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11 - 2006 >
Der Doctor gratiae und die Erkenntnis der sinnlich wahrnehmbaren Welt
WARUM AUGUSTINUS GALILEO GALILEI VOR DEM INQUISITIONSGERICHT VERTEIDIGT HÄTTE.
Der Doctor gratiae und die Erkenntnis der sinnlich wahrnehmbaren Welt
Interview mit Pater Nello Cipriani, ordentlicher Professor am „Istituto Patristico Augustinianum“: „Der Gedanke, daß wir eine sichere Erkenntnis der äußeren Welt haben können, bleibt bei Augustinus nicht nur eine abstrakte Behauptung. Er macht sie auch geltend, wenn es darum geht, die Beziehung zwischen der Lehre der Schrift und den Erkenntnissen der Naturwissenschaft abzustecken.“
Interview mit Nello Cipriani von Lorenzo Cappelletti
Bereits in den
Neunzigerjahren äußerte sich Nello Cipriani, ordentlicher
Professor des von Paul VI. in Rom gegründeten Istituto Patristico
Augustinianum, auf den Seiten von 30Giorni des öfteren zur Aktualität des Augustinus. Wir
wollten diesen eigentlich nur auf dem Papier jemals unterbrochenen Dialog
mit dem Augustiner und Konsultor der Kongregation für die
Glaubenslehre wieder aufnehmen. Ausgehend von der Debatte über die in
letzter Zeit zusehends gespannte Beziehung zwischen Glaube und
Wissenschaft, sowie den jüngsten Studien Pater Ciprianis, die gerade
in diesem Bereich zu einer Klärung und Entspannung beitragen
könnten.

Womit befassen sich Deine jüngsten Studien?
NELLO CIPRIANI: In der letzten Zeit habe ich mich mit der Epistemologie des Augustinus befaßt, wollte also herausfinden, wie er das Wort scientia verstand. Dabei wurde mir klar, daß er diesen Begriff in den ersten Jahren nach seiner Konversion noch in dem Sinne verstand, den er in der platonischen und aristotelischen Tradition hatte. Scientia war für Augustinus die verstandesmäßige Erkenntnis der äußeren und unveränderlichen, intellektuell erfaßbaren Realitäten, die der metaphysischen und mathematischen Spekulation unterworfen sind, in erster Linie Gott. Aus diesem sehr intellektuellen Verständnis von scientia wurde daher sowohl die Kenntnis der kontingenten Dinge ausgeschlossen, die sich in der Zeit ereignen, als auch die der sinnlich wahrnehmbaren Welt. In der Zeit seines Presbyteriats vollzog Augustinus jedoch eine sprichwörtliche epistemologische Wende. Er hatte nämlich inzwischen eine zweite scientia entdeckt: das Studium der Schrift, eine unabdingbare Stufe, wenn man zur scientia der äußeren Dinge gelangen will. Zu verdanken hatte er diese Entdeckung einem Brief des Paulus, in dem zwischen der Gabe der Wissenschaft und der Gabe der Weisheit unterschieden wird. So wird die Wissenschaft im De doctrina christiana vor allem zum gründlichen Studium der Schrift mittels einer Methode, die sich wissenschaftlicher Kriterien bedient. Das ist bereits eine große epistemologische Neuheit. Im De Trinitate (vor allem in Buch XII und XIII) geht Augustinus dann aber dazu über, noch genauer zwischen Wissenschaft und Weisheit zu unterscheiden. Die Wissenschaft ist nicht länger die alleinige Erkenntnis dessen, was sich in der Zeit ereignet hat, also der in der Schrift enthaltenen Heilsgeschichte und der Geschichte der christlichen Moral, sondern schließt auch den zeitlichen, historischen Glauben der Kirche an Gott und an die ewigen Güter mit ein. Gemäß dieser Vorstellung von Wissenschaft wird das Objekt noch umfassender: alles, was zeitlich ist und den Glauben betrifft. Aufgabe dieser scientia, die nicht unweigerlich alle haben müssen, ist es, den Glauben der Gläubigen durch Verteidigung gegen die Häresien zu verfechten.
Was hat Deine Entdeckung mit dem epistemologischen Werdegang des Augustinus zu tun?
CIPRIANI: Da gibt es einen sehr interessanten Zusammenhang. Das, was in der Zeit geschieht, fällt nämlich für so große griechische Philosophen wie Platon und Aristoteles nicht in den Bereich der Erkenntnistheorie, also der scientia. Augustinus dagegen meint – wie bereits gesagt – sehr wohl, daß sich die scientia mit den res temporales befaßt, also mit den historischen Fakten, und auch mit allen Naturphänomenen. Wenn man heute von Augustinus spricht, fügt man gerne das Attribut „platonisch“ an, als hinge Augustinus vollkommen vom Platonismus ab. In Wahrheit hielt Platon nicht viel von der mit den Sinnen wahrnehmbaren Erkenntnis, die für ihn nicht mehr als eine doxa – eine Meinung – war, der er die Fähigkeit absprach, sichere Erkenntnisse zu liefern. Augustinus dagegen sagte bereits in De vera religione klar und deutlich, daß die Sinne nicht täuschen. Und später, im De Trinitate, heißt es nicht weniger deutlich: wir sollten uns davor hüten zu meinen, daß die Dinge, die wir dank unserer Sinne kennen, nicht wahr sind! Genau das Gegenteil von Platon. Und schließlich bleibt der Gedanke, daß wir zu einer genauen Erkenntnis der äußeren Welt gelangen können, bei Augustinus keinesfalls nur eine abstrakte Behauptung. Er macht sie auch geltend, wenn es darum geht, die Beziehung zwischen Lehre der Schrift und Erkenntnissen der Naturwissenschaft abzustecken. Das sieht man vor allem in seinem Werk De Genesi ad litteram, in dem Augustinus den Christen, der einen biblischen Ausdruck wörtlich nimmt und damit die von den Wissenschaftlern jener Zeit erlangten, sicheren Erkenntnisse anfechten will, als kühn bezeichnet. Er vertritt die Meinung, daß uns die Heilige Schrift nicht lehren will, wie die Erde gemacht ist, also nicht die Absicht verfolgt, eine wissenschaftliche Erklärung der Naturphänome zu geben, sondern uns vielmehr den Weg des Heils aufzeigen möchte. In De Genesi ad litteram stellt Augustinus nicht nur klar, daß sich die Bibelschreiber nicht dazu äußern wollen, wie die Erde gemacht ist, sondern betont auch, daß die Wissenschaftler mittels Berechnungen und Experimenten zu absolut sicheren Ergebnissen gelangen können, die der Christ zu akzeptieren hat, ohne sie in Kontrast zur Schrift zu setzen. Vorausgesetzt natürlich, die wissenschaftlichen Ergebnisse sind wirklich sicher und wurden mittels seriöser Methoden erlangt.
Wenn man damals auf Augustinus gehört hätte, hätte es den berühmten „Fall Galileo Galilei“ also nie gegeben?
CIPRIANI: Das steht fest. In einem Brief des Jahre 1615 zitiert Galileo Augustinus gleich 15mal, um seinen Glauben zu betonen und auf seine Freiheit als Wissenschaftler zu pochen. Es war ein schwerwiegender Fehler, der Heiligen Schrift Aussagen zu unterstellen, die dort nirgends stehen. Nicht die Heilige Schrift steht im Gegensatz zur Wissenschaft. Es war vielmehr eine derart der damaligen Kultur unterworfene Interpretation der Schrift, die es der Kirche unmöglich machte, auf die Lehre des Augustinus zurückzugreifen. Die Konfrontation zwischen Galileo Galilei und der Inquisition hätte vermieden werden können, wenn man diese Lehre des Augustinus, die schon viele Jahrhunderte zuvor die Unabhängigkeit der Naturwissenschaft anerkannte, bedacht hätte.
Dieser „augustinische“ Galileo ist ja wirklich hochinteressant!
CIPRIANI: Die von Augustinus entwickelte Konzeption von scientia, die seine gesamte philosophische und theologische Reflexion durchzieht, läßt ihn Erkenntnisse erlangen, die erst viele Jahrhunderte später wiederentdeckt wurden: die Theologie betreffend, zuerst von Thomas von Aquin (für seine Definition von Sinn und Zweck der Theologie greift Thomas zu Beginn seiner Summa die Konzeption von scientia auf, die schon Augustinus hatte). Später dann, die Naturwissenschaften betreffend, von Galileo Galilei.

Da könnte man ja fast glauben, daß
Augustinus mit seiner Leugnung des Gegensatzes zwischen Wissenschaft und
Schrift bereits das vertrat, was man heute gemeinhin als Ergebnis der
modernen Exegese betrachtet. Wie konnte Augustinus seiner Zeit nur so weit
voraus sein?
CIPRIANI: Augustinus konnte diese Ergebnisse erzielen, weil er bei seiner Reflexion stets genau auf die Lehre der Heiligen Schrift bedacht war. Eine wichtige Rolle spielte aber auch seine persönliche Erfahrung: Augustinus war neun Jahre lang Manichäer. Wie er im 5. Buch seiner Bekenntnisse schreibt, hat er sich dann allmählich davon entfernt. Der Grund war seine Enttäuschung darüber, feststellen zu müssen, daß die manichäische Lehre zwar den Anspruch stellte, für alles – auch die Naturphänomene – eine sichere, allgemein gültige Erklärung zu haben, in Wahrheit aber im Widerspruch zur Lehre der Physiker stand. Vor allem mit deren Erklärung für die Mond- und Sonnenfinsternis. Die Manichäer deuteten diese Phänomene nämlich im Licht des legendären Kampfes zwischen Gut und Böse, der im Mittelpunkt ihrer Religion stand. Augustinus aber wußte (er sagt, alle Bücher zu diesem Thema gelesen zu haben, die er auftreiben konnte), daß die vollkommen anderen Erklärungen, zu denen die Physiker gelangt waren, von Fakten bestätigt wurden. Die Physiker waren nämlich tatsächlich in der Lage, Mond- und Sonnenfinsternis über einen langen Zeitraum vorherzusagen. Gerade dieser Irrtum der Manichäer, die die Naturphänomene mit dem religiösen Mythos erklären wollten, ließ Augustinus aufhorchen. Er wollte die Christen davor bewahren, denselben Fehler zu begehen. Wenn er die Schrift las, tat er das in dem Bewußtsein, sie vor dieser Einbuße an Glaubwürdigkeit zu bewahren und unterschied deutlich zwischen dem, was die Schrift lehren will und dem, was sie eben nicht lehren will.
Hat die Kritik an der Haltung der Manichäer, diese Entmythisierung ante litteram, um einen Ausdruck Bultmans zu gebrauchen, die Entwicklung der Naturwissenschaften begünstigt?
CIPRIANI: Augustinus erkannte die effektive Fähigkeit der Wissenschaftler, sichere Erkenntnisse über die Welt zu gewinnen, zwar an, blieb aber – da diese Erkenntnisse zu seiner Zeit sehr begrenzt waren – der Erforschung der Natur gegenüber recht skeptisch. Er betonte mehrfach, daß diese Forschung keineswegs dem ewigen Heil der Gläubigen zuträglich war und auch den Menschen keine großen Vorteile bringe. Er meinte damit vor allem gewisse Wissenschaften – beispielsweise die Medizin –, die zu seiner Zeit nur mit spärlichen Erfolgen aufwarten konnte. Er war der Meinung, daß die Medizin zwar prinzipiell der Gesundheit des Menschen nützlich sei, faktisch aber nur wenig hilfreich wäre. Kurzum: Augustinus war zwar überzeugt davon, daß es durchaus möglich war, in Sachen Erkenntnis der Welt sichere Resultate zu erzielen, hinsichtlich des Nutzens solcher Kenntnisse war er aber skeptisch.
Die Naturwissenschaft konnte dann aber tatsächlich deutliche Fortschritte machen, und zwar nicht nur in Sachen Wissen, sondern auch praktische Anwendung. Und das kann das augustinische Verständnis problemlos hinnehmen.
CIPRIANI: Ich glaube, daß wir von Augustinus lernen können, dem menschlichen Verstand mehr zu vertrauen und somit auch der Fähigkeit, unsere Welt besser zu verstehen. Zwar wollte sich Augustinus (was er bereits seit Soliloquia sagt) mit Gott und der Seele befassen, doch da war schon zu Anfang – verstärkt noch in dem reifen Augustinus – ein Vertrauen auf die Erkenntnis der äußeren Welt erkennbar. EineErkenntnis, die sogar ein besseres Verständnis der Heiligen Schrift ermöglichen kann. Augustinus machte in seiner De Genesi ad litteram mehrfach darauf aufmerksam, daß uns die Wissenschaft lehren könne, gewisse biblische Ausdrücke nicht wörtlich zu nehmen. Und – umgekehrt – nicht dort zu allegorisieren, wo dagegen der wörtliche Sinn gelten muß.
Kommen wir wieder auf das Thema der Rationalität der Manichäer zurück: wie haben sie Augustinus geantwortet?
CIPRIANI: Wie bereits gesagt, berichtet Augustinus, daß er erkannt hatte, wie sehr die Lehre der Wissenschaftler und die manichäischen Bücher in Sachen Himmelsphänomenen wie Revolution der Sterne, Mond- und Sonnenfinsternis, usw. auseinandergingen. Er forderte von seinen manichäischen Freunden eine Erklärung, doch sie wichen ihm aus und sagten, ihr Bischof Faustus würde ihm eine Antwort geben. Als Faustus 383 schließlich nach Karthago kam, berichtete ihm Augustinus von seinen Zweifeln, doch Faustus konnte nichts anderes tun, als ihm demütig seine Unwissenheit einzugestehen. Augustinus fand ihn dennoch sympathisch. Er schätzte Faustus’ Bescheidenheit und Rednergabe. Sein Vertrauen in den Manichäismus hatte er jedoch verloren, da seinen „Wissensdurst“ – wie er schrieb – nicht einmal die namhaftesten Manichäer stillen konnten.

Wo sagt er das?
CIPRIANI: Im 5. Buch der Bekenntnisse, sechstes Kapitel. Die Enttäuschung, die der junge Augustinus angesichts eines Manichäismus empfand, dessen Erklärungen für die Naturphänomene im Kontrast zu denen der Wissenschaft standen, empfinden vielleicht auch heute viele junge Menschen. Menschen, die sowohl wegen ihrer mangelnden religiösen Vorbereitung als auch der Unvorsichtigkeit gewisser „Solon-Christen“ Gefahr laufen können, zu meinen, die Lehre der Heiligen Schrift widerspreche den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft. Und das kann Mißtrauen der Heiligen Schrift und dem christlichen Glauben gegenüber hervorrufen. Augustinus ist nach wie vor von großer Aktualität. In der Passage von De Genesi ad litteram I, 19, 39, die ich vorhin angesprochen habe und die Galilei in seinem Brief von 1615 an die Großherzogin der Toskana, Cristina, zitiert, heißt es:
„Es kommt recht oft vor, daß auch wer kein Christ ist, in Sachen Erde, Himmel, andere Elemente dieser Erde, Bewegung und Revolution oder auch Größe und Entfernung der Himmelskörper, in Sachen Mond- und Sonnenfinsternis, Jahres- und Jahreszeitenwechsel, Natur der Tiere, der Pflanzen, der Steine und in allen anderen Dingen dieser Art, ausreichende Kenntnisse hat und diese kraft des Verstandes oder unbestreitbarer Erfahrungen auch untermauern kann. So ist es wirklich schändlich, schädlich und absolut zu vermeiden, daß sie einen Christen auf der vermeintlichen Grundlage christlicher Texte über diese Dinge reden und einen derartigen Unsinn verbreiten hören, daß jene, die sehen, wie er sich derart ‚verrennt‘, sich kaum das Lachen verkneifen können. Peinlich ist dabei weniger, daß der verhöhnt wird, der irrt, sondern daß Außenstehende denken können, daß die Verfasser unserer Schriften diese Meinungen tatsächlich vertreten haben und sie so als Unwissende verachtet und abgetan werden. Zum großen Schaden jener, für deren Seelenheil wir Sorge tragen. Wenn nämlich jene, die außen stehen, einen Christen dabei ertappen, wie er in ihnen selbst gut vertrauten Dingen einem Irrtum unterliegt, und er seine irrige Meinung mit Zitaten aus unseren Schriften untermauert, wie sollten sie dann jemals besagten Schriften Glauben schenken können in Dingen wie der Auferstehung der Toten, der Hoffnung auf das Ewige Leben und das Himmelreich? Wo sie doch sehen, daß diese Schriften in Dingen, die sie selbst durch Experimente oder genaue Berechnungen überprüfen konnten, Irrtümer enthalten! Man kann nur schwer beschreiben, wie viel Schmerz und Bitterkeit diese Kühnen ihren vorsichtigen Brüdern und Schwestern zufügen, wenn sie – von der perversen Falschheit der Meinungen derer überzeugt, die nicht an die Autorität unserer Schriften gebunden sind und von ihnen kritisiert – versuchen, dieselben heiligen Schriften zur Verteidigung dessen heranzuziehen, was sie mit derart übertrieben kühner Leichtfertigkeit und nur allzu offensichtlicher Falschheit bekräftigt haben! Und sie gehen sogar soweit, viele Wörter aus dem Gedächtnis zu zitieren, die ihrer Meinung nach als Zeugnis gelten können, ‚ohne zu verstehen, was sie sagen oder dessen Bedeutung zu kennen‘.“
Bedeutungsvoll ist – wie wir im Anschluß an dieses Interview anfügen – der Kommentar, den der hl. Johannes Damascenus zu der Schlußfolgerung abgibt, die der hl. Augustinus aus dem Ersten Brief an Timotheus (1, 7) zieht und die man als überaus aktuell bezeichnen könnte: „Die Herrschsucht ist es, die sie dazu zwingt, sich die Rolle der Meister anzumaßen“.

Detailansichten des Freskenzyklus aus dem Klausurkloster der Augustinerinnen in Rom (Basilika „Santi Quattro Coronati“). Hier, Sternkreiszeichen–Fragment mit dem Bild des Wassermanns.
NELLO CIPRIANI: In der letzten Zeit habe ich mich mit der Epistemologie des Augustinus befaßt, wollte also herausfinden, wie er das Wort scientia verstand. Dabei wurde mir klar, daß er diesen Begriff in den ersten Jahren nach seiner Konversion noch in dem Sinne verstand, den er in der platonischen und aristotelischen Tradition hatte. Scientia war für Augustinus die verstandesmäßige Erkenntnis der äußeren und unveränderlichen, intellektuell erfaßbaren Realitäten, die der metaphysischen und mathematischen Spekulation unterworfen sind, in erster Linie Gott. Aus diesem sehr intellektuellen Verständnis von scientia wurde daher sowohl die Kenntnis der kontingenten Dinge ausgeschlossen, die sich in der Zeit ereignen, als auch die der sinnlich wahrnehmbaren Welt. In der Zeit seines Presbyteriats vollzog Augustinus jedoch eine sprichwörtliche epistemologische Wende. Er hatte nämlich inzwischen eine zweite scientia entdeckt: das Studium der Schrift, eine unabdingbare Stufe, wenn man zur scientia der äußeren Dinge gelangen will. Zu verdanken hatte er diese Entdeckung einem Brief des Paulus, in dem zwischen der Gabe der Wissenschaft und der Gabe der Weisheit unterschieden wird. So wird die Wissenschaft im De doctrina christiana vor allem zum gründlichen Studium der Schrift mittels einer Methode, die sich wissenschaftlicher Kriterien bedient. Das ist bereits eine große epistemologische Neuheit. Im De Trinitate (vor allem in Buch XII und XIII) geht Augustinus dann aber dazu über, noch genauer zwischen Wissenschaft und Weisheit zu unterscheiden. Die Wissenschaft ist nicht länger die alleinige Erkenntnis dessen, was sich in der Zeit ereignet hat, also der in der Schrift enthaltenen Heilsgeschichte und der Geschichte der christlichen Moral, sondern schließt auch den zeitlichen, historischen Glauben der Kirche an Gott und an die ewigen Güter mit ein. Gemäß dieser Vorstellung von Wissenschaft wird das Objekt noch umfassender: alles, was zeitlich ist und den Glauben betrifft. Aufgabe dieser scientia, die nicht unweigerlich alle haben müssen, ist es, den Glauben der Gläubigen durch Verteidigung gegen die Häresien zu verfechten.
Was hat Deine Entdeckung mit dem epistemologischen Werdegang des Augustinus zu tun?
CIPRIANI: Da gibt es einen sehr interessanten Zusammenhang. Das, was in der Zeit geschieht, fällt nämlich für so große griechische Philosophen wie Platon und Aristoteles nicht in den Bereich der Erkenntnistheorie, also der scientia. Augustinus dagegen meint – wie bereits gesagt – sehr wohl, daß sich die scientia mit den res temporales befaßt, also mit den historischen Fakten, und auch mit allen Naturphänomenen. Wenn man heute von Augustinus spricht, fügt man gerne das Attribut „platonisch“ an, als hinge Augustinus vollkommen vom Platonismus ab. In Wahrheit hielt Platon nicht viel von der mit den Sinnen wahrnehmbaren Erkenntnis, die für ihn nicht mehr als eine doxa – eine Meinung – war, der er die Fähigkeit absprach, sichere Erkenntnisse zu liefern. Augustinus dagegen sagte bereits in De vera religione klar und deutlich, daß die Sinne nicht täuschen. Und später, im De Trinitate, heißt es nicht weniger deutlich: wir sollten uns davor hüten zu meinen, daß die Dinge, die wir dank unserer Sinne kennen, nicht wahr sind! Genau das Gegenteil von Platon. Und schließlich bleibt der Gedanke, daß wir zu einer genauen Erkenntnis der äußeren Welt gelangen können, bei Augustinus keinesfalls nur eine abstrakte Behauptung. Er macht sie auch geltend, wenn es darum geht, die Beziehung zwischen Lehre der Schrift und Erkenntnissen der Naturwissenschaft abzustecken. Das sieht man vor allem in seinem Werk De Genesi ad litteram, in dem Augustinus den Christen, der einen biblischen Ausdruck wörtlich nimmt und damit die von den Wissenschaftlern jener Zeit erlangten, sicheren Erkenntnisse anfechten will, als kühn bezeichnet. Er vertritt die Meinung, daß uns die Heilige Schrift nicht lehren will, wie die Erde gemacht ist, also nicht die Absicht verfolgt, eine wissenschaftliche Erklärung der Naturphänome zu geben, sondern uns vielmehr den Weg des Heils aufzeigen möchte. In De Genesi ad litteram stellt Augustinus nicht nur klar, daß sich die Bibelschreiber nicht dazu äußern wollen, wie die Erde gemacht ist, sondern betont auch, daß die Wissenschaftler mittels Berechnungen und Experimenten zu absolut sicheren Ergebnissen gelangen können, die der Christ zu akzeptieren hat, ohne sie in Kontrast zur Schrift zu setzen. Vorausgesetzt natürlich, die wissenschaftlichen Ergebnisse sind wirklich sicher und wurden mittels seriöser Methoden erlangt.
Wenn man damals auf Augustinus gehört hätte, hätte es den berühmten „Fall Galileo Galilei“ also nie gegeben?
CIPRIANI: Das steht fest. In einem Brief des Jahre 1615 zitiert Galileo Augustinus gleich 15mal, um seinen Glauben zu betonen und auf seine Freiheit als Wissenschaftler zu pochen. Es war ein schwerwiegender Fehler, der Heiligen Schrift Aussagen zu unterstellen, die dort nirgends stehen. Nicht die Heilige Schrift steht im Gegensatz zur Wissenschaft. Es war vielmehr eine derart der damaligen Kultur unterworfene Interpretation der Schrift, die es der Kirche unmöglich machte, auf die Lehre des Augustinus zurückzugreifen. Die Konfrontation zwischen Galileo Galilei und der Inquisition hätte vermieden werden können, wenn man diese Lehre des Augustinus, die schon viele Jahrhunderte zuvor die Unabhängigkeit der Naturwissenschaft anerkannte, bedacht hätte.
Dieser „augustinische“ Galileo ist ja wirklich hochinteressant!
CIPRIANI: Die von Augustinus entwickelte Konzeption von scientia, die seine gesamte philosophische und theologische Reflexion durchzieht, läßt ihn Erkenntnisse erlangen, die erst viele Jahrhunderte später wiederentdeckt wurden: die Theologie betreffend, zuerst von Thomas von Aquin (für seine Definition von Sinn und Zweck der Theologie greift Thomas zu Beginn seiner Summa die Konzeption von scientia auf, die schon Augustinus hatte). Später dann, die Naturwissenschaften betreffend, von Galileo Galilei.

Augustinus auf den Schultern der Personifikation der Tugend der Wahren Religion.
CIPRIANI: Augustinus konnte diese Ergebnisse erzielen, weil er bei seiner Reflexion stets genau auf die Lehre der Heiligen Schrift bedacht war. Eine wichtige Rolle spielte aber auch seine persönliche Erfahrung: Augustinus war neun Jahre lang Manichäer. Wie er im 5. Buch seiner Bekenntnisse schreibt, hat er sich dann allmählich davon entfernt. Der Grund war seine Enttäuschung darüber, feststellen zu müssen, daß die manichäische Lehre zwar den Anspruch stellte, für alles – auch die Naturphänomene – eine sichere, allgemein gültige Erklärung zu haben, in Wahrheit aber im Widerspruch zur Lehre der Physiker stand. Vor allem mit deren Erklärung für die Mond- und Sonnenfinsternis. Die Manichäer deuteten diese Phänomene nämlich im Licht des legendären Kampfes zwischen Gut und Böse, der im Mittelpunkt ihrer Religion stand. Augustinus aber wußte (er sagt, alle Bücher zu diesem Thema gelesen zu haben, die er auftreiben konnte), daß die vollkommen anderen Erklärungen, zu denen die Physiker gelangt waren, von Fakten bestätigt wurden. Die Physiker waren nämlich tatsächlich in der Lage, Mond- und Sonnenfinsternis über einen langen Zeitraum vorherzusagen. Gerade dieser Irrtum der Manichäer, die die Naturphänomene mit dem religiösen Mythos erklären wollten, ließ Augustinus aufhorchen. Er wollte die Christen davor bewahren, denselben Fehler zu begehen. Wenn er die Schrift las, tat er das in dem Bewußtsein, sie vor dieser Einbuße an Glaubwürdigkeit zu bewahren und unterschied deutlich zwischen dem, was die Schrift lehren will und dem, was sie eben nicht lehren will.
Hat die Kritik an der Haltung der Manichäer, diese Entmythisierung ante litteram, um einen Ausdruck Bultmans zu gebrauchen, die Entwicklung der Naturwissenschaften begünstigt?
CIPRIANI: Augustinus erkannte die effektive Fähigkeit der Wissenschaftler, sichere Erkenntnisse über die Welt zu gewinnen, zwar an, blieb aber – da diese Erkenntnisse zu seiner Zeit sehr begrenzt waren – der Erforschung der Natur gegenüber recht skeptisch. Er betonte mehrfach, daß diese Forschung keineswegs dem ewigen Heil der Gläubigen zuträglich war und auch den Menschen keine großen Vorteile bringe. Er meinte damit vor allem gewisse Wissenschaften – beispielsweise die Medizin –, die zu seiner Zeit nur mit spärlichen Erfolgen aufwarten konnte. Er war der Meinung, daß die Medizin zwar prinzipiell der Gesundheit des Menschen nützlich sei, faktisch aber nur wenig hilfreich wäre. Kurzum: Augustinus war zwar überzeugt davon, daß es durchaus möglich war, in Sachen Erkenntnis der Welt sichere Resultate zu erzielen, hinsichtlich des Nutzens solcher Kenntnisse war er aber skeptisch.
Die Naturwissenschaft konnte dann aber tatsächlich deutliche Fortschritte machen, und zwar nicht nur in Sachen Wissen, sondern auch praktische Anwendung. Und das kann das augustinische Verständnis problemlos hinnehmen.
CIPRIANI: Ich glaube, daß wir von Augustinus lernen können, dem menschlichen Verstand mehr zu vertrauen und somit auch der Fähigkeit, unsere Welt besser zu verstehen. Zwar wollte sich Augustinus (was er bereits seit Soliloquia sagt) mit Gott und der Seele befassen, doch da war schon zu Anfang – verstärkt noch in dem reifen Augustinus – ein Vertrauen auf die Erkenntnis der äußeren Welt erkennbar. EineErkenntnis, die sogar ein besseres Verständnis der Heiligen Schrift ermöglichen kann. Augustinus machte in seiner De Genesi ad litteram mehrfach darauf aufmerksam, daß uns die Wissenschaft lehren könne, gewisse biblische Ausdrücke nicht wörtlich zu nehmen. Und – umgekehrt – nicht dort zu allegorisieren, wo dagegen der wörtliche Sinn gelten muß.
Kommen wir wieder auf das Thema der Rationalität der Manichäer zurück: wie haben sie Augustinus geantwortet?
CIPRIANI: Wie bereits gesagt, berichtet Augustinus, daß er erkannt hatte, wie sehr die Lehre der Wissenschaftler und die manichäischen Bücher in Sachen Himmelsphänomenen wie Revolution der Sterne, Mond- und Sonnenfinsternis, usw. auseinandergingen. Er forderte von seinen manichäischen Freunden eine Erklärung, doch sie wichen ihm aus und sagten, ihr Bischof Faustus würde ihm eine Antwort geben. Als Faustus 383 schließlich nach Karthago kam, berichtete ihm Augustinus von seinen Zweifeln, doch Faustus konnte nichts anderes tun, als ihm demütig seine Unwissenheit einzugestehen. Augustinus fand ihn dennoch sympathisch. Er schätzte Faustus’ Bescheidenheit und Rednergabe. Sein Vertrauen in den Manichäismus hatte er jedoch verloren, da seinen „Wissensdurst“ – wie er schrieb – nicht einmal die namhaftesten Manichäer stillen konnten.

Augustinus auf den Schultern der Personifikation der Tugend der Wahren Religion, Detail.
CIPRIANI: Im 5. Buch der Bekenntnisse, sechstes Kapitel. Die Enttäuschung, die der junge Augustinus angesichts eines Manichäismus empfand, dessen Erklärungen für die Naturphänomene im Kontrast zu denen der Wissenschaft standen, empfinden vielleicht auch heute viele junge Menschen. Menschen, die sowohl wegen ihrer mangelnden religiösen Vorbereitung als auch der Unvorsichtigkeit gewisser „Solon-Christen“ Gefahr laufen können, zu meinen, die Lehre der Heiligen Schrift widerspreche den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft. Und das kann Mißtrauen der Heiligen Schrift und dem christlichen Glauben gegenüber hervorrufen. Augustinus ist nach wie vor von großer Aktualität. In der Passage von De Genesi ad litteram I, 19, 39, die ich vorhin angesprochen habe und die Galilei in seinem Brief von 1615 an die Großherzogin der Toskana, Cristina, zitiert, heißt es:
„Es kommt recht oft vor, daß auch wer kein Christ ist, in Sachen Erde, Himmel, andere Elemente dieser Erde, Bewegung und Revolution oder auch Größe und Entfernung der Himmelskörper, in Sachen Mond- und Sonnenfinsternis, Jahres- und Jahreszeitenwechsel, Natur der Tiere, der Pflanzen, der Steine und in allen anderen Dingen dieser Art, ausreichende Kenntnisse hat und diese kraft des Verstandes oder unbestreitbarer Erfahrungen auch untermauern kann. So ist es wirklich schändlich, schädlich und absolut zu vermeiden, daß sie einen Christen auf der vermeintlichen Grundlage christlicher Texte über diese Dinge reden und einen derartigen Unsinn verbreiten hören, daß jene, die sehen, wie er sich derart ‚verrennt‘, sich kaum das Lachen verkneifen können. Peinlich ist dabei weniger, daß der verhöhnt wird, der irrt, sondern daß Außenstehende denken können, daß die Verfasser unserer Schriften diese Meinungen tatsächlich vertreten haben und sie so als Unwissende verachtet und abgetan werden. Zum großen Schaden jener, für deren Seelenheil wir Sorge tragen. Wenn nämlich jene, die außen stehen, einen Christen dabei ertappen, wie er in ihnen selbst gut vertrauten Dingen einem Irrtum unterliegt, und er seine irrige Meinung mit Zitaten aus unseren Schriften untermauert, wie sollten sie dann jemals besagten Schriften Glauben schenken können in Dingen wie der Auferstehung der Toten, der Hoffnung auf das Ewige Leben und das Himmelreich? Wo sie doch sehen, daß diese Schriften in Dingen, die sie selbst durch Experimente oder genaue Berechnungen überprüfen konnten, Irrtümer enthalten! Man kann nur schwer beschreiben, wie viel Schmerz und Bitterkeit diese Kühnen ihren vorsichtigen Brüdern und Schwestern zufügen, wenn sie – von der perversen Falschheit der Meinungen derer überzeugt, die nicht an die Autorität unserer Schriften gebunden sind und von ihnen kritisiert – versuchen, dieselben heiligen Schriften zur Verteidigung dessen heranzuziehen, was sie mit derart übertrieben kühner Leichtfertigkeit und nur allzu offensichtlicher Falschheit bekräftigt haben! Und sie gehen sogar soweit, viele Wörter aus dem Gedächtnis zu zitieren, die ihrer Meinung nach als Zeugnis gelten können, ‚ohne zu verstehen, was sie sagen oder dessen Bedeutung zu kennen‘.“
Bedeutungsvoll ist – wie wir im Anschluß an dieses Interview anfügen – der Kommentar, den der hl. Johannes Damascenus zu der Schlußfolgerung abgibt, die der hl. Augustinus aus dem Ersten Brief an Timotheus (1, 7) zieht und die man als überaus aktuell bezeichnen könnte: „Die Herrschsucht ist es, die sie dazu zwingt, sich die Rolle der Meister anzumaßen“.