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MODERNE CHRISTLICHE KUNST
Aus Nr. 01 - 2008

Dieser Funke Schönheit, der Gott zum Ruhm gereicht


Interview mit Massimo Lippi, Dichter und Bildhauer: der Künstler stellt nicht den Anspruch, die Schönheit aus eigener Kraft zu schaffen, sondern sucht sie in der Schöpfung, um sie dem Herrn wieder zu geben.


Interview mit Massimo Lippi von Paolo Mattei


<I>Christ en croix</I>, Georges Rouault.

Christ en croix, Georges Rouault.

„In der Nähe des Bahnhofs von Siena befindet sich eine moderne Stadtbrücke. Wenn man deren Gittermaschen am Morgen gegen das Licht betrachtet, kann man ein paar Minuten lang sehen, wie die Sonne ein geometrisches Sternenmuster darauf zaubert. Sterne, die an die Dekorationen der romanischen, gotischen und spätgotischen Kunst erinnern. Was wir also auf dieser Brücke sehen, ist die Trugbildprojizierung eines Kunstwerkes. Dieses Wunder – das Licht – hat sich hier ein unbedeutendes Industrieprodukt ausgesucht. Und in dieser Zeit, die uns mit einer wahren Bilderflut bombardiert, sind diese Sternenbilder ein Fingerzeig, den kein Künstler von der Hand weisen kann – ganz gleich, ob er nun christlich ist oder nicht.“
So beginnt unser Gespräch mit Massimo Lippi, Dichter und Bildhauer aus Siena. Lippi hat im Verlag Vanni Scheiwiller zwei Lyrikbände veröffentlicht (Non popolo mio – 1991 – und Passi il mondo e venga la grazia –1999). Sein Debüt gab er 1982 mit der von Franco Fortini im Einaudi-Verlag herausgegebenen Reihe „Neue italienische Dichter“. Der Dozent für Kunstgeschichte und Bildhauerkunst an der Akademie für Schöne Künste von Carrara und Macerata, sowie Gastprofessor an einigen amerikanischen Universitäten, hat seine Werke in ganz Europa ausgestellt. In Siena finden sich viele seiner Bronze-Arbeiten, darunter die Portale der Basilika San Domenico und ein Kruzifix im Innern des Doms der Stadt. Wir haben ihm einige Fragen zur modernen und zeitgenössischen christlichen Kunst gestellt, zur Beziehung zwischen Kirche und Künstler am Beginn dieses neuen Jahrtausends, und zum Thema Schönheit.

Sie zitieren im Zusammenhang mit dieser Stadtbrücke die antike Kunst. In Sachen christlicher zeitgenössischer Kunst ist schon seit geraumer Zeit eine Debatte zwischen „traditionalistischer“ und „modernistischer“ Tendenz im Gange...
MASSIMO LIPPI: Die christliche Kunst ist, wenn sie wahre Kunst ist, weder modernistisch noch traditionalistisch. Sie ist einfach nur Kunst.
Eine Distanz gibt es aber, beispielsweise die zwischen den Nostalgikern der imagerie des 19. Jahrhunderts im so genannten Saint-Sulpice-Stil und denen, die dagegen meinen, die Kirche müsse ihren Dialog mit der zeitgenössischen Kunst weiterführen...
LIPPI: Ja, und das ist auch gut so: dieser Dialog muss lebendig bleiben. Aber man sollte auch nicht zu kategorisch unterscheiden zwischen „Traditionalismus“ und „Modernismus“. Michelangelo ist chronologisch gesehen ein „alter Meister“, aber bei seiner Rondanini Pietà nahm die moderne und zeitgenössische Kunst ihren Anfang.
Was heißt das?
LIPPI: Michelangelo ahnte, dass sich seine Epoche ihrem Ende zuneigte. Er hatte aber auch eine Kraft, die sich nicht von vorgegebenen Kanones unterwerfen ließ. Er erfand alles neu und verstand es, sogar jene zu verblüffen, die sich bereits an die Neuheit Brunelleschis gewöhnt hatten. In der Rondanini Pietà wurden die Regeln der Kunst von einer instinktiven Kraft überwunden, die die letzte, direkte und definitive Auseinandersetzung zwischen der Seele und Gott war. Michelangelo war damals 90 Jahre alt und aus seiner Werkstatt waren nur noch schwache Arbeitsgeräusche zu vernehmen: lediglich ein leichtes, von Husten unterbrochenes Hämmern, wie bei den alten Steinmetzen von Settignano, von denen er sein Handwerk gelernt hatte. Fast ist mir, als hörte ich ihn auch jetzt hämmern, als könnte ich diesen keuchenden Atem der Formgebung vernehmen, die Gott sucht und von Gott selbst im Menschen geformt war – „die Herrlichkeit Gottes ist der lebendige Mensch“ –, und da taucht er auch schon vor meinem geistigen Auge auf, Michelangelo, und versucht ihm zu sagen: ich, der ich deine Herrlichkeit bin, will dir Herrlichkeit wiedergeben, so wie ich bin, sündiger Mensch, und nicht durch die Ästhetik der neoplatonischen Herren von Florenz. Michelangelo schafft kein Theorem, sondern ein Gebet, eine liturgische Geste. So hat er einmal auch gesagt, dass alles, was er gemacht hat, nichts war verglichen mit dem Akt reinen Glaubens einer Bauersfrau oder einer Frau aus dem römischen Volk: für eine Geste einfachen Glaubens hätte er die ganze Sixtinische Kapelle hergegeben. Er hätte sich unter eine Prozession des Volkes mischen wollen, hinter irgendeinem Marienbild einherschreitend. Zweifelsohne einem weniger schönen als dem, das er selbst hätte schaffen können.
Was hat das mit moderner Kunst zu tun?
LIPPI: Die Pietà ist eine Art Frühwerk der modernen Kunst. Diese glatten, lichtumhüllten Beine, während der obere Teil nicht viel mehr ist als ein roh gehauener Entwurf... Es ist keine wirkliche Pietà, aber bereits die Darstellung der bevorstehenden Morgenröte der Welt, der Auferstehung. Michelangelo arbeitet mit Abkürzungen, mit Synkopen, Unterschlagung, ablatio , mit der Eliminierung all dessen, was zuviel ist. Und er tut das, um zum Wesentlichen zu gelangen. Es ist auch Unproportioniertheit und Paradox – eine so junge Maria, „Tochter Deines Sohnes“... Da ist keine Sakralisierung der Form. Dieses Werk stellt nicht das Ende der christlichen Kunst dar, sondern das Ende der Anmaßung dessen, der sich – die Perspektive umkehrend – davon überzeugt hat, aus eigener Kraft die Schönheit schaffen zu können. Der Künstler – so scheint Michelangelo zu sagen – kann sie mit Hilfe Gottes in der Schöpfung suchen, um sie Ihm und Seiner Kirche wieder zu geben. Das ist eine sehr moderne Haltung.
<I>Rondanini Pietà</I>, Michelangelo, 
Castello Sforzesco, Mailand.

Rondanini Pietà, Michelangelo, Castello Sforzesco, Mailand.

Kommen wir wieder auf die zeitgenössische christliche Kunst zu sprechen. Die traditionellen Ikonen der russischen und griechischen Kirche sind heute sehr gefragt...
LIPPI: Hier haben wir es mit einer künstlichen Art der Bewahrung einer Tradition zu tun, die bei Rublëv sublim ist und zu einer bestimmten Zeit und in einem gewissen Raum überaus wirksam war... Die aber heute meiner Meinung nach Gefahr läuft, zu einer Art schalem Devotionalismus zu werden. Dieser Lyophilisation ziehe ich dann schon den Expressionismus von Francis Bacon vor. Und das sollte niemanden schockieren. Wir alle sind Kinder unserer Zeit. Und es ist schön, dass es in der Kirche diese Entscheidungsfreiheit gibt: auch wenn man ein Bildnis betrachtet, das nicht schön ist, und davor betet, kann man heilig werden.
Es besteht die Tendenz, sich immer mehr an visuellen modernen Kommunikationsmitteln zu orientieren, beispielsweise der Filmindustrie...
LIPPI: Ja, da ist dieser krankhafte Wunsch, der nen. Es ist ein Schauspiel, das meine ganzen Sinne gefangen nimmt und mich so sehr verwirrt, dass ich eine Art Aporie habe – wie es Sokrates nennen würde – weshalb ich nicht erkennen kann, welches die Realität ist, die für mich zählt, und welches die vom Regisseur erfundene Phantasie-Realität. Gewisse Filme laufen so gesehen Gefahr, sozusagen hörig zu machen: sie benutzen die Religion in gewalttätiger und unnatürlicher Form. So entstehen oft schreckliche Filmproduktionen.
Eine andere, weniger verbreitete Tendenz geht von der Kritik an der „Ikonosphäre“ der Bilderkultur aus, in der der Mensch unserer Zeit versunken ist, und lehnt jegliche Darstellung im christlichen Leben ab.
LIPPI: Das haben wir schon erlebt, die Kirche muss sich seit geraumer Zeit mit den Problemen des Ikonoklasmus und der bilderlosen Ausrichtung des Kultes befassen. Wir sind Kinder Gottes, der Mensch geworden ist, sich im Antlitz und in der Person Jesu Christi gezeigt hat, dessen Füße auf den Erdboden treten. Er arbeitet, weint, leidet und freut sich mit uns. Und muss deshalb auch dargestellt werden.
1964 bat Paul VI. die Künstler mit bewegenden Worten um Vergebung für die Behandlung, die sie durch die Kirche erfahren hatten. „Wir brauchen euch,“ sagte er ihnen. 1973, vor 35 Jahren, wurde die Sammlung moderner religiöser Kunst im Vatikan vorgestellt. Was ist seither geschehen?
LIPPI: Paul VI. hatte eine große Intuition, die dann aber niemand mehr umzusetzen verstand.
Wie meinen Sie das?
LIPPI: Es gab niemanden, der sich die Mühe gemacht hätte, nach Künstlern zu suchen – und damit meine ich auch avantgardistische, weniger bekannte, die Schönes für die Kirche hätten vollbringen können. Stattdessen hat man sich auf Ausschreibungen verlassen. Aber das ist absurd. Man muss einen Künstler kennen, muss sehen, wie er lebt. Und genau das haben die Päpste der Renaissance getan! Die heutigen Bürokraten des Glaubens aber tun das nicht.
Was hat man getan?
LIPPI: Die Kirche hat sich der Zeit angepasst und dabei den katastrophalen Fehler begangen, wahllos dem Markt zu vertrauen. Und hat dabei in dem Versuch, etwas zu gewinnen, viel verloren. Man zog es vor, das Schaffen von Kunstwerken Künstlern anzuvertrauen, die gerade „in“ waren, einen großen Bekanntheitsgrad hatten. Vor allem aber hat man nicht die besten ausgewählt, sondern die, die ihre eigene Marke bewerben, ihren eigenen Stil, den eigenen schöpferischen Solipsismus verbreiten mussten.
Wie kann das passieren?
LIPPI: Die Einheit zwischen Hierarchie und Volk ist zerbrochen. Früher einmal waren die Priester und die Maler, die Bildhauer, die Architekten wirklich auf der Seite des Volkes, und sie kannten es. Heute treffen sich die Orthodoxie des Denkens und die heilige Anarchie der Künstler nicht mehr, und der Funke der Schönheit – sollte er sich entzünden – wird nicht mehr wahrgenommen. Alles, was im Fernsehen, einzige Form der Auftraggebung, präsentiert wird, wird kritiklos angenommen. Das einzige Kriterium ist, ob der Künstler, der die Kirche dekoriert oder plant, berühmt ist, denn wenn er das ist, wird auch die Kirche, die er dekoriert oder plant, in der Welt erkennbar. So kam es, dass ein Künstler von internationalem Ruhm in Rom, in Santa Maria degli Angeli, eine Verkündigung schaffen konnte mit einem Engel und einer Muttergottes ohne Arme. Oder dass in San Giovanni Rotondo ein Osterlamm ohne Ohren, ohne Schwanz und mit gebrochenen Beinen dargestellt werden konnte ... Internationale Berühmtheiten, die mit Symbolen arbeiten, ohne zu wissen, was sie bedeuten. Sehr viel heiliger und schöner ist da schon ein mit den Fingernägeln in die Mauern eines Gefängnisses gekratztes Kreuz. Oder eine Via Crucis, die von Kindern gemalt wurde, die keine Ahnung haben von Kunst oder Technik.
<I>Die hl. Katherina und das Jesuskind</I>, Massimo Lippi.

Die hl. Katherina und das Jesuskind, Massimo Lippi.

Gibt es auch positive Beispiele?
LIPPI: Ja, Giacomo Manzù, Georges Rouault oder Arturo Martini zum Beispiel. Aber auch sie wurden von Augen entdeckt, die zu sehen verstehen. Es ist eine Frage des Glaubens, der Heiligkeit dessen, der den Künstler erkennen muss. Nicht der Ausschreibungen.
Wo müsste man suchen?
LIPPI: Überall, in den Pfarreien, den Dörfern, den Stadtvierteln, den Städten, der Diözese. Es gibt beispielsweise Handwerker, die die überaus löbliche und schöne Krippentradition pflegen. Aber auch viele andere Künstler, die mit jener „Abkürzung“ arbeiten, die typisch ist für die Moderne – angefangen bei Michelangelo – mit einer fast schon kindlich sprühenden Schönheit voller Anspielungen, Symbolen, Farbgebung, die in spitzen und holperigen Formen explodieren. In scheinbar chaotischen, unproportionierten Formen ohne Perspektive. Künstler, auch der darstellenden Kunst – aber einer lebendigen darstellenden Kunst, keiner sklavischen und banalen Nachahmung. Künstler, die keine schale devotionale imagerie betreiben, die nicht darauf verzichtet haben, in der Welt zu leben, sich nicht scheuen, die Kodexe der Welt zu nutzen, einschließlich dem Expressionismus, die aber sehr wohl wissen, was das Christentum ist. Die seine Symbole kennen und lieben, die Geschichte seiner Bilder. Die das dekorative Blätterwerk, die Weintraube, das Vögelchen der romanischen Kunst vor Augen haben: diese ganze oft unausgesprochene Schönheit der alten und stets neuen Symbole der christlichen Kunst.


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