Hier ruht Ambrosius mit denen, die ihm die Liebsten waren
Es war eine der vier Mailänder Basiliken. Aber es war „seine“ Basilika; die Basilika, in der er die Messe zelebrierte und in der er, wie schon Gervasius und Protasius, begraben werden wollte. Die beiden Märtyrer, deren sterbliche Überreste er entdeckt hatte.
von Giuseppe Frangi

Die Fassade der Basilika S. Ambrogio.
Ambrosius, seit 374 Bischof von Mailand, hatte den Bau großer Basiliken an den Straßen nach Mailand eingeleitet, um es in seiner Wahlheimat dem Vorbild seiner Heimatstadt Rom gleichzutun. Die Basilica Apostolorum befand sich ja an der Via Romana, die Basilica Virginum (die letzte dieser Reihe, heute San Simpliciano) an der Straße nach Como; die Basilica Salvatoris oder San Dionigi am Osttor (das heute nicht mehr existiert). Dann noch die Basilica Martyrum an der Porta Vercellina. Eine jede von ihnen erhob sich auf einer Begräbnisstätte, wo man bereits Generationen von Christen begraben hatte. Nur wenige Schritte von der Basilica Ambrosiana entfernt stand die Grabeskirche, wo sich die sterbliche Hülle des hl. Viktor befand; dort, wo Ambrosius im Jahr 378 seinen geliebten Bruder Satirus begraben hatte. Diese Grabeskirche ist – in die Basilika eingegliedert – noch heute erhalten.
Nicht weit entfernt von der Stelle, wo sich heute die Polizeikaserne befindet, erhob sich damals eine Basilika, in der die vom Volk sehr verehrten Heiligen Nabor und Felix ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Bei hier vorgenommenen Ausgrabungsarbeiten hatte Ambrosius die sterblichen Überreste des Gervasius und des Protasius entdeckt. Eine Episode, die er in Epistola XXII an seine Schwester Marcellina detailliert beschreibt, die damals gerade nicht in Mailand weilte: „Ich hatte gerade die Weihe einer Basilika vorgenommen [Basilica Martyrum, Anm.d. Red.], als viele anfingen, mich zu fragen, ob ich mich auch so verhalten würde wie bei der Weihe der Basilika an der Porta Romana [Basilica Apostolorum, Anm.d.Red.]. Ich antwortete: Gewiß, wenn ich die Reliquien der Märtyrer finde [...]. Der Herr war mir gnädig. Obwohl sich der Klerus recht zaghaft zeigte, ließ ich das Terrain vor der Kapelle der Heiligen Nabor und Felix vom Geröll befreien. Dort fand ich eindeutige Spuren [...]. Und dann kamen tatsächlich schon bald die heiligen Märtyrer zum Vorschein, und unter unserem ergriffenen Schweigen konnte der Behälter ans Tageslicht befördert und auf den Boden gestellt werden. Im Innern befanden sich die sterblichen Hüllen zweier Männer von beachtlicher Statur [...], die Gebeine waren gut erhalten [...]. Wir parfümierten sie mit Wohlgerüchen.“
Ambrosius ist, was die Daten angeht, auffallend genau: erst einen Monat zuvor, am 9. Mai 386, hatte er die Reliquien der drei Apostel Andreas, Johannes und Thomas unter den Hochaltar der Basilika der Porta Romana übertragen lassen. Heute ist diese immer noch existierende Basilika unter dem Namen San Nazaro bekannt – nach dem Märtyrer Nazarus, den Ambrosius 395 hier begraben ließ.
„Piae latebant ostiae“, schreibt Ambrosius in dem Hymnus zum Gedenken an die Entdeckung der Märtyrer Gervasius und Protasius. Aber „latere sanguis non potest qui clamat ad Deum patrem“. Der Gebrauch des Substantivs „ostiae“ erklärt die Übereinstimmung zwischen den Resten dieser Leiber und dem Ort – dem Altar – wo sich das Opfer Christi vollzieht. „Er ist für alle auf dem Altar gestorben; jene, die von seiner Passion erlöst wurden, werden unter dem Altar ruhen,“ schreibt er seiner Schwester Marcellina.
Die Eile des Ambrosius
Der Bau der Kirche war damals wahrscheinlich noch nicht abgeschlossen. Ambrosius war ein Mann, der es nicht liebte, die Dinge auf die lange Bank zu schieben. Wahrscheinlich war er zu jener Zeit sogar der wichtigste Mann im gesamten Römischen Imperium. Seine Beziehungen zu so manchem Kaiser waren mehr als turbulent, aber die Streitigkeiten gingen letztendlich immer zu seinen Gunsten aus. Aber so konnte Ambrosius – wie Richard Krautheimer in seinem wunderschönen Buch, das sich mit den drei christlichen Hauptstädten befasst, schreibt – natürlich auch nicht mit der finanziellen Unterstützung der Kaiser rechnen. Seine Basiliken wirken so spartanisch, weil er eben mit keiner großzügigen finanziellen Unterstützung rechnen konnte und der Bau schnell vor sich gehen mußte. Ambrosius war zwar sehr umsichtig, aber die ihm zur Verfügung stehenden Mittel waren nun einmal nicht unbeschränkt!
Das Gegenteil geschah jedoch beim Bau der großen Mailänder Basilika, die später dem hl. Lorenz geweiht wurde. Jene Basilika, die – auf Wunsch der Kaisermutter Justina – damals gerade in unmittelbarer Nähe des kaiserlichen Palasts errichtet wurde und für die Arianer bestimmt sein sollte. Auch in diesem Falle widersetzte sich Ambrosius, und auch in diesem Falle konnte er sich durchsetzen und das Volk auf seine Seite ziehen. Am Donnerstag, dem 2. April 386 – er hatte gerade die Nachricht erhalten, daß die die Basilica Porziana (wie St. Lorenz damals hieß) besetzenden kaiserlichen Wachen den Rückzug angetreten hatten –, schrieb der Bischof an seine Schwester: „Wie groß war damals die Freude des Volkes, wie groß die Dankbarkeit!“. Zwei Monate später sollte dasselbe Volk gespannt und mit großer Rührung die Entdeckung der sterblichen Überreste von Gervasius und Protasius verfolgen – und Ambrosius die Ansprüche des Kaisers und der Arianer endgültig zurückweisen können.

Links, S. Ambrogio, Mosaik, Grabeskirche San Vittore in Ciel d’oro.
Von der Basilika des Ambrosius ist nicht viel übriggeblieben. Sie war 53m lang und 26m breit. Der Bischof wurde dort 397 von Simplicianus bestattet, seinem Nachfolger (schließlich hat er selbst oft gesagt, daß ein Bischof dort begraben sein müsse, wo er die Messe gefeiert hat). Nur wenige Monate später sollte ihm seine geliebte Schwester Marcellina folgen, die 10 Jahre älter war und für die Ambrosius seine Texte über die Jungfräulichkeit geschrieben hat. Eine Gedenktafel in der Krypta erinnert an den Ort, wo sie Ende 1700 „ad pedem Ambrosii ad latus Satyri fratis“ entdeckt wurde. Heute ruht sie in der dritten Kapelle des rechten Seitenschiffs, in einem kalten, neoklassischen Grab. In der davor befindlichen Kapelle hat sein Bruder Satirus seine letzte Ruhestätte gefunden. Ambrosius dagegen ist dort geblieben, wo er sein wollte. Jahrhunderte lang war seine sterbliche Hülle in einem großen Sarkophag aufbewahrt, der auf zwei leeren Gräbern ruhte und in der Krypta immer noch zu sehen ist. Am 8. August des Jahres 1871 wurde der Sarkophag geöffnet: er enthielt die Seite an Seite liegenden sterblichen Hüllen von drei Heiligen. In der Mitte Ambrosius, an den Seiten Gervasius und Protasius. In derselben Anordnung sind die sterblichen Hüllen heute in dem gläsernen Reliquienschrein unter dem Altar aufbewahrt: Gervasius und Protasius sind mit einer roten Dalmatik angetan und halten den Palmzweig des Martyriums in der Hand. Ambrosius dagegen trägt ein feierliches weißes Pontifikalgewand.
Wie Ambrosius dargestellt ist
Auch auf dem kurz nach seinem Tod angefertigten wunderschönen Mosaik in der Grabeskirche San Vittore ist er weiß gekleidet. Auch dort ist er zwischen den beiden Märtyrer-„Freunden“ dargestellt, daneben finden wir einige andere bekannte Gestalten: Nabor, Felix und Maternus. Es handelt sich um eine sehr realistische Darstellung: Ambrosius’ mageres Gesicht ist von einem kurzgehaltenen Bart umrahmt, er hat kahl werdende Schläfen, auffallend große Ohren und einen nachdenklichen und doch wachen Blick auf die Realität. Die großen Füße und die weiße Tunika – an einen Senator des alten Rom erinnernd – vermitteln das Bild eines Mannes, der mit beiden Beinen auf der Erde steht.
In weltlicher Tracht begegnen wir Ambrosius auf den Reliefs des Ziboriums im Herzen des Presbyteriums, also genau vertikal über dem Reliquienschrein in der Krypta. Ein Werk, das Ende des Jahrtausends entstanden ist und auf dem an der der Apsis zugewandten Seite der Heilige dargestellt ist – auch hier mit seinen großen Füßen fest auf dem Boden der Tatsachen stehend. Dieses Mal stehen jedoch die Ereignisse im Vordergrund: an den Seiten sind Gervasius und Protasius zu erkennen, die – mit einer schützenden Geste – zwei mit einem Mönchsgewand angetane Personen zu Ambrosius bringen. Bei der linken Gestalt handelt es sich um Abt Gaudentius, der dem Heiligen das kleine Ziborium-Modell reicht. Der Mönch auf der rechten Seite hebt seine Hände in einer Art Erwartungshaltung, oder so, als wolle er applaudieren. Oben, wo sich der Giebel verengt, ist merkwürdigerweise ein Kind mit einem Heiligenschein zu erkennen: der Sohn in Menschengestalt. Einer Interpretation zufolge soll es sich dabei aber um den Knaben handeln, der im schicksalsträchtigen Jahr 374 ausgerufen hat: „Ambrosius Bischof!“ – den Ruf, in den dann alle Gläubigen eingefallen waren.

Der Altar mit dem Ziborium.
Unter dem Ziborium befindet sich das strahlendste Kleinod der Basilika, ja, vielleicht eines der außergewöhnlichsten Kleinode der gesamten Geschichte des Christentums: Der Goldaltar, den Bischof Angilbertus II. zur Karolingerzeit einem Meister in Auftrag gegeben hatte, der zweifelsohne berühmt gewesen sein muß – wenn man bedenkt, wieviel Raum er in den Reliefs sich selbst gewidmet hat: Vuolvinius. Auf der Rückseite des Altares wird dann anhand einer Öffnung ersichtlich, wofür er eigentlich gedacht war: er sollte die Schreine mit den sterblichen Hüllen der drei Heiligen enthalten, womit dem Wunsch des Ambrosius entsprochen werden konnte. Eine Aufschrift, die den Rahmen der Reliefs bildet, läßt an der Absicht Angilbertus’ II. keinen Zweifel: „Thesauro tamen haec cuncto potiore metallo ossibus interius pollet donata sacratis“, „Aber in seinem Innern befindet sich ein Schatz, wertvoller als alle Metalle, weil er die heiligen Gebeine zum Geschenk erhalten hat.“ In Wahrheit blieben die Gebeine bis zum letzten Jahrhundert in dem Porphyr-Schrein in der Krypta; es ist unklar, aus welchem Grund der Altar leer geblieben ist.
Die Reliefs zeigen Szenen aus dem Leben Christi, an den Seiten die Glorien der Mailänder Kirche, auf der Rückseite dagegen wird das Leben des Ambrosius bis ins kleinste Detail erzählt. Eine spannende Erzählung, die auch die ein oder andere Überraschung bereithält; wie in der wunderschönen Szene, in der Ambrosius, der aus Mailand fliehen mußte, um der Investitur zu entgehen, von der Hand Gottes geradezu „aus dem Sattel geworfen“ wird, fast von seinem scheuenden Pferd fällt. Eine Szene, unter die man das schreiben könnte, was Ambrosius zwischen 387 und 390 im De Paenitentia geschrieben hat: „Man wird sagen: siehe, einer der nicht im Schoße der Kirche genährt wurde [...], den Eitelkeiten dieser Welt entrissen, vom Gerichtssaal genommen, von der Rede des Prätors zum Gesang des Psalmisten gewechselt hat, nicht aus eigener Tugend, sondern aus Gnade Christi steht er ihm nun als sein Priester zu Diensten [...]. Bewahre, oh Herr, dein Geschenk, hüte es du, der du es dem gegeben hast, der geflohen ist. Ich wußte, der Bischofswürde unwürdig zu sein. Dank der Gnade Gottes bin ich nun jedoch das, was ich bin; bin ich der niedrigste unter den Bischöfen, niedrig an Würde. Aber da auch ich so manche Mühe für deine Kirche auf mich genommen habe, trage Du der Frucht Sorge, denn als Verlorenen hast Du mich zum Bischof berufen, und so lasse nicht zu, daß ich mich als Bischof verliere.“