Warten auf Valencia
Kardinal Alfonso López Trujillo, Präsident des Päpstlichen Rates für die Familie, berichtet von den Vorbereitungen für das fünfte Weltfamilientreffen. Einer Begegnung, die voraussichtlich im Juli in Spanien stattfinden wird und bei der man auch den Papst erwartet.
Interview mit Kardinal Alfonso López Trujillo von Gianni Cardinale

Die Messe unter Vorsitz von Kardinal Alfonso López Trujillo anlässlich des vierten Weltfamilientreffens (Manila 2003).
Herr Kardinal, wie steht es – den Erkenntnissen der Begegnung vom Dezember zufolge – in Lateinamerika um die „Familie und das Leben“?
ALFONSO LÓPEZ TRUJILLO: In Lateinamerika haben wir es mit einer sehr komplexen, manchmal auch delikaten Realität zu tun. Die Situation ist nicht in allen Ländern gleich. Es gibt durchaus Nationen, wo Verfassung und Gesetze das Lehramt der Kirche respektieren. Aber auch andere, die dem Einfluß gewisser legislativer Tendenzen unterliegen, die sich in einigen Teilen der Welt immer mehr durchsetzen können. Tendenzen gegen das Recht auf Leben vom Moment seiner Empfängnis an und gegen die Familie als solche.
Wie äußert sich das konkret?
LÓPEZ TRUJILLO: In Kolumbien wurde beispielsweise versucht, die Abtreibung für straffrei zu erklären– wogegen sich der Verfassungshof zum Glück verwahrt hat. Aber damit ist das Thema bei weitem nicht abgehakt, es wird sicher noch ein Nachspiel haben. Jedes Vergehen – und, wie schon das II. Vatikanische Konzil in Nr. 51 seiner Gaudium et spes betont, „abortus necnon infanticidium nefanda sunt crimina“ –, jedes Vergehen hat seine Strafe, wenn es auch mildernde oder erschwerende Umstände geben mag, über die dann ein Richter zu befinden hat. Die Abtreibung für straffrei zu erklären, die Meinung zu vertreten, daß es sich nicht um ein Verbrechen handelt, ist der erste Schritt auf dem Weg zur vollkommenen, uneingeschränkten Legitimierung. Das hat sich in den Vereinigten Staaten gezeigt, wo es die sogenannte Partial birth abortion ermöglichte, noch im letzten Monat der Schwangerschaft abzutreiben. Präsident George Bush hat zum Glück ein Gesetz unterzeichnet, das diese Praxis illegitim macht. Wenn mir auch mitgeteilt wurde, daß die Gerichtshöfe einiger Staaten – Nebraska, Kalifornien und New York – dieses Gesetz für verfassungswidrig erklärt haben.
Das Problem ist von dramatischer Einfachheit: der Embryo ist ein menschliches Wesen mit Rechten, und keine unorganische Einheit von Zellen, oder – um es noch drastischer zu sagen – eine Art Tumor, den man problemlos aus dem Mutterschoß entfernen kann! Wie bereits gesagt: viele Verfassungen lateinamerikanischer Länder setzen sich für den Schutz des Lebens vom Moment der Empfängnis an ein, aber manche Länder versuchen nun, Ausnahmen einzuführen, um der freien Abtreibung den Weg zu ebnen, wobei man sich auch den ideologischen Ansatz zunutze zu machen versucht, der sich in den bekannten neuen Gesetzen findet. Einige davon haben allerdings, was man nicht vergessen sollte, noch nicht das definitive placet des Verfassungshofes erhalten. Diese Informationen sind allgemein bekannt, ebenso bekannt wie die Lehre der Kirche, die aus der Enzyklika Evangelium vitae deutlich hervorgeht.
Damit wollen Sie also sagen, daß die lateinamerikanischen Bischöfe bei der Begegnung vom Dezember auf die Gefahr eines von außen kommenden Einflusses aufmerksam machten…
LÓPEZ TRUJILLO: Was die lateinamerikanischen Bischöfe beunruhigt, ist die Tatsache, daß sich hier eine Ideologie durchsetzt, die nicht lateinamerikanisch ist, aber einen gewissen, unvorhergesehenen Erfolg verzeichnen kann. Ein Risiko, das von einer anthropologischen Konfusion und von dem in einigen Ländern vorherrschenden Rechts-Positivismus bestimmt wird, für den das Gesetz als solches immer gut ist. Aber das ist kein sicheres Kriterium, schließlich ist die Geschichte voll von Beispielen, die das Gegenteil zeigen. Und das gilt auch für die Abtreibung und die Ehe. Auch in diesem Fall steht die Kirche für eine Auffassung von Familie, die zu allen Zeiten und in allen Kulturen Gültigkeit hat. Die Ehe ist die Verbindung zweier Personen unterschiedlichen Geschlechts. Heute dagegen versucht man, hier ein anderes Konzept einzuführen, eine neue, willkürliche Definition. Aber wenn man auf diesem Weg weitermacht, kann schon morgen alles möglich sein, auch die undenkbarsten Abartigkeiten. Was für die Familie verheerende Folgen hätte. Und dieser Gefahr ist sich auch Papst Benedikt XVI. bewußt. Zum Glück gibt es aber durchaus ermutigende Hoffnungsschimmer…

Kardinal Alfonso López Trujillo neben Benedikt XVI. beim Konzert des Münchner Philharmonieorchesters und der Regensburger Domspatzen (Vatikan, 20. Oktober 2005, Aula Paul VI.).
LÓPEZ TRUJILLO: Ich denke hier besonders an Italien, wo sich die Situation anders darstellt als in Spanien. In Italien nehmen einflußreiche Persönlichkeiten zu diesem Thema Stellung – auch aus sogenannten Laien-Kreisen, Nicht-Glaubende, die vom Gesichtspunkt der Vernunft aus beurteilen, wie gültig das Denken der Kirche zu diesen Themen ist. Ich denke dabei an so unterschiedliche Persönlichkeiten wie den Senatsvorsitzenden Marcello Pera, den Journalisten Giuliano Ferrara und, unter gewissen Aspekten, an die Schriftstellerin Oriana Fallaci.
Kommen wir wieder auf Lateinamerika zurück. Sie haben bereits Ihre Heimat Kolumbien angesprochen. Wie sieht die konkrete Situation in den anderen Ländern aus?
LÓPEZ TRUJILLO: In Brasilien wurden zahlreiche Gesetzespläne vorgelegt, mit denen die Abtreibung liberalisiert werden sollte. Und das nicht zum ersten Mal. Erst vor kurzem hat man – glücklicherweise – einen Plan blockiert, der unglaublich permissiv gewesen wäre. In Honduras ist die Situation dagegen eine klare: das Leben ist von der Empfängnis an konstitutionell geschützt, und es gibt keine Versuche, diese Norm zu umgehen. Dasselbe kann man von Peru sagen, wo ich erst Anfang Dezember war. In Argentinien soll die Landesregierung – wie ich gehört habe – keine Absicht haben, in diesen Dingen einzuschreiten, wenn man vom Gesundheitsministerium auch andere Dinge hört. Auf lokaler Ebene, auf Gemeindeebene und der der einzelnen Provinzen, werden Versuche unternommen, Gesetze einzuführen, die wir als ungerecht definieren können und die in einigen Fällen bereits approbiert wurden. In Venezuela gibt es, soviel ich weiß, Gott sei Dank keine derartigen Tendenzen; wenn einige auch sagen, daß uns noch die ein oder andere böse Überraschung bevorstehen könnte. Ich kann nur hoffen, daß anerkannt wird, welch katholische Seele diese Nation hat. In Chile hat man vor kurzem die Scheidung eingeführt, die eigentlich nicht vorgesehen war. Man kann nur hoffen – wie es die Ortskirche auch tut –, daß die neue Präsidentin, Michelle Bachelet, die Werte eines christlichen Landes wie Chile zu schätzen weiß und die Werte des Menschen „in seiner Ganzheit“, wie es der Papst in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est formuliert, auch respektieren wird. Das Wohl des Menschen steht im Mittelpunkt der Gesellschaft, und es ist ein gemeinsames, integrales Wohl.
Den negativen Einfluß, den die von der spanischen Regierung José Luis Rodríguez Zapateros eingeführte Gesetzgebung auf Lateinamerika haben könnte, haben Sie ja schon angesprochen.
Und doch kann man in der amerikanischen Presse, beispielsweise der New York Times, der Los Angeles Times usw., oft Artikel lesen, in denen von einer Ausweitung des Rechts auf Abtreibung auf den gesamten Kontinent die Rede ist...
LÓPEZ TRUJILLO: Hier haben wir es mit Kommunikationsmitteln zu tun, die zum Glück wohl nicht die gesamte Wahrheit widerspiegeln und auch nicht die Position der derzeitigen US-Regierung. Wir wissen nur zu gut, daß man über einige Aspekte der amerikanischen Politik streiten kann – beispielsweise den Entschluß, gegen den Irak Krieg zu führen, der heute große Probleme hat. Wir wissen ja nur zu gut, wie Johannes Paul II. dazu stand. In Angelegenheiten, die die Familie, die Ehe, die Abtreibung betreffen, in Sachen Safe Sex, müssen wir zugeben – wie es schon Johannes Paul II. getan hat, als er Bush in Audienz empfing –, daß dort, wo es um den Respekt der moralischen Werte und den Schutz des Lebens und der Familie geht, zwischen US-Administration und Hl. Stuhl eine objektive Harmonie besteht. Dafür müssen wir den Vereinigten Staaten dankbar sein, müssen uns aber auch über andere Realitäten Sorgen machen, in denen die entgegengesetzte Ideologie vorherrscht, wenn in der Zukunft auch sie erkennen werden müssen, wo die Wahrheit liegt.
Präsident Bush hat jüngst zwei neue Richter für den Obersten Gerichtshof ernannt: John G. Roberts jr. und Samuel A. Alito. Beide sind katholisch und gelten als konservativ, könnten also dazu beitragen, daß das vom Obersten Gerichtshof 1973 gefällte, historische Pro-Abtreibungs-Urteil umgekehrt oder gemildert wird. Wie beurteilen Sie die Ernennung dieser beiden Richter?
LÓPEZ TRUJILLO: Ich glaube, daß dieser Gerichtshof nun, mit Personen, denen die grundlegenden Werte des Menschen am Herzen liegen, wieder zum plenum seiner Komponenten zurückgefunden hat. Aber ich bin kein amerikanischer Staatsbürger… ich bin nur ein Christ, der darum betet, daß der Oberste Gerichtshof der USA – wie auch der eines jeden beliebigen Landes – stets Entscheidungen für das Leben und die Familie treffen mag, und zwar aus Gründen der Vernunft, wie auch aus wissenschaftlichen, legalen und religiösen Motiven.
Herr Kardinal, in der ersten Juliwoche soll das Weltfamilientreffen stattfinden. Abgehalten wird es in Valencia, im Spanien Zapateros. Eine Provokation?
LÓPEZ TRUJILLO: Hier muß ich klarstellen, daß der Entschluß, das Treffen in Valencia abzuhalten, schon vor drei Jahren gefällt wurde, anderthalb Jahre, bevor Zapatero an die Macht kam – zu einer Zeit, in der das auch die weitblickendsten Beobachter für recht unwahrscheinlich hielten. Man kann sagen, daß es sich um eine providentielle Entscheidung handelte, und um eine Begegnung, die klarmachen will, welch positiver Wert die Vermittlung des Glaubens in den Familien ist. Es soll keine Begegnung sein, die gegen irgendjemanden oder gegen eine Regierung ist. Aber es ist auch eine Gelegenheit, bei der die Sendung der Familie als eine Art „Hauskirche“ und Heiligtum des Lebens herausgestellt werden wird. Die Lehre der Kirche gilt für alle Zeiten und alle Regierungen, zum Wohl des Menschen.
Wird der Papst dabei sein?
LÓPEZ TRUJILLO: Hier hat man noch keine offizielle Entscheidung getroffen. Aber natürlich sind wir zuversichtlich und erwarten mit Freude die Anwesenheit des Papstes in Valencia. Der Papst beruft dieses Treffen ein. Und der Papst wird nie müde, mit Nachdruck darauf zu verweisen, wie wichtig es ist, die Rechte der Familie und des menschlichen Lebens zu verteidigen.
Wie wird die Begegnung aussehen?
LÓPEZ TRUJILLO: Sie wird aus drei Momenten bestehen. Vom 1. bis zum 7. Juli wird eine internationale Ausstellung für Familien stattfinden, dann, vom 4. bis zum 7. Juli, ein internationaler Theologen- und Pastoralkongress, an dem ca. 7.000 Personen teilnehmen. Das Thema wird lauten: „Die Vermittlung des Glaubens in den Familien“, und der Kongress wird in Studiengruppen zu verschiedenen Themen aufgeteilt sein. Themen wie Wirtschaft und Familie, Familie und Evangelisierung, Familie und Ökumene, Familie und Armut, Kinder und Erziehung, Familie und Erziehung, Demographie und Familie, internationale Organismen. Am Samstag, 8. Juli, wird dann das Festtreffen mit Erfahrungsberichten vor dem Papst stattfinden, und am 9. die abschließende Eucharistie mit dem Papst vor einer wunderschönen Kulisse im Herzen der Stadt.

Kardinal Alfonso López Trujillo.
LÓPEZ TRUJILLO: Sehr viele kann ich nur hoffen. Unserem Dikasterium stehen zwar keine großen Mittel zur Verfügung, aber wir hoffen dennoch auf eine möglichst große, weltweite Teilnahme. Und das auch schon allein, weil Valencia eine sehr schöne Stadt ist, über eine dynamische Kirche verfügt, und der Theologen- und Pastoralkongress in einem Messezentrum untergebracht sein wird, das jeden Komfort bietet, allein der Versammlungssaal ist viermal so groß wie die Aula Nervi!
Herr Kardinal, ich möchte noch kurz zwei aktuelle Themen ansprechen. In Italien diskutiert man zunehmend über das Thema PACS, die Frage der unverheirateten Paare…
LÓPEZ TRUJILLO: Hierzu möchte ich auf den Artikel von Professor Francesco D’Agostino verweisen, Präsident des Verbandes katholischer Juristen Italiens, der am 14. Januar auf der Titelseite des Osservatore Romano erschien. Darin erläutert er, daß diese Polemik letztendlich darauf abzielt, homosexuellen Paaren eine Art rechtliche Anerkennung zuzugestehten. Ich möchte darauf verweisen, daß schon allein das Konzept der unverheirateten Paare, wie die spanischen Bischöfe bereits betont haben, falsch ist. Die Lösung könnte hier vom Privatrecht kommen, der Staat aber kann jemandem, der in Sachen Stabilität nichts verspricht, sicher nichts zugestehen, und zwar weder coram Deo, mit einer kanonischen Eheschließung, noch coram societate, mit einer zivilen Trauung.
Sie haben erst kürzlich wieder die Haltung der Kirche zur Situation wiederverheirateter Geschiedener bekräftigt…
LÓPEZ TRUJILLO: Es gibt Menschen, die hierzu der Kirche, ja dem Herrn selbst, Lektionen in Sachen Barmherzigkeit erteilen wollen. Sie sagen, daß die Kirche zu streng sei. Die Kirche kann aber hier nicht den Worten Jesu zuwiderhandeln! Ich habe selbst viele Freunde, die geschieden sind und unter dieser Situation leiden: auch ihnen kann ich nur sagen, daß es nicht in unserer Macht steht, die Worte des Herrn zu ändern. Die Kirche muß zwar barmherzig sein, kann den Geschiedenen aber nicht sagen, daß ihre Situation Gott gegenüber harmonisch ist und sie daher die Kommunion empfangen können. Wie bereits gesagt: die Episode im Johannes-Evangelium, wo Jesus bei der Ehebrecherin steht, als sich jene, die sie steinigen wollten, zurückgezogen haben, kommentiert Augustinus wie folgt: „Relicti sunt duo, misera et Misericordia“, nur sie beide waren zurückgeblieben, die Barmherzigkeit der Prostituierten und die Barmherzigkeit Gottes, die Sünderin und der Herr. Dann sagt der Herr zu ihr: „Geh’ und sündige nicht mehr.“ Die Kirche muß barmherzig sein, wie der Herr, aber sie darf nicht die Gebote leugnen.