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KIRCHENGESCHICHTE
Aus Nr. 12 - 2005

Die Reformatoren unter den Benedikts


Im 18. Jahrhundert gingen aus den von den weltlichen Mächten dominierten Konklaven zwei „Unabhängige“ hervor: Benedikt XIII. und Benedikt XIV. Die beiden Männer – wenngleich grundverschieden – hatten nicht nur den Namen gemeinsam, sondern auch einen ehrlichen Reform-Ansatz.


von Lorenzo Cappelletti


Illustration zur Eröffnung der Römischen Synode von 1725, gedruckt in Rom im selben Jahr von der Druckerei Rocchi Bernabò.

Illustration zur Eröffnung der Römischen Synode von 1725, gedruckt in Rom im selben Jahr von der Druckerei Rocchi Bernabò.

BENEDIKT XIII. (1724-1730)
Der Name Benedikt scheint erst im 18. Jahrhundert wieder auf der Liste der Päpste auf. Vielleicht, weil im 14. und 15. Jahrhundert zwei Antipäpste diesen Namen angenommen hatten.
Gewählt wurde er dann erneut von Kardinal Pietro Francesco Orsini, oder – so sein Ordensname – dem Dominikaner Vincenzo Maria, der im Mai 1724 Papst wurde. Durch diese Namenswahl zeigte Benedikt XIII., wie wir bald sehen werden, schon deutlich, welchen Kurs sein Pontifikat einschlagen würde. Erfolgt war sie nämlich aus Ehrerbietung für den seligen Dominikaner Papst Benedikt XI. (1303-1304), Nachfolger von Bonifaz VIII. Anfang des 14. Jahrhunderts, und nicht für Pius V., Dominikaner und Papst aus weniger fernen Tagen, der erst 1712 seliggesprochen worden war.
Orsini, Spross einer in Apulien ansässigen, frommen Adelsfamilie (als seine Mutter 1658 Witwe wurde, trat sie in den Dominikanerorden ein), legte im Februar 1669 sein Ordensgelübde ab – kurz vor seinem 19. Geburtstag. Sehr zum Unwillen seiner Familie, die bereits eine für einen Herzog von Gravina standesgemäße Heirat arrangiert hatte. Aber dem konnte bald Abhilfe geschaffen werden, indem man einfach den Zweitgeborenen mit der Nichte des damaligen Papstes Clemens X. Altieri vermählte und dafür sorgte, daß Vincenzo Maria – zu seinem großen Bedauern – schon bald, nur wenige Monate nach seiner Priesterweihe im Jahr 1672, zum Kardinal ernannt wurde.
Der Auftakt zu einer typischen kirchlichen Laufbahn à la ancien régime? In einem gewissen Sinne ja. Immerhin gab es damals keinen Kardinal, der nicht aus einer „Zweckehe“ zwischen Thron und Altar hervorgegangen wäre. Wer kann sich schon von den Zwängen seiner Zeit befreien? Und doch erinnerten „sein persönlicher Werdegang und sein Aufstieg“, wie Luigi Fiorani in dem Standardwerk über die Geschichte des Papsttums, Dizionario storico del Papato, schreibt, „nur zum Teil an die Musterkarriere eines hochrangigen Kirchenmannes“ (DSP, I, S. 163).
Auch sein Pontifikat paßte nicht ganz in dieses Schema, obwohl es sich unter gewissen Aspekten nicht sehr von anderen typisch „schwachen“ Pontifikaten der Neuzeit unterscheidet. Der 75jährige Italiener, ein Zelant, der zu jener Gruppe von Kardinälen gehörte, die allein das Wohl der Kirche wollten, konnte einstimmig gewählt werden, als sich die im Konklave versammelten weltlichen Mächte jener Zeit nach zwei Monaten Diskussion letztendlich für einen Kandidaten entschieden, den man als politisch harmlos einstufte. Umso besser, wenn die Neutralität – wie bei Orsini der Fall – keine taktischen Ursachen hatte, sondern einer tiefverwurzelten Religiosität entsprang. Nur wenige Tage nach der Wahl Benedikts schrieb Kardinal Cienfuegos an den Kaiser, daß sich die Prognosen über die Regierungsgeschäfte des Papstes darauf beschränkten, ihn als in kirchlichen Belangen starr einzustufen, und es dort, wo es um diese ginge, durchaus zu Missklängen mit den gekrönten Häuptern kommen könnte. Es könne aber – wie er meinte – ansonsten kein Zweifel daran bestehen, daß seine Absichten lauter wären und er ein heiligmäßiges Leben führe (vgl. Pastor, Storia dei papi, XV, S. 502, Anm. 2).
Die historiographischen Beurteilungen stellen vor allem den religiösen Eifer Benedikts XIII. heraus. Sei das nun als einfaches Lob empfunden, das soweit geht, seine (wie wir noch sehen werden) mehr oder weniger gewollte politisch-diplomatische Unfähigkeit zu leugnen, oder sei diese – noch dazu auf recht unverblümte Weise – einfach seinem Eifer zugeschrieben. Und wenn in dem ihm, „Diener Gottes“, gewidmeten Kapitel der 1. Beilage der Bibliotheca Sanctorum (im Kielwasser, offensichtlich, der monumentalen Verteidigung seines Andenkens, die ihm G. B. Vignato zwischen 1952 und 1976 zudachte) zu lesen steht, daß es sein Ruf der „Heiligkeit“ gewesen wäre, der ihm den [in dem Text ohne böse Absicht überbetonten] einstimmigen Konsens der Kardinäle einbrachte (S. 159), stellt Pastor in seiner Papstgeschichte doch auch heraus, daß kein Zweifel daran bestehen könne, daß er einer der frömmsten und demütigsten Päpste gewesen wäre. Das hindert ihn aber nicht daran, am Schluß folgendes vernichtendes Urteil über ihn zu fällen: Ein hervorragender Ordensmann macht noch keinen fähigen Papst (vgl. XV, S. 638). Wie sollte man also nicht umhin kommen, sich zu fragen – man vergebe mir meine Offenheit –, ob es sich bei den mehr als 150 Benedikt XIII. gewidmeten Seiten (die wir alle gelesen haben) nicht eher um eine Urteilsschrift Pastors handelt denn den ehrlichen Ansatz einer historischen Analyse?
Die einen wie die anderen, und auch die intermediären tiers-parti-Historiker – die Heiligkeit des Papstes einmal vorausgesetzt – schreiben seine Limits als Regent den extrem korrupten Ratgebern aus Benevento zu, mit denen sich der Papst zu umgeben pflegte. Besonders Niccolò Coscia, der schon in Benevento sein Sekretär war, im Juni 1725 zum Kardinal kreiert wurde und zum factotum seines Pontifikats geworden war. Ein Mann von extrem niederer Gesinnung – wie Pastor meint –, der auf denkbar schändliche Weise das ihm von Benedikt XIII. geschenkte Vertrauen mißbrauchte (vgl. XV, S. 507). Ein Punkt, in dem sich die Historiker einig sind – im Einklang mit der tatsächlichen Verurteilung, die nach dem Tode Benedikts XIII. über Coscia verhängt wurde. Seine Manöver sollen sich sogar auf die internationalen Beziehungen des Hl. Stuhls ausgewirkt haben, beispielsweise die mit dem Kaiser geführten Konkordats-Verhandlungen für Sizilien und die für das Königreich Sardinien mit den Savoia.
Büste Benedikts XIII., Pietro Bracci, Baptisterium der Basilika Santa Maria Maggiore.

Büste Benedikts XIII., Pietro Bracci, Baptisterium der Basilika Santa Maria Maggiore.

Den großen Einfluß der „Beneventiner“ und Coscias kann man verstehen, wenn man bedenkt, daß Benedikt XIII., auch als er längst Papst war, noch gute Beziehungen zur Erzdiözese Benevento unterhielt: hier hatte er 38 Jahre seines Lebens verbracht, unter Aufwendung all seiner Energie – und das nicht ohne persönliche Genugtuung. Hier hatte er den Beistand seines Lieblingsheiligen Philipp Neri erfahren, dem er es – wie er meinte – zu verdanken hatte, das schreckliche Erdbeben überlebt zu haben, das Benevento 1688 in Schutt und Asche legte. Hier hatte er mit 15 Pastoralbesuchen die kirchliche Organisation drastisch reformiert. Hier hatte er Initiativen steuerlicher und sozialer Art ins Leben gerufen: immerhin war Benevento nicht nur ein bedeutender Erzbischofssitz, sondern auch Teil des Kirchenstaates, ein Enklave davon, fast schon ein Avignon post litteram im Innern des Königsreichs Neapel, weshalb dem Erzbischof natürlich die zivilen Regierungsgeschäfte oblagen.
„Das von Orsini fast vierzig Jahre lang in der Provinz Benevento vorangetriebene Reformprojekt kann nur schwer unterschätzt werden […], denn hier zeigt sich, daß er keinesfalls über so wenig administrative und politische Erfahrung verfügte und sich ausschließlich der Praxis der Askese widmete, wie ihm so oft unterstellt wurde“, schreibt G. De Caro in dem Benedikt XIII. gewidmeten Kapitel des Dizionario biografico degli italiani (DBI, VIII, S. 385). Es war also nicht nur aus reiner Leichtgläubigkeit (vgl. Pastor, XV, S. 638), wenn er sich auf die ihm gut vertrauten Beneventiner stützte, sondern, weil ihm das – wie er meinte – einen größeren Handlungsspielraum gab bei der „ihm vorschwebenden, neuen Politik“ (DBI, VIII, S. 394)
In der Tat hatte er nicht nur auf der Ebene der Kirchendisziplin (man denke nur an die Synode zu Rom von 1725, die erste seit der Zeit Innozenz’ III.!) den Mut, im Vergleich mit seinen unmittelbaren Vorgängern einen Schritt nach hinten – oder nach vorn, wenn man so will – zu machen, sondern auch auf sozialer (man denke nur im Zusammenhang mit dem Jubiläum jenes Jahres an die aufsehenerregende Prozession befreiter Sklaven auf den Straßen Roms und in buchstäblichem Gehorsam seinem Sinn gegenüber, worauf erst kürzlich Guido Miglietta aufmerksam machte oder an das bereits erwähnte, dem der in Benevento eingeleiteten Initiative ähnlichen Projekt der Erleichterung der Kredite und entsprechender Steuerentlastung). Ganz zu schweigen von dem mehr als rutschigen Parkett der chinesischen Riten-Frage (dem bei den Konvertiten des Reichs der Mitte üblichen Brauchtum, die traditionellen Riten des eigenen Geschlechts einfach weiterzufeiern) und den Streit um die Gnade (der in Frankreich immer noch nachwirkte): ebenfalls Bereiche, in denen er eine Aussöhnung herbeiführen wollte. In einer Art Nachahmung – Jahrhunderte später – des Werkes seines entfernten Vorgängers Benedikt XI., versuchte Benedikt XIII. mit einem Breve vom November 1724, die französischen Dissidenten wieder für die Einheit zu gewinnen, indem er zugestand, daß „die Lehre von der Gnade, die aus sich heraus wirksam ist, und die Lehre von der Vorausbestimmung für die Herrlichkeit, ohne daß Verdienste vorgesehen wären, eine mit der Heiligen Schrift, den päpstlichen Dekreten und den Lehren des Augustinus und Thomas von Aquin im Einklang stehende Lehre war“ (DBI, VIII, S. 390).
Aber gerade aus den „eigenen Reihen“ kam keine Unterstützung. Ganz im Gegenteil. Zunächst einmal behinderte die Kurie, und dort ganz besonders die Zelanten – aus deren Reihen der Papst ja eigentlich stammte – mit den erzchristlichen und erzkatholischen Mächten einig, „die von Benedikt XIII. angestrebte lehrmäßige Öffnung“ (DBI, VIII, S. 389) – und das auch mit Schurkereien wie der Interpolation der dogmatischen Texte der Synode des Jahres 1725. Dann gelang es den Spitzbuben aus Benevento auch noch, das Erneuerungsprojekt der Steuerpolitik platzen zu lassen, indem sie den Erlös in ihre eigenen Taschen und die ihrer Helfershelfer fließen ließen. Und das war bei weitem noch nicht alles.
Vielleicht liegt gerade in dieser zum Teil gewollten „Kurzsichtigkeit“ – die ihn denen in seiner Nähe nur allzu blind vertrauen ließ oder zwang, ihnen zu vertrauen; und die ihn anderen, die entfernt waren, mißtrauen ließ oder zwang, ihnen zu mißtrauen – der Grund für die effektive Schwäche Benedikts XIII. „Tatsächlichen oder vermeintlichen Angriffen von außen gegenüber zeigte sich Orsini unbeugsam,“ kann man in einem Randeintrag im DBI nachlesen (VIII, S. 386), der jedoch, und nicht nur für die Beurteilung des Pontifikats Benedikts, überaus aufschlußreich sein kann. Hier kann man nämlich sehen, wie sehr die beiden Bürgerschaften des Augustinus im zweiten Jahrtausend allmählich darauf reduziert werden, entweder „einer von uns“ oder einer „der anderen“ zu sein – und zwar ohne die Dynamik der Gnade in Betracht zu ziehen. Und das gerade von jenen, die vielleicht sogar versucht haben, traditionsgetreu zu leben. Es ist kein Zufall, wenn Benedikt XIII. auf dem Gipfel seines Pontifikats versucht hat, den Kult des hl. Gregor VII. auf die gesamte Kirche auszuweiten, womit er den Abgrund nur vertiefte und einen wahren diplomatischen Aufruhr auslöste. Mehr noch als „Mißklänge mit den gekrönten Häuptern“, wie es schon Kardinal Cienfuegos vorausgesehen hatte.
Aber gerade dieser viele Lärm um nichts läßt in uns den Wunsch wachsen, anhand einiger Fakten und Daten, die bisher niemanden interessiert haben dürften, die tatsächliche Bedeutung des Pontifikats von Benedikt XIII. herauszustellen (in Erwartung weiterer Studien, mit denen seine Person hoffentlich endlich vollkommen beleuchtet werden kann). So kommt man beispielsweise nicht umhin festzustellen, daß sich das Datum des 22. Februar – Tag seines Todes am Vorabend des Hochfestes der Kathedra Petri im Jahr 1730 –, fast schon wie eine Art roter Faden durch das Leben Benedikts XIII. zieht. An eben diesem Datum (an dem, im Jahr 1700, seine Mutter gestorben war, der man als Schwangere das Schicksal ihres Sohnes vorausgesagt hatte!) war seine Kreierung zum Kardinal erfolgt, und zuvor schon seine Weihe zum Diakon. Und wenn er das auch, wie damals üblich, nur zwei Tage lang blieb, konnte Benedikt, der auf den Namen Pietro Francesco getauft worden war, gar kein anderes Schicksal beschieden sein als das, sein ganzes Leben lang, und auch danach, ein „Diakon“-Papst zu sein, ein Diener (der Diener) Gottes. Das ist der Titel, den ihm die Tradition zugedacht hat und der noch heute sein Gedächtnis begleitet.

Benedikt XIV., Pierre Subleyras, 
Musée du Château, Versailles.

Benedikt XIV., Pierre Subleyras, Musée du Château, Versailles.

BENEDIKT XIV. (1740-1758)
Wenn es einen Papst gibt, über den wahrlich Ströme von Tinte vergossen wurden, dann Benedikt XIV. Womit es sich für mich erübrigt, mich lange bei ihm aufzuhalten und ich unseren 25 Lesern – sofern es auch wirklich noch immer so viele sind – raten kann, nachzulesen, was Kardinal Bertone erst vor kurzem für unsere Zeitschrift über ihn geschrieben hat (vgl. 30Tage, Mai 2005, S. 66-69): ubi maior ...
Benedikt XIV. war nicht der unmittelbare Nachfolger von Benedikt XIII., sondern – 10 Jahre später – der von Clemens XII. (1730-1740), einem Papst, der noch mehr ancien… (er war 78, als man ihn wählte) ...régime war, und in gewisser Hinsicht noch schwächer als Benedikt XIII. (er war während seines gesamten Pontifikats blind).
Benedikt XIV. war ein Papst, der sich so sehr von Benedikt XIII. wie auch von anderen Vorgängern und Nachfolgern unterschied, daß sich um ihn schon bald ein ähnlicher, wenngleich dauerhafterer, Mythos rankte wie um Pius IX. Dieser auf die Papst Lambertini eigene Gutmütigkeit, Mäßigung und gesunde Aufgeschlossenheit für die Moderne gegründete Mythos – Eigenschaften, von denen mit Anekdoten gespickte Schriften schon zu seinen Lebzeiten ausführlichst berichteten – konnte im 20. Jahrhundert durch das später mit dem begnadeten Darsteller Gino Cervi verfilmte Theaterstück Il cardinale Lambertini wieder aufleben.
Aber die Geschichte ist kein Mythos. Alle Päpste, ganz gleich, welches Lob oder welchen Tadel ihnen die Menschen auch zugedacht haben, geben gewollt oder ungewollt der Redensart recht, nach der sie nicht gehen können, wohin sie wollen und sich nicht allein das Gewand gürten dürfen. Angefangen bei ihrer Wahl. Besonders wenn man, wie im Fall Benedikts XIV., vollkommen unerwartet am Ende des längsten und mühseligsten Konklaves der Neuzeit gewählt wurde. Erst nach sechs Monaten konnte sich sein Name durchsetzen: seine doch so beachtliche juridische und pastorale Erfahrung war nicht ausreichend gewesen, seine Kandidatur zu akkreditieren: das Konklave, das „während des gesamten 18. Jahrhunderts die im Wandel begriffenen politischen Gleichgewichte widerspiegelte“ (wie Alberto Melloni in seinem jüngst erschienenen Il conclave schreibt), mußte erst wegen allzu großen Gleichgewichts an einem toten Punkt ankommen.
Prospero Lorenzo Lambertini wählte den Namen Benedikt – wie die Historiker meinen –, weil er von Benedikt XIII. zum Kardinal kreiert worden war. Andere Gründe scheint es nicht zu geben. Im Gegenteil: Mario Rosa merkt an, daß Benedikt XIV. alle Spuren seines Vorgängers auslöschen wollte, „bis auf den religiösen Eifer, der, bei allen Limits einer schwachen, von skrupellosen Opportunisten dominierten Regierung, doch ein tatsächlicher Zug des umstrittenen Pontifikats von Papst Orsini war“ (DSP, I, S. 169). Abgesehen davon, daß das allein schon etwas ist, und Benedikt XIV. auch Kardinal Coscia aus der Gefangenschaft befreite (was vielleicht mehr Beachtung wert wäre), läßt sich durchaus die ein oder andere Parallele zwischen den beiden Päpsten erkennen. Wenn man sich z.B. auch bei Benedikt XIV. einige Daten genauer ansieht – wie Tarcisio Bertone in einem schönen Buch aus dem Jahr 1977, Il governo della Chiesa nel pensiero di Benedetto XIV –, kann man sehen, daß er erst spät Diakon und Priester wurde: im Alter von fast 50 Jahren, kurz vor der Wahl von Benedikt XIII., der ihn dann, am 16. Juli 1724, zum Bischof weihte. Unter diesem Pontifikat konnte er eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen mit dem Haus Savoia und Kaiser Karl VI. spielen. Aber auch bei der Diözesansynode des Jahres 1725 zog er hinter den Kulissen die Fäden – eine Erfahrung, die sich später in De synodo diocesana niederschlagen sollte, seinem vielleicht gelungensten Werk.
Benedikt XIV. und Benedikt XIII. ist aber auch eine gewisse Isolation gemeinsam, die sich für beide aus dem religiösen Eifer ergab, mit dem sie ihr Pontifikat verstanden.
Das einmal gesagt, kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, daß das Pontifikat von Benedikt XIV. eine entscheidende Wende in der Geschichte des Papsttums bezeichnete – nicht nur des 18. Jahrhunderts. Benedikt XIV. erkannte nämlich die Gefahr der Isolation. Und er war nicht bereit, den Prinzen die Prinzipien zu opfern.
So machte er einerseits in den verschiedenen Konkordaten den vom Geist des Absolutismus und der antiklerikalen Aufklärung infizierten (vgl. Pastor, XVI, SS. 460-461) katholischen Herrschern alle nur möglichen Zugeständnisse und akzeptierte „die zweitrangige und passive Rolle“, die das Papsttum seit Mitte des 18. Jahrhunderts „auf dem politischen Schachbrett Europas“ (DBI, VIII, S. 398) spielen mußte, stellte sich aber andererseits gegen das aufstrebende Königreich Preußen unter Friedrich II. Er war – was seit der Zeit der Reformation nicht mehr der Fall war – zum ersten Mal bereit, direkt mit den Repräsentanten eines protestantischen Herrschers zu verhandeln und erkannte, wie er 1746 schrieb, dessen Königstitel an, „um nicht die vielen armen Teufel mit dem Fallbeil im Nacken zu gefährden.“ Und am Ende wählte er in Wahrheit nicht die Neutralität, sondern eine „besonders Frankreich-freundliche Haltung“, wie Tarcisio Bertone schreibt (S. 25), was auch von den zahlreichen Briefen an den französischen Kronminister, Kardinal Pierre Guérin de Tencin bestätigt wird, jenen „Brieffreund“, mit dem der Papst einen überaus vertraulichen und intensiven Briefwechsel führte. Emilia Morelli konnte diese Korrespondenz nach dreißigjähriger Arbeit in drei Bänden herausgeben.
Als man in der querelle jenes Jahrhunderts, dem Kontrast, auf französischem Boden, zwischen Jansenisten und Anti-Jansenisten, aus Staatsgründen von ihm eine Stellung­nahme verlangte, gab er im Juni 1746 sogar seinem Freund Tencin folgende unverblümte Antwort: „In Eurem Brief scheibt Ihr, der Sekte der Jansenisten ganz besonders abgeneigt zu sein. Seid versichert, daß auch Wir diese Abneigung teilen, und daß sie auch hier, unter den rechtschaffenen Männern Roms, zu finden ist: aber ich denke doch, daß der Vorwurf des Jansenismus nicht unüberlegt gemacht werden darf, in Angelegenheiten also, die nichts damit zu tun haben.“ Kurzum: ebenso wie sich „in den uns bekannten Dokumenten keine Hinweise auf seine Aversion gegen die Jesuiten finden“ – wie Frau Morelli schreibt –, deren missionarischen Eifer er sogar besonders schätzte, so darf man Benedikt XIV. auch keine Sympathien für die Jansenisten unterstellen. Er schenkte einfach nur den „allzu häufigen Fällen, in denen andere als Jansenisten gebrandmarkt werden, ja gar solche, die die Gedanken Jansens entschieden zurückweisen“ keinen Glauben (aus einem Brief des Papstes von 1748, an Tencin adressiert).
Friedrich II. von Preußen.

Friedrich II. von Preußen.

Anfang des vergangenen Jahrhunderts verbreitete sich in derselben Weise die Bezichtigung, Sympathien für den Modernismus zu haben, wie ein Gift, das auch vor den aufrichtigsten Kirchenmännern nicht Halt machen sollte, die sich allein dessen schuldig gemacht hatten, daß es ihnen an Starrheit des Geistes und des Herzens fehlte. Eines der Opfer war Johannes XXIII., der eine gewisse Ähnlichkeit mit Benedikt XIV. hatte und dessen Worte bei der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils an den Weitblick Benedikts zu erinnern schienen.
Auch Paul VI. griff zum Abschluß des II. Vatikanischen Konzils, in dem motu proprio, mit dem er das Heilige Offizium reformierte, eine (seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr beachtete) Verfügung von Benedikt XIV. wieder auf, laut der jeder katholische Autor, dessen Werk auf den Index gesetzt wurde, das Recht auf Anhörung hatte. Diese Verfügung, die man in jüngster Zeit weise anwandte, hat den Lauf der Gerechtigkeit erleichtern können.
Und schließlich war auch Benedikt XIV. – wie schon so viele seiner Vorgänger und Namensvetter, die Recht und Gerechtigkeit durch eifriges Arbeiten und Studieren im Schoß der Kirche von Rom erlernt hatten – zum Römer geworden, wohnte er doch von 1688 bis 1724 sozusagen im Schatten der Peterskirche, zuerst als er dort studierte, und dann später, als er alle Grade und Büros der Kurie durchlief. So daß er 1731, als er Erzbischof von Bologna geworden war und erkennen mußte, daß ihm die Situation seiner Heimatstadt nicht mehr vertraut war, nicht sofort Maßnahmen ergriff, sondern sich zuerst genau über alles informieren wollte (vgl. Pastor, XVI, S. 23). Und nachdem er das getan hatte, merkte er an, nicht die Absicht zu haben, „Innovationen einzuführen“, sondern „das wieder herstellen zu wollen, was den heiligen Gesetzen entspricht und den Gepflogenheiten unserer Diözese, unter Anfügung der ein oder anderen Mäßigung und so manchem Zeichen einer größeren Gerechtigkeit“ (aus der Raccolta di notificazioni, herausgegeben in Rom 1742, I, S. 5).
Dasselbe sollte er später, nach diesem Intermezzo, auch in Rom tun. Der Stadt, in die er als Papst zurückkehrte und der er dereinst für immer gehören sollte.


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