Startseite > Archiv > 05 - 2006 > 1966-1969. Die schwierigen Jahre
BENEDIKT XVI.
Aus Nr. 05 - 2006

1966-1969. Die schwierigen Jahre


Joseph Ratzinger als Professor in Tübingen, der theologischen Hochburg. Seine eindeutige Zustimmung zur Konzilsreform wird in einer doppelten Weise auf die Probe gestellt: von einer neuen Form des kirchlichem Triumphalismus, dem Progressismus, und von gesellschaftlichem Protest. Die Erinnerungen ehemaliger Kollegen und Studenten.


von Gianni Valente


Joseph Ratzinger; im Hintergrund, die Universität Tübingen.

Joseph Ratzinger; im Hintergrund, die Universität Tübingen.

In der Mitte der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts war Tübingen für jeden deutschen Theologen, der etwas auf sich hielt, eine Art Gelobtes Land. Mit seiner Jahrhunderte alten evangelischen Fakultät, im Spätmittelalter gegründet und in der Reformation zum Hort des Protestantismus geworden, und nicht zuletzt mit seiner katholischen Fakultät, die am Anfang des 19. Jahrhunderts die Arbeit aufgenommen hatte, schien die schwäbische Zitadelle der Theologie der geeignete Ort für all jene Katholiken zu sein, die – eine große theologische Tradition aufgreifend und fortsetzend – die wissenschaftlichen Früchte des Konzils ernten und die „Zeichen der Zeit“ erkennen wollten.
Joseph Ratzinger war 1966 noch keine vierzig Jahre alt, aber seine Haare waren schon grau, und die maßgebliche Teilnahme am II. Vatikanischen Konzil hatte seinen Ruf als „Wunderkind“ der deutschen Theologie endgültig gefestigt. Das Konzil war zuendegegangen. Die Stimmung war noch immer euphorisch und hoffnungsvoll. Aber die Erwartung einer glücklichen Zeit für die Kirche in der Welt war von allerlei Widrigkeiten geprägt. Schon in jenem Jahr hatte Joseph Ratzinger in einem Vortrag über das Konzil diese von Kontrasten geprägte innere Befindlichkeit der Kirche aufgezeigt, und erklärt, daß es ihm wichtig zu sein schien, vor der Gefahr zu warnen, der in dem neuen Triumphalismus liege, in den gerade diejenigen verfielen, die den vergangenen Triumphalismus kritisierten. Solange die Kirche Pilgerin auf Erden sei, habe sie kein Recht, sich ihrer selbst zu rühmen. Diese neue Weise, ihren eigenen Fortschritt zu preisen, könne – so Ratzinger – noch gefährlicher werden als das Tiaren und Tragsessel in der Vergangenheit waren, die auf jeden Fall schon früher eher ein Lächeln als großen Stolz hervorgerufen hatten.
Die Berufung an die katholische Fakultät in Tübingen hatte den Professor, der erst seit drei Jahren in Münster unterrichtete, auf Betreiben Hans Küngs erreicht. Er wurde dabei unterstützt von einem anderen, ebenfalls noch jungen Kollegen, Max Seckler. Dieser erklärt 30Tage gegenüber: „Damals erlebten wir gerade einen Generationsübergang, viele der alten Professoren gingen in Pension. Um die Fakultät ‚aufzustocken‘, drängten einige darauf, den Lehrstuhl für Dogmatik älteren, bereits renommierten Professoren anzuvertrauen. Ich war 1966 39 Jahre alt, Küng 38. Wir haben darum gekämpft, daß noch ein anderer junger Professor an die Fakultät geholt wurde. Und Ratzinger war damals der Mann der Zukunft.“ Der freundliche, im Allgemeinen zurückhaltende bayerische Professor und sein ungestümer, polemischer Schweizer Kollege hatten sich 1957 kennengelernt. Als theologische Berater hatten sie an der letzen Konzilssitzung teilgenommen, und schon damals war nicht zu übersehen, daß sie verschiedene Meinungen darüber hatten, wie sich diese Periode des Konzils, ja das Konzil überhaupt im Alltagsleben der Kirche niederschlagen sollten. Aber damals – so erklärt Ratzinger in seiner Autobiographie – „betrachteten wir beide dies als rechtmäßige Unterschiede in theologischen Positionen [...], ich dachte aber doch, daß der grundlegende Konsens katholischer Theologen davon unberührt bleiben würde“ [Joseph Kardinal Ratzinger: Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927-1977), Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, Stuttgart 1998. S. 137]. 1964 gehörten die beiden zu den Gründermitgliedern von Concilium, der internationalen Zeitschrift der „Einheitsfront“ der Konzilstheologen. „Küng wußte, daß er und Ratzinger in vielen Dingen nicht einer Meinung waren,“ erklärt Seckler, „aber er sagte: Mit den Besten kann man verhandeln und zusammenarbeiten; die Mittelmäßigen sind die, die Probleme schaffen.“ Wolfgang Beinert, Habilitand Ratzingers in Tübingen, später Professor in Regensburg, meint, daß Küng Ratzinger vielleicht gerade deshalb in Tübingen haben wollte, damit die Studenten mit einem anderen Konzilstheologen konfrontiert würden, einem, der anders war als er und der sozusagen als Gegengewicht zu seiner einseitigen Theologie fungierte. Andere, weniger aufgeschlossene Professoren – so Beinert – hatten die Distanz zwischen den beiden nicht einmal wahrgenommen, auch Ratzinger als gefährlichen liberalen Reformer eingestuft und gemeint, ein Küng sei genug ...

Ein Tonbandgerät für einen Bestseller
Den Neubeginn in Tübingen geht Ratzinger wie immer an: Er stürzt sich voller Begeisterung in die Arbeit. Er hofft, daß ihm seine neue Position ermöglicht, fruchtbare Beziehungen auch zu den Theologen der evangelischen Fakultät anzuknüpfen. Seine Vorlesungen mit ihrer ganz besonderen Art – sein Enthusiasmus, seine gehaltvolle, auf die Väter und die Liturgie gestützte Theologie, seine klare, poetische Sprache, die vorurteilslose Aufgeschlossenheit allen Fragen jener verworrenen Zeit gegenüber – werden von den Theologiestudenten, und nicht nur von diesen, mit Begeisterung gehört. Schon zu den ersten Vorlesungen kommen mehr als 400 Studenten. Auch der Ansturm auf die Seminare ist groß; wer teilnehmen will, muß eine Eignungsprüfung in Griechisch und Latein bestehen. Prälat Helmut Moll, der später lange Jahre in der Kongregation mit seinem ehemaligen Professor zusammenarbeiten sollte, weiß zu berichten: „Um an einem Seminar über Mariologie teilzunehmen, mußte ich eine Zulassungsprüfung über marianische Texte der ersten Jahrhunderte in Griechisch und Latein ablegen. Aber zwischen anderen Professoren der systematischen Theologie und Ratzinger war kein Vergleich. Die Vorlesungen, die ich in Bonn bei neoscholastischen Professoren gehört hatte, waren trocken und uninteressant, nur eine Liste von exakten theologischen Definitionen, nicht mehr. Als ich in Tübingen hörte, wie Ratzinger von Jesus oder vom Heiligen Geist sprach, schien es stellenweise, als hätten seine Worte fast schon Gebetscharakter.“
Im Jahr 1967 kann Ratzinger ein Projekt umsetzen, an das er schon seit 10 Jahren denkt: einen Vorlesungskurs nicht nur für Theologiestudenten, der als Erklärung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses aufgebaut ist und – alle gärenden Fragen der Zeit in sich fassend – „Inhalt und Sinn des christlichen Glaubens“ wiedergibt, der dem neuen Professor als „heute von einem Nebel der Ungewissheit umgeben wie kaum irgendwann zuvor in der Geschichte“ erscheint [Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, Kösel-Verlag, München, S. 27]. Schon früh am Morgen kommen Studenten aller Fakultäten, um ihm zu lauschen, aber nicht nur sie: auch Pfarrer, Ordensleute, einfache Gläubige finden sich ein. Peter Kuhn, den Ratzinger in Tübingen als Assistenten an seiner Seite hatte, sitzt oft bis spät in der Nacht über seinen Büchern und es fällt ihm nicht immer leicht, bei den Vorlesungen zu so früher Stunde aufmerksam zu sein. „Wenn ich dann manchmal einnickte,“ erzählt er, „stießen mich meine Banknachbarn, wenn sie meinten, daß es der Professor bemerkt hatte, schonungsvoll in die Seite. Ich legte dann die Hand über die Augen und tat so, als würde ich tief nachdenken.“ Dafür nimmt Kuhn jedoch ein sperriges Tonbandgerät zu der wichtigsten Vorlesung mit und läßt die Bänder dann von der Sekretärin abtippen. Aus diesen Aufzeichnungen entsteht Einführung in das Christentum, der erste Bestseller aus der Feder Ratzingers, herausgegeben vom Verleger Heinrich Wild. Das Buch erlebte allein im ersten Jahr zehn Neuauflagen und dann Übersetzungen in mehr als 20 Sprachen. In jenem Jahr beteiligt sich der neue Professor auch aktiv an den Initiativen, die man anlässlich der 150-Jahr-Feier der katholisch-theologischen Fakultät Tübingen ins Leben gerufen hat. Für ihn ist das eine gute Gelegenheit, durch das Eintauchen in die berühmte katholische Tübinger Schule neue Perspektiven zu gewinnen. Es handelt sich dabei vor allem um eine Gruppe von Theologen mit Johann Adam Möhler als hervorragendstem Vertreter, die in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entscheidend zur Entstehung der historischen Theologie beigetragen hatte. Sie ging vom gleichen heilsgeschichtlichen Ansatz aus, den Ratzinger schon seit seiner Zeit in Freising und München bevorzugt hatte. Es wäre schön – denkt Ratzinger –, die Lehre Möhlers und seiner Schule neu zu entdecken, um dem vom Konzil aufgezeigten Weg des Zeugnisses der Kirche in der modernen Gesellschaft neuen Auftrieb zu geben. Aber das Klima der Fakultät wird von einer ganz anderen Dynamik beeinflusst. „Ratzinger,“ meint Kuhn „hat vielleicht gehofft, an die große Tübinger Tradition anschließen zu können. Aber als wir gekommen sind, gab es im Grunde diese große Tradition schon nicht mehr.“

Der Standesdünkel der Theologieprofessoren
Die Beziehung Ratzingers zu seinen Tübinger Kollegen war bis zum Schluß formell und höflich, ja teilweise herzlich. Bei seinen Vorlesungen betonte Küng oft, wie sehr er seinen bayerischen Kollegen schätze und daß sie dieselben Ansichten teilten. Auch Ratzinger bestätigte in der Öffentlichkeit, daß es mit seinem Schweizer Freund keine Probleme gäbe. Excusationes non petitae.
Aber die menschlichen und theologischen Unterschiede zwischen den beiden „ganz Großen“ der Fakultät, den Inhabern der beiden Lehrstühle für Dogmatik, sind offensichtlich. Der extrovertierte Schweizer fährt einen weißen Alfa Romeo, ist geschmackvoll und elegant gekleidet. An ihn wenden sich die Journalisten, wenn sie jemanden suchen, der die Polemik, von der die Kirche der Nachkonzilszeit erschüttert wird, noch mehr anheizt. Der freundliche, ruhige Bayer dagegen geht gern zu Fuß oder benützt die öffentlichen Verkehrsmittel, zelebriert jeden Morgen die Messe in der Kapelle eines Studentinnenheims; ansonsten verbringt er seine Zeit damit, zu studieren und seine Vorlesungen vorzubereiten. An seinem schlichten und zurückhaltenden Lebensstil hat sich nichts geändert. „Als wir einmal mit Studenten eine Fahrt unternahmen und in einem Wirtshaus zu Mittag aßen“, erinnert sich Kuhn, „bestellte er für sich und auch für uns nur Wiener Würstel, weil er bei uns diejenige Bescheidenheit voraussetzte, die er selbst besaß. Wir wagten unseren gesunden jugendlichen Hunger nicht zu äußern. Später hat sich das natürlich geändert, und er lud und lädt immer zu einem guten und reichhaltigen Essen ein.“ Aber gerade dort, im konkreten Universitätsleben, zwischen einer Vorlesung und der anderen, den Seminaren, Vorträgen und Prüfungen, tritt unter der scheinbaren Einstimmigkeitsetikette des Konzils allmählich die zunehmende Distanz zwischen Ratzinger und einigen seiner Kollegen hervor. Sie betrifft fundamentale Bereiche.
Ratzinger glaubt, daß all die wichtigen Fortschritte, die ihn während des Konzils so begeisterten – die biblische und patristische Erneuerung, die Öffnung der Welt gegenüber, die ehrliche Frage der Einheit mit den anderen Christen, die Befreiung der Kirche von all dem Blendwerk, das sie beschwert und ihre Sendung behindert – nichts mit dem destruktiven, fast ikonoklastischen Progressismus gemeinsam haben, von dem manche seiner Kollegen besessen zu sein scheinen. Die Rolle, die Kollegen bei den Konzilsarbeiten gespielt haben, ist bei vielen zu einer Art „Standesdünkel“ geworden, der auch die elementarsten Aspekte der Lehre und des Lebens der Kirche dem Urteil der „Experten“ unterstellen will. „Bei der Vorlesung“, berichtet Moll „schienen die Professoren jeden Konsens hinsichtlich der wesentlichen Glaubendinge verloren zu haben. Uns Studenten schwirrte der Kopf. Man mußte immer Stellung nehmen zu Dingen, die doch bisher immer außer Frage zu stehen schienen: Gibt es den Teufel, oder gibt es ihn nicht? Sind es sieben Sakramente, oder sind es nur zwei? Können Nicht-Ordinierte die Eucharistie feiern? Gibt es einen Primat des Bischofs von Rom, oder ist das Papsttum nur ein despotisches Regime, das es abzuschaffen gilt?“ Der Redemptorist Réal Tremblay, der 1969 aus Kanada nach Tübingen kam, um bei Ratzinger zu promovieren, und heute Professor an der Academia Alfonsiana ist, meint: „Ich habe immer geglaubt, daß die Aggressivität Küngs auch auf die Probleme zurückzuführen war, die er als Student in Rom gehabt hatte. Er ist einer von denen, denen es nicht gelang, die antirömischen Emotionen aus den in der Jugendzeit gemachten Erfahrungen aufzuarbeiten. Diese Probleme hatte Ratzinger auch deshalb nicht, weil er nicht in Rom studiert hatte.“
Katholische und evangelische Studenten 
demonstrieren auf den Bonner Straßen (Mai 1966).

Katholische und evangelische Studenten demonstrieren auf den Bonner Straßen (Mai 1966).

Der umfassend gebildete Theologe, der bei Augustinus, Newman und Guardini in die Schule gegangen war, findet die Scheuklappen des neuen Konformismus, dem viele seiner Kollegen: der Exeget Herbert Haag, der Moralist Alfons Auer, der Kanonist Johannes Neumann, verfallen scheinen, unerträglich: Er, der sich beim Konzil mit Congar und de Lubac angefreundet hat, macht keinen Hehl daraus, mit den Parolen des neuen „progressistischen“ Triumphalismus nicht viel anfangen zu können. Martin Trimpe, einer der Mitarbeiter Ratzingers in den Tübinger und Regensburger Jahren, erinnert sich, daß einmal, in der überfüllten Neuen Aula der Universität, zwischen verschiedenen Professoren eine öffentliche Debatte über den Primat des Papstes im Gang war. Küng hatte gesagt, daß der wahre Typ eines Papstes der von Johannes XXIII. verkörperte sei, denn dessen Primatsausübung habe einen pastoralen, nicht jurisdiktionalen Charakter getragen. Ratzinger schwieg dazu weise. Da begannen die Studenten seinen Namen zu skandieren: Rat-zin-ger! Rat-zin-ger! Sie wollten wissen, was er darüber dachte. Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern antwortete ruhig, daß das von Küng beschriebene Bild zu korrigieren sei, weil man alle mit dem Petrusdienst zusammenhängenden Aspekte in Betracht ziehen müsse. Wenn man sich nämlich nur auf den pastoralen Aspekt versteife, würde man Gefahr laufen, nicht den Hirten der universalen Kirche darzustellen, sondern vielleicht einen universalen Hampelmann, den man manipulieren könne, wie es einem gefalle.
Ratzinger beugt sich nicht, behält seinen kritischen Geist bei, aber er sucht gewiß auch keine Auseinandersetzungen mit seinen Kollegen. Es liegt ihm fern, den Helden zu spielen, akademischen Streit meidet er. Er denkt gar nicht daran, die Rolle des ewigen Neinsagers zu übernehmen, der den Widerstand gegen die verwirrenden Lehren der anderen organisiert.
Aus den Tübinger Jahren sind keine Konflikte zwischen Ratzinger und den übrigen Professoren bekannt, die ihn ja sogar zum Dekan wählen. Die Beziehungen zu Küng zerbröckeln in einer langsamen und stillen inneren Ablösung, einem allmählichen Sich-Entfernen, aber ohne eklatante Auseinandersetzungen. „Küng hat Ratzinger nur ein einziges Mal angegriffen,“ weiß Seckler zu berichten, „und nicht wegen der Theologie.“ Die beiden hatten vereinbart – und das galt für jedes Semester –, daß wenn einer den Hauptkurs in Dogmatik hielt, dem anderen der ergänzende Kurs zufiel und er somit mehr Zeit für andere Aktivitäten hatte. Als Ratzinger ankündigte, Tübingen verlassen zu wollen, weil ihn der Ruf nach Regensburg erreicht hatte, brachte seine Entscheidung die Pläne des Kollegen durcheinander, der sich bereits auf ein „leichtes“ Semester eingestellt hatte. Seckler fährt fort: „Küng war außer sich. Er attackierte Ratzinger mit Beschimpfungen und beharrte darauf, daß die Vereinbarung eingehalten werden müsse. Ratzinger blieb ruhig, von seinem Vorhaben wich er allerdings nicht ab.“
Doch schon vor dieser Kanonade hatte Ratzinger beschlossen, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ein Jahr zuvor war über diese von den nachkonziliären Turbulenzen brüchig gewordenen Beziehungenzündend “ (so der damalige Präfekt des ehemaligen Heiligen Offiziums in seiner Autobiographie) das Achtundsechzigerjahr hereingebrochen.

Von Tübingen nach Regensburg
Es ist das Jahr 1968. Das Bürgertum stellt sich selbst in Frage. Die Kinder der Mittelschicht lehnen sich gegen ihre Väter auf. In Berlin fordern die Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze zum Schutz der nationalen Sicherheit sogar ein Todesopfer. Der Sturm geht von Universitätszentren wie Berlin und Frankfurt aus, erreicht aber schon bald auch Tübingen mit seinen theologischen Fakultäten. Dort unterrichtet an der philosophischen Fakultät Ernst Bloch. In seinem Buch Das Prinzip Hoffnung macht er einen christlich-jüdischen säkularisierten Messianismus als die letzte Quelle des Revolutionssturmes aus, der über dem Westen tobt. Eine Perspektive, die – wie Ratzinger in seiner Autobiographie, S. 139, schreibt – „ungleich radikaler war, gerade weil sie auf der biblischen Hoffnung basierte und sie nun dadurch verkehrte, daß die religiöse Inbrunst beibehalten, aber Gott ausgeschaltet und durch das politische Handeln des Menschen ersetzt wurde.“ „Wer Marx zum Philosophen der Theologie macht, der übernimmt den Primat des Politischen und der Wirtschaft, die nun die eigentlichen Heilsmächte sind“, erklärt Ratzinger im Vorwort zu einer im Jahr 2000 erschienenen Neuauflage von Einführung in das Christentum. In dieser „neuen Verschmelzung von christlichem Impuls und weltlich politischem Handeln“ verspüren viele Christen den Taumel, wieder zu Protagonisten der Geschichte geworden zu sein. Nachdem die fortschrittliche westliche Kultur versucht hatte, die Religion auf die subjektive und intime Sphäre abzudrängen, war da nun „eine neue gelesene Bibel und eine Liturgie, die als symbolischer Vorvollzug der Revolution und als Bereicherung für sie gefeiert wurde […] das Christentum war mit dieser merkwürdigen Synthese wieder in die Öffentlichkeit der Welt getreten und eine ‚epochale‘ Botschaft geworden“ [Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, S.12-13]. Auch die „demokratisierende“ Agenda der À-la-mode-Theologen ist überholt. Es geht nicht mehr darum, Retuschen an der Struktur der Kirche vorzunehmen und ihre Offenheit der Welt gegenüber voranzutreiben. Auch die von der Kirche angenommene historische Form fällt der Zerschlagung des alten Regimes zum Opfer. Den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ zu beseitigen, ist das Ziel auch der Studenten der theologischen Fakultäten. Die Wogen der Revolution erfassen auch den Alltag des gewöhnlichen Fakultätslebens, bringen Jahrhunderte alte Verhaltensweisen in der Beziehung zwischen Professoren und Studenten ins Wanken. Der Protest kennt keine Freizonen, was in Tübingen auch auf Kosten Küngs und seiner Freunde geht. Die „Rebellen“ monopolisieren auch die Universitäts-Pfarrei St. Johannes und fordern die demokratische Wahl des Kaplans. Dann setzen sie sich auf die Stufen des Fakultätsgebäudes, verwehren den Professoren den Zutritt: es ist keine Zeit mehr, nutzlose Vorlesungen zu hören; es ist an der Zeit, sich auf die Revolution vorzubereiten, die immer näher rückt. Ratzinger mußte mehr als einmal diese „Volksprozesse“ von Seiten der Studenten hinnehmen. Martin Trimpe berichtet: „Sie schrieen bei den Vorlesungen dazwischen, so daß diese unterbrochen werden mußten, oder sie platzierten sich am Pult des Professors und zwangen ihn, auf ihre ‚revolutionären‘ Fragen zu antworten.“ Andere Dozenten versuchten, sich bei den Protestlern anzubiedern. Ratzinger dagegen antwortete stets mit den für ihn typischen logischen, sachlichen Argumenten. Aber seine leise Stimme wird oft von dem Geschrei der „Revolutionäre“ übertönt. „Ihm lagen ruhige, sachliche Diskussionen,“ merkt Seckler an. „Mit lauten, erbitterten Wortgefechten konnte er nichts anfangen. Er kann nicht brüllen, ist nicht fähig, die anderen stimmlich zu übertönen.“ Und doch hat Ratzinger eine ehrliche, mitleidsvolle Sympathie für viele dieser Jugendlichen, die ihm das Leben schwer machen.
Eine davon ist Karin, ein hübsches, blondes Mädchen. So anstrengend sie auch ist, ist doch klar, daß sie etwas sucht. Hinter ihrem revolutionären Traum verbirgt sich – wenn auch in etwas konfuser Weise – die Erwartung eines anderen Lebens, eines guten Lebens, der Wunsch, glücklich zu sein. Ratzinger hört ihr zu, widmet ihr Zeit, diskutiert ausführlich mit ihr in der Öffentlichkeit. Doch dann stirbt Karin plötzlich. Trimpe berichtet: „Ich habe es dem Professor bei einem Essen gesagt. Er war sichtlich betroffen, sprach kein Wort mehr. Und ich bin sicher: er hat das Mitleiden mit dem Leben und dem Tod dieses Mädchens dann in der Messe, am Altar, der Barmherzigkeit Gottes anheim gestellt.“
Auch bei den Vorlesungen nimmt Ratzinger – wie für ihn typisch – zu Beginn die Argumente der marxistischen Kritik ernst, wägt sie ab. Argumente, die auch die Erwartung eines realen geschichtlichen Heils verbergen können, nicht eingeschlossen im Ghetto der subjektiven Individualität. Aber der Schock ist groß, als der Protest zu einer gotteslästerlichen Parodie ausartet, zur gesellschaftlichen Rebellion, zur zersetzenden Vernichtung der Dinge, die ihm am meisten am Herzen liegen. Sein ehemaliger Student Werner Hülsbusch, pensionierter Pfarrer in der Nähe von Münster, berichtet, daß er schon keine Manifeste mehr lesen konnte, die Jesus und Paulus als sexuell Frustrierte hinstellten, nicht mehr die Reden derer hören wollte, die das Kreuz als sadomasochistisches Symbol hinstellten. Das tat ihm weh.
Das immer mehr vergiftete Tübinger Klima beschleunigt seinen Weggang an eine neue theologische Fakultät, die 1967 in Bayern ihre Tore geöffnet hat: Regensburg. Zur letzten Begegnung mit den Mitgliedern des Tübinger Doktorandenkolloquiums trifft der Professor in der unvergeßlichen „Ente“ von Peter Kuhn mit leichter Verspätung ein. Der Fahrer bremst in Front der wartenden Doktoranden absichtlich etwas abrupt. Dadurch löst sich vorne das Tübinger Nummernschild vom Auto und fällt laut klirrend zu Boden. Alle brechen in Gelächter aus.

Hans Küng.

Hans Küng.

Ein reuiger einstiger Anhänger des Konzils?
Der Weggang Ratzingers von Tübingen nach Regensburg wird oft als das Zeichen einer Metamorphose beschrieben. Als Moment, in dem der Reformtheologe des Konzils, traumatisiert von der in Tübingen gemachten Erfahrung, seine Verwandlung zum konsequenten (oder hartnäckigen, je nachdem, welches Klischee der einzelne zum Besten gibt) Konservativen beginnt. So entsteht das Bild des Ratzinger, der die Gegenoffensive des rechten Glaubens gegen die Mißstände der Zeit anführt, und die entsprechende Karikatur des Professors, der im Geheimen immer konservativ geblieben ist, sich nun aber die Maske des fortschrittlichen Theologen vom Gesicht reißt und seine immer vorhandenen, bisher verborgenen reaktionären Tendenzen enthüllt.
Der erste, der für sich mehrfach die Rolle des „reuigen einstigen Konzilsanhängers“ ablehnt, in die man ihn von rechts und von links zwängen will, ist aber gerade Ratzinger selbst. In dem 1984 erschienenen Buch in Interview-Form von Vittorio Messori sagt er dort, wo er über die Theologen spricht, die mit ihm Concilium herausgaben, daß nicht er, sondern sie sich verändert hätten. „Diese Weigerung, die radikale Änderung der kirchlichen Lage und der theologischen Mentalität nach seiner Sicht der Dinge anzuerkennen,“ berichtet der Redemptorist Victor Hahn, der erste Student überhaupt, der bei Ratzinger promovierte, „findet sich bereits in dem Interview, das unser Professor der Münchner Kirchenzeitung 1977 gab, kurz nach seiner Ernennung zum Erzbischof der bayerischen Hauptstadt.“
Was sich ändert, ist nicht die Einstallung des Konzilstheologen, sondern die Umstände, die sich ihm darbieten. Für ihn, wie für viele begeisterten Protagonisten der Konzilszeit – Congar, de Lubac, Daniélou, Le Guillou –, hat sich das freudige Warten darauf, die Früchte der Blüten des Konzils reifen zu sehen, in Enttäuschung über ein Fest, das nicht stattfindet, verwandelt. Das Zerbröckeln aller üblichen kirchlichen Praxis und aller wesentlichen Gegebenheiten der Tradition, das in den theologischen Fakultäten theoretisiert wurde, erscheint ihm als wahrer Selbstzerstörungsprozess der Kirche. Aber die klare Analyse der Lage der Kirche führt nie zu einer Negierung oder einer damnatio memoriae des vom Konzil in der Kirche eingeleiteten Frühlings. Peter Kuhn berichtet: „Ich erinnere mich, daß er einmal – zu der Zeit, als wir, seine Studenten, uns noch kritiklos für die nachkonziliare Erneuerung begeisterten – nachdenklich ein Bild aus dem Evangelium zitierte: ,Wir haben die Tür geöffnet, um einen Dämon aus dem Haus zu vertreiben, hoffen wir, daß nicht sieben andere hereingekommen sind.‘ Das hat er bereits Ende 1969 auch in einem Artikel der Zeitschrift Hochland geschrieben. Aber ich habe ihn nie sagen hören: ,Was wir getan haben, hätten wir nicht tun sollen‘.“
In Rom sieht Paul VI. diese Entwicklung in gleicher Weise. „Wir haben geglaubt,“ sagt er am 29. Juni 1972, „daß nach dem Konzil ein Sonnentag für die Geschichte der Kirche anbrechen würde. Doch was kam, war ein Tag voller Wolken und Sturm, der Finsternis, der Suche und der Ungewissheit, es fällt schwer, die Freude der Kommunion mitzuteilen.“ Gerade im Jahr 1968, mit der Enzyklika Humanae vitae und deren entschiedenem „Nein“ zu den modernen Verhütungsmethoden, erreicht der interkirchliche Dissens gegen das Lehramt seinen Höhepunkt. Der Kanadier Tremblay sieht in einer katholischen Zeitschrift eine Karikatur von Paul VI. Er findet sie witzig, beschließt, sie zum Doktorandenkolloquium mitzubringen, mit dem der Professor alle zwei Wochen samstags zusammenkam. „Als ich sie ihm zeigte, warf er mir einen vernichtenden Blick zu. Die Botschaft war klar: Über den Papst scherzt man nicht.“. „Aber gerade die so freie katholische Auffassung, die er von der Beziehung zum Apostolischen Stuhl hatte,“ bemerkt Tremblay, „machte ihn auch gegen jenen ‚Fundamentalismus im Lehramtsverständnis‘ immun, der heute in Mode zu sein scheint, den Fundamentalismus derer, die ihre Reden nur mit Zitaten aus jüngst publizierten vatikanischen Dokumenten würzen.“ Als Mann aus Bayern, aus einem Land nördlich der Alpen, ruft Ratzinger angesichts des Sturms, der ja besonders über die nordeuropäischen Kirchen hinwegfegt, nicht das Wunderrezept eines römischen Gendarmen herbei. Es ist Sache der einzelnen Bischöfe, den Glauben der Apostel, deren Nachfolger sie sind, zu verkünden und die einfachen Gläubigen vor jenen zu schützen, die die Brunnen der Gnade und Erkenntnis vergiften. „Im Jahr 1965“, merkt Beinert an, „schrieb Ratzinger zusammen mit Karl Rahner das Buch Primat und Episkopat, wo das wichtigste Wort in einem gewissen Sinne die Konjunktion war, die die beiden Begriffe verband. In Sachen quaestio disputata der Beziehung zwischen Papst und Bischöfen ist Ratzinger immer auf der Linie geblieben, die sich beim Konzil herauskristallisiert hat.“ Auch bei den Studenten entschlüpft ihm manchmal die eine oder andere kluge Bemerkung über den Konformismus der römischen Akademikerkreise. „Ich war 10 Jahre in Rom,“ erzählt Beinert. „Ich habe an der Päpstlichen Universität Gregoriana studiert und war lange Zeit Student des Pontificio Collegio Germanico. Bei einer Unterredung mit dem Doktorandenkolloquium, fragte uns Ratzinger, was wir Studenten von einer bestimmten Sache hielten. Und dann fügte er lächelnd hinzu: „Herrn Beinert muß ich das gar nicht fragen, der hat in Rom studiert und weiß bereits, was er denkt und was er sagen soll ….“

Sich selbst nicht zu ernst nehmen
Eine Episode, die sich am Ende der Tübinger Zeit ereignet hat, sollte sich als besonders aufschlußreich erweisen. Im Sommer 1969 schreiben ein paar Tübinger Professoren einen Artikel, in dem sie vorschlagen, die Dauer des Episkopats auf Lebenszeit abzuschaffen und eine Ablauffrist für die Amtszeit der residierenden Bischöfe festzusetzen. Der Text erscheint, gut sichtbar, in der Theologischen Quartalschrift, dem alten, angesehenen Organ, das sich als erste theologische Zeitschrift Deutschlands bezeichnen darf. Vor der Veröffentlichung wird der Text von allen Professoren, Ratzinger eingeschlossen, unterschrieben. Auf den 12 Seiten werden wissenschaftliche Argumente angehäuft, die zeigen sollen, daß „das sich Gefüge der Kirche und die Rechtsauffassung der Kirche gegenüber dem heutigen Bild der Gesellschaft als eine fremde, vergangene Welt darstellen. Man kann sich hierbei nicht auf das Evangelium, auch nicht auf die Struktur der ersten christlichen Gemeinden, sondern nur auf eine später entstandene Tradition berufen.“ Die Tübinger Professoren sind der Meinung, daß „diese Tradition [...] heute in vielem nicht mehr angemessen ist“, und daß „die Amtszeit residierender Bischöfe in Zukunft acht Jahre dauern soll. Eine Wiederwahl beziehungsweise eine Verlängerung der Amtszeit ist nur ausnahmsweise, und zwar aus objektiven, äußeren, in der kirchenpolitischen Situation liegenden Gründen, möglich.“ Die Verfasser spezifisieren, daß „der Vorschlag zunächst von den Verhältnissen in Westeuropa ausgeht“, und daß „Folgerungen für die Wahl des Papstes außerhalb dieser Darlegungen liegen und darum in diesem Zusammenhang auch nicht erörtert werden.“ Eine weitere excusatio non petita, da die als „Vorschlag“ deklarierte Provokation ipso facto die Hypothese der Möglichkeit eines Mandats ad tempus auch für den Bischof von Rom beinhaltet.
Joseph Ratzinger mit Karl Rahner.

Joseph Ratzinger mit Karl Rahner.

Die Unterschrift von Professor Ratzinger unter dem Antrag seiner Kollegen ist nur schwer mit dem Profil des antagonistischen „Hardliners“ in Einklang zu bringen, der sich darauf versteift, die theologischen Abwege der Zeit zu bekämpfen. Sie kann jedoch auch nicht herangezogen werden zur Bestätigung des entgegengesetzten Stereotyps: Joseph Ratzinger als jugendlicher theologischer Hitzkopf, der vielleicht demnächst seinen Priesterrock ausziehen wird. Max Seckler, einer der Verfasser dieses Artikels, den er heute als eine Art „Jugendsünde“ sieht, berichtet 30Tage darüber: „Am Anfang war Ratzinger der einzige, der den Text nicht unterzeichnen wollte. Seine Vorstellung von Episkopat passte nicht zu den Thesen, die in unserem Vorschlag aufgestellt wurden. Da bin ich zu ihm nach Haus gegangen und habe versucht, ihn zu überzeugen. Wir haben Kaffee getrunken und uns lange unterhalten. Und als ich wieder ging, hatte ich seine Zustimmung.“ Auch die Studenten, die ihm am nächsten standen, waren dieses Mal überrascht. Trimpe erinnert sich: „Der Professor vertrat seine Überzeugungen sonst mit Nachdruck. In diesem Fall hatte er vielleicht den Artikel nicht gut gelesen oder um des lieben Friedens willen dem auf ihn ausgeübten Druck nachgegeben. Er wollte weitere Diskussionen mit den Kollegen vermeiden.“ Und vielleicht erschien ihm das, worum man ihn bat – das einfache Unterschreiben eines kollektiven Textes – nicht so wichtig. Nach der Veröffentlichung des Artikels scheint sich Ratzinger – im Gegensatz zu den besorgten Studenten und Mitarbeitern – keine großen Sorgen um seinen Ruf zu machen. Er schlägt selbst unterschwellig humoristisch einen Weg vor, um ihre Sorgen zu besänftigen. Trimpe berichtet: „Als er sah, daß ein paar von uns entsetzt waren, lächelte er und sagte: Wenn ihr verärgert seid, dann schreibt ihr doch etwas! Schreibt einen Artikel gegen diesen Vorschlag, und ich selbst werde euch helfen, ihn zu veröffentlichen.“
So kam es, daß Peter Kuhn als Assistent und Martin Trimpe als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl einen langen Artikel verfaßten, der in zwei Folgen in der Zeitschrift Hochland, erschien, um auf Anraten ihres Professors die Thesen über den Episkopat auf Zeit zu widerlegen, die dieser selbst unterschrieben hatte. Kuhn scherzt: „Wir haben den Artikel erst dann veröffentlichen lassen, als wir mit unserem Professor bereits in Regensburg waren. In Tübingen hätten sie uns zu Ketzern erklärt und für eine moderne Form der Hinrichtung auf akademischem Weg gesorgt.“

Fortsetzung folgt...
(unter Mitarbeit von Pierluca Azzaro)


Italiano Español English Français Português