Giuseppe Dossetti
In dieser Situation kam Professor Giuseppe Dossetti – Inhaber des Lehrstuhls für Kirchenrecht an der Katholischen Universität – mit Referenzen von Pater Agostino Gemelli ausgestattet aus Mailand. Der „Nordwind“, den wir bisher kaum wahrgenommen hatten, brauste nun nur so über uns hinweg. Dossetti nahm kein Blatt vor den Mund und bezeichnete den zentralen Apparat kurzerhand als „veraltet“, die peripheren Strukturen als unangemessen.
Giulio Andreotti

Giuseppe Dossetti.
Wer war Giuseppe Dossetti?
Das Geheimnis des Erfolgs der DC (italienische christdemokratische Partei) hing in den ersten Nachkriegsjahren weitgehend von der Fähigkeit junger Menschen ab, sich in einen Kontext einzufügen, der – von Namensänderungen abgesehen – von den Veteranen der italienischen Volkspartei geprägt war. Nicht nur Präsident De Gasperi, sondern auch Persönlichkeiten wie Scelba, Spataro, Piccioni vermittelten uns ein Gefühl der Vertrautheit und ersparten uns – ich spreche hier aus eigener Erfahrung – die traumatische Erfahrung einer Versammlung in Montecitorio [Verfassungsgebende Versammlung von 1945], in der Giganten wie Vittorio Emanuele Orlando, Benedetto Croce, Francesco Saverio Nitti, Ivanoe Bonomi und Pietro Calamandrei vertreten waren.
Wir avancierten zu „Senioren“, und in der Piazza del Gesù herrschte eine große Harmonie, die nur manchmal von dem stürmischen Gemüt Giovanni Gronchis „belebt“ wurde.
In dieser Situation kam Professor Giuseppe Dossetti – Inhaber des Lehrstuhls für Kirchenrecht an der Katholischen Universität – mit Referenzen von Pater Agostino Gemelli ausgestattet aus Mailand. Der „Nordwind“, den wir bisher kaum wahrgenommen hatten, brauste nun nur so über uns hinweg. Dossetti nahm kein Blatt vor den Mund und bezeichnete den zentralen Apparat kurzerhand als „veraltet“, die peripheren Strukturen als unangemessen.
Ich muß aber auch sagen, daß er den Jugendgruppen große Bedeutung beimaß und für deren größere, allgemeine Sichtbarkeit plädierte. Bei einer unserer Versammlungen im Volturno-Theater hielt er eine wunderschöne Rede und führte am Schluß – für uns etwas gänzlich Neues – eine Prozession an, die die Parteihymne Bianco Fiore singend die Via Nazionale entlang zog, bis zum Hauptquartier der Partei.
Zwei seiner Kollegen von der Katholischen Universität holte er in die DC nach Rom: Amintore Fanfani und Giuseppe Lazzati. Ersterem ließ er die vollkommen neu organisierte Leitung des zentralen und peripheren Propagandabüros übertragen. Am Anfang hatte Professor Fanfani die Rolle eines hohen Beamten, beklagte aber sofort die Unangemessenheit unserer Apparate. Er sagte, es wäre Wunschdenken zu meinen, den Kommunisten ein Voluntariat à la Katholische Aktion entgegenhalten und sie damit in die Knie zwingen zu können. Sicher eine richtige und weitblickende Feststellung, De Gasperi aber brachte mehrfach seine Besorgnis über die Kosten eines derartigen Apparats zum Ausdruck.
Die Professoren hatten dennoch nicht nur die Martha-Rolle, sondern leisteten auch einen beachtlichen Beitrag zu den Arbeiten der Verfassungsgebenden Versammlung.
Sie teilten sich ein Apartment in der Via della Chiesa Nuova.
Rom ist eine außergewöhnliche Stadt, wo die Basilica Vallicelliana noch heute, nach so vielen Jahrhunderten, „Chiesa Nuova“ genannt wird. Und „Neue Kirche“ wird sie wohl noch lange heißen.
Ich habe Pater Gemelli erwähnt. Wir von der Katholischen Studentenvereinigung FUCI boten ihm – schuld vielleicht unsere jugendliche Gedankenlosigkeit – nicht den Vorsitz über unsere Studiengruppen an. Für unseren Geschmack war er dem Faschistenregime gegenüber zu nachgiebig, besonders in Sachen Korporativismus. Später sollte ich diese Haltung allerdings revidieren. Die Notwendigkeit eines modus vivendi mit dem Ministerium für nationale Erziehung hat mir nämlich Dossetti erklärt. Und schließlich war die Katholische Universität auch auf Beschluß von Minister Benedetto Croce entstanden und nach vierjähriger „Probezeit“ von Giovanni Gentile definitiv approbiert worden.
Dossetti und seine Freunde bildeten die erste „Strömung“ im Innern der DC. Strömungen waren angeblich dem Zirkulieren von Ideen sehr zuträglich (ein Satz, den Nicola Pistelli prägte, Promotor der sogenannten Basis-Strömung, die Enrico Mattei mit Nachdruck gewollt und Don Sturzo so sehr kontrastiert hatte).

Staatspräsident Giorgio Napolitano mit den Präsidenten der Kammer und des Senats, Fausto Bertinotti und Franco Marini, sowie dem Präsidenten des Verfassungshofes, Franco Bile (5. Dezember 2006, Palazzo Montecitorio: Studientagung zur Rolle Giuseppe Dossettis in der Verfassungsgebenden Versammlung und der italienischen Politik).
Erst das persönliche Einschreiten Pius’ XII. überzeugte die katholische Welt und fast alle „Dossettianer“, ihren Widerstand gegen einen Militärpakt aufzugeben. Da war aber auch die Sorge, den Widerstand gegen den Nordatlantikpakt nicht zum Monopol der Linken werden zu lassen.
Ich habe noch heute den Entwurf eines Briefes, den ich an Präsident De Gasperi schrieb und in dem ich seine Absicht, die „Dossettianer“ in die Arbeit unserer Partei einzubinden, befürwortete.
Viele „Senioren“ waren mit dieser Öffnung nicht einverstanden, und als die Regierung De Gasperi wegen des Verrats der kleineren alliierten Parteien resignieren mußte, wurde De Gasperis Kandidatur für das Amt des Parteivorsitzenden von ihnen nicht unterstützt.
Die Dossetti-Gruppe spaltete sich jedoch auch in den eigenen Reihen, als Fanfani gegen den Wunsch Dossettis in die Regierung eintrat. Der Briefwechsel La Pira-Fanfani wirft Licht auf diese Ereignisse. Die Verleger des Buches haben das wohl nicht verstanden, weshalb ich es bei der Buchvorstellung in Siena auch herausstellen wollte.
Die politische Berufung Dossettis verflüchtigte sich allmählich immer mehr, so daß er sich selbst davon überzeugte, daß es eben doch nicht Gottes Wille war und daß sein Engagement – im Befreiungskomitee in Reggio Emilia aufgenommen – die Endstation erreicht hatte. Die Partei verlor eine wesentliche Stütze. Dossetti hatte sich nicht nur mit Gesetzen und den großen Problematiken befaßt, sondern auch entschieden und engagiert die Suche nach Lösungen in spezifischen Fragen vorangetrieben.
Als Beispiel dafür möchte ich ein Treffen nennen, bei dem er mich zum Untersekretär bestellt hatte. Der Markt für Parmesan aus Reggio Emilia war gerade in Krise, und man mußte eine Lösung finden. Er erklärte, daß die Vorräte auch den Banken Probleme bereiteten, die sie als Garantie akzeptiert hatten.
Nach seinem Abschied von Rom und von der Zentralregierung wollte Dossetti endlich seiner Berufung zum Priesteramt folgen. Kardinalerzbischof Giacomo Lercaro konnte ihn aber davon überzeugen, für das Bürgermeisteramt der Stadt Bologna – historische Hochburg der kommunistischen Partei Italiens – zu kandidieren.
Nach seinem Abschied von Rom und von der Zentralregierung wollte Dossetti endlich seiner Berufung zum Priesteramt folgen. Kardinalerzbischof Giacomo Lercaro konnte ihn aber davon überzeugen, für das Bürgermeisteramt der Stadt Bologna – historische Hochburg der kommunistischen Partei Italiens – zu kandidieren.
Hier sei angemerkt, daß Bürgermeister Dozza in ständigem Kontakt zu Minister Scelba stand. Einmal, als er Dozza im Innenministerium empfangen hatte, rief mich Scelba an mit der Bitte, auf das CONI [Nationales Olympisches Komitee, Anm.d.Red.] einzuwirken. Der Grund waren ärgerliche Terminprobleme in einer Angelegenheit, die das Stadion der Stadt Bologna betraf.
Wer den Kardinal auf die Idee einer Kandidatur Dossettis gebracht hatte, hatte vielleicht gemeint, daß die Stadt, die sich immerhin der ältesten Universität Europas rühmen kann (von der Sorbonne einmal abgesehen), wohl gerne einen Universitätsprofessor zum Bürgermeister hätte. Doch das war offensichtlich ein Irrtum.
So war das Priesteramt letztendlich eindeutig das, was der Herr von Dossetti wollte, der diesen Weg dann auch tatsächlich mit einer besonderen Sensibilität für die Heiligen Stätten und die Heilige Schrift einschlug.
Sein kleines Zönakel – so ganz anders als die Gemeinschaft der Chiesa Nuova – wurde zur spirituellen und kulturellen Zufluchtsstätte vieler, auch fernstehender Menschen.
Zum letzten Mal sah ich Dossetti bei einer Gedächtnisfeier für Kardinal Lercaro in Bologna. In seiner Kutte sah er wie ein Einsiedler aus. Er war ausgesprochen liebenswürdig und sprach mit heiterer Ruhe von seiner apostolischen Arbeit.
Mir kam jene Stelle des Evangeliums in den Sinn, in der als optima pars der der Kontemplation genannt wird. Und tatsächlich hat Giuseppe Dossetti, wie ich bereits erwähnte, die Martha-Rolle in seinen römischen Jahren ja auch mit großem Engagement gespielt.