Leonardos Letztes Abendmahl
Jahrelang in Umlauf gebrachte fantasievolle und verwirrende Interpretationen haben unseren Blick auf dieses Gemälde verschleiert, das doch eigentlich eine getreue Wiedergabe des Johannes-Evangeliums ist. Fast schon ein Fotogramm jenes Moments, in dem Jesus zu den Aposteln sagte: „Einer von euch wird mich verraten.“
von Giuseppe Frangi

Das Letzte Abendmahl, Leonardo da Vinci, Santa María delle Grazie, Mailand.
In Wahrheit läßt sich Leonardo in diesem Meisterwerk der Malkunst jedoch – wie nie zuvor in seinem Leben – von einer tiefen Detailtreue zum Evangelium leiten. Sein Letztes Abendmahl ist wie ein Fotogramm, das sich detailgetreu an Johannes anlehnt, genau genommen an Kapitel 13, Vers 24.
Wie jeder weiß, befinden wir uns im Refektorium eines Klosters; und in derartigen Refektorien waren – vor allem in Florenz – oft Darstellungen des Letzten Abendmahls zu finden: man denke nur an die wunderbaren Gemälde von Andrea del Castagno, Ghirlandaio oder Andrea del Sarto.
Als er von Ludwig von Mailand angeworben wurde, „exportierte“ Leonardo diese Tradition ins Refektorium der Dominikaner-Kirche „Santa Maria delle Grazie“, die auch die Kirche war, die der Herzog zum „Familienschrein“ auserkoren hatte. Hier wollte er dereinst mit seiner Gemahlin Beatrice d’Este zur letzten Ruhe gebettet werden. 1495 wurden die Gerüste aufgestellt und Leonardo machte sich, in dem ihm eigenen Rhythmus und Stil ans Werk, die Freskotechnik vermeidend, die ihm einen ganz anderen Rhythmus auferlegt hätte, und stattdessen für die Temperamalerei optierend – mit den allseits bekannten katastrophalen Resultaten.

In der Tat hält sich der Künstler mit der Hartnäckigkeit eines Berichterstatters an die Erzählung des Johannes-Evangeliums. Und wählt aus dem Fluß der Erzählung einen Moment aus, den überraschendsten und beängstigendsten. Jesus, am Tisch sitzend, hat gerade eine Ankündigung gemacht, die seinen Tischgenossen das Blut in den Adern gefrieren läßt: „Amen, Amen, das sage ich euch: einer von euch wird mich verraten.“ Worte, die wie ein Donner einschlagen und die Aufregung erklären, die die Apostel ergreift. Viele von ihnen sind wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen. Blicken einander ungläubig, ja, mißtrauisch an. „Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wußten, wen er meinte,“ schreibt Johannes. Leonardo schließt sich ihm an, als wäre er selbst anwesend, würde von diesem Moment der Bestürzung „Bericht erstatten“, um die Erzählung des Evangelisten mit einer fast schon „fotografischen“ Beschreibung der ganzen Tischgemeinschaft „auszuweiten“. Im berühmten Forster-II-Kodex – heute im Londoner Victoria and Albert Museum – beschreibt der Maler die Szene: „Einer, der gerade getrunken hat, setzt seinen Becher ab und dreht seinen Kopf zum Sprecher. Ein anderer verschränkt die Finger und wendet sich stirnrunzelnd seinem Kumpan zu… Einer flüstert seinem Tischnachbarn etwas ins Ohr, und der, der ihm zuhört, neigt sich vor, leiht ihm sein Ohr, ein Messer in einer Hand haltend… Ein anderer leert beim Umdrehen seinen Becher über die Schulter. Einer legt die Hände auf den Tisch und starrt vor sich hin. Ein anderer wiederum seufzt lautlos in seinen Becher. Einer beugt sich vor, um den Sprecher besser sehen zu können… Ein anderer stellt sich hinter den, der sich vorgebeugt hat und schaut auf den Sprecher zwischen der Mauer und dem, der sich vorgebeugt hat.“
Dann konzentriert Leonardo seinen „Zoom“ auf einen noch wichtigeren Moment. Den, der vom Evangelisten in Vers 23 erzählt wird. „Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte“: Johannes erinnert sich gut an dieses Detail, weil er in Wahrheit von sich selber sprach. Keiner der Apostel weiß, wie er sich an Jesus wenden, ihm das Geheimnis dieser schrecklichen Worte entreissen soll. Thomas weiß es nicht, der mit ausgestrecktem Zeigefinger (demselben, mit dem er nach der Auferstehung den Leib des Herrn „berühren“ sollte) ein wenig Klarheit zu erflehen scheint. Jakobus weiß es nicht, der – mit ausgebreiteten Armen – wie gelähmt scheint vor Bestürzung. Philippus weiß es nicht, der sich, ein wenig bleich, die Hände auf die Brust legt, wie um klarzustellen, daß er nichts damit zu tun hat.

Petrus dagegen, der hinter der Gestalt des Judas erscheint, hat bereits ein Messer umfasst. Und Petrus, leidenschaftlich und hellwach, zur Verteidigung Jesu zu allem bereit, was er ein paar Stunden später unter Beweis stellen sollte, als er mit diesem Messer einem der Soldaten, die gekommen waren, um den Herrn fortzuführen, ein Ohr abschnitt.
Der Aufruhr, den Jesus mit seiner Ankündigung ausgelöst hat, hat jedoch bereits eine präzise Ordnung hervorgerufen: in der Kette der Apostel scheint Judas wie abgeschnitten, allein, den Beutel mit den verfluchten Geldmünzen in der Hand. Er ist zwar anwesend, aber es ist, als wäre er schon weit weg, unwiederbringlich fremd, ein Feind.
Auf diese Weise, ein Fragment nach dem anderen darstellend, wird dieses Meisterwerk des Leonardo, das wir wohl schon unzählige Male gesehen haben, wieder zu dem, was es wirklich ist: die getreue Rekonstruktion eines der dramatischsten Momente der Menschheitsgeschichte. Eine präzise Rekonstruktion wie die eines Berichterstatters; vor allem aber eine genaue Rekonstruktion menschlicher Regungen, wie sie nur die Intuition eines Genies umsetzen konnte. Und nachdem man den nun endlich nicht länger verschleierten Blick darauf geworfen hat, ist nur schwer zu glauben, daß sich die Dinge nicht wirklich so ereignet haben…