Zurück an jenem Ort, von Dankbarkeit getrieben
von Pina Baglioni
Ein paar Tage vor unserer
Begegnung mit der Mutter Oberin der Augustinerinnen, Sr. Rita Mancini,
Mitte Juni dieses Jahres, hatten sich schon ein älterer Herr und eine
Dame vor dem Tor des Klosters „Santi Quattro Coronati“
eingefunden: Davide Viterbo, Professor für Mineralogie an der
Universität Ost-Piemont, und seine Frau.
Vor dem Anklopfen hatte sich Professor Viterbo ein bisschen verloren umgeblickt. Vor mehr als 60 Jahren war er schon einmal hier gewesen; er war damals fünf Jahre alt. Und nicht nur er war hier gewesen, sondern seine ganze Familie. Aber als er jetzt vor dieser Klosterpforte stand, ließ ihn die Erinnerung im Stich. Da beschloß er, seine Schwester Amalia in Turin anzurufen, um sich das Gedächtnis auffrischen zu lassen. Als sie ihm bestätigte, dass es wirklich der Ort war, nach dem er suchte, bat er darum, von Sr. Rita empfangen zu werden. Er wollte jenen Ort wiedersehen, wo er, sein Vater, seine Mutter, die anderen drei Geschwister und die Großeltern mütterlicherseits im Jahr 1943 Unterschlupf gefunden hatten. Seine Familie hatte aufgrund der Judenverfolgung ihre Heimat Turin verlassen müssen. Und jetzt war es ihm ein Anliegen, den „Nachfolgerinnen“ jener Schwestern zu danken, die die Familie vor sechzig Jahren so liebevoll und uneigennützig beschützt hatten. In der Hoffnung, vielleicht noch die ein oder andere von ihnen vorzufinden.
Aber Professor Viterbo hat sich bei den Schwestern nicht nur bedankt, sondern ihnen auch ein schriftliches Zeugnis seiner Schwester, Amalia Rossetto Viterbo, überreicht, in dem sie die Odyssee ihrer Familie beschreibt, die auf der Flucht vor den Nazis alles zurücklassen hatte müssen.
Wir haben Frau Amalia Viterbo kontaktiert und sie gebeten, dieses Zeugnis veröffentlichen zu dürfen. Sie erzählte uns sichtlich ergriffen, dass ihr ihre Mutter kurz vor dem Tod ans Herz gelegt hatte, nicht auf die Schwestern zu vergessen. „Ich schicke ihnen jedes Jahr zu Weihnachten Geschenke,“ erzählte uns Frau Amalia, inzwischen pensionierte Italienischlehrerin. „Meine Mutter sagte uns immer, dass wir nicht vergessen dürften, was die Nonnen vom Kloster Santi Quattro und auch die Schwestern Unserer Lieben Frau vom Kalvarienberg für uns getan hatten, die damals ebenfalls in dem großen Komplex der Basilika Santi Quattro untergebracht waren. Sie kümmerten sich um taubstumme Kinder. Mein Vater und mein Großvater schliefen in der Klausur. Mich und den Rest der Familie hatte man dagegen im Konvent im vorderen Teil des Gebäudes versteckt, bei den Schwestern UnsererLieben Frau vom Kalvarienberg. Deren Mutter Oberin, Sr. Maria Artemia, hatte uns sogar ihr Zimmer zur Verfügung gestellt. Am meisten beeindruckte mich, wie viel Würde diese Frauen besaßen. Vor allem Mutter Rita Saporetti, die Oberin der Klausurschwestern. Wie gebildet war sie doch, welch große Spiritualität besaß sie! Und dann war sie noch so sympathisch! Sie ließ sich auch in jenen schrecklichen Tagen nicht aus der Ruhe bringen, widmete sich ihrer Arbeit, dem Gebet, den schönen liturgischen Feiern, als wäre nichts geschehen. Es war selbstverständlich für sie, das wenige, was sie hatte, mit uns zu teilen.“
Das hier veröffentlichte Zeugnis beginnt im Jahr 1938, dem Jahr der antijüdischen Gesetze und der Flucht von Turin nach Rom. Es endet im April 1945, als es der Familie Viterbo endlich möglich war, nach Hause zurückzukehren.
Kurz vor der Befreiung Roms am 4. Juni 1944 erhielt die Familie, die inzwischen in der Via Pierluigi da Palestrina wohnte, Besuch von zwei berühmten Verwandten: der Großtante Rita Montagnana, Schwester der Großmutter, und deren Ehemann Palmiro Togliatti, Sekretär der italienischen kommunistischen Partei. Letztere spielte ebenfalls ein wichtige Rolle in der Partei und war die Gründerin der Zeitschrift Noi donne – Aushängeschild der Frauenemanzipationsbewegung. Die beiden „hatten sich nach langem Aufenthalt in der Sowjetunion in Rom niedergelassen,“ erzählt Frau Amalia. „Palmiro machte einen sehr distanzierten Eindruck, schien auf den ersten Blick kalt und unnahbar. Uns Kinder jedoch hatte er sehr gern, nahm uns oft in den Arm und erzählte uns Märchen und Geschichten aus seinem Leben.“
Vor dem Anklopfen hatte sich Professor Viterbo ein bisschen verloren umgeblickt. Vor mehr als 60 Jahren war er schon einmal hier gewesen; er war damals fünf Jahre alt. Und nicht nur er war hier gewesen, sondern seine ganze Familie. Aber als er jetzt vor dieser Klosterpforte stand, ließ ihn die Erinnerung im Stich. Da beschloß er, seine Schwester Amalia in Turin anzurufen, um sich das Gedächtnis auffrischen zu lassen. Als sie ihm bestätigte, dass es wirklich der Ort war, nach dem er suchte, bat er darum, von Sr. Rita empfangen zu werden. Er wollte jenen Ort wiedersehen, wo er, sein Vater, seine Mutter, die anderen drei Geschwister und die Großeltern mütterlicherseits im Jahr 1943 Unterschlupf gefunden hatten. Seine Familie hatte aufgrund der Judenverfolgung ihre Heimat Turin verlassen müssen. Und jetzt war es ihm ein Anliegen, den „Nachfolgerinnen“ jener Schwestern zu danken, die die Familie vor sechzig Jahren so liebevoll und uneigennützig beschützt hatten. In der Hoffnung, vielleicht noch die ein oder andere von ihnen vorzufinden.
Aber Professor Viterbo hat sich bei den Schwestern nicht nur bedankt, sondern ihnen auch ein schriftliches Zeugnis seiner Schwester, Amalia Rossetto Viterbo, überreicht, in dem sie die Odyssee ihrer Familie beschreibt, die auf der Flucht vor den Nazis alles zurücklassen hatte müssen.
Wir haben Frau Amalia Viterbo kontaktiert und sie gebeten, dieses Zeugnis veröffentlichen zu dürfen. Sie erzählte uns sichtlich ergriffen, dass ihr ihre Mutter kurz vor dem Tod ans Herz gelegt hatte, nicht auf die Schwestern zu vergessen. „Ich schicke ihnen jedes Jahr zu Weihnachten Geschenke,“ erzählte uns Frau Amalia, inzwischen pensionierte Italienischlehrerin. „Meine Mutter sagte uns immer, dass wir nicht vergessen dürften, was die Nonnen vom Kloster Santi Quattro und auch die Schwestern Unserer Lieben Frau vom Kalvarienberg für uns getan hatten, die damals ebenfalls in dem großen Komplex der Basilika Santi Quattro untergebracht waren. Sie kümmerten sich um taubstumme Kinder. Mein Vater und mein Großvater schliefen in der Klausur. Mich und den Rest der Familie hatte man dagegen im Konvent im vorderen Teil des Gebäudes versteckt, bei den Schwestern UnsererLieben Frau vom Kalvarienberg. Deren Mutter Oberin, Sr. Maria Artemia, hatte uns sogar ihr Zimmer zur Verfügung gestellt. Am meisten beeindruckte mich, wie viel Würde diese Frauen besaßen. Vor allem Mutter Rita Saporetti, die Oberin der Klausurschwestern. Wie gebildet war sie doch, welch große Spiritualität besaß sie! Und dann war sie noch so sympathisch! Sie ließ sich auch in jenen schrecklichen Tagen nicht aus der Ruhe bringen, widmete sich ihrer Arbeit, dem Gebet, den schönen liturgischen Feiern, als wäre nichts geschehen. Es war selbstverständlich für sie, das wenige, was sie hatte, mit uns zu teilen.“
Das hier veröffentlichte Zeugnis beginnt im Jahr 1938, dem Jahr der antijüdischen Gesetze und der Flucht von Turin nach Rom. Es endet im April 1945, als es der Familie Viterbo endlich möglich war, nach Hause zurückzukehren.
Kurz vor der Befreiung Roms am 4. Juni 1944 erhielt die Familie, die inzwischen in der Via Pierluigi da Palestrina wohnte, Besuch von zwei berühmten Verwandten: der Großtante Rita Montagnana, Schwester der Großmutter, und deren Ehemann Palmiro Togliatti, Sekretär der italienischen kommunistischen Partei. Letztere spielte ebenfalls ein wichtige Rolle in der Partei und war die Gründerin der Zeitschrift Noi donne – Aushängeschild der Frauenemanzipationsbewegung. Die beiden „hatten sich nach langem Aufenthalt in der Sowjetunion in Rom niedergelassen,“ erzählt Frau Amalia. „Palmiro machte einen sehr distanzierten Eindruck, schien auf den ersten Blick kalt und unnahbar. Uns Kinder jedoch hatte er sehr gern, nahm uns oft in den Arm und erzählte uns Märchen und Geschichten aus seinem Leben.“