Die Zeitungsgeneration und die pixel-Generation
Zwischen den Zeilen wachsen
„Wenn ihr Zeitung lest, euch über das informiert, was um euch herum geschieht, tragt ihr aktiv zur Wahrung eurer Freiheit und der Demokratie bei.“ Die Ansprache des US-Botschafters in Italien bei der Studientagung des Osservatorio permanente Giovani-Editori in Borgo La Bagnaia (Siena) am 26. Mai 2007.
von Ronald P. Spogli

Ronald Spogli bei der Studientagung „Zwischen den Zeilen wachsen”, die vom Osservatorio permanente Giovani-Editori organisiert wurde (26. Mai 2007).
Es ist stets ein großes Vergnügen für mich, zu euch jungen Menschen zu sprechen. Eure Zukunft lag mir schon immer am Herzen, weshalb ich ja auch internationale Studienprogramme und Forschungsinitiativen auf verschiedenen Gebieten unterstütze.
Die Bildung hat in meinem Leben schon immer einen besonderen Platz eingenommen. Und wenn ich heute die Ehre habe, Botschafter der Vereinigten Staaten gerade in dem Land zu sein, aus dem mein Großvater 1912 emigrierte, um in Pennsylvania Arbeit zu suchen, habe ich das sicher meinen Studien zu verdanken.
Ich bin fest davon überzeugt, dass eine der Grundlagen für den Bildungsprozess junger Menschen die Lektüre ist, ganz besonders die Zeitungslektüre. Denn die regt zu einer aufmerksamen, bewussten und kritischen Analyse an.
Der Verstehensprozess der uns umgebenden Realität beginnt mit der aufmerksamen Lektüre der Zeitungen als Werkzeug der Informationsübermittlung. Wenn wir die Fakten verstehen, können wir uns eine Meinung bilden. Und eine Meinung zu haben garantiert und verteidigt die Demokratie.
Die Vereinigten Staaten werden oft mit dem Gedanken der Freiheit als grundlegendes und unveräußerliches Recht des Menschen assoziiert. Das 1. Amendment der amerikanischen Verfassung garantiert die Pressefreiheit, erkennt deren wesentliche Rolle für die Verteidigung der Demokratie an.
Wenn ihr also Zeitung lest, euch über das informiert, was um euch herum geschieht, leistet ihr einen aktiven Beitrag zur Wahrung eurer Freiheit und der Demokratie.
Im Vergleich zur Vergangenheit sind die Tageszeitungen heute nur eine Informationsquelle von vielen. Wir haben Fernsehen, Radio, und vor allem Internet. Ihr seid – ganz genau wie meine Kinder auch – in die digitale Ära hineingeboren worden. Der Großteil dessen, was ihr lest oder hört, ja, sogar die Art und Weise, in der ihr selber kommuniziert, ist digital. Mir wird immer mehr bewusst, dass ihr die Dynamik der Massenkommunikation revolutioniert habt, und dass euch die Zeitung schon aus diesem Grund anachronistisch und veraltet erscheinen muss.
Wir sind die Zeitungsgeneration. Ihr seid die pixel-Generation. In dieser uns trennenden technischen Distanz liegt jedoch ein gemeinsamer Gedanke, der uns einen muss: Information einholen ist nicht immer gleich bedeutend mit verstehen. Es ist eine Sache, zu wissen, dass etwas passiert ist, eine andere zu verstehen, warum es passiert ist.
Die vielen verschiedenen Quellen und neuen Techniken sind für die Welt der Kommunikation zweifellos ein wichtiger Fortschritt. Die wichtigste tägliche Informationsquelle ist aber nach wie vor die gute alte Zeitung.
Und das sagen beileibe nicht nur so alte Knaben wie ich! Rob Curley z.B. ist Vizepräsident und Internet-Verantwortlicher der Verlagsgruppe der Washington Post, einer der auflagestärksten Zeitungen der Vereinigten Staaten. Er ist erst 30 Jahre alt und bereits einer der größten Experten in Sachen Internet-Information! Seiner Meinung nach könnte das web ohne Zeitungen gar nicht existieren. Er gibt zu, dass die online-Version zwar mit zusätzlichen Elementen aufwarten kann – Videos, Fotos, Audio, Links zu themenverwandten Dokumenten – aber doch nicht von der Information auf Papier ersetzt werden kann.
Vor drei Monaten kündigte der Präsident der New York Times, Arthur Sulzberger an, dass es die Zeitung in ca. fünf Jahren vielleicht nur noch online geben wird. Das löste eine hitzige Debatte aus und stellte ein Prinzip heraus, das die meisten Kommunikationsexperten teilen: trotz der wachsenden Verbreitung im Internet sind es immer noch die Zeitungen, die die politische Agenda diktieren, die bedeutendsten Analysen und Umfragen veröffentlichen, Modetrends setzen und die Dynamiken unserer Gesellschaft beleuchten.
Das ist meiner Meinung nach ein wesentlicher Punkt. Wir leben in einer Gesellschaft in ständiger Bewegung. Einer Gesellschaft, die offen ist für neue Herausforderungen, denen uns auch wir Bürger aktiv stellen müssen.
Kann man eine derart komplizierte Gesellschaft nach einer Fernsehsendung von anderthalb Minuten verstehen? Bei allem Respekt vor dem Fernsehen… wohl kaum! Es geht nicht darum, einen Vergleich zu ziehen zwischen den Informationsmitteln. Und es geht auch nicht darum auszuloten, was gut und was schlecht ist. Es geht vielmehr darum zu überlegen, wie man die uns heute zur Verfügung stehenden Informationsquellen am besten dazu nutzen kann, uns eine Meinung zu bilden.
Ich möchte euch auffordern, eine ganz persönliche Beziehung zur Information zu entwickeln. Das kann geschehen, indem ihr beispielsweise verschiedene Zeitungen lest, die manchmal sogar gegensätzliche Interpretationen ein und desselben Ereignisses liefern können.
Mir ist klar, dass das sehr aufwändig ist, aber ihr dürft euch nie zufriedengeben, müsst immer weiterforschen: nur so könnt ihr vielleicht sogar falsche Informationen aufdecken!

Zeitunglesen im Unterricht.
Natürlich handelt es sich hierbei um einen banalen Fehler, aber es ist doch bezeichnend, wie schnell sich ein Flüchtigkeitsfehler in einige Zeitungsseiten und Hunderte von Webseiten einschleicht!
Derartige Fehler werden auf Papier normalerweise korrigiert. Das sind die Redakteure schon ihren Lesern schuldig.
Im Internet sieht die Sache allerdings anders aus. Im Netz sind Milliarden von Informationen zugänglich, und der Großteil davon kann ganz einfach nicht kontrolliert werden. Die Zeitung hat eine Filterfunktion, die es dem Leser erspart, Sklave eines wahren Informationschaos’ zu werden. Zwar verzichtet er auf die Freiheit, beliebig viele – wahre oder falsche – Dinge zu lesen, muss dafür aber keine Zeit mit nicht korrigierten oder sogar falschen Informationen verlieren.
Über das Internet gäbe es noch viel zu sagen, aber das würde den Rahmen meiner heutigen Ausführungen sprengen. Eines ist jedoch gewiss: das web ist eine Dimension, die zur Verflachung neigt. Wie schon Tom Friedman geschrieben hat, sind in einer globalisierten Wirtschaft alle gleich. Im Guten wie im Bösen.
Könnte eine Demokratie, in der der Bürger eine immer zentralere Rolle einnimmt, allein mit Internet möglich sein? So könnte man beispielsweise für ein Referendum durch einfaches Anklicken abstimmen. Aber würde uns das wirklich demokratischer machen? Können wir überhaupt positive Ergebnisse erzielen, wenn wir keine wirklich zuverlässige Information haben?
Die neuen Techniken kommen nicht ohne die soliden intellektuellen Werkzeuge aus, die die traditionellen Mittel liefern. Warum? Weil das Papier der Nachricht gegenüber eine Perspektivenpluralität garantiert. Weil es zum Denken anregt, ohne sich blind auf vermeintliche Gewissheiten zu fixieren. Weil es sich nicht darauf beschränkt, über ein Ereignis zu berichten, sondern Denkanstöße kultureller, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art gibt. Weil – und das ist das Wichtigste – es dem Leser erlaubt, die Nachricht individuell aufzunehmen, so langsam oder schnell wie er will, ausreichend Raum lassend für die Gedanken. Und schließlich ist das Denken ja auch die Grundlage jeden Handelns.
Ein junger Mensch, der liest, ohne darüber nachzudenken, hat nicht in kreativer, eigenständiger Weise denken gelernt. Ihm wird vieles entgehen. Er wird sicher oberflächlich sein, leichte Beute für den Konformismus. Ein junger Mensch, der in analytischer Weise liest, beobachtet die Realität, ist aber nicht in der Lage, deren Bedeutung zu erfassen.
Die USA sind schon seit langer Zeit eine Republik, in der die Repräsentanten des Volkes das Sagen haben. Anfangs wurde das System von Prinzipen geregelt, die praktischer Natur waren. Die Zahl der Teilnehmer bei einer Versammlung hing davon ab, wieviele die Stimme des Redners hören konnten oder richtete sich danach, wie weit der Versammlungsort entfernt war. Diese Kriterien sind heute zum Glück überholt. Um heute aktive Individuen eures Landes und Bürger eurer Zeit zu sein, müsst ihr lesen, informiert und kompetent sein. Nur so könnt ihr am Entscheidungsprozess mitwirken. In der Vergangenheit lag zwischen den Mächtigen und den Bürgern eine unüberwindliche physische Distanz. Heute ist es der Mangel an Information, der eine Distanz schafft, die zwar nicht länger physisch ist, aber nicht weniger unüberwindlich sein kann.

Webseite der New York Times.
Auch wir, als Repräsentanten des amerikanischen Volkes in Italien, leisten unseren Beitrag zur Formation und Information der Bürger, vor allem der italienischen Studenten. Wie der Großteil der Institutionen stehen auch uns zahlreiche Mitteln zur Verfügung, die uns möglichst viele neue Kontakte beschaffen sollen. So betreiben wir öffentliche Diplomatie. Wir bedienen uns verschiedener Werkzeuge, haben z.B. eine Webseite mit Informationen über fast all unsere Aktivitäten und Themen, mit denen wir Tag für Tag konfrontiert sind. Vor kurzem konnten wir auch unser Video-Webchat „Face 2 Face“ starten, bei dem ihr, das Publikum, den Gästen im Studio live eure Fragen stellen könnt – wie richtige Journalisten eben.
Das Druckpapier bleibt jedoch nach wie vor ein grundlegendes Werkzeug für unsere Arbeit. Wir verschicken newsletters und Berichte, veröffentlichen Artikel und Editoriale. Damit wollen wir euch vermitteln, was Amerika ist und an welche Werte wir glauben.
Ihr seid heute als Repräsentanten der anderthalb Millionen Schüler hier, denen das Projekt „Die Zeitung in der Klasse“ gewidmet ist. Euch will man die Möglichkeit geben, das Zeitunglesen zu lernen. Euch daran zu gewöhnen, die tägliche Information nicht als Zufallsfaktor zu sehen, sondern sie bewusst und instruiert zu erleben. Anhand der Titel und des Inhalts der Zeitungen zu verstehen, wie sich euer Land im Laufe der Zeit verändert. In euer ohnehin schon dichtes Programm soll ein neues Unterrichtsfach eingebunden werden – die Zeitgeschichte –, damit ihr lernt, die Arbeit des Journalisten als Historiograph der Zeit, in der wir leben, zu schätzen.
Danke, meine jungen Freunde, und viel Spaß beim Lesen!