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NAHOST
Aus Nr. 12 - 2006

Der Artikel von Rowan Williams in der englischen Tageszeitung Times.

Der anglikanische Primas und der Zusammenprall der Zivilisationen


Sommario


von Rowan Williams


Am 23. Dezember veröffentlichte die Londoner Times einen Artikel des Erzbischofs von Canterbury, Rowan Williams. Der Primas der anglikanischen Gemeinschaft kritisiert darin scharf das bewaffnete Einschreiten im Irak und die allgemeine Kriegspolitik von US-Administration und englischer Regierung. Williams unternahm vom 20.-23. Dezember eine Pilgerreise ins Heilige Land. Begleitet wurde er dabei vom Erzbischof von Westminster, Kardinal Cormac Murphy-O’Connor, dem Primas der armenischen Gemeinschaft in Großbritannien, Nathan Hovhannisian, und Reverend David Coffey, Leader der Free Church. In Jerusalem trafen die Pilger mit den Repräsentanten der 13 Kirchen und christlichen Gemeinschaften der Stadt zusammen und waren Gäste des griechisch-orthodoxen Patriarchen Theophilos. Letzte Etappe der Reise war Bethlehem, wo sie in der Geburtsgrotte an einer ökumenischen Feier teilnahmen. In der Folge veröffentlichen wir breite Auszüge des Artikels aus der Times.


Die St.-Georgs-Kirche in Baghdad, die von der Explosion einer Autobombe im November 2004 fast vollständig zerstört wurde.

Die St.-Georgs-Kirche in Baghdad, die von der Explosion einer Autobombe im November 2004 fast vollständig zerstört wurde.

In den hektischen Tagen vor dem Irak-Krieg konnte man oft die stets prompt ignorierte Vorhersage hören, daß eine Militäraktion des Westens – in diesem Moment und in dieser Weise ausgeführt – für die christlichen Bevölkerungen in ganz Nahost gefährlich wäre. Diese würden dann nämlich unweigerlich als Befürworter der westlichen Kreuzzugambitionen abgestempelt. So mancher fragte sich da, ob es nicht ratsam sei, eine Strategie zu ersinnen, mit der man das Ganze in den Griff bekommen kann.
Das hat man nicht getan, und die Folgen lasten nun schwer auf einer Situation, die für die christlichen Gemeinschaften der Region auch so schon schwierig genug ist. Die Zahl der christlichen Bevölkerung des Irak schmilzt immer mehr zusammen: alle zwei Monate werden es ein paar tausend weniger. Ein paar der wichtigsten Leader mußten das Land bereits verlassen. Von der orthodoxen Bevölkerung in Istanbul ist nur ein kleiner Rest geblieben, und deren Patriarch mußte nun aus der türkischen Presse erfahren, daß es auch für ihn an der Zeit sei, zu gehen. In Ägypten waren die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen zwar immer gut, und sind es noch, aber die Angriffe der Integralisten auf Christen sind deutlich häufiger geworden.
Christliche arabische Familien, die in Großbritannien Asyl suchen, haben es nicht leicht. Und nicht selten kommt es vor, daß die Kinder solcher Familien in der Schule einfach kurzerhand als Muslime abstempelt und zu den muslimischen Kindern abgeschoben, mit diesen gemeinsam beschäftigt werden. Was wieder einmal zeigt, wie erschreckend wenig man in Großbritannien über die Christen in Nahost weiß – ein Informationsmanko, das schon in den Regierungsetagen anfängt.
Und doch spielten diese Christen Jahrhunderte lang in gemeinhin als muslimisch geltenden Nationen eine wichtige Rolle – sogar im Iran. Sie haben der arabischen Welt und dem Westen schon immer gezeigt, daß „arabisch“ und „muslimisch“ nicht dasselbe ist und daß die muslimischen Nationen eine lange Tradition der Gastfreundschaft ihren christlichen Nachbarn gegenüber haben.
Der Erzbischof von Canterbury, 
Rowan Williams und, links von ihm, 
der Kardinal von Westminster, 
Cormac Murphy-O’Connor, 
in Bethlehem (21. Dezember 2006).

Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams und, links von ihm, der Kardinal von Westminster, Cormac Murphy-O’Connor, in Bethlehem (21. Dezember 2006).

Die Wanderung christlicher Völker konnte in Ost und West den Mythos nähren, daß der Islam nicht mit anderen Glaubensformen leben kann, daß der Zusammenprall von Ost und West ein unvermeidlicher Zusammenprall religiöser Glaubensformen und Kulturen ist.
Und doch könnten die christlichen Bevölkerungen zu einer Lösung beitragen. Als der Libanon im vergangenen Sommer von einem blutigen Konflikt erschüttert wurde, kamen die vielversprechendsten Vorschläge für einen dauerhaften Frieden von christlichen Gemeinschaften. Und die Friedenspläne, die von der maronitischen Kirche ausgearbeitet wurden, gelten gemeinhin als einer der realistischsten Ansätze für einen dauerhaften Frieden zwischen den kriegführenden Parteien im Libanon.
Gewiß, auch die Geschichte der christlichen Gemeinschaften in dieser Region ist nicht makellos. Im derzeitigen Klima haben sie aber doch manch Wichtiges zu sagen. Der westlichen Welt könnten sie sagen: „Vergeßt nicht, daß das Christentum ein nahöstlicher Glaube ist. Es hat weder in England noch in Rom begonnen.“ Und der muslimischen Welt: „Denkt daran, daß sich der Islam nie derart hätte verbreiten können, wenn der Boden (wie der Koran selbst sagt) nicht von anderen lokalen Religionen bereitet worden wäre – von Christen und Juden in der Region. Denkt daran, daß man auf viele Weisen ein waschechter Araber sein kann – also jemand aus der westlichen Welt –, ohne unbedingt Muslim sein zu müssen.“
Diese Gemeinschaften können nur überleben, wenn sich ihre christlichen Brüder und Schwestern im Westen entschließen, ihnen ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Allerdings nicht, indem man sie mit primitiven politischen und militärischen Druckmethoden „schützen“ will. Das ist in der Vergangenheit schon zu oft passiert und hat den Eindruck, daß sie Alliierte des Westens und daher wenig vertrauenswürdig sind, nur noch verstärkt. Es bedeutet vielmehr, dann zu protestieren, wenn sie schlecht behandelt werden; einen direkten Kontakt zu suchen, Verbindungen zwischen den Ortskirchen bei uns und in Nahost zu schaffen – und wenn man diese Region besucht, nicht zu vergessen, daß es sie gibt und daß sie Freunde brauchen. [...]
Für die antiken christlichen Gemeinschaften von Nahost einzutreten, ihr Freund zu sein, kommt nicht nur ihnen selbst zugute, sondern auch den Muslimen. Es gemahnt an die gesunden, verantwortungsvollen Beziehungen unter den Religionen, die es in vielen Teilen des Nahen Ostens über lange Perioden seiner komplexen Geschichte tatsächlich gegeben hat.
Der englische Premierminister Tony Blair mit den Soldaten der Militärbase Shaibah, Bassora, im Irak (22. Dezember 2005).

Der englische Premierminister Tony Blair mit den Soldaten der Militärbase Shaibah, Bassora, im Irak (22. Dezember 2005).

Besonders deutlich wird das im Heiligen Land. Ich konnte die letzten zwei Tage mit anderen christlichen Oberhäuptern in Bethlehem verbringen. Die christliche Bevölkerung macht dort kaum noch ein Viertel aus. Obwohl das friedliche Zusammenleben hier eine lange Tradition hat, gibt es alarmierende Zeichen dafür, daß die Christen von einem Teil der muslimischen Bevölkerung nicht mit wohlwollenden Augen gesehen werden. Noch tragischer geworden ist die Situation durch den „Sicherheitszaun“, der die ohnehin schon kontinuierlich schrumpfende Stadt zu ersticken droht. Eine Stadt, die geprägt ist von dramatischer Armut und zunehmender Arbeitslosigkeit. Und eine Stadt, in der schon die alltäglichsten Dinge zum Problem geworden sind: zur Schule zu gehen, in die Arbeit oder ins Krankenhaus zu fahren. Unter diesem Gefühl der Ausweglosigkeit und Isolation haben die Christen viel mehr zu leiden als die meisten anderen.
Früher waren viele Christen Akademiker, gehörten der Oberschicht an. Heute haben die meisten resigniert; meinen, keine andere Wahl zu haben, als das Land zu verlassen. Ein christlicher Palästinenser hat mir gesagt: „Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß Leute wie wir eines Tages in eine solche Lage kommen könnten: daß wir hungern müssen, keine Arbeit haben, jeden Tag von Gewalt bedroht sind.“ Viele jener Menschen, die dazu beitragen hätten können, die palästinensische Gesellschaft solider und demokratischer zu gestalten, sehen nun im Heiligen Land für sich keine Zukunft mehr: für die Zeloten der einen Seite sind die Christen potentielle Terroristen; die Zeloten der anderen Seite betrachten sie als Ungläubige. Und die Zeloten halten nun einmal die Fäden in der Hand.
Die ersten christlichen Gläubigen stammten aus Nahost. Der Gedanke, daß wir es hier vielleicht mit den letzten christlichen Gläubigen aus dieser Region zu tun haben, gibt zu denken. [...]
Darum bitte ich euch: Betet dieses Weihnachten für die kleine Stadt Bethlehem und gedenkt auch derer, die durch die Kurzsichtigkeit und Ignoranz anderer in eine so schlimme Lage geraten sind. Fragt euch, was man auf lokaler Ebene tun kann, um diese mutigen und altehrwürdigen Kirchen wieder aufzurichten.


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