Mission Europa
Auf der Tagesordnung 2007 steht die 50-Jahr-Feier der Europäischen Union (einstmals Europäische Gemeinschaft). Zum Gedenken der Unterzeichnung der Geburtsurkunde einer der größten Neuheiten der Nachkriegszeit sind auf dem römischen Kapitol feierliche Zeremonien vorgesehen.
Giulio Andreotti

Antonio Segni und Gaetano Martino unterzeichnen für Italien das Abkommen, mit dem die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft abgesiegelt wird (Rom, Kapitol, Saal der Horatier und Curiatier, 25. März 1957).
Der erste Entwurf für eine Einheit des Kontinents kam 1948 aus London. Italien war – trotz Drängens der Amerikaner – nicht dabei. Grund war, daß man Deutschland – auf das damals die allgemeine Feindseligkeit konzentriert war – nicht nur mißtraute, sondern es sogar kontrollieren wollte. De Gasperi brachte es auf den Punkt: „Wenn wir es nicht schaffen, irgendeine Struktur mit den Deutschen zu schaffen, weiß ich nicht, welche Farbe ihre Hemden in 10 Jahren haben werden – sicher aber keine demokratische.“
In demselben Geist waren wir auch ein Jahr später, bei den Verhandlungen um unseren Beitritt zum Nordatlantikpakt, der Meinung, daß die Deutschen, wenn sie erst einmal das Friedensabkommen unterzeichnet hätten, ebenfalls der Allianz beitreten würden.
Die nachfolgenden Entwicklungen waren von Erfolgen und Mißerfolgen gekennzeichnet. Ein Erfolg war die Einigung auf die gemeinsame Nutzung der Stahl- und Kohlevorkommen, in der Hoffnung, daß Franzosen und Deutsche endlich damit aufhören würden, sich darüber in die Haare zu geraten. Der ehrgeizige Plan eines gemeinsamen europäischen Heeres [Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG), Anm.d.Red.] dagegen scheiterte letztendlich am „Nein“ des Pariser Parlaments.
De Gasperi war erst ein paar Tage tot, als Palazzo Borbone gegen Europa stimmte. In Messina entwarf der Liberale Gaetano Martino ein neues Modell, das im März 1957 klarere Konturen annehmen konnte. Die Koordinierung der Wirtschaftsinteressen machte es möglich, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Der Gedanke an eine politische Übereinkunft mußte zwar noch warten, aber man hatte bereits einen Plan im Auge, der eine internationale Entspannung und ein weitreichendes Netz von Kontakten vorsah (die Schaffung der AKP-Länder bedeutete Kontakte zu Afrika, der Karibik und dem Pazifikraum). In dieser Perspektive konnten Abkommen mit neuen Staaten in Übersee geschlossen werden, denen man nach der Kolonialherrschaft helfen mußte, den Weg zur Selbständigkeit einzuschlagen.
Am Anfang war der Produktionssektor – vor allem die Großindustrie – von dieser Ausweitung der Grenzen alles andere als begeistert. Und das war auch verständlich. Die italienischen Produkte waren durch hohe Schutzzölle geschützt und die Autarkiekultur der Faschistenzeit war mit der Befreiung keinesfalls untergegangen.

Aula Giulio Cesare, Kapitol in Rom: offizielle Ansprachen bei der Zeremonie zur Unterzeichnung der europäischen Verfassung im Saal der Horatier und Curiatier (29. Oktober 2004).
Ich will hier die Zwischenetappen überspringen, einschließlich der ersten vorsichtigen Schritte in Richtung außerwirtschaftliche Beziehungen. Wie z.B. damals, als man die Universitätsweltmeisterschaft (Universiade) für ein Treffen der Minister des öffentlichen Unterrichtswesens benutzte, die so Gelegenheit hatten, ihre jeweiligen Bildungsprogramme zu diskutieren.
Entscheidend war der Beitritt Englands, Spaniens und Portugals. Im Hintergrund war der Kontrast mit der sowjetischen Welt einerseits etwas, das vereinte, andererseits aber auch Grund zu Divergenzen gab.
Nur wenige waren der Meinung, daß die als Moskauer Satellitenstaaten eingestuften Länder, die als solche natürlich von dem Gedanken eines kapitalistischen europäischen Blocks wenig begeistert waren, eines Tages den Wunsch äußern könnten, Europa beizutreten, was zur vollständigen Einheit des Kontinents geführt hätte.
Aber es ist Zeitvergeudung, sich bei diesen ersten Entwicklungen aufzuhalten: mit dem Untergang des kommunistischen Imperiums lösten sich schließlich alle Schwierigkeiten in Wohlgefallen auf.
Vielleicht gingen der Übergang von Gemeinschaft zu Union und die Ausweitung auf 25 (heute 27) Mitgliedstaaten...ein wenig zu schnell. Auch bei der Abfassung des Verfassungsvertrags am 29. Oktober 2004 in Rom lief nicht alles glatt: zwei Länder (Frankreich und Holland) weigerten sich, zur Ratifizierung zu schreiten, blockierten damit den globalen iter. Von einer recht beachtlichen Zahl von Staaten (einschließlich Italien) wurde die Ratifizierung aber doch vorgenommen.
Vielleicht gingen der Übergang von Gemeinschaft zu
Union und die Ausweitung auf 25 (heute 27) Mitgliedstaaten... ein wenig zu
schnell. Auch bei der Abfassung des Verfassungsvertrags am 29. Oktober 2004
in Rom lief nicht alles glatt: zwei Länder (Frankreich und Holland)
weigerten sich, zur Ratifizierung zu schreiten, blockierten damit den
globalen iter. Von
einer recht beachtlichen Zahl von Staaten (einschließlich Italien)
wurde die Ratifizierung aber doch vorgenommen.
Die Regel der Einstimmigkeit als Garantie für tatsächliche Konvergenzen schließt als Nebenwirkung das Vetorecht mit ein. Wer die Entwicklungen der letzten 50 Jahre Schritt für Schritt mitverfolgt hat, der wird sich von radikalen Kritiken sicher nicht verunsichern lassen. Die Notwendigkeit, jegliche Feindseligkeiten und Vorbehalte aufzugeben, läßt uns an Grenzen stoßen, bestärkt uns aber auch in unseren Zielen.
In der über tausendjährigen Geschichte Roms verbindet man die Iden des März mit der Ermordung Cäsars – von seinen Gefolgsmännern verlassen und verraten. An jenem Morgen waren die „Väter“, die er bei der letzten Neubesetzung des Senats selbst begünstigt hatte in der Meinung, so seine Mehrheit gestärkt zu haben, abwesend.
Und gemahnt uns nicht gerade die Volksweisheit, die in Sprichwörtern zum Ausdruck kommt, daran, daß nur Gott allein uns vor unseren Freunden bewahren kann?
Da fällt mir – Maxime um Maxime – noch der Leitspruch des Risorgimento ein: „Italien ist gemacht, machen wir nun die Italiener.“ Spontan kommt einem da in den Sinn, daß es jetzt darum geht, die Europäer zu machen.
Als Italiener können wir uns rühmen, unter den 6 Völkern zu sein, die an der mutigen Mission von 1957 teilgenommen haben. Das gibt uns vielleicht das ein oder andere Recht, legt uns sicher aber auch viele Pflichten auf.
Wir dürfen diesen Moment nicht vorüberziehen lassen, ohne übernationale Überzeugungen wieder aufleben zu lassen. Das muß für uns „Veteranen“ eine wahre bürgerliche Mission sein.