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APOSTOLISCHE REISEN
Aus Nr. 05 - 2006

Benedikt XVI. in der Heimat von Karol Wojtyla.

Der sanfte Mut des Papstes in Polen


Von der Reise Benedikts XVI. werden viele unterschiedliche Eindrücke in Erinnerung bleiben: von der Ehrerbietung an seinen Vorgänger bis zum herzlichen Empfang der ihn erwartenden Menschenmenge. Von der Verteidigung der Tradition bis zum erschütternden Besuch in Auschwitz. Der Kommentar des Vatikanisten der Stampa.


von Marco Tosatti


Benedikt XVI. grüßt die Menge, die ihn auf dem Warschauer Flughafen empfängt  (Apostolische Reise nach Polen vom  25.-28. Mai 2006).

Benedikt XVI. grüßt die Menge, die ihn auf dem Warschauer Flughafen empfängt (Apostolische Reise nach Polen vom 25.-28. Mai 2006).

Vielfach waren die Eindrücke, die Benedikt XVI. nach seiner Polenreise hinterlassen hat; der ersten Reise, die wirklich die „seine“ war, und nicht von seinem Vorgänger „geerbt“, wie das beim Weltjugendtag in Köln der Fall war. Am beeindruckendsten war dabei natürlich der Besuch in Auschwitz; schließlich prägt sich alles, was mit Schmerz und Schrecken zu tun hat, immer noch am Besten ein. Und gerade deshalb werden wir am Ende dieses einzigartigen, von Ratzinger gezeichneten „Polyptychons“ auch darauf eingehen.

Auf den Spuren der Erinnerung
Es ist kein Geheimnis, daß Joseph Ratzinger und Karol Wojtyla, zwei so verschiedene und doch durch solide, unvernehmliche Affinitäten eng verbundene Männer, eine tiefe Freundschaft verband. Benedikt XVI. wollte seinem großen Vorgänger in dessen geliebter Heimat Ehre erweisen; und er wollte das Mysterium dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit verstehen, indem er fast schon das genius loci befragt hat. Weil – wie er in der Generalaudienz unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Rom erklärte – der Glaube „nicht eine rein intellektuelle oder gefühlsmäßige Angelegenheit ist. Denn der wahre Glaube bezieht die ganze Person mit ein: Gedanken, Gefühle, Absichten, Beziehungen, Leiblichkeit, Tätigkeit, tägliche Arbeit.“ Es war fast, als wolle der Papst mit seinem so intensiven, durchdringenden Blick die Stätten erforschen, wo Karol gelebt hat, und vor allem die Marienheiligtümer, die sein Leben prägten: Czestochowa, Kalwaria Zebrzydowska und Divina Misericordia, in Lagiewniki, vor den Toren Krakaus. In Kalwaria pflegte der junge Wojtyla zu beten, inmitten von Wäldern und Bergen; in Lagiewniki lebte Schwester Faustina Kowalska, Trägerin der Botschaft der Göttlichen Barmherzigkeit, zu deren Interpret und Sprachrohr Johannes Paul II. geworden ist, und die Benedikt XVI. übernommen hat: „Eine zentrale Botschaft gerade für unsere Zeit: die Barmherzigkeit als Kraft Gottes, als göttliche Grenze gegen das Böse der Welt.“ In Kalwaria hat sich der deutsche Papst aus der Reserve locken lassen, seinen aus Reserviertheit und Schüchternheit gemachten Schutzpanzer einen Augenblick lang verlassen. In Wadowice sagte er: „Mit tiefer Ergriffenheit bin ich an den Geburtsort meines großen Vorgängers gekommen, des Dieners Gottes Johannes Paul II., in die Stadt seiner Kindheit und seiner Jugendzeit. Wadowice durfte nicht fehlen auf dem Weg der Pilgerfahrt, die ich, seinen Spuren folgend, auf polnischem Boden unternehme. Ich wollte gerade hier Halt machen, in Wadowice, an den Stätten, an denen sein Glaube erwacht und gereift ist, um gemeinsam mit euch dafür zu beten, daß er bald zur Ehre der Altäre erhoben werde. Johann Wolfgang von Goethe, der große deutsche Dichter, sagte: Wer einen Dichter verstehen will, muß sich in dessen Land begeben. In gleicher Weise muß man, um das Leben und den Dienst Johannes Pauls II. zu verstehen, in seine Geburtsstadt kommen. Er selbst bekannte, daß hier in Wadowice alles begonnen hat: das Leben, die Schule, die Studien, das Theater … und das Priestertum.“ Wenig später, in Kalwaria, gab Benedikt XVI. zu verstehen, daß auch er – wie der gute Kardinal Stanislaus – hoffe, daß die Vorsehung schon bald die Selig- und Heiligsprechung unseres geliebten Papstes Johannes Paul II. möglich machen werde.

Der herzliche Empfang
Es ist schwer, sich von dem in Polen bereiteten Empfang nicht erobern zu lassen. Und genau das war bei Benedikt XVI. der Fall. Zwar stimmt es, daß er – als guter Deutscher – bereit war, sich von der Faszination des Ostens ergreifen zu lassen; daß da, wie er selbst zugegeben hat, bereits eine große Sympathie war, schon dank der vielen polnischen Flaggen, die bei keiner Generalaudienz fehlen durften. Es stimmt, daß Polen „anders“ ist als der Rest Europas, ein Land, in dem der Katholizismus, der Glaube, ein vom Volk gehüteter Schatz sind und nicht etwas, worüber man in der Öffentlichkeit nur hinter vorgehaltener Hand sprechen darf, um nur ja niemandem auf den Schlips zu treten; es stimmt, daß es diese Basis ist, auf die Papst Ratzinger im alten Kontinent zählt. Aber das alles einmal gesagt, muß festgehalten werden, daß wir ihn nie soviel haben lächeln sehen. Eine ganz besondere Beziehung ist da entstanden. Und das allein schon wegen der vielen Menschen, die sich überall eingefunden haben. Der Empfang bei der Ankunft in Warschau schien zwar herzlich, aber nicht plebiszitär zu sein. Doch das änderte sich schon bei der ersten Messe auf dem Pilsudski-Platz, vor dem historischen Hotel „Victoria“. Für einen Freitag Morgen hatte sich eine wahrlich beachtliche Menschenmenge eingefunden. Und zur Überraschung vieler waren es Menschen, die im Moment der Konsekration niederknieten: auf der Wiese, auf dem Gehsteig, mitten auf der Straße.
Eine Steigerung gab es dann noch bei der Ankunft in Czestochowa. Wir erinnern uns noch an Johannes Paul II. im Jahr 1983, als das Land noch vom Staatsstreich General Jaruzelskis in Mitleidenschaft gezogen war und die Menge, die sich auf dem großen Platz eingefunden hatte, nicht mehr überschaubar war. Benedikt XVI. wurde eine nicht minder herzliche Behandlung zuteil. Zehntausende Menschen konnten gemeinsam mit dem vor ihnen knienden Papst, in vollkommener Stille, die Erfahrung der eucharistischen Anbetung machen, die Marienlitaneien singen, eine Liturgie erleben, die von Tradition getränkt war, von einer gar nicht selbstverständlichen Schlichtheit und Natürlichkeit; und Tausende haben die Kommunion empfangen: der polnische Präsident Lech Kaczynski empfing die Hostie als erster aus der Hand des Papstes.
Polnische Gläubige begrüßen den nach Krakau gekommenen Papst (27. Mai).

Polnische Gläubige begrüßen den nach Krakau gekommenen Papst (27. Mai).

Krakau bereitete dem Papst einen wahrhaft königlichen Empfang. Und wer hätte auch der Menge widerstehen können, die in Kalwaria begeistert rief: „Wir lieben dich!“, und die laut tönende Antwort: „Wir werden daran denken!“ auf die Bitte des Papstes, für ihn und für die Kirche zu beten! Oder den Ruf „Sto Lat“, „hundert Jahre“, den Hymnus, der noch bis vor kurzem für Karol Wojtyla bestimmt war! Dem konnte man unmöglich widerstehen, und das hat auch er nicht gekonnt. So konnte man in Blonie, am Samstag abend, bei der Begegnung mit den Jugendlichen, deutlich sehen, wie Papst Ratzinger die Lippen bewegte, fast schon in den Gesang der Jugendlichen mit einfiel, und zögernd begann, im Rhythmus mitzuklatschen. Eine gerade nur angedeutete, sofort kontrollierte Geste, so als fürchte er, zu übertreiben oder Johannes Paul II. zu imitieren, der sich von den Jugendlichen nur allzu gerne mitreissen ließ. Aber diese kaum verhaltenen Gesten waren ausreichend, die Freude, die Fröhlichkeit zu zeigen, die schon sein Lächeln, sein strahlendes Gesicht verriet. Er war bewegt, das war nicht zu übersehen; und die Barriere seiner Schüchternheit schien dieser überwältigenden Woge von Zuneigung unmöglich standhalten zu können.

Die Klarstellungen
Damit hat er nicht gespart. So erinnerte er daran, daß Johannes Paul II. zu Beginn seines Pontifikats an Kardinal Wyszynski schrieb: „Auf dem Stuhl Petri säße jetzt nicht dieser polnische Papst, der heute voll Gottesfurcht, aber auch voll Vertrauen ein neues Pontifikat beginnt, wäre nicht dein Glaube weder vor Kerker noch vor Leid zurückgewichen, gäbe es nicht deine heroische Hoffnung und dein grenzenloses Vertrauen in die Mutter der Kirche, gäbe es nicht Jasna Góra und die ganze Geschichte der Kirche in unserer Heimat, die mit deinem Amt als Bischof und Primas verbunden ist.“ Und meinte: „Wie sollten wir heute Gott nicht für das danken, was während des Pontifikats von Johannes Paul II. in eurer Heimat und in der ganzen Welt geschehen ist? Vor unseren Augen haben sich ganze politische, wirtschaftliche und soziale Systeme verändert. Die Menschen in verschiedenen Ländern haben die Freiheit und den Sinn für die Würde wiedererlangt.“ Wir vergessen die großen Taten Gottes nicht. Und das aus Dankbarkeit und für die Geschichte. Zum Christentum: „Wie in den vergangenen Jahrhunderten, so gibt es auch heute Personen oder Kreise, die durch Vernachlässigung dieser jahrhundertealten Tradition das Wort Christi verfälschen und die Wahrheiten aus dem Evangelium entfernen möchten, die ihrer Meinung nach für den modernen Menschen zu unbequem sind. Man versucht, den Eindruck zu erwecken, daß alles relativ sei: Auch die Glaubenswahrheiten hingen angeblich von der jeweiligen historischen Situation und der menschlichen Einschätzung ab. Doch die Kirche kann den Geist der Wahrheit nicht zum Schweigen bringen.“ Die Bischöfe und der Papst sind verantwortlich für die Wahrheit des Evangeliums, aber „jeder Christ ist dazu angehalten, seine eigenen Überzeugungen ständig mit den Geboten des Evangeliums und der Tradition der Kirche zu vergleichen, in dem Bemühen, dem Wort Christi auch dann treu zu bleiben, wenn es anspruchsvoll und menschlich schwer zu verstehen ist. Wir dürfen nicht in die Versuchung des Relativismus oder der subjektivistischen und selektiven Auslegung der Heiligen Schrift geraten. Nur die unversehrte Wahrheit vermag uns dafür zu öffnen, daß wir an Christus festhalten, der für unser Heil gestorben und auferstanden ist.“
Nachdem die selbstgemachte Religiosität so abgetan wurde, war ein anderer, sehr heikler Punkt an der Reihe. Und zwar bei einem Gespräch mit den Priestern, die sich in Warschau in der Kathedrale St. Johann eingefunden hatten. „Papst Johannes Paul II. hat anlässlich des Großen Jubiläums die Christen mehrmals aufgerufen, Buße zu tun für die in der Vergangenheit begangene Untreue. Wir glauben, daß die Kirche heilig ist, aber in ihr sind Menschen, die Sünder sind. Man muß es vermeiden, sich nur mit denen identifizieren zu wollen, die ohne Sünde sind. Wie hätte die Kirche die Sünder aus ihren Reihen aus­schließen können? Zu ihrem Heil ist Jesus Mensch geworden, ist gestorben und auferstanden. Deshalb muß man lernen, die christliche Buße aufrichtig zu leben. Indem wir sie praktizieren, bekennen wir die persönlichen Sünden vereint mit den anderen, vor ihnen und vor Gott. Man muß sich aber auch vor der Anmaßung hüten, sich als Richter über die vergangenen Generationen aufspielen zu wollen, die zu anderen Zeiten und unter anderen Umständen gelebt haben. Es bedarf demütiger Aufrichtigkeit, um die Sünden der Vergangenheit nicht zu leugnen und dennoch falschen Anschuldigungen nicht stattzugeben, wenn wirkliche Beweise fehlen oder man die andersartigen Vorverständnisse von damals nicht kennt. Die confessio peccati, um einen Ausdruck des hl. Augustinus zu benutzen, muß außerdem immer von der confessio laudis – vom Bekenntnis des Lobes – begleitet sein. Indem wir um Vergebung für das in der Vergangenheit begangene Böse bitten, sollen wir auch an das mit Hilfe der göttlichen Gnade vollbrachte Gute denken, das zwar in zerbrechlichen Gefäßen aufbewahrt wird, aber oft hervorragende Früchte getragen hat.“ Hierzu kristallisierten sich sofort zwei Denkrichtungen heraus. Die erste zog es vor, diesen Text „polnisch“ auszulegen, bezogen auf das Problem der Priester, die in den vergangenen Jahrzehnten in gewisser Weise mit dem Regime zusammengearbeitet haben sollen. Eine heikle Frage; auch, weil jeder weiß, wie es um die Zuverlässigkeit sehr generell gehaltener, von Mitgliedern der Geheimdienste zusammengestellter Listen bestellt ist. Kardinal Stanislaus Dziwisz, Erzbischof von Krakau, hat gut daran getan, die Veröffentlichung der Namen zurückzuhalten, bis eine Kommission die einzelnen persönlichen Positionen, und die Anklagen, überprüft hat.
28. Mai: Benedikt XVI. betet im Konzentrationslager Auschwitz vor den 22 Gedenksteinen, die in den verschiedenen Sprachen an die Verbrechen der Nazis erinnern.

28. Mai: Benedikt XVI. betet im Konzentrationslager Auschwitz vor den 22 Gedenksteinen, die in den verschiedenen Sprachen an die Verbrechen der Nazis erinnern.

Eine zweite Denkrichtung – wenngleich sie Benedikt XVI. auch zugesteht, sich auf diesen besonderen Fall bezogen zu haben – neigt dazu, aus diesen Zeilen noch mehr herauszulesen; nämlich einen Stopp allzu „selbstgeißelnder“ Auslegungen des von Johannes Paul II. im Heiligen Jahr 2000 gewollten mea culpa zur Reinigung des Gedächtnisses der Kirche an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Hier noch eine andere „Klarstellung“ von Benedikt XVI.: „Die Gläubigen erwarten von den Priestern nur eines; daß sie darauf spezialisiert sind, die Begegnung des Menschen mit Gott zu fördern. Vom Priester wird nicht verlangt, daß er Experte in der Wirtschaft, im Bauwesen oder in der Politik ist. Von ihm erwartet man, daß er Experte im geistlichen Leben ist.“ Im Krakauer Blonie-Park, bei der Begegnung mit den Jugendlichen, hat er schließlich daran erinnert, wie schwierig es manchmal sein kann, sich offen und vor allen als Christ zu bekennen: „Diese Ablehnung Jesu durch die Menschen, von der der hl. Petrus spricht, zieht sich durch die gesamte Geschichte der Menschheit bis hin in unsere Zeit. Es bedarf keines besonders scharfsichtigen Verstandes, um die vielfältigen Zeichen der Ablehnung Jesu auch dort zu erkennen, wo Gott uns gewährt hat aufzuwachsen. Oft wird Jesus ignoriert, verspottet, als König der Vergangenheit, nicht der Gegenwart und schon gar nicht der Zukunft verkündet und wird in die Ecke der Fragen und Personen gedrängt, von denen nicht laut in der Öffentlichkeit gesprochen werden sollte […] Unser Glaube an Jesus Christus muß, um ein solcher zu bleiben, sich häufig mit dem mangelnden Glauben der anderen auseinandersetzen.“

Der Schmerz
Es war beeindruckend, Benedikt XVI. schweigend ins Lager kommen zu sehen, allein voranschreitend, gefolgt von – ein paar Meter hinter ihm – Kardinälen, Bischöfen, der ganzen Gruppe. Allein, so als müsse er sich einem Feind stellen, als schritten die anderen, eingeschüchtert, hinter ihm her. Sein Gesicht war angespannt, ernst. Ein Gedanke ist uns da in den Sinn gekommen: so muß Jesus Getsemani entgegengegangen sein, in jener Nacht. Allein. Forsch schritt Benedikt XVI. voran, mit schnellen, festen Schritten entschlossen auf den Ort zu, der zum Sinnbild des Bösen geworden ist. Und das zum dritten Mal: schon 1979 war er in Auschwitz, mit Johannes Paul II., dann, ein Jahr später, mit den deutschen Bischöfen. Und er bewegte sich wirklich so, als kenne er den Weg nur allzu gut. Eine Sequenz von Bildern prägt sich ein: das Gebet vor der Hinrichtungsmauer, der Wind, der ihm die Kalotte wegweht, das Kreuzzeichen; die Tränen einer Überlebenden, das angespannte Gesicht des Papstes, als sich das Klagen des Kaddish erhebt, des Totengebets, der Regenbogen, der sich hinter ihm am Himmel abzeichnet; ein Zeichen, das den Besuch besiegelt, an einem Himmel voller dunkler Wolken.
Benedikt XVI. betrachtet ein Porträt von Johannes Paul II., das ihm von den Gläubigen von Wadowice zum Geschenk gemacht wurde, (27. Mai).

Benedikt XVI. betrachtet ein Porträt von Johannes Paul II., das ihm von den Gläubigen von Wadowice zum Geschenk gemacht wurde, (27. Mai).

Die Worte Benedikts XVI. haben – wie so oft, wenn ein Papst das Universum der Juden streift – Reaktionen und Polemiken ausgelöst; darauf wollen wir hier nicht mehr eingehen. Beachtenswert ist jedoch sicher der Anfang der Ansprache des Papstes, ein leidenschaftlicher Ausruf. „An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen, ist fast unmöglich – ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt. An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschüttertes Schweigen stehen – Schweigen, das ein inwendiges Schreien zu Gott ist: Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du all dies dulden? In solchem Schweigen verbeugen wir uns inwendig vor der ungezählten Schar derer, die hier gelitten haben und zu Tode gebracht worden sind; dieses Schweigen wird dann doch zur lauten Bitte um Vergebung und Versöhnung, zu einem Ruf an den lebendigen Gott, daß er solches nie wieder geschehen lasse.“ Joseph Ratzinger, „Sohn des deutschen Volkes“, hat über sich selbst gesagt: „Ich konnte unmöglich nicht hierher kommen. Ich mußte kommen.“ Eine derart reichhaltige, tiefgehende Ansprache kann man unmöglich zusammenfassen. Aber da ist eine Passage, die vielleicht einen besonderen Moment in der Beziehung zwischen Juden und Katholiken bezeichnet; und sicher ein besonderes Licht auf das Verständnis wirft, das Papst Ratzinger von der Geschichte und der Rolle des jüdischen Volkes hat. „Im tiefsten wollten jene Gewalttäter mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat. Wenn dieses Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis von dem Gott ist, der zum Menschen gesprochen hat und ihn in Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen gehören – ihnen selber, die sich für die Starken hielten, die es verstanden hatten, die Welt an sich zu reißen. Mit dem Zerstören Israels, mit der Schoah, sollte im letzten auch die Wurzel ausgerissen werden, auf der der christliche Glaube beruht und endgültig durch den neuen selbstgemachten Glauben an die Herrschaft des Menschen, des Starken, ersetzt werden.“ Aber wenn man die Worte Benedikts XVI. liest, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Anspielungen (wie die auf die Ausrottung der Roma, dieses Volk, „das zu den unnützen Elementen der Weltgeschichte gerechnet wurde, in einer Weltanschauung, in der nur noch der messbare Nutzen zählen sollte; alles andere wurde nach deren Vorstellung als lebensunwertes Leben eingestuft“) sehr viel aktueller sind, als wir meinen und sich nicht nur auf die offensichtliche, brutale Schändlichkeit von vor sechzig Jahren beziehen, sondern dem Westen von Abtreibung und Euthanasie sprechen.


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