BEGEGNUNGEN. Interview mit dem Außenminister Saudi-Arabiens.
Wie ein Hoffnungsschimmer
…erscheint die arabische Friedensinitiative für das Heilige Land und die Lösung der palästinensischen Tragödie. Die Freundschaft zwischen Rom und Riyadh und die Begegnung der verschiedenen Glaubensformen. Das Interview unseres Chefredakteurs mit Prinz Saoud al-Faisal.
Interview mit Saoud al-Faisal von Giulio Andreotti

Prinz Saoud al-Faisal, Außenminister von Saudi-Arabien.
SAOUD AL-FAISAL: So empfinden auch wir dem italienischen Volk gegenüber. Die optimalen Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten bestehen nicht erst seit gestern. Sie haben tiefgehende historische Wurzeln: immerhin gilt die italienische Gemeinschaft als eine der ältesten europäischen Gemeinschaften im saudischen Reich. Aus dieser historischen Realität ergibt sich, dass die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern besser sein müsste denn je. Die politische Ebene ist von Verständnis und Koordinierung geprägt. Schon aufgrund der geographischen Nähe Italiens zu Nahost und des italienischen Interesses für die Probleme dieser Region. Aber auch wegen der effizienten Rolle, die Italien im Kontext der Europäischen Union einnimmt. Wir hoffen, dass man das schon bald auch von den wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen unserer Länder sagen kann. Immerhin haben beide eine große Investitionskapazität. Die Umsetzung dieser Ziele erfordert noch größere Anstrengungen. Wir sind auch der Meinung, dass der Besuch von Ministerpräsident Romano Prodi in Saudi-Arabien sehr erfolgreich war, diese Bemühungen in die richtige Bahn gelenkt hat. Schließlich konnten dabei nicht nur die für den Ausbau bilateraler Beziehungen notwendigen Aspekte diskutiert werden, sondern auch die Rolle des Privatsektors und aller Sektoren der bürgerlichen Gesellschaft in den beiden Ländern.
Bringt man sich durch die in Saudi-Arabien praktizierte Tabuisierung der anderen Religionen nicht um die Möglichkeit, am Dialog zwischen Islam und Christentum teilzunehmen, der heute doch so wichtig ist?
SAOUD AL-FAISAL: Wenn die Länder der ganzen Welt auf ihrem Territorium Kultstätten einrichten, dann tun sie das für ihre Bürger und deren jeweilige Religionen – für Christen, Muslime, Juden und die Gläubigen anderer Konfessionen. Da der Islam die Religion aller saudischen Bürger ist, ist offensichtlich, dass die Moscheen im saudischen Reich die einzigen Kultstätten sind. Außerdem nimmt das saudische Reich in den Herzen der Muslime einen ganz besonderen Stellenwert ein: immerhin ist es die Wiege des Islam – wie für die christliche Welt der Vatikan. Aber das bedeutet nicht, dass Ausländer, die anderen Religionen angehören, hier an der Religionspraxis gehindert würden. Diese ist ihnen natürlich dort, wo sie wohnen, in ihren Stadtvierteln, sehr wohl erlaubt. Und was den Dialog zwischen Islam und Christentum angeht ist zu sagen, dass der Islam für alle himmlischen Religionen offen ist, unser Glaube an die Propheten, Moses, Jesus und alle Boten Gottes eine Grundbedingung für die Richtigkeit des Islam und unseres Glaubens an den Propheten Mohammed darstellt, dem letzten der Propheten der himmlischen Religionen. Alle Propheten und Boten Gottes genießen daher denselben Respekt und dieselbe Verehrung, die die Muslime Mohammed entgegenbringen, wie es im Koran in Sure Al-Imran, Vers 84, heißt: „Sprich: ‚Wir glauben an Allah und an das, was zu uns herabgesandt worden und was herabgesandt ward zu Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und den Nachfahren, und was gegeben ward Moses und Jesus und [anderen] Propheten von ihrem Herrn. Wir machen keinen Unterschied zwischen ihnen, und Ihm unterwerfen wir uns‘.“ Wenn die Propheten beleidigt werden – wie im Falle Mohammeds – befremdet und ärgert uns das. Unser Dialog mit den anderen Religionen beruht auf dieser Sicht, auf diesen Prinzipien, und ein Dialog, der Frucht bringen soll, muss vor allem auf den Respekt zwischen den Religionen gegründet sein. Und da darf kein Platz sein für Schmähungen der Propheten und ihrer Jünger – auch nicht mit der Entschuldigung der Meinungsfreiheit.
Frieden in Nahost, das Problem der palästinensischen Flüchtlinge ist eine der ernst zu nehmendsten Folgen des israelisch-palästinensischen Konflikts, weshalb man auch nicht nach Teillösungen suchen darf, sondern eine gerechte und dauerhafte Lösung anstreben muss.
Im Vatikan hat man die Audienz, die der Papst dem
damaligen Prinzen und heutigen König von Saudi-Arabien gewährte,
überaus positiv beurteilt…
SAOUD AL-FAISAL: Der Besuch des Thronfolgers, Prinz Sultan bin Abdel Aziz, im Vatikan war nicht der erste Besuch eines hochrangigen Saudis. Auch der Justizminister war schon dort – als Leiter einer wissenschaftlichen Delegation am 26. Oktober 1974. Nicht zu vergessen die verschiedenen Begegnungen zwischen Wissenschaftlern und Theologen der beiden Seiten in Paris und Rom; oder das Seminar des wissenschaftlichen Kirchenrates in Genf. In der saudischen Hauptstadt kam es am 22. März 1972 auch zur Begegnung einer europäischen Delegation christlicher Gesetzgeber und Denker mit dem damaligen Justizminister Scheich Mohamed al-Harkan. In der Delegation waren die Scheiche Rashed bin Khanin und Omar bin Mutraq vertreten, der Justizminister, und Scheich Mohamed bin Jubeir, Präsident der Justizkommission, Scheich Mohamed al-Mubaraq, Generaldirektor der religiösen Fakultäten und andere gelehrte Männer. Diese Begegnungen zeigen, wie tolerant der Islam ist, wie aufgeschlossen dem Dialog mit den anderen Religionen und Kulturen gegenüber. Wenn wir den überall auftretenden Formen des Extremismus Einhalt gebieten wollen, dürfen wir uns auf unserem Weg nicht beirren lassen.
Auf dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern lastet schwer die große Zahl der palästinensischen Flüchtlinge: eine halbe Million Menschen leben in den Flüchtlingslagern im Libanon. Kann Saudi-Arabien – das für dieses Problem traditionsgemäß sehr sensibel ist – etwas tun, um ihnen zu helfen?
SAOUD AL-FAISAL: Das saudische Reich hat sich noch nie zurückgezogen, wenn es darum ging, den Palästinensern zu helfen, und zwar sowohl auf humanitärer als auch politischer Ebene. Angesichts des großen Elends, in dem die Palästinenser leben, reichen unsere Bemühungen allerdings nicht aus. Um das Leid des palästinensischen Volkes zu erleichtern, müssen die arabischen und europäischen Länder, muß Amerika mehr tun. Man darf nicht vergessen, dass dieses humanitäre Drama auch deshalb weitergeht, weil die Abkommen zu den Menschenrechten nicht eingehalten werden. Das Problem der palästinensischen Flüchtlinge ist eine der ernst zu nehmendsten Folgen des israelisch-palästinensischen Konflikts, weshalb man auch nicht nach Teillösungen suchen darf, sondern eine gerechte und dauerhafte Lösung anstreben muss. Vor diesem Hintergrund wird die arabische Friedensinitiative als eine Art Hoffnungsschimmer für einen Weg betrachtet, der auf der Lösung der Hauptfragen dieses Konfliktes gründet – dem längsten Konflikt unserer Zeit. Und eine dieser Fragen betrifft eben auch die Flüchtlinge.

Palästinensische Flüchtlinge im Lager von Shatila, Libanon.
SAOUD AL-FAISAL: Diese Tradition wird von den saudischen Studenten, die an den verschiedenen Universitäten der Welt promoviert haben – auch in Amerika – von den Hochschulen organisiert, an denen sie ihr Doktorat erworben haben. Sie auf die saudischen Studenten auszuweiten, die in Italien promoviert haben, kann den gemeinsamen Bemühungen unserer Länder um einen Ausbau der kulturellen Zusammenarbeit nur dienlich sein. Aber wir wollen uns dabei nicht nur auf Seminare und Begegnungen beschränken, sondern auch die Zahl der saudischen Studenten an italienischen Universitäten erhöhen. Italien ist die Wiege des Denkens, und davon haben alle menschlichen Zivilisationen, auch die muslimische, profitiert. Die Zivilisation des Islam stellt die Substanz der Prinzipien dar, auf denen die Kultur der heutigen saudischen Gesellschaft gründet. All das zeigt, wie notwendig eine Ausweitung der Horizonte beim Austausch zwischen unseren Kulturen ist.
Hat Saudi-Arabien langfristige Programme für eine „Nach-Öl-Zeit“?
SAOUD AL-FAISAL: Die diesbezügliche Politik des saudischen Reiches geht auf die Fünf-Jahres-Entwicklungsprojekte von 1970 zurück. Dabei hat man sich sehr viele Ziele gesetzt: die Abhängigkeit vom Öl als Haupteinnahmensquelle zu verringern, die wirtschaftliche Basis zu erweitern. Angestrebt wird auch ein Ausbau der Entwicklung; eine Förderung der lokalen Investitionen durch Anbieten von günstigen Bedingungen; die Einrichtung eines Wirtschaftsrates; die Koordinierung aller zuständigen Regierungsstellen, mit dem Ziel, nicht nur die politische Stabilität zu stärken, sondern auch die saudische Wirtschaft durch eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftssystems. Die Mitgliedschaft des saudischen Reiches in der Welthandelsorganisation wird zweifellos in dieser Richtung hilfreich sein. Die ersten Früchte können wir ja jetzt schon ernten.