Das Wesentliche in aller Klarheit erfassen
Eine Reflexion des emeritierten Erzbischofs von Florenz zur Enzyklika von Benedikt XVI.
von Kardinal Silvano Piovanelli

Auf diesen Seiten, Details der Fresken der Cappella degli Scrovegni, Giotto, Padua. Hier, oben, das Letzte Abendmahl.
Ja, das ist er! Papst Benedikt bringt das Wesentliche gerne auf den Punkt. Und zwar nicht belehrend und mit komplizierten Ausführungen, sondern mit einer Tiefgründigkeit und zugleich Einfachheit, die von allen verstanden werden kann.
Schon die Ankündigung der Veröffentlichung erfolgte auf recht ungewöhnliche, fast schon familiäre Weise. Daß seine erste Enzyklika am 25. Januar veröffentlicht werden würde, gab er den 10.000 Gläubigen bekannt, die zur Mittwochsgeneralaudienz gekommen waren. Er erklärte, daß die Abfassung des Textes, seine Ausarbeitung, die Übersetzungen mehr Zeit erfordert hätten als vorgesehen und stellte fest, daß die Verspätung eine providentielle war, weil die Veröffentlichung der Enzyklika so schließlich mit dem Fest der Bekehrung des hl. Paulus und dem Ausklang der Gebetswoche für die Einheit der Christen zusammenfiel.
Das ist er! In einem in italienischer Sprache gehaltenen Vortrag beim „Meeting für die Freundschaft unter den Völkern“ hatte er 1990 mutig darauf hingewiesen, daß heute auch in hohen kirchlichen Kreisen hin und wieder die Ansicht anzutreffen sei, jemand wäre umso christlicher je engagierter er in kirchlichen Aktivitäten ist. Was sozusagen auf eine kirchliche Beschäftigungstherapie hinauslaufe. Man versucht jedem – wie er meinte – ein Komitee oder doch zumindest irgendeine Beschäftigung im Innern der Kirche zuzuteilen. In der Meinung wohl, es müsse immer irgendeine kirchliche Aktivität geben, die Kirche müsse immer im Gespräch sein, man müsse immer etwas für sie oder in ihr tun. Aber ein Spiegel, der nur sich selbst widerspiegelt, ist kein Spiegel mehr. Ein Fenster, das sich wie ein Schirm zwischen den Beobachter und die Welt stellt, anstatt den Blick auf den fernen Horizont freizugeben, hat seinen Sinn verloren. Es kann vorkommen – meinte er –, daß sich jemand unablässig kirchlichen Vereinstätigkeiten widmet und dennoch gar kein Christ ist. Und dann kann es wieder vorkommen, daß jemand anderer einfach nur vom Wort und von den Sakramenten lebt und die Liebe praktiziert, die aus dem Glauben kommt, ohne jemals in kirchlichen Komitees in Erscheinung getreten zu sein, ohne sich jemals um die Neuigkeiten der Kirchenpolitik gekümmert zu haben, ohne Synoden angehört und in ihnen abgestimmt zu haben, und dennoch ein wahrer Christ ist. Was wir brauchen, ist keine menschlichere Kirche, sondern eine göttlichere Kirche; nur dann wird sie auch wirklich menschlich sein... Je mehr Apparate wir konstruieren, und seien sie auch noch so modern, umso weniger Platz ist für den Geist, umso weniger Platz ist für den Herrn; umso weniger Freiheit gibt es. Abschließend gab er zu verstehen daß wir seiner Meinung nach unter diesem Gesichtspunkt in der Kirche auf allen Ebenen eine Gewissenserforschung ohne Vorbehalte ansetzen müßten.
Das Wichtigste für die Kirche ist also nicht das Tun, sondern das Sein: das Beste ist es, sich wie Maria von Bethanien zu Füßen des Geliebten niederzulassen und seinen Worten mit Wonne zu lauschen. Um ein starkes Zeugnis zu geben für diese Liebe, die durch uns alle erreichen will.
Das ist er! Er, der in Augustinus seinen Meister erkennt. Welcher in seinem Kommentar zu den Briefen des Apostels Johannes schrieb: „‚Gott ist die Liebe‘: ein kurzer Satz, aus einer einzigen Periode stammend, der aber doch soviel Bedeutung hat“ (In Ep. Io., 1). „Was konnte er mehr sagen, meine Brüder? Wenn in dieser ganzen Epistola und auf allen Seiten der Schrift kein Lob der Liebe außer diesem Wort enthalten wäre, das wir aus dem Mund des Geistes vernommen haben, daß nämlich Gott die Liebe ist, könnten wir kaum mehr verlangen“ (In Ep. Io., 7, 4).
„Suche, wie der Mensch Gott lieben kann: finden wirst du es allein in der Tatsache, daß er uns zuerst geliebt hat. Er hat uns sich selbst gegeben als Objekt, das wir lieben können, er gab uns auch die Ressourcen, ihn zu lieben. Was er uns gegeben hat zu dem Zwecke, ihn lieben zu können, das hört in sehr deutlicher Weise vom Apostel Paulus, der sagt: ‚Die Liebe Gottes ist in unsere Herzen gegossen.‘ Aber wie? Durch unser Werk vielleicht? Nein. Aber wie denn dann? ‚Durch das Wirken des Heiligen Geistes, der uns gegeben wurde‘“ (Sermones 34, 2).
„Auch wenn alle das Kreuzzeichen machen, ‚Amen‘ sagen und ‚Halleluja‘ singen würden; wenn alle die Taufe empfangen und in die Kirchen kommen, wenn sie die Mauern der Basiliken errichten lassen würden, bleibt doch der Umstand, daß allein die Liebe die Kinder Gottes von den Kindern des Teufels unterscheiden läßt. Jene, die die Liebe haben, sind aus Gott geboren, die sie nicht haben, sind nicht aus Gott geboren. Das ist das große Unterscheidungskriterium. Wenn Du alles hättest, Dir aber diese eine Sache fehlte, dann würde Dir alles, was Du hast, nichts nützen; wenn Du die anderen Dinge nicht hast, aber diese Sache besitzt, hast Du dem Gesetz entsprochen“ (In Ep. Io., 5, 7)

Die Fußwaschung.
„Gott verbietet Dir nicht, die Geschöpfe zu lieben, aber er verbietet Dir, sie mit dem Zweck zu lieben, von ihnen die Glückseligkeit zu erlangen“ (In Ep. Io., 2, 11).
Das ist er! Wie oft kam das Wort Liebe oder etwas ähnliches über seine Lippen!
In der Homilie der Messe zum Beginn seines Petrusdienstes rief er aus: „Weiden heißt lieben, und lieben heißt auch, bereit sein zu leiden. Und lieben heißt: den Schafen das wahrhaft Gute zu geben. [...] Betet für mich, daß ich den Herrn immer mehr lieben lerne. Betet für mich, daß ich seine Herde [...] immer mehr lieben lerne. Betet für mich, daß ich nicht furchtsam vor den Wölfen fliehe.“ „Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht. Es gibt nichts Schöneres, als vom Evangelium, von Christus gefunden zu werden. Es gibt nichts Schöneres, als ihn zu kennen und anderen die Freundschaft mit ihm zu schenken.“
Den Erstkommunionkindern, die er am 15. Oktober auf dem Petersplatz empfing, erklärte er: „Anbeten heißt zu sprechen: ‚Jesus, ich bin dein, und ich folge dir in meinem Leben, ich möchte diese Freundschaft, diese Gemeinschaft mit dir nie verlieren.‘ Ich könnte auch sagen, daß die Anbetung hauptsächlich eine Umarmung mit Jesus ist, wo ich sage: ‚Ich bin dein, und ich bitte dich, sei auch du immer mit mir‘.“
Bei der Eröffnung des Kongresses der Diözese Rom über die Familie betonte er, daß die Berufung der Liebe das ist, was den Menschen zum wahren Ebenbild Gottes macht; er Gott ähnlich wird in dem Maß, in dem er jemand wird, der liebt.
In Bari, zum Abschluß des nationalen eucharistischen Kongresses, erinnerte der Papst daran, daß Augustinus anfänglich Schwierigkeiten damit gehabt hatte, die Perspektive des „eucharistischen Mahles“ zu akzeptieren, daß ihm das als Gott unwürdig erschien: beim normalen Mahl ist der Mensch der Stärkere, weil er es ist, der die Nahrung assimiliert und sie so zu einem Element seiner körperlichen Wirklichkeit werden läßt. Dann aber verstand Augustinus, daß sich die Dinge bei der Eucharistie gerade im umgekehrten Sinne verhalten: die Mitte ist Christus, der uns anzieht, uns eins mit sich macht und uns so auch in die Gemeinschaft der Brüder einfügt… Wir können nicht mit dem Herrn kommunizieren, wenn wir nicht untereinander kommunizieren.

Noli me tangere.
Das Böse und das Leid, vor allem das Leiden der Unschuldigen, aber auch der Haß und die grundlose Grausamkeit vieler Menschen, sind nach wie vor der Grund für Entrüstung, machen die Hoffnung schwierig. Für viele Menschen hat das Leben heute keinen Sinn. Zu wissen, daß die Liebe Gottes zu uns allen, Männern und Frauen, zur ganzen Schöpfung, grenzenlos ist, daß er seinen eigenen Sohn hingegeben hat, um die Welt zu retten, gibt dem Leben einen Sinn.
Das ist er! Ich halte die Enzyklika in den Händen, aber ich habe die Seiten noch nicht aufgeschnitten. Das bisher Gesagte wurde mir von dem treffenden Ausspruch einer Gemeinschaft von unbeschuhten Karmelitinnen eingegeben. Ich werde diese erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. aufmerksam lesen und nicht vergessen, daß man – wie schon in der Erzählung von Saint-Exupery der Fuchs zum Kleinen Prinzen sagte – „nur mit dem Herzen gut sieht. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Diese Wahrheit haben die Menschen vergessen. Du darfst sie nicht vergessen.“
Ich bin zuversichtlich, daß alle Personen, an die das Schreiben gerichtet ist – Bischöfe, Priester, Diakone, Menschen geweihten Lebens wie auch alle getauften Laien –, wenn sie die Worte von Papst Benedikt aufmerksam lesen, das, was der neue Papst zu Beginn seines Petrusdienstes feierlich erklärte, zum Programm ihres Lebens machen werden: „Das eigentliche Regierungsprogramm aber ist, nicht meinen Willen zu tun, nicht meine Ideen durchzusetzen, sondern gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wort und Wille des Herrn zu lauschen und mich von ihm führen zu lassen, damit er selbst die Kirche führe in dieser Stunde unserer Geschichte.“