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CHRISTENTUM
Aus Nr. 05 - 2007

Jesus von Nazareth gestern und heute


Der emeritierte Erzbischof von Mailand rezensiert für 30Tage das Buch Jesus von Nazareth von Joseph Ratzinger, Benedikt XVI.


von Kardinal Carlo Maria Martini


Kardinal Carlo Maria Martini.

Kardinal Carlo Maria Martini.

Über Jesus sind in der letzten Zeit viele Bücher erschienen, in den verschiedensten Sprachen und unter den verschiedensten Aspekten. Und das zeigt schließlich auch die außergewöhnliche Vertrautheit mit der Gestalt Jesu, die vielen möglichen Ansätze. Niemals zuvor ist ein Buch eines Papstes über Jesus erschienen. Papst Johannes Paul II. hatte uns Erzählungen über sein Leben geschenkt. Nun aber erscheint zum ersten Mal das Buch eines Papstes über ein so gewagtes und breit gefächertes Thema. Zwar stimmt es, dass darin nur einige Aspekte des Lebens Jesu behandelt werden – von der Taufe bis zur Verklärung. Auch hofft der Autor, sein Werk in nicht allzu ferner Zukunft vollenden zu können. Eine Frage drängt sich jedoch unweigerlich auf: sind die in diesem Buch enthaltenen Worte die eines Papstes mit der ihnen geschuldeten Kraft des Lehramtes? Oder sind es die Reflexionen eines Gelehrten, der seine persönlichen Überzeugungen zum Ausdruck bringt, wenn diese auch einer langen Vertrautheit mit dem Thema entspringen mögen, von seinem persönlichen Eingebundensein in das Leben der Kirche und in die Nachfolge Christi herrühren?
Der Papst selbst kommt jeder möglichen Zweideutigkeit zuvor, indem er schreibt: „Gewiss brauche ich nicht eigens zu sagen, dass dieses Buch in keiner Weise ein lehramtlicher Akt ist, sondern einzig Ausdruck meines persönlichen Suchens ‚nach dem Angesicht des Herrn‘ (vgl. Ps 27, 8). Es steht daher jedermann frei, mir zu widersprechen. Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt“ (S. 22). Und deshalb wollen wir das Buch nun auch in aller Sympathie und Freiheit des Geistes rezensieren.
Zur Zeit seiner Studien und seiner Lehrtätigkeit an verschiedenen deutschen Universitäten (auch ich habe seine Vorlesungen an der Universität Münster in Westfalen gehört) konnte der heutige Papst die verschiedenen Wechselfälle der historischen Forschung über Jesus mitverfolgen. Er selbst hatte in den Sechzigerjahren darüber geschrieben, und ich erinnere mich, diese Seiten mit großem Interesse gelesen zu haben. In der Zwischenzeit gingen die Diskussionen über die Möglichkeit, historische Gewissheiten über das Leben Jesu erlangen zu können, weiter, mit der Tendenz, den historischen Christus vom Christus des Glaubens zu trennen.
Wenn man das Buch liest, wird man immer wieder mit diesem Hintergrund konfrontiert – so distanziert sich der Autor auch schon im Vorwort von einem so großen zeitgenössischen katholischen Exegeten wie Rudolf Schnackenburg: „Es ist offenkundig, dass ich mit dieser Sicht der Jesusgestalt über das hinausgehe, was zum Beispiel Schnackenburg repräsentativ für einen großen Teil der gegenwärtigen Exegese sagt.“ Sie „hat uns eine Fülle von Material und von Einsichten erschlossen, durch die uns die Gestalt Jesu in einer Lebendigkeit und Tiefe gegenwärtig werden kann, die wir uns vor wenigen Jahrzehnten noch gar nicht vorzustellen vermochten.“ Dennoch will der Autor durchaus „neue methodische Einsichten“ anwenden, „die uns eine eigentlich theologische Interpretation der Bibel gestatten und so freilich den Glauben einfordern, aber den historischen Ernst ganz und gar nicht aufgeben wollen und dürfen“ (S. 22).
So können wir also die Methode des Autors abstecken, auf die wir gleich zurückkommen werden. Zunächst einmal wollen wir uns aber mit dem Buch selbst befassen. Sein Titel lautet Jesus von Nazareth, und es behandelt – wie bereits gesagt – die Fakten des Lebens Jesu von der Taufe bis zur Verklärung. Der genaue Titel müsste meiner Meinung nach aber lauten: „Jesus von Nazareth gestern und heute“. In der Tat geht der Autor mit großer Selbstverständlichkeit von der Betrachtung der Fakten, die Jesus betreffen, zu der Bedeutung über, die diese für die kommenden Jahrhunderte und für unsere Kirche hatten. Daher ist es auch gespickt mit Verweisen auf zeitgenössische Fragen.
Dort beispielsweise, wo von der Versuchung in der Wüste die Rede ist, wo Satan Jesus die Welt zu Füßen legt, wird bekräftigt, dass „ihr wahrer Gehalt sichtbar wird, wenn wir sehen, wie sie dieGeschichte hindurch immer neue Gestalt annimmt. Das christliche Kaisertum versuchte alsbald, den Glauben zum politischen Faktor der Reichseinheit zu machen. DasReich Christi soll nun doch die Gestalt eines politischen Reiches und seines Glanzes erhalten. Der Ohnmacht des Glaubens, der irdischen Ohnmacht Jesu Christi soll durch politische und militärische Macht aufgeholfen werden. In allen Jahrhunderten ist in vielfältigen Formen diese Versuchung immer neu aufgestanden, den Glauben durch Macht sicherzustellen, und immer wieder drohte er gerade in den Umarmungen der Macht erstickt zu werden“ (SS. 68-69).
Diese Art Betrachtung der Geschichte nach Jesus und der Aktualität verleiht dem Buch eine Weite und einen Beigeschmack, den andere Bücher über Jesus nicht haben, in denen es nur um eine fast schon haarspalterische Diskussion über die Ereignisse seines Lebens geht.
Der Autor zeigt, dass das Christentum ohne die Realität Jesu, gemacht aus Fleisch und Blut, zum reinen Moralismus wird, einer Sache des Intellekts. Und gerade deshalb ist er auch darum bemüht, den christlichen Glauben an den jüdischen Wurzeln festzumachen. Beispielsweise dort, wo er sich auf die Prophetie von Dt 18, 15 bezieht, von wo die Erzählung des Buches ihren Ausgang nimmt, wie auch beim Verweis auf viele andere Passagen des Alten Testaments, die von Jesus zitiert werden. Das alles liefert nicht nur den Rahmen, in dem seine Worte zu verstehen sind, sondern siedelt seine Geschichte auch in einem präzisen Kontext an.
Was ihn aber vor allem beschäftigt ist die Tatsache, dass Jesus eine Sicht Gottes hat wie kein anderer Mensch. In diesem Zusammenhang zitiert er das Johannes-Evangelium: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1, 18). Das stellt also den Ausgangspunkt dar, von dem aus man die Gestalt Jesu verstehen kann und bringt eine gewisse gegenseitige Durchdringung von historischen Erkenntnissen und Erkenntnissen des Glaubens mit sich. Ein jeder dieser Wege – sei es nun der der Vernunft, oder auch der des Glaubens – behält seine Würde, seine Freiheit, seine eigene Methode, ohne sich zu vermischen oder Verwirrung zu stiften.
Aus all dem geht auch die Arbeitsmethode deutlich hervor. Der Autor lehnt entschieden das ab, was erst kürzlich, vor allem in der anglo-amerikanischen Literatur, als „Imperialismus der historisch-kritischen Methode“ bezeichnet wurde (vgl. z. B. W. Brueggemann, Aufsätze zur Theologie des Alten Testaments, 2002). Er erkennt an, dass diese Methode wichtig ist, aber Gefahr läuft, den Text zu zerstückeln und die Fakten, auf die sich dieser bezieht, unverständlich zu machen. Er schlägt daher vor, die verschiedenen Texte im Kontext der Gesamtheit der Schrift zu lesen. So kann man erkennen, „dass eine Richtung im Ganzen liegt; dass Altes und Neues Testament zusammengehören. Gewiss, die christologische Hermeneutik, die in Jesus Christus den Schlüssel des Ganzen sieht und von ihm her die Bibel als Einheit zu verstehen lernt, setzt einen Glaubensentscheid voraus und kann nicht aus purer historischer Methode hervorkommen“ (S. 18).
Die Titelseiten der vier verschiedensprachigen Ausgaben des Buches von Joseph Ratzinger-Benedikt XVI., Jesus von Nazareth.

Die Titelseiten der vier verschiedensprachigen Ausgaben des Buches von Joseph Ratzinger-Benedikt XVI., Jesus von Nazareth.

Der Autor lehnt den Widerspruch von Glaube und Geschichte ab, weil er überzeugt davon ist, dass der Jesus der Evangelien eine historisch gesehen sinnvolle und konsequente Gestalt ist, und dass der Glaube der Kirche nicht ohne eine gewisse historische Basis auskommen kann. All das bedeutet praktisch, dass der Autor, wie er es selbst ausdrückt, den Evangelien traut, obwohl alles das vorausgesetzt ist, was die moderne Exegese über sie sagt. Daraus ergibt sich, dass ein wirklicher Jesus, ein im wahrsten Sinn des Wortes historischer Jesus, sehr viel logischer und historisch verständlicher ist als die Rekonstruktionen, mit denen wir in den letzten Jahrzehnten konfrontiert wurden (vgl. SS. 20-21).
Der Autor ist überzeugt davon, dass „nur wenn Außergewöhnliches geschehen war, wenn die Gestalt und Worte Jesu das Durchschnittliche aller Hoffnungen und Erwartungen radikal überschritten, sich seine Kreuzigung erklärt und sich seine Wirkung erklärt“ (S. 21). Dieselbe Effizienz, die bewirkte, dass seine Jünger ihm im Zeitraum von zwanzig Jahren den Namen zuerkannten, den der Prophet Jesaia Gott allein vorbehalten hatte.
In der Folge bringt der Autor die Überzeugung zum Ausdruck, „dass das tiefste Thema von Jesu Verkündigung sein eigenes Geheimnis war, das Geheimnis des Sohnes, in dem Gott unter uns ist und sein Wort einlöst“ (S. 227). Das trifft besonders auf die Bergpredigt zu, der der Autor zwei Kapitel widmet, wie auch auf die Botschaft der Gleichnisse und die anderen Worte Jesu.
Wenn das die Methode des Autors ist, was soll man dann noch über den globalen Erfolg dieses Werkes sagen? Der Autor gesteht, dass es das Ergebnis eines langen innerlichen Unterwegsseins ist (SS. 7 und 20). Mit den Arbeiten begonnen hat er 2003. Das Buch ist dennoch die Frucht einer Meditation und eines Studiums, das sein ganzes Leben in Anspruch genommen hat.
Er kommt zu dem Schluss, dass Jesus kein Mythos ist, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, eine überaus reale Präsenz in der Geschichte. Wir können die Wege weiter verfolgen, die er beschritten hat. Und wir können dank der Zeugen seinen Worten lauschen. Er ist gestorben und auferstanden.
Dieses Buch ist also das gewagte Zeugnis eines großen Gelehrten über Jesus von Nazareth und seine Bedeutung für die Menschheitsgeschichte und die Wahrnehmung der wahren Gestalt Gottes. Das Werk eines Mannes, der heute auch eine herausragende Rolle in der katholischen Kirche einnimmt. Es ist stets tröstlich, ein solches Zeugnis zu lesen. Ich finde das Buch sehr schön: man kann es mit einer gewissen Leichtigkeit lesen (ich würde den Lesern raten, mit den Kapiteln über die Reden Jesu zu beginnen): Obwohl es ein Buch ist, das zu denken gibt, ist es nämlich keineswegs schwer verdaulich.
Es beschränkt sich nicht nur auf den intellektuellen Aspekt, sondern zeigt uns den Weg der Liebe Gottes und der Nächstenliebe, was besonders aus der Erläuterung des Gleichnisses vom barmherzigen Samriter hevorgeht: „Nun werden wir inne, dass wir alle der geschenkten und rettenden Liebe Gottes selbst bedürfen, damit auch wir Liebende werden können. Dass wir immer Gottes bedürfen, der sich uns zum Nächsten macht, damit wir Nächste werden können“ (S. 241).
Er behandelt das Thema des „Scheiterns des Propheten “, eines jeden wahren Propheten: „Seine Botschaft widerspricht zu sehr der allgemeinen Meinung, den eingefahrenen Lebensgewohnheiten. Erst durch das Scheitern hindurch wird sein Wort wirksam. Dieses Scheitern des Propheten bleibt als dunkle Frage über der ganzen Geschichte Israels stehen, und es wiederholt sich in gewisser Weise immer wieder in der Geschichte der Menschheit. Es ist zunächst immer neu auch das Geschick Jesu Christi: Er endet am Kreuz.Aber gerade aus dem Kreuz kommt die große Fruchtbarkeit“ (S. 229).
An diesem Punkt angelangt, bleibt uns nur, auf das zweite Buch zu warten, das das Geheimnis der Passion, des Todes und der Auferstehung Jesu ausführlich behandeln wird. Die Lektüre dieses Buches lädt uns also dazu ein, ungeduldig dessen zu harren, was als nächstes kommt.


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