Hoffnung, die Brüder unter den Menschen erwartet
„Vielleicht hat es sich noch nicht herumgesprochen: Das Leben der Christen in der Welt vollzieht sich tamquam scintillae in arundineto, wie das in einem Feld verstreuter Funken. Wir leben in der Diaspora. Aber die Diaspora ist die normale Befindlichkeit des Christentums auf dieser Welt.“ Interview mit Kardinal Godfried Danneels.
Interview mit Kardinal Godfried Danneels von Gianni Valente
Mechelen, 24. Mai 2007. Der
Kardinal ist in Höchstform, hat tausend Pläne. Eigentlich wollte
er den meisten seiner Verpflichtungen im Mai nachkommen, um im Juni nach
Peking und in die chinesische Mongolei reisen zu können. Dann aber
wurde die Reise ins ehemalige Reich der Mitte und der Besuch bei den
christlichen Gemeinschaften der Scheut-Missionare verschoben: „Der
Brief des Papstes an die chinesischen Katholiken wird bald erscheinen, und
ich wollte vermeiden, dass sich vielleicht über meinem Kopf ein
Gewitter zusammenbraut, während ich gerade dort bin…“. In
wenigen Tagen ist Pfingsten, und da erinnert Godfried Danneels, Primas von
Belgien, an jene Worte, die der orthodoxe Metropolit Ignatios von Lattakia
1968 bei der ökumenischen Begegnung in Uppsala geprägt hat:
„Ohne den Heiligen Geist bleibt Christus in der Vergangenheit, ist
das Evangelium toter Buchstabe, die Kirche nichts weiter als eine
Organisation, erscheint die Autorität als etwas Dominierendes, die
Mission als Propaganda, der Kult als Evokation, wird das christliche
Handeln zur Sklavenmoral.“

Worte, die durchaus aktuell klingen.
GODFRIED DANNEELS: Ja, weil es Dinge sind, die für alle Zeiten gelten. Von der Himmelfahrt Christi bis zum Ende der Welt wird es immer so sein. Meiner Meinung nach kann man noch eines anfügen: ohne den Heiligen Geist lebt die Kirche in der Angst. Das sieht man auch am Pfingsttag: dort, im Abendmahlssaal, siegte die Angst. Doch dann ließ der Heilige Geist die Angst schwinden und gab es nicht nur jenen, das Evangelium zu verkünden, die nach dem judäischen Gesetz lebten, sondern auch den Heiden. Die Kirche hat die Aufgabe, die Überlieferung zu hüten. Aber der Heilige Geist ist es, der von der Angst befreit und es uns gibt, dieselben Dinge unter verschiedenen Umständen zu leben. In der Kirche ist es der Geist selbst, der das depositum fidei hütet. Nur er kann der Vergangenheit treu bleiben und für die Zukunft bereit sein. Denn er gehört weder der Vergangenheit noch der Zukunft an. Er ist aktuell. Ohne das Werk des Heiligen Geistes ist die Zukunft der Kirche stets ein Herauslösen von Stücken der Vergangenheit, die man wieder aktuell machen will. Wo es aber doch eigentlich nichts gibt, was die Dinge wirklich neu macht.
Auch der Kirche bereitet es Kopfzerbrechen, dass einige moralische Grundwerte in der westlichen Gesellschaft zusehends an Bedeutung eingebüßt haben.
DANNEELS: Dass es keine christliche Civitas mehr gibt, dass das mittelalterliche Modell der christlichen Civitas nicht für unsere gegenwärtige Zeit gilt, ist eine Tatsache. Vielleicht haben es noch nicht alle mitbekommen: das Leben der Christen in der Welt erfolgt tamquam scintillae in arundineto, wie das in einem Feld verstreuter Funken. Wir leben in der Diaspora. Die Ausnahme ist das andere: eine vollkommen verchristlichte Welt. Die normale Befindlichkeit der Christen ist jene, die in dem Brief des Diognet beschrieben wird, im zweiten Jahrhundert. Die Christen „wohnen nicht in eigenen Städten, noch gebrauchen sie einen Jargon, durch den sie sich unterscheiden.“ Sie leben „in ihrer Heimat, aber als Fremde; nehmen an allem als Bürger teil, sind als Fremde von allem ausgeschlossen. Jedes fremde Land ist ihre Heimat, und jede Heimat ist fremd.“ So sieht also unser Leben als Bürger der neuen säkularisierten Gesellschaft aus.
Wenn man aber schon in der Minderheit ist, sollte man da nicht endlich aufbegehren?
DANNEELS: Als der Papst nach Spanien reiste und von der Familie sprach, hat er nichts Negatives gesagt, sondern nur die Schönheit der christlichen Familie herausgestellt. Das mag für manchen eine Enttäuschung gewesen sein. Nicht aber für mich. Das Christentum ist vor allen Dingen guter Sauerteig, das Geschenk guter Dinge, die wir der Welt anbieten dürfen. Es geht nicht darum, die Welt um jeden Preis bezwingen zu müssen. Der hl. Bernhard sagte seinen Zeitgenossen immer wieder: habt Erbarmen mit euren Seelen.
Klingt das nicht nach sentimentalem Optimismus?
DANNEELS: Das II. Vatikanische Konzil hat sein Dokument über die Kirche in der Welt mit seinen ersten Worten betiteln wollen: Gaudium et spes. Das Wortpaar, das folgte, war luctus et angor, Trauer und Angst. Wenn das Konzil heute wäre, würden die Konzilsväter die Reihenfolge vielleicht umkehren und mit luctus et angor beginnen. Der Enthusiasmus dieser Zeit war vielleicht übertrieben, wohl als Reaktion auf den vorher herrschenden Pessimismus. Aber dieser naive Übermut hatte auch etwas Schönes. Es war ein Zeichen für Jugend. Wie bei einem Mädchen, das auf seinen ersten Ball geht. Dann kommt das Erwachsenenalter. Und wie man sieht, wird allen vier Anfangsworten Rechnung getragen.
Wo würden Sie ansetzen, wenn Sie die Beziehung zwischen Kirche und Welt beschreiben müssten?
DANNEELS: Die Welt ist eine Schöpfung Gottes. Es stimmt zwar, dass die Welt laut dem Johannes-Evangelium in Finsternis liegt, sich gegen Gott stellt. Aber das ist nicht die ursprüngliche Situation: alle von Gottes Hand geschaffenen Geschöpfe sind gut, omnis creatura Dei est bona. Und auch die Endsituation, wenn der gesamte Kósmos erlöst sein wird, wird so sein. Es ist eine Übergangsbefindlichkeit, die nicht von Gott hervorgerufen wurde, sondern von uns, durch unsere Sünde. Die Kirche hat diesbezüglich schon immer den Gnostizismus abgelehnt, der das Böse als zur Schöpfung gehörend, ja, in einer gewissen Weise, Gott selbst innewohnend hinstellt.
Aber sollte man nicht vielleicht gerade deshalb bekräftigen, dass das Naturgesetz, in seiner Objektivität, ein ursprüngliches, in das Herz eines jeden Menschen eingeschriebenes Faktum ist?
DANNEELS: Ja, aber wenn es von uns abhängt, und in erster Linie von uns Christen, bleibt uns gar nichts anderes übrig als zu gehorchen, zu glauben, zu beten, das Beispiel eines guten Lebens vorzuleben. Der ursprüngliche Ungehorsam fügt uns noch immer eine Wunde zu, nur dank des Gehorsams Jesu konnten wir uns davon befreien. Sein Gehorsam ist es, der in unseren Betrug, in unsere Krankheiten, eine Heilung einführt. Und diese Erkenntnis sollte uns eigentlich gegen jeden Hochmut gefeit machen, uns einen jeden Menschen mit größerer Barmherzigkeit betrachten lassen.
Manche fürchten, dass man die Barmherzigkeit immer dann ins Spiel bringt, wenn man die Aufgabe hat, unbequeme Wahrheiten sagen zu müssen, auch zu ethischen und moralischen Fragen.
DANNEELS: Die Sendung der Kirche beschränkt sich nicht nur darauf, die Wahrheit zu sagen, sondern will die von Gott angebotene und umgesetzte Versöhnung bringen. Und die Barmherzigkeit ist nicht eine Art obligatorischer Amnestie, die unser Elend in der Gleichgültigkeit versinken lässt. Sie ist kein Kühlschrank, der immer voll ist, so dass wir uns nur bedienen müssen. Das verdienen wir nicht. Aber wenn sie unentgeltlich unsere Herzen rührt, dann verändert, heilt sie, lässt uns von uns selbst Abstand gewinnen, uns erheben. Das ist Anziehungskraft. Es ist die Medizin der Barmherzigkeit, die uns auch Tränen des Schmerzes vergießen lässt über unsere Sünden, unsere Erbärmlichkeit, die wir gar nicht mehr wahrgenommen haben. Wie es eben auch dem ersten der Jünger geschehen ist, im Hof des Hauses des Hohenpriesters: „Dann drehte sich der Herr um und sah Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an die Worte, die der Herr zu ihm gesagt hatte… Dann ging er hinaus und weinte bitterlich.“

Den Christen wird oft vorgeworfen, in der
öffentlichen Debatte das menschliche Elend für ihre Schlachten zu
instrumentalisieren. Péguy würde sagen: Leute mit einer Seele,
die schön ist, genau so, wie es sich gehört.
DANNEELS: Die Menschen unserer Zeit sind sich nicht bewusst, in einer von einem moralischen Standpunkt aus gesehen infantilen, primitiven Befindlichkeit zu leben. Sie meinen zwar, eine hoch entwickelte Moral zu haben, theoretisieren dann aber vielleicht doch Brauchtümer und Verhaltensweisen, die nicht mit dem natürlichen Sittengesetz konform gehen. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Und ich glaube nicht, dass es in dieser Situation Sinn macht, die niet-Strategie anzuwenden. Wenn man ständig betont, was man nicht tun darf, lenkt man eigentlich letztendlich nur von dem Guten ab, das man doch zu verteidigen vorgibt. Vor seiner Reise nach Köln hat Benedikt XVI. betont, dass uns der Glaube Flügel verleiht, kein Wald von Verboten ist, nichts mühsam und erdrückend zu Lebendes.
Was soll man also angesichts der bürgerlichen Gesetze und neuen Gesetzesvorschläge tun, die im Kontrast zur christlichen Moral stehen?
DANNEELS: Dass das bürgerliche Gesetz nicht immer mit den Evangeliumsvorschriften und der christlichen Moral überein stimmt, ist die normale Situation. Wenn das Gesetz beispielsweise die Verbindung Homosexueller gutheißt, geht der pädagogische Wert des Gesetzes verloren. Es wird zu einer Art Thermometer, das lediglich die individuellen Verhaltensweisen misst, fungiert aber nicht als Thermostat. Und gerade das ist ein Faktum unserer Gesellschaft: das Gesetz hat oft keinerlei erzieherischen Wert mehr. Das ist nicht gut, aber nun einmal der Umstand, in dem uns zu leben gegeben ist. Man muss zwar auf die Gefahren aufmerksam machen, aber dann geht es darum, das Evangelium in einer Situation zu leben, die nicht wir geschaffen haben. Das ist nichts Neues.
Sterbehilfe, Verhütung, Lebensgemeinschaften ohne Trauschein. Wie sollen sich christliche Gesetzgeber zu diesen Themen verhalten? Können Sie kurz umreißen, welche Kriterien man hier anwenden sollte?
DANNEELS: Es ist stets gut, zwischen den Dingen zu unterscheiden, die nicht tolerierbar sind und den so genannten „unvollkommenen Gesetzen“, die man auf der Grundlage der traditionellen Kategorie des kleineren Übels tolerieren kann. Was dann die Verhaltensweisen des Einzelnen angeht, gibt es eine Weisheit in der Kirche, eine Fähigkeit, die Realität als das zu betrachten, was sie ist – damit meine ich das, was man seit Jahrhunderten vor allem im Beichtstuhl praktiziert.
Die Einstellung der Kirche zur heutigen Welt beeinflusst eigentlich ihre gesamte Sendung. Heute steht das Öffentlich Machen der Verkündigung hoch im Kurs, will man den kulturellen Anforderungen des herrschenden Denkens glaubwürdige Antworten geben.
DANNEELS: Marketingexperten analysieren zunächst einmal den Bereich, in dem ihre Botschaft „einschlagen“ soll: sie studieren den Boden, stellen Erhebungen zu dessen Ergiebigkeit an. Dort, wo der Humus wenig Erfolg versprechend scheint, säen sie erst gar nichts an. Seit Jahrzehnten scheint auch die Evangelisierung auf derartige „Bodenanalysen“ zu setzen. Aber ein guter Bauer weiß, dass das Wachstum des Korns, das er in den sorgfältig vorbereiteten Acker streut, von Regen und Sonne abhängt. Und für die christliche Verkündigung gilt das noch mehr: die Fruchtbarkeit kommt von oben, wie die Sonne und der Regen.
Aber muss man den Boden nicht auch aussuchen?
DANNEELS: Wer das Evangelium mit seinem Leben verkündet und bezeugt, stellt nicht den Anspruch, selbst zu entscheiden, welches der gute Boden ist. Und schließlich gibt es ja auch gar keinen idealen Acker. Wie im Gleichnis Jesu stellt uns der Acker vor alle möglichen Schwierigkeiten. Der Same ist immer gut, weil es der Same des Herrn ist. Der gute Sämann muss nur säen. Er macht nichts anderes, als den Samen zu nehmen und in den Acker zu streuen. Nicht er bringt die Früchte hervor. Er sät großzügig, ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie gut oder schlecht der Boden des Ackers wohl sein mag. In der Hoffnung, dass da irgendwo auch guter Boden ist, der Frucht und eine reiche Ernte hervorbringen wird. Auch wenn wir nicht wissen, wo.
Heute wird in der Kirche viel über die Vernunft gesprochen. Davon, den Menschen von heute die fruchtbare Verbindung zwischen christlicher Haltung und einer Vernunft aufzuzeigen, die für das Transzendente offen ist. Was halten Sie von diesem Ansatz?
DANNEELS: Die Intelligenz ist ein Geschenk, das man nutzen muss. Man darf nicht in den Fideismus abgleiten, der in den Sekten in Amerika, aber auch in Europa, vertreten ist. Der Glaube ist nicht rational, sondern vernunftgemäß. Auch der Papst rät diesbezüglich Offenheit an. Das einmal gesagt, lassen sich die Geheimnisse des Glaubens ja auch gar nicht vom Verstand her verstehen. Wie soll Gott eins und drei zugleich sein? Jesus Mensch werden, aus einer Jungfrau geboren? Nach dem Tod auferstehen? In seinem Leib, Blut, seiner Seele und Gottheit in Brot und Wein gegenwärtig sein? Manchmal sind wir mutlos, weil wir glauben, das Gelingen hinge von uns ab und wir müssten das alles beweisen, die Welt überzeugen, bezwingen. Aber man kann die Befindlichkeit des Exils und der Diaspora, in der sich die Kirche befindet, ja auch als eine Art Läuterung sehen.
Inwiefern?
DANNEELS: In der Bibel glaubten die Juden vor dem Exil, alles allein tun zu können. Es ginge auch ohne Gott. Dann wurden sie nach Babylon deportiert und hatten auf einmal nichts mehr. Keinen König, keine Synagoge, keinen Tempel und auch keinen heiligen Berg. Dort, wie schon Daniel sagt, „haben wir ein demütiges und reuiges Herz erhalten.“ Und das ist das wichtigste. Vor ein paar Jahren haben wir noch geglaubt, dass in den christlichen Kirchen des Altertums auch alles ohne Gnade funktionieren konnte. Das hat man zwar nicht so gesagt, aber geglaubt. Man dachte immer, dass der von Jesus geprägte Ausspruch „ohne mich könnt ihr nichts tun“ von ihm eben einfach nur so dahingesagt worden wäre. Jetzt aber sehen wir wirklich, dass es fast schon an ein Wunder grenzt, wenn das Christentum weitergeht.
Apropos Wunder: Sie haben gesagt, dass die Wunder, die Jesus im Evangelium gewirkt hat, wie eine Art Vorwegnahme der Sakramente sind.
DANNEELS: Die Wunder zeigen, dass Dinge geschehen, die man nicht erklären kann; dass die Schlussfolgerungen nicht immer das sind, was man anhand der Prämissen erwarten sollte. Das Wunder katapultiert uns also immer in den Bereich der Hoffnung. Auch die Sakramente sind Gesten des Herrn. In diesem Sinn sind sie die Fortführung der Wunder. Viel weniger Aufsehen erregend zwar, aber noch stärker und notwendiger, weil sie für die Seele sind und kraft der Gnade erfolgen.
Eine stille Effizienz, die Sie einmal in einem Ihrer Werke mit der „Diskretion“ verglichen haben, mit der der auferstandene Jesus wirkt…
DANNEELS: Jesus, der Auferstandene, drängt seine Präsenz nicht auf, auch wenn Ostern natürlich einen Aufsehen erregenden Sieg über den Tod und die Sünde bezeichnet. Er erscheint den Seinen nur flüchtig, dann und wann an abgeschiedenen, verschwiegenen Orten. Er zerstreut nicht gleich alle Zweifel seiner Jünger. Er zeigt sich ihnen einfach nur so, wie er ist. Und das ist kein Abkapseln in sich selbst: den Aposteln wird vielmehr die Sendung aufgetragen, Ihn auf der ganzen Welt zu verkünden.
Eine aktuelle Frage zum Leben der Kirche. Was hat Sie in letzter Zeit besonders beeindruckt?
DANNEELS: Das nachsynodale apostolische Schreiben Sacramentum caritatis scheint mir sehr gut zu sein, wenn auch ein bisschen lang. Ich konnte darin Dinge entdecken, die ich noch nie gelesen habe, vor allem über die Schönheit der Liturgie. Im Übrigen hat man die Menge der vatikanischen Dokumente deutlich verringert, und das ist auch gut so.

Wie beurteilen Sie die Polemiken, die um einige
Ansprachen des Papstes entstanden sind?
DANNEELS: Der Ansatz des Papstes ist stets ein theologischer, und der wird eben manchmal nicht verstanden. Wenn er gesagt hat, dass die Kirche den Indio-Völkern das Evangelium nicht aufgedrängt hat, so hat er damit von einem theologischen Standpunkt aus etwas Wahres gesagt. Die anima naturaliter christiana der Indios war offen, und daher haben wir diese Seele auch nicht getötet, indem wir das Evangelium brachten. Auf der anderen Seite ging die Art und Weise, wie das damals geschah, natürlich nicht ohne Probleme vor sich, und das hat er bei der Audienz ein paar Tage später auch klargestellt. Ebenso hat er – nach den berühmten Polemiken – ja auch klargestellt, wie seine Ansprache in Regensburg zu verstehen war. Es wäre besser, wenn er nicht immer gezwungen wäre, sich zu korrigieren.
Vor etwas mehr als zwei Jahren haben Sie bei der Dankesliturgie anlässlich der Wahl von Benedikt XVI. gesagt, dass die Zuneigung, die Liebe und die Loyalität der Gläubigen den Hirten formen, sozusagen das geeignete „Biotop“ darstellen, in dem „die Seerose der Gnade aus seinen natürlichen Geschenken reiche Frucht hervorbringen kann.“
DANNEELS: Das stimmt. Johannes Paul II. war einer, den man sehen musste. Von seinen offiziellen Ansprachen konnte man aber ganze Passagen überspringen, ohne viel zu verlieren. Bei Benedikt XVI. sind die Worte das Wichtige, nicht die Show. Er ist ein Theologe. Ein Professor. Bei Benedikt XVI. wird das Amt, das er bekleidet, nicht von seiner Persönlichkeit überlagert. Und das ist immer gut. Wenn das persönliche Charisma die Ausübung des Petrusamtes allzu sehr konditioniert, kann das negativ sein. Das Amt ist das Wichtige, und nicht so sehr die Vorlieben, Vorzüge und Limits dessen, der es ausübt.
Man hat den Papst auch schon als universalen Sittenrichter bezeichnet.
DANNEELS: Man kann Papst Ratzinger sicher nicht als Sittenrichter bezeichnen. Der Nachfolger Petri ist vielmehr der, der die Schafe auf seinen Schultern trägt, die von den Angriffen des Wolfes oder den Dornen des Lebens verwundet wurden. Deshalb sind die fünf Kreuze auf dem päpstlichen Pallium ja auch rot: es ist das Blut der verwundeten Schafe, das die Schultern des guten Hirten befleckt hat.
Wie beurteilen Sie heute die Rolle der Kurie?
DANNEELS: Ich war in letzter Zeit nicht in Rom und bin daher über die Aktivitäten der Kurie nicht auf dem neuesten Stand. Sicher ist jedoch, dass sie ein Exekutiv-Werkzeug in den Händen des Papstes bleiben muss. Die Kurie ist zweitrangig, sie hilft, darf aber nicht eigenhändig die Richtung weisen.
Halten Sie den von Ihnen einmal vorgebrachten Vorschlag, eine Art „Kronrat“ einzurichten, auch in der derzeitigen Situation für angebracht?
DANNEELS: Ich bin immer noch überzeugt davon, dass es für den Papst eine Hilfe sein könnte, ab und zu einen kleinen Rat zu versammeln, der sich aus Kirchenmännern der verschiedensten Länder zusammensetzt. Die Mitglieder sollten alle zwei, drei Jahre wechseln, damit die „Temperatur“ der Kirche auch zuverlässig gemessen werden kann. Die Kurie kann die Temperatur nicht wahrnehmen und messen, und das ist auch nicht ihre Aufgabe. Gewiss, es gibt bereits die Bischofssynode und das Kardinalskollegium. Aber das, was ich als „Kronrat“ bezeichne, könnte auch ein elastischeres, diskretes, kontingentes Werkzeug sein, das natürlich nicht über dem Papst steht, sondern lediglich ein ihm zu Diensten stehendes Hilfsorgan ist.
Apropos Bischofssynode: wie beurteilen Sie die neuen Statuten, die das Treffen von beschlussfähigen Maßnahmen zu einzelnen Themen, mit Zustimmung des Papstes, ermöglichen?
DANNEELS: Das sind meiner Meinung nach keine grundlegenden Veränderungen. Auch vorher war es schon so, dass man es nicht ignorieren konnte, wenn alle Bischöfe in einzelnen Punkten und Beschlüssen einen gemeinsamen Willen zum Ausdruck brachten. Dann wurde die Bischofssynode als beratendes Organ tatsächlich beschlussfähig.
Die nächste Bischofssynode wird die „Heilige Schrift“ zum Thema haben.
DANNEELS: Das hoffen Kardinal Martini und ich schon seit mindestens 10 Jahren! Ich bin aber nicht sicher, dass ich dabei sein kann. Ich werde nämlich nächstes Jahr 75 und müsste eigentlich mein Rücktrittsgesuch einreichen. Und dann habe ich ja auch seit 1980 an allen Synoden teilgenommen. Aber wir werden sehen, was meine belgischen Brüder im Bischofsamt beschließen.

Kardinal Godfried Danneels.
GODFRIED DANNEELS: Ja, weil es Dinge sind, die für alle Zeiten gelten. Von der Himmelfahrt Christi bis zum Ende der Welt wird es immer so sein. Meiner Meinung nach kann man noch eines anfügen: ohne den Heiligen Geist lebt die Kirche in der Angst. Das sieht man auch am Pfingsttag: dort, im Abendmahlssaal, siegte die Angst. Doch dann ließ der Heilige Geist die Angst schwinden und gab es nicht nur jenen, das Evangelium zu verkünden, die nach dem judäischen Gesetz lebten, sondern auch den Heiden. Die Kirche hat die Aufgabe, die Überlieferung zu hüten. Aber der Heilige Geist ist es, der von der Angst befreit und es uns gibt, dieselben Dinge unter verschiedenen Umständen zu leben. In der Kirche ist es der Geist selbst, der das depositum fidei hütet. Nur er kann der Vergangenheit treu bleiben und für die Zukunft bereit sein. Denn er gehört weder der Vergangenheit noch der Zukunft an. Er ist aktuell. Ohne das Werk des Heiligen Geistes ist die Zukunft der Kirche stets ein Herauslösen von Stücken der Vergangenheit, die man wieder aktuell machen will. Wo es aber doch eigentlich nichts gibt, was die Dinge wirklich neu macht.
Auch der Kirche bereitet es Kopfzerbrechen, dass einige moralische Grundwerte in der westlichen Gesellschaft zusehends an Bedeutung eingebüßt haben.
DANNEELS: Dass es keine christliche Civitas mehr gibt, dass das mittelalterliche Modell der christlichen Civitas nicht für unsere gegenwärtige Zeit gilt, ist eine Tatsache. Vielleicht haben es noch nicht alle mitbekommen: das Leben der Christen in der Welt erfolgt tamquam scintillae in arundineto, wie das in einem Feld verstreuter Funken. Wir leben in der Diaspora. Die Ausnahme ist das andere: eine vollkommen verchristlichte Welt. Die normale Befindlichkeit der Christen ist jene, die in dem Brief des Diognet beschrieben wird, im zweiten Jahrhundert. Die Christen „wohnen nicht in eigenen Städten, noch gebrauchen sie einen Jargon, durch den sie sich unterscheiden.“ Sie leben „in ihrer Heimat, aber als Fremde; nehmen an allem als Bürger teil, sind als Fremde von allem ausgeschlossen. Jedes fremde Land ist ihre Heimat, und jede Heimat ist fremd.“ So sieht also unser Leben als Bürger der neuen säkularisierten Gesellschaft aus.
Wenn man aber schon in der Minderheit ist, sollte man da nicht endlich aufbegehren?
DANNEELS: Als der Papst nach Spanien reiste und von der Familie sprach, hat er nichts Negatives gesagt, sondern nur die Schönheit der christlichen Familie herausgestellt. Das mag für manchen eine Enttäuschung gewesen sein. Nicht aber für mich. Das Christentum ist vor allen Dingen guter Sauerteig, das Geschenk guter Dinge, die wir der Welt anbieten dürfen. Es geht nicht darum, die Welt um jeden Preis bezwingen zu müssen. Der hl. Bernhard sagte seinen Zeitgenossen immer wieder: habt Erbarmen mit euren Seelen.
Klingt das nicht nach sentimentalem Optimismus?
DANNEELS: Das II. Vatikanische Konzil hat sein Dokument über die Kirche in der Welt mit seinen ersten Worten betiteln wollen: Gaudium et spes. Das Wortpaar, das folgte, war luctus et angor, Trauer und Angst. Wenn das Konzil heute wäre, würden die Konzilsväter die Reihenfolge vielleicht umkehren und mit luctus et angor beginnen. Der Enthusiasmus dieser Zeit war vielleicht übertrieben, wohl als Reaktion auf den vorher herrschenden Pessimismus. Aber dieser naive Übermut hatte auch etwas Schönes. Es war ein Zeichen für Jugend. Wie bei einem Mädchen, das auf seinen ersten Ball geht. Dann kommt das Erwachsenenalter. Und wie man sieht, wird allen vier Anfangsworten Rechnung getragen.
Wo würden Sie ansetzen, wenn Sie die Beziehung zwischen Kirche und Welt beschreiben müssten?
DANNEELS: Die Welt ist eine Schöpfung Gottes. Es stimmt zwar, dass die Welt laut dem Johannes-Evangelium in Finsternis liegt, sich gegen Gott stellt. Aber das ist nicht die ursprüngliche Situation: alle von Gottes Hand geschaffenen Geschöpfe sind gut, omnis creatura Dei est bona. Und auch die Endsituation, wenn der gesamte Kósmos erlöst sein wird, wird so sein. Es ist eine Übergangsbefindlichkeit, die nicht von Gott hervorgerufen wurde, sondern von uns, durch unsere Sünde. Die Kirche hat diesbezüglich schon immer den Gnostizismus abgelehnt, der das Böse als zur Schöpfung gehörend, ja, in einer gewissen Weise, Gott selbst innewohnend hinstellt.
Aber sollte man nicht vielleicht gerade deshalb bekräftigen, dass das Naturgesetz, in seiner Objektivität, ein ursprüngliches, in das Herz eines jeden Menschen eingeschriebenes Faktum ist?
DANNEELS: Ja, aber wenn es von uns abhängt, und in erster Linie von uns Christen, bleibt uns gar nichts anderes übrig als zu gehorchen, zu glauben, zu beten, das Beispiel eines guten Lebens vorzuleben. Der ursprüngliche Ungehorsam fügt uns noch immer eine Wunde zu, nur dank des Gehorsams Jesu konnten wir uns davon befreien. Sein Gehorsam ist es, der in unseren Betrug, in unsere Krankheiten, eine Heilung einführt. Und diese Erkenntnis sollte uns eigentlich gegen jeden Hochmut gefeit machen, uns einen jeden Menschen mit größerer Barmherzigkeit betrachten lassen.
Manche fürchten, dass man die Barmherzigkeit immer dann ins Spiel bringt, wenn man die Aufgabe hat, unbequeme Wahrheiten sagen zu müssen, auch zu ethischen und moralischen Fragen.
DANNEELS: Die Sendung der Kirche beschränkt sich nicht nur darauf, die Wahrheit zu sagen, sondern will die von Gott angebotene und umgesetzte Versöhnung bringen. Und die Barmherzigkeit ist nicht eine Art obligatorischer Amnestie, die unser Elend in der Gleichgültigkeit versinken lässt. Sie ist kein Kühlschrank, der immer voll ist, so dass wir uns nur bedienen müssen. Das verdienen wir nicht. Aber wenn sie unentgeltlich unsere Herzen rührt, dann verändert, heilt sie, lässt uns von uns selbst Abstand gewinnen, uns erheben. Das ist Anziehungskraft. Es ist die Medizin der Barmherzigkeit, die uns auch Tränen des Schmerzes vergießen lässt über unsere Sünden, unsere Erbärmlichkeit, die wir gar nicht mehr wahrgenommen haben. Wie es eben auch dem ersten der Jünger geschehen ist, im Hof des Hauses des Hohenpriesters: „Dann drehte sich der Herr um und sah Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an die Worte, die der Herr zu ihm gesagt hatte… Dann ging er hinaus und weinte bitterlich.“

Herabkunft des Heiligen Geistes, Maestà von Duccio di Buoninsegna, Museo dell’Opera, Siena.
DANNEELS: Die Menschen unserer Zeit sind sich nicht bewusst, in einer von einem moralischen Standpunkt aus gesehen infantilen, primitiven Befindlichkeit zu leben. Sie meinen zwar, eine hoch entwickelte Moral zu haben, theoretisieren dann aber vielleicht doch Brauchtümer und Verhaltensweisen, die nicht mit dem natürlichen Sittengesetz konform gehen. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Und ich glaube nicht, dass es in dieser Situation Sinn macht, die niet-Strategie anzuwenden. Wenn man ständig betont, was man nicht tun darf, lenkt man eigentlich letztendlich nur von dem Guten ab, das man doch zu verteidigen vorgibt. Vor seiner Reise nach Köln hat Benedikt XVI. betont, dass uns der Glaube Flügel verleiht, kein Wald von Verboten ist, nichts mühsam und erdrückend zu Lebendes.
Was soll man also angesichts der bürgerlichen Gesetze und neuen Gesetzesvorschläge tun, die im Kontrast zur christlichen Moral stehen?
DANNEELS: Dass das bürgerliche Gesetz nicht immer mit den Evangeliumsvorschriften und der christlichen Moral überein stimmt, ist die normale Situation. Wenn das Gesetz beispielsweise die Verbindung Homosexueller gutheißt, geht der pädagogische Wert des Gesetzes verloren. Es wird zu einer Art Thermometer, das lediglich die individuellen Verhaltensweisen misst, fungiert aber nicht als Thermostat. Und gerade das ist ein Faktum unserer Gesellschaft: das Gesetz hat oft keinerlei erzieherischen Wert mehr. Das ist nicht gut, aber nun einmal der Umstand, in dem uns zu leben gegeben ist. Man muss zwar auf die Gefahren aufmerksam machen, aber dann geht es darum, das Evangelium in einer Situation zu leben, die nicht wir geschaffen haben. Das ist nichts Neues.
Sterbehilfe, Verhütung, Lebensgemeinschaften ohne Trauschein. Wie sollen sich christliche Gesetzgeber zu diesen Themen verhalten? Können Sie kurz umreißen, welche Kriterien man hier anwenden sollte?
DANNEELS: Es ist stets gut, zwischen den Dingen zu unterscheiden, die nicht tolerierbar sind und den so genannten „unvollkommenen Gesetzen“, die man auf der Grundlage der traditionellen Kategorie des kleineren Übels tolerieren kann. Was dann die Verhaltensweisen des Einzelnen angeht, gibt es eine Weisheit in der Kirche, eine Fähigkeit, die Realität als das zu betrachten, was sie ist – damit meine ich das, was man seit Jahrhunderten vor allem im Beichtstuhl praktiziert.
Die Einstellung der Kirche zur heutigen Welt beeinflusst eigentlich ihre gesamte Sendung. Heute steht das Öffentlich Machen der Verkündigung hoch im Kurs, will man den kulturellen Anforderungen des herrschenden Denkens glaubwürdige Antworten geben.
DANNEELS: Marketingexperten analysieren zunächst einmal den Bereich, in dem ihre Botschaft „einschlagen“ soll: sie studieren den Boden, stellen Erhebungen zu dessen Ergiebigkeit an. Dort, wo der Humus wenig Erfolg versprechend scheint, säen sie erst gar nichts an. Seit Jahrzehnten scheint auch die Evangelisierung auf derartige „Bodenanalysen“ zu setzen. Aber ein guter Bauer weiß, dass das Wachstum des Korns, das er in den sorgfältig vorbereiteten Acker streut, von Regen und Sonne abhängt. Und für die christliche Verkündigung gilt das noch mehr: die Fruchtbarkeit kommt von oben, wie die Sonne und der Regen.
Aber muss man den Boden nicht auch aussuchen?
DANNEELS: Wer das Evangelium mit seinem Leben verkündet und bezeugt, stellt nicht den Anspruch, selbst zu entscheiden, welches der gute Boden ist. Und schließlich gibt es ja auch gar keinen idealen Acker. Wie im Gleichnis Jesu stellt uns der Acker vor alle möglichen Schwierigkeiten. Der Same ist immer gut, weil es der Same des Herrn ist. Der gute Sämann muss nur säen. Er macht nichts anderes, als den Samen zu nehmen und in den Acker zu streuen. Nicht er bringt die Früchte hervor. Er sät großzügig, ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie gut oder schlecht der Boden des Ackers wohl sein mag. In der Hoffnung, dass da irgendwo auch guter Boden ist, der Frucht und eine reiche Ernte hervorbringen wird. Auch wenn wir nicht wissen, wo.
Heute wird in der Kirche viel über die Vernunft gesprochen. Davon, den Menschen von heute die fruchtbare Verbindung zwischen christlicher Haltung und einer Vernunft aufzuzeigen, die für das Transzendente offen ist. Was halten Sie von diesem Ansatz?
DANNEELS: Die Intelligenz ist ein Geschenk, das man nutzen muss. Man darf nicht in den Fideismus abgleiten, der in den Sekten in Amerika, aber auch in Europa, vertreten ist. Der Glaube ist nicht rational, sondern vernunftgemäß. Auch der Papst rät diesbezüglich Offenheit an. Das einmal gesagt, lassen sich die Geheimnisse des Glaubens ja auch gar nicht vom Verstand her verstehen. Wie soll Gott eins und drei zugleich sein? Jesus Mensch werden, aus einer Jungfrau geboren? Nach dem Tod auferstehen? In seinem Leib, Blut, seiner Seele und Gottheit in Brot und Wein gegenwärtig sein? Manchmal sind wir mutlos, weil wir glauben, das Gelingen hinge von uns ab und wir müssten das alles beweisen, die Welt überzeugen, bezwingen. Aber man kann die Befindlichkeit des Exils und der Diaspora, in der sich die Kirche befindet, ja auch als eine Art Läuterung sehen.
Inwiefern?
DANNEELS: In der Bibel glaubten die Juden vor dem Exil, alles allein tun zu können. Es ginge auch ohne Gott. Dann wurden sie nach Babylon deportiert und hatten auf einmal nichts mehr. Keinen König, keine Synagoge, keinen Tempel und auch keinen heiligen Berg. Dort, wie schon Daniel sagt, „haben wir ein demütiges und reuiges Herz erhalten.“ Und das ist das wichtigste. Vor ein paar Jahren haben wir noch geglaubt, dass in den christlichen Kirchen des Altertums auch alles ohne Gnade funktionieren konnte. Das hat man zwar nicht so gesagt, aber geglaubt. Man dachte immer, dass der von Jesus geprägte Ausspruch „ohne mich könnt ihr nichts tun“ von ihm eben einfach nur so dahingesagt worden wäre. Jetzt aber sehen wir wirklich, dass es fast schon an ein Wunder grenzt, wenn das Christentum weitergeht.
Apropos Wunder: Sie haben gesagt, dass die Wunder, die Jesus im Evangelium gewirkt hat, wie eine Art Vorwegnahme der Sakramente sind.
DANNEELS: Die Wunder zeigen, dass Dinge geschehen, die man nicht erklären kann; dass die Schlussfolgerungen nicht immer das sind, was man anhand der Prämissen erwarten sollte. Das Wunder katapultiert uns also immer in den Bereich der Hoffnung. Auch die Sakramente sind Gesten des Herrn. In diesem Sinn sind sie die Fortführung der Wunder. Viel weniger Aufsehen erregend zwar, aber noch stärker und notwendiger, weil sie für die Seele sind und kraft der Gnade erfolgen.
Eine stille Effizienz, die Sie einmal in einem Ihrer Werke mit der „Diskretion“ verglichen haben, mit der der auferstandene Jesus wirkt…
DANNEELS: Jesus, der Auferstandene, drängt seine Präsenz nicht auf, auch wenn Ostern natürlich einen Aufsehen erregenden Sieg über den Tod und die Sünde bezeichnet. Er erscheint den Seinen nur flüchtig, dann und wann an abgeschiedenen, verschwiegenen Orten. Er zerstreut nicht gleich alle Zweifel seiner Jünger. Er zeigt sich ihnen einfach nur so, wie er ist. Und das ist kein Abkapseln in sich selbst: den Aposteln wird vielmehr die Sendung aufgetragen, Ihn auf der ganzen Welt zu verkünden.
Eine aktuelle Frage zum Leben der Kirche. Was hat Sie in letzter Zeit besonders beeindruckt?
DANNEELS: Das nachsynodale apostolische Schreiben Sacramentum caritatis scheint mir sehr gut zu sein, wenn auch ein bisschen lang. Ich konnte darin Dinge entdecken, die ich noch nie gelesen habe, vor allem über die Schönheit der Liturgie. Im Übrigen hat man die Menge der vatikanischen Dokumente deutlich verringert, und das ist auch gut so.

Christus und die Samariterin am Brunnen.
DANNEELS: Der Ansatz des Papstes ist stets ein theologischer, und der wird eben manchmal nicht verstanden. Wenn er gesagt hat, dass die Kirche den Indio-Völkern das Evangelium nicht aufgedrängt hat, so hat er damit von einem theologischen Standpunkt aus etwas Wahres gesagt. Die anima naturaliter christiana der Indios war offen, und daher haben wir diese Seele auch nicht getötet, indem wir das Evangelium brachten. Auf der anderen Seite ging die Art und Weise, wie das damals geschah, natürlich nicht ohne Probleme vor sich, und das hat er bei der Audienz ein paar Tage später auch klargestellt. Ebenso hat er – nach den berühmten Polemiken – ja auch klargestellt, wie seine Ansprache in Regensburg zu verstehen war. Es wäre besser, wenn er nicht immer gezwungen wäre, sich zu korrigieren.
Vor etwas mehr als zwei Jahren haben Sie bei der Dankesliturgie anlässlich der Wahl von Benedikt XVI. gesagt, dass die Zuneigung, die Liebe und die Loyalität der Gläubigen den Hirten formen, sozusagen das geeignete „Biotop“ darstellen, in dem „die Seerose der Gnade aus seinen natürlichen Geschenken reiche Frucht hervorbringen kann.“
DANNEELS: Das stimmt. Johannes Paul II. war einer, den man sehen musste. Von seinen offiziellen Ansprachen konnte man aber ganze Passagen überspringen, ohne viel zu verlieren. Bei Benedikt XVI. sind die Worte das Wichtige, nicht die Show. Er ist ein Theologe. Ein Professor. Bei Benedikt XVI. wird das Amt, das er bekleidet, nicht von seiner Persönlichkeit überlagert. Und das ist immer gut. Wenn das persönliche Charisma die Ausübung des Petrusamtes allzu sehr konditioniert, kann das negativ sein. Das Amt ist das Wichtige, und nicht so sehr die Vorlieben, Vorzüge und Limits dessen, der es ausübt.
Man hat den Papst auch schon als universalen Sittenrichter bezeichnet.
DANNEELS: Man kann Papst Ratzinger sicher nicht als Sittenrichter bezeichnen. Der Nachfolger Petri ist vielmehr der, der die Schafe auf seinen Schultern trägt, die von den Angriffen des Wolfes oder den Dornen des Lebens verwundet wurden. Deshalb sind die fünf Kreuze auf dem päpstlichen Pallium ja auch rot: es ist das Blut der verwundeten Schafe, das die Schultern des guten Hirten befleckt hat.
Wie beurteilen Sie heute die Rolle der Kurie?
DANNEELS: Ich war in letzter Zeit nicht in Rom und bin daher über die Aktivitäten der Kurie nicht auf dem neuesten Stand. Sicher ist jedoch, dass sie ein Exekutiv-Werkzeug in den Händen des Papstes bleiben muss. Die Kurie ist zweitrangig, sie hilft, darf aber nicht eigenhändig die Richtung weisen.
Halten Sie den von Ihnen einmal vorgebrachten Vorschlag, eine Art „Kronrat“ einzurichten, auch in der derzeitigen Situation für angebracht?
DANNEELS: Ich bin immer noch überzeugt davon, dass es für den Papst eine Hilfe sein könnte, ab und zu einen kleinen Rat zu versammeln, der sich aus Kirchenmännern der verschiedensten Länder zusammensetzt. Die Mitglieder sollten alle zwei, drei Jahre wechseln, damit die „Temperatur“ der Kirche auch zuverlässig gemessen werden kann. Die Kurie kann die Temperatur nicht wahrnehmen und messen, und das ist auch nicht ihre Aufgabe. Gewiss, es gibt bereits die Bischofssynode und das Kardinalskollegium. Aber das, was ich als „Kronrat“ bezeichne, könnte auch ein elastischeres, diskretes, kontingentes Werkzeug sein, das natürlich nicht über dem Papst steht, sondern lediglich ein ihm zu Diensten stehendes Hilfsorgan ist.
Apropos Bischofssynode: wie beurteilen Sie die neuen Statuten, die das Treffen von beschlussfähigen Maßnahmen zu einzelnen Themen, mit Zustimmung des Papstes, ermöglichen?
DANNEELS: Das sind meiner Meinung nach keine grundlegenden Veränderungen. Auch vorher war es schon so, dass man es nicht ignorieren konnte, wenn alle Bischöfe in einzelnen Punkten und Beschlüssen einen gemeinsamen Willen zum Ausdruck brachten. Dann wurde die Bischofssynode als beratendes Organ tatsächlich beschlussfähig.
Die nächste Bischofssynode wird die „Heilige Schrift“ zum Thema haben.
DANNEELS: Das hoffen Kardinal Martini und ich schon seit mindestens 10 Jahren! Ich bin aber nicht sicher, dass ich dabei sein kann. Ich werde nämlich nächstes Jahr 75 und müsste eigentlich mein Rücktrittsgesuch einreichen. Und dann habe ich ja auch seit 1980 an allen Synoden teilgenommen. Aber wir werden sehen, was meine belgischen Brüder im Bischofsamt beschließen.