EDITORIAL
Aus Nr. 05 - 2007

Lust auf Europa


Das Territorium der Union umfasst inzwischen fast den ganzen Kontinent, aber vielleicht hat gerade diese Ausweitung den eigentlichen Elan gedämpft. Wir machen gerade einen heiklen Moment durch. Die beiden Referenden – in Frankreich und den Niederlanden –, bei denen die nötige Stimmzahl nicht erreicht werden konnte, könnten eine Entwicklung in Richtung effektive Einheitlichkeit der Modelle bremsen.


Giulio Andreotti


Die Unterzeichnung der Römischen Verträge im Saal der Horatier und Kuratier auf dem römischen Kapitol (Rom, 25. März 1957).

Die Unterzeichnung der Römischen Verträge im Saal der Horatier und Kuratier auf dem römischen Kapitol (Rom, 25. März 1957).

Die Entscheidung der deutschen Bundeskanzlerin, den 50. Jahrestag der Europäischen Gemeinschaft in Berlin, und nicht in Rom zu begehen, habe ich bedauert. Allerdings nicht aus patriotischen Gründen, sondern weil vom Kapitol eine sehr viel stärkere Botschaft der fortschreitenden Entwicklung der Union hätte ausgehen können.
Das Territorium der Union umfasst inzwischen fast den ganzen Kontinent, aber vielleicht hat gerade diese Ausweitung den eigentlichen Elan gedämpft.
Wir machen gerade einen heiklen Moment durch. Die beiden Referenden – in Frankreich und den Niederlanden –, bei denen die nötige Stimmzahl nicht erreicht werden konnte, könnten eine Entwicklung in Richtung effektive Einheitlichkeit der Modelle bremsen.
Vielleicht war es zu gewagt von uns, in Maastricht von einer „gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik“ zu sprechen. Bei seinem Verfassungsvertrag konnte Präsident Giscard d’Estaing keinen Rückzieher machen, während man de facto daran arbeiten muss, eine Konvergenz aufzubauen, Schritt für Schritt.
Einige Länder der letzten Ausweitung haben für ihre Aufnahme große Opfer gebracht. Wehe uns, wenn wir sie nun mit Verwässerungen und unnötigen Verzögerungen verärgern.
Als man noch zur strengen Befolgung des Wirtschaftsbereiches verpflichtet war, fand man beispielsweise durch die Olympiaspiele einen Weg, die Verantwortlichen im Schulbereich an einen Tisch zu setzen. Und zwar die aller Mitgliedsländer.
Allgemein gesprochen ist es notwendig, dass sich die Union auf die Sozialpolitik konzentriert. Ich erinnere mich noch daran, als dieses Thema im Europarat angesprochen wurde. Mrs. Thatcher war der Auffassung, dass die Sozialpolitik eine nationale Angelegenheit wäre (was verständlich war: immerhin hatte England vor der Aufnahme große Hürden nehmen müssen). Es mochte ja einen diesbezüglichen Konsens geben, aber es war eben doch eine Sache, die autonom zu handhaben war.
Rechtlich gesehen ist es wichtig, dass vor den Ratsversammlungen die Gewerkschaftsvertreter empfangen werden; aber das ist nur reine Konsultation, und ich glaube, dass man nach Höherem streben sollte. Der Abschaffung der Grenzen kam eine enorme rechtliche und psychologische Bedeutung zu; aber man muss der Integration unbedingt allmählich auch überprüfbare positive Inhalte geben.
Wir Veteranen des Jahres 1957 müssen ganz besonders auf diese Entwicklungslinie achten, die das Stecken wichtiger Ziele erfordert, ganz besonders aber einen politisch und spirituell aufnahmebereiten, offenen Geist.
Noch heute habe ich den sterbenden De Gasperi vor Augen. Er war traurig, weil nach zwei Jahren im Parlament noch immer keine Ratifizierung des Abkommens der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft vorgelegt worden war. Der ja dann auch nur wenige Tage später mit dem negativen Votum Frankreichs jenes Parlaments endgültig der Todesstoß versetzt wurde.
Die Zeremonie der feierlichen gemeinsamen Erklärung, die die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in Berlin unterzeichneten (25. März 2007).

Die Zeremonie der feierlichen gemeinsamen Erklärung, die die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in Berlin unterzeichneten (25. März 2007).

Wenn ich an diese Niederlagen denke, nehmen die heutigen Schwierigkeiten eine andere Dimension an. Aber man braucht schon einen starken, ideellen Elan, um die Lust auf Europa größer werden zu lassen. Rom 1957 hat Paris 1954 ausgelöscht.
Umberto Eco hat sich suggestiv zu den Wurzeln Europas geäußert, als er neben den christlichen die jüdischen und griechisch-römischen sah.
Die Ironie über gewisse merkantilistische – manchmal etwas kleinkarierte – Beschlüsse dieser großen globalen Revolution muss beiseite gelassen werden. Schließen möchte ich mit dem Zitat eines Vortrags aus dem Jahr 2004: „In der Beschleunigung des Tempos der geschichtlichen Entwicklungen, in der wir stehen, treten, wie mir scheint, vor allem zwei Faktoren als Kennzeichen einer vordem nur langsam anlaufenden Entwicklung hervor: Da ist zum einen die Ausbildung einer Weltgesellschaft, in der die einzelnen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Mächte immer mehr gegenseitig aufeinander verwiesen sind und in ihren verschiedenen Lebensräumen sich gegenseitig berühren und durchdringen. Das andere ist die Entwicklung von Möglichkeiten des Menschen, von Macht des Machens und des Zerstörens, die weit über alles bisher Gewohnte hinaus die Frage nach der rechtlichen und sittlichen Kontrolle der Macht aufwerfen. So ist die Frage von hoher Dringlichkeit, wie die sich begegnenden Kulturen ethische Grundlagen finden können, die ihr Miteinander auf den rechten Weg führen und eine gemeinsame rechtlich verantwortete Gestalt der Bändigung und Ordnung der Macht aufbauen können“ [Gesprächsabend in der Katholischen Akademie in Bayern, Montag, 19. Januar 2004].
Der Verfasser ist Joseph Ratzinger, der im Jahr darauf Benedikt XVI. wurde.


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