu besuchen, ein Zeichen dafür war, dass in den Beziehungen zwischen Regime und Kirche etwas in Gang gekommen ist. Pater Noël bringt uns zur „Virgen de la Mercedes“, dem vielleicht beliebtesten Heiligtum der kubanischen Gläubigen in der Altstadt von Havanna. Hier hat man einen großen Saal für die Armen eingerichtet, besonders für die alten Menschen, die sich hier Essen holen können. Als wir eintreten, sind Freiwillige gerade mit Putzen beschäftigt, andere wieder in der Küche, aus der einladende Gerüche strömen. Sie erzählen uns von dem Wenigen, was sie für die vielen Bedürftigen tun können, die sich in diesem Teil der Stadt angesammelt haben. Aber Nächstenliebe lässt sich schließlich nicht mit unserem Maß messen...
Auch Msgr. Juan de Dios Hernández Ruiz, Weihbischof und Generalvikar von Havanna, wie auch Sekretär der kubanischen Bischofskonferenz, erzählt von den Hoffnungen und Veränderungen, die auf der Insel Gestalt anzunehmen beginnen. Hier wie auch im Rest der Welt können wir sagen: „Das Geheimnis der Kirche offenbart sich nur durch den Glauben. Aber dieses Geheimnis machen wir sichtbar durch die Werke, besonders jene, die der Menschenwürde zuträglich sind. Man muss der Kirche den notwendigen Raum geben, damit ihre Evangelisierungssendung die ganze Gesellschaft erreichen kann.“ Besonders notwendig ist der Bau von Kirchen. Ein Projekt, über das mit dem Regime bereits verhandelt wird. Verhandelt wird übrigens auch über andere Forderungen der katholischen Kirche. „Ich glaube, dass letztendlich viele Probleme gelöst werden können,“ meint er, „und das auch schon allein deshalb, weil der jetzige Staat dem Wirken der Kirche keine großen Beschränkungen auferlegt. Die noch bestehenden Schwierigkeiten sind gewiss auf Einstellungen zurückzuführen, die wir einer schwierigen Vergangenheit zu verdanken haben. Nicht Worte, sondern Taten werden die Beziehungen nach und nach einfacher gestalten.“
Und schwierig war sie wirklich, die Vergangenheit der Beziehungen zwischen Kirche und Regime. Gemacht aus Zwängen und Bitterkeit.

Dia Altstadt von Havanna.
„Die kubanische Kirche wurde nicht als eine Art Gegenspieler der Moderne geboren, im Gegenteil,“ erklärt Carlos Manuel de Céspedes, der auch Mitglied des Päpstlichen Rates für die Kultur ist. „Die Aufklärung kam über Spanien auf die Insel, wo der wichtigste Vertreter dieser Denkrichtung ein Priester war, Pater Benito Jerónimo Feijoo. Und das in einem spanischen Staat, der dagegen konservativ schien. Pater Félix Varela, der als Vater Kubas gilt, war ein Aufklärer. Und das ist auch der Grund, warum die kubanische Unabhängigkeitsbewegung, die aus Gruppen bestand, die der Humanistischen Aufklärung entstammten, der Kirche keineswegs feindlich gesinnt war.“ Die nach dem Einschreiten der USA und dem so genannten Spanisch-Amerikanischen Krieg (1898) erlangte Unabhängigkeit katapultierte das Land in den Bannkreis der Amerikaner, erläutert Msgr. de Céspedes. Er erzählt uns auch eine wenig bekannte Tatsache: der einzige Staat, der – vergeblich – verlangte, dass die Kubaner zu den Friedensverhandlungen geladen würden, von denen man sie ausgeschlossen hatte, war der Hl. Stuhl. Die kubanischen für die Revolutionsbewegung,“ erklärt Msgr. Hernández Ruiz: „Viele Katholiken nahmen aktiv Anteil an dem Konflikt, so mancher Priester begleitete die Guerilla-Kämpfer. Und das Regime von Fulgencio Batista war ja auch wirklich inakzeptabel... Auch die Agrarreform, eine der ersten Maßnahmen des neuen Regimes, wurde extrem wohlwollend betrachtet. Doch dann änderten sich die Dinge.“ Ja, die Dinge änderten sich, als sich die Revolutionäre, zum Teil aus Gründen ideologischer Affinität, zum Teil als Reaktion auf den wachsenden Druck seitens der Vereinigten Staaten (der in der misslungenen Landung in der Schweinebucht gipfelte), an die Sowjetunion annäherten. Die Krise (1962) um die auf Kuba stationierten sowjetischen Raketen, die die Welt fast in einen Dritten Weltkrieg schlittern ließ, machte diese Umarmung zu einem Würgegriff. Das gewollt imposante Gebäude der sowjetischen Botschaft in Kuba erschien eher als Symbol einer Hegemonie als das der Beziehung zwischen alliierten Staaten. „Es war eine kritische Zeit,“ erinnert sich Msgr. de Céspedes, „die Kirche machte in ihren Dokumenten keinen Hehl aus ihrer Regimekritik, und die Antwort des Regimes auf diese Kritik fiel entsprechend hart aus.“ 1961 wurden 131 Priester ausgewiesen. Nur 200 blieben auf der Insel. Dasselbe Schicksal ereilte auch die Ordensmänner und -frauen. Von den vielen, in Kuba präsenten Orden blieben nur wenige Dutzend. Die Revolution war jung – genauso wie Fidel, erläutert Msgr. Hernández Ruiz: „Und das hatte seinen Preis.“ Es waren schwere Jahre für die Kirche. Aber keine blutigen. Auch den Priestern blieb das bittere Schicksal der Umerziehungslager nicht erspart. Um dorthin zu kommen, genügten schon kleinere Vergehen – im Gefängnis dagegen landete nur ein einziger Ordensmann, der Franziskaner Miguel Angel Loredo. Im Allgemeinen warf man ihnen Gesetzesbruch vor, nicht ihre religiöse Überzeugung. Pater Loredo beispielsweise wurde verurteilt, weil er einen Flüchtling beschützt hatte. „Ich kann mich noch gut daran erinnern,“ erzählt Msgr. de Céspedes, „wir waren befreundet. Er wurde Opfer einer Verleumdungskampagne. Eine sehr traurige Geschichte... Zwar stimmt es, dass einige Katholiken, in dem Versuch, sich gegen das Regime aufzubäumen, das Christentum leider willkürlich in Anspruch nahmen. Aber trotz aller Schwierigkeiten ging es doch weiter. Als das Römische Reich seinen Niedergang erlebte, glaubte so mancher, dass nun alles zu ende wäre. Nicht aber Augustinus. Er war fest davon überzeugt, dass die Dinge der Welt weiter ihren Lauf nehmen würden... Es ging nicht darum, eine Konfrontation mit dem Regime zu suchen, was nur in der Katastrophe geendet hätte, sondern Wege des Dialogs. Und das konnte nur über persönliche Beziehungen erfolgen. Immerhin waren viele, die in der Regierung waren, ehemalige Schulkameraden. Es gab da eine Beziehung, die nichts mit unserer jeweiligen Rolle zu tun hatte. Einmal stattete mir eine dieser Persönlichkeiten abends einen Besuch ab, und wir hatten eine lebhafte Diskussion. Irgendwann sagte ich dann zu ihm: „Was hältst Du davon, wenn wir einfach eine Pause machen und ein Glas Wein trinken gehen...?“. Alles ging über persönliche Beziehungen. Es ist die menschlichste Art und Weise, miteinander umzugehen, die einzig menschliche Weise.“ Für Msgr. Hernández Ruiz war die Kirche damals in die Defensive gegangen, hatte eine gewisse Verschlossenheit an den Tag gelegt. „Mit dem Kirchentreffen des Jahres 1986, Ergebnis von fünf Jahren Reflexion der kubanischen Kirche, änderte sich das. Die Kirche war sich nun endlich dessen bewusst, dass sie gerufen war, ihre Verschlossenheit aufzugeben und ihre Evangelisierungssendung wieder aufzunehmen. Und dass sie lernen musste, mit einem sozialistischen Staat zu leben. Das war ein wichtiger Schritt, weil auch der Staat in jenem Moment zu verstehen begann, dass er keine Angst vor der Kirche haben musste.“
„Trotzdem war damals nicht wirklich alles trostlos,“ erinnert sich Msgr. de Céspedes in einem Anflug von Wehmut: „Wenn ich an die Treue der Christen denke, die geblieben sind und die all diese Erfahrungen mit ihrem freudvollen Glauben durchstanden... In den sechziger Jahren war ich Pfarrer in drei Kirchen außerhalb der Stadt. An die festliche Atmosphäre, die Freude dort, kann ich mich noch gut erinnern. Wir lebten in der Freude des Glaubens, ohne uns allzu sehr zu beklagen...“.

Fidel Castro und Wojtyla.
Der Fall der Berliner Mauer befreite das Regime zwar aus dem Würgegriff Moskaus, beraubte es aber auch der wichtigsten Stütze der kubanischen Wirtschaft. Das war der Auftakt zu einer dramatischen Krise, die durch das von den USA auferlegte Wirtschaftsembargo (1992, das so genannte „Torricelli-Gesetz“) noch verschärft wurde. Die Antwort aus Kuba war die Einleitung der so genannten „Sonderperiode“: es kam zur Einführung eines duellen Währungssystems (zwei gültige Landeswährungen, eine für die Grundgüter, die andere für weniger wichtige, oder aus dem Ausland stammende), die Einnahmequelle Tourismus wurde ausgeschöpft, auch mit Hilfe ausländischer Unternehmen, und den Bürgern wurde die Möglichkeit gegeben, kleine private Geschäftsaktivitäten zu betreiben. Eine alles andere als unbedeutende Neuheit für ein kommunistisches Regime. Aber die Armut griff immer mehr um sich.
In all diese Wirren fiel dann, im Januar 1998, der Besuch von Johannes Paul II. Unvergesslich die große Prozession – wo Prozessionen zuvor doch in Kuba eine Seltenheit gewesen waren –, die Messe auf dem Platz der Revolution, die herzliche Begrüßung zwischen Fidel und Wojtyla, der Papst, der aus seiner bedingungslosen Verurteilung des Embargos keinen Hehl machte... usw. Msgr. Ramón Suárez Polcari, Generalvikar in Havanna, der mit der Organisation dieser Reise beauftragt war, erinnert sich: „Es war ein wirklich außergewöhnlicher Moment. Aber meiner Meinung nach muss auch betont werden, dass schon allein die Organisation des Besuches denkwürdig war. Zum ersten Mal mussten die kubanische Kirche und der kubanische Staat etwas gemeinsam tun. Und nicht nur das: der Staat sah sich gezwungen, mit dem Hl. Stuhl zu interagieren, eine Kollaboration, die vorher undenkbar gewesen war. Es begann eine neue Jahreszeit für die kubanische Kirche.“
Der Papst-Besuch leitete eine neue Jahreszeit in den Beziehungen zwischen Regime und katholischer Kirche ein. Auch das neue Verhalten des Líder máximo trug dazu bei, der – wie manche bemerkten – mit zunehmendem Alter deutlich zugänglicher wurde. Msgr. de Céspedes erinnert sich: „Bei einem Abendessen, zu dem er mit einigen Bischöfen geladen war, erzählte der Präsident, dass er in seinem Leben zwei Heiligen begegnet wäre: Papst Johannes Paul II. und Mutter Teresa...“. Und das ist das Stichwort: der Monsignore berichtet uns eingehend vom Besuch Mutters Teresas in Kuba. Stundenlang hat sie sich damals mit Fidel unterhalten. Als sie schließlich aus dem Zimmer kamen, sagte Fidel zu seinem Gast: „Sie können auch mit tausend Schwestern kommen!“ Und Mutter Teresa antwortete mit einem Lächeln: „Tausend Schwestern habe ich leider nicht...“. Das nur zum Thema persönliche Beziehungen... Beziehungen, wie beispielsweise die zwischen dem Präsidenten und Sr. Tekla Famiglietti, Oberin der Brigittinnen, denen er ein restauriertes Kloster mitten in Havanna zur Verfügung stellte.
Ein neuer Präsident
Ein neuer Wind wehte nun auch in der kommunistischen Partei. Obwohl nie ausdrücklich verboten, war es einem Parteimitglied doch unmöglich, offen den katholischen Glauben zu praktizieren. Seit einigen Jahren aber sind diese beiden Dinge nicht länger inkompatibel. „Ich weiß, dass manche Parteimitglieder den katholischen Glauben praktizieren,“ bekräftigt Msgr. García Rodríguez, „und damit nicht genug: auch Katechisten und Missionare sind unter ihnen... Und das ist etwas Neues.” Und neu ist auch, dass so genannte „Gebets- oder Missionshäuser“ wie Pilze aus dem Boden schießen. Privatwohnungen, wo sich die Christen zum Gebet versammeln. Msgr. García Rodríguez fährt fort: „Es gibt sie schon seit vielen Jahren, in den Vierteln, wo keine Kirchen sind, in der Peripherie oder in wichtigen Zonen der Stadt. Jemand stellt sein Haus zur Verfügung, damit die Leute dort beten können. Die Kinder erhalten Katechismusunterricht, die Erwachsenen den Katechumenat für den Sakramentenempfang. Manchmal werden auch Messen gefeiert. Früher war es schwierig, sich in einem Privathaus zu treffen. Obwohl das eigentlich nie verboten war, gab es ständige Kontrollen, Klagen seitens der staatlichen Beamten. Jetzt aber gibt es keine Probleme mehr.“
In der Umgebung der Pfarrei Medalla Milagrosa, die ein starkes soziales Engagement zeigt, gibt es viele solche Gebetshäuser. Carmen, eine der Katechistinnen der Pfarrei, leitet das heutige Treffen von mehr als einem Dutzend Personen. Gleich am Eingang, auf einer Kommode, steht eine Muttergottesstatue, daneben eine Kerze. Einer nach dem anderen der Versammelten, die meisten davon Frauen, trägt sein Gebetsanliegen vor, gefolgt von einem Ave Maria. Die Anliegen sind stets dieselben, unabhängig von Regime oder Breitengrad: man betet für die Kinder, für eine bevorstehende Operation, für die Genesung des erkrankten Ehemannes... Alles geschieht hinter unverschlossenen, ja, weit offen stehenden Türen, so dass sich ein jeder, der das will, hinzugesellen kann. Auf dem Rückweg macht uns Carmen auf einige Türen aufmerksam, an denen religiöse Symbole angebracht sind. Sie zeigen, dass es sich um ein Gebetshaus handelt. Und das in aller Öffentlichkeit. Sie erzählt uns, dass der Priester in diesen Häusern an Fest- oder Feiertagen die Messe zelebrieren konnte, ohne jemanden um Erlaubnis bitten zu müssen. Sie erzählt uns auch, dass zu Weihnachten an jeder Haustür ein Weihnachtsbild hing. Diese kleinen Dinge sind es, die, mehr als tausend Worte, auf ein entspannteres Klima schließen lassen. Wie auch die Tatsache, dass in vielen kubanischen Häusern religiöse Bilder oder Kalender hängen – übrigens auch in denen der Parteimitglieder...
Gebetshäuser sind auf der ganzen Insel zu finden. Auch in Camagüey, der zweitgrößten kubanischen Stadt, gibt es viele davon. Einige werden von den Salesianerinnen geleitet. In ihrem Institut werden wir herzlich empfangen. Wie viele andere Frauenorden auf der Insel kümmern sie sich um die vielen Armen, die die Strassen dieses Landes bevölkern. In einer Randzone der Stadt, wo die Leute so arm sind, dass sie sich von dort nicht fortbewegen können, halten sie auch Katechismusunterricht. „Die Leute hier haben keine Fortbewegungsmittel, ja, nicht einmal Schuhe…“, berichten die Schwestern: „Dort steht uns kein Haus zur Verfügung, und deshalb benutzen wir eines der Partei.“ Ein besserer Schuppen, ihren Beschreibungen zufolge. Ein Parteifunktionär soll das in den falschen Hals bekommen haben. „Er wollte wissen, warum wir uns gerade dort versammeln. Und da haben wir ihm gesagt, dass es uns sein Vorgänger erlaubt hätte, der ein guter Mensch war...“. Und wieder einmal konnten Ideologien und Zwistigkeiten dank menschlicher Beziehungen überwunden werden...
Nur einen Katzensprung von den Salesianerinnen entfernt befindet sich die Kirche San Juan de Dios, in der die sterbliche Hülle des Dieners Gottes Pater José Olallo Valdés ruht. Dieser war kein Priester, sondern ein Mönch, der dem Krankenhausorden San Giovanni di Dio (Barmherzige Brüder) angehörte, der sich zwischen 1820 und 1889 auf dieser Insel niederließ. Wenn alles wie vorgesehen läuft, wird ihn die Kirche im November selig sprechen – den ersten kubanischen Heiligen (jener gebürtige Kubaner, der zusammen mit so vielen anderen Opfern des spanischen Bürgerkrieges zum Märtyrer erklärt worden war, war nach Spanien ausgewandert). „Eine Seligsprechung, die uns mit berechtigtem Stolz erfüllt,“ freut sich Msgr. García Rodríguez. „Er ist der Heilige der Liebe, des Dienstes an den Kranken.“
Neben der Kirche, in der der Heilige seine letzte Ruhestätte gefunden hat, leiten zwei seiner Mitbrüder – sozusagen als kleinen Beweis der immerwährenden Liebe – ein Krankenhaus. Bruder Ramón führt uns, unter dem neugierigen Blick der Patienten, durch das kleine Gebäude, berichtet uns von den vielen Operationen, die hier durchgeführt werden und zeigt uns die ausländischen Wohltätern zu verdankenden medizinischen Apparate. Ganz besonders angetan hat es ihm der nagelneue Rettungswagen. Ein von Ordensleuten geleitetes Krankenhaus in einem kommunistischen Regime? Ja, erklärt er uns, aber stets in Anbindung an die staatlichen Strukturen.

Kardinal Tarcisio Bertone zu Besuch in Kuba (20. bis 26. Februar 2008).
Die Caritas ist nur eines der vielen Werke, die die kubanische Kirche für die Bedürftigsten vollbringt, in dem Bemühen, Männern und Frauen in jeder nur möglichen Situation beizustehen, wie der Papst in dem Brief schrieb, den Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone bei seinem jüngsten Besuch auf der Karibikinsel mitbrachte. Anlass des 6-tägigen Besuches (20. bis 26. Februar) war der 20. Jahrestag der Kuba-Reise von Johannes Paul II. Ein Besuch, der mit der tief greifenden Veränderung zusammenfiel, die das kubanische Regime durchmachte. Kardinal Bertone besuchte dabei dieselben Stätten wie schon Johannes Paul II. und traf auch den neuen Präsidenten. Von dieser Reise mitgebracht hat er den Eindruck einer positiven politischen Veränderung und einer „vitalen Kirche“. Wofür nicht zuletzt auch die Tatsache spricht, dass die Zahl der Taufen, Firmungen und Erstkommunionen jedes Jahr stark im Steigen begriffen ist.
Aber es wäre verfrüht, Prognosen darüber anzustellen, wie die Kirche zur Zeit Raúls aussehen wird.
In der Ansprache zu seinem Amtsantritt hat der neue Präsident seinen Willen bekräftigt, eine Reihe von Reformen durchzusetzen, und zwar nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern auch politischer Ebene. Gewiss ist, dass man das, was die nächsten Monate für Kuba bereit halten, auch im Ausland mit allergrößtem Interesse verfolgt. Und das tut auch die monumentale Jesus-Statue im Hafen von Havanna, die schon seit langer Zeit alles beobachtet, was sich auf der kleinen Karibikinsel ereignet. Nicht umsonst hat sich das Regime in all diesen Jahren wohlweislich stets davor gehütet, sie niederreißen zu lassen.